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Sonntag, 3. Oktober 2010

Vom Government 2.0 Camp zu S21 - Perspektive für ein Camp 2011?

Vor dem Hintergrund des Projektes www.futurechallenges.org hatten wir vor einigen Monaten beschlossen, als Veranstaltungspartner des Government 2.0 Netzwerkes Deutschland aktiv zu werden. Das Ziel der Unterstützung des Camps war es, das Brückenbauen zwischen den Datenexperten und der Verwaltung zu fördern. Diese Brücken haben im Idealfall den Zweck, den Einsatz offener Daten der Verwaltung für die Lösung lokaler und (irgendwann auch) globaler Herausforderungen zu erleichtern. Dies ist aus meiner Sicht aus dem Grund besonders wichtig, da die Recherchen (im Zuge des Projektes "Futurechallenges.org") bezüglich der Forschung zu den Interdependenzen der globalen Megatrends bisher ergeben haben, dass es wenig qualitative und noch weniger quantitative Studienergebnisse zu diesen interdisziplinären Betrachtungen gibt ("Smarter Planet" von IBM wählt dagegen eine sehr datenlastigen Vorgehensweise, um Kontexte überhaupt erstmal zu erkennen).

Einige mediale Entwicklungen im Vorfeld des Gov 2.0 Camps hatten bereits angedeutet, dass die Themen Open Data, Transparenz und Government 2.0 zur Zeit tatsächlich höchst aktuell sind (S21, Atomvertrag, Wikileaks, Apps 4 Berlin). Insofern wurde deutlich, dass die Themenzusammensetzung des Barcamps sehr gut in die öffentliche aktuelle Debatte hinein passen würde. Ein 3. Platz bei dtwitter.de am zweiten Tag des Barcamps sowie die mediale Berichterstattung bei Tagesspiegel, Der Freitag, Handelsblatt, Süddeutsche und Focus bestätigte diese Vermutung dann im Nachhinein.

Welche hauptsächlichen Erkenntnisse lassen sich nun nach dem Camp gewinnen?
  1. Die Aufteilung des Camps in einen eher klassischen Tag mit der Einführung in das Thema und einem zweiten Tag mit einem reinen Camp-Format macht aus meiner Sicht sehr viel Sinn. Der erste Tag dient damit der Vorbereitung der inhaltlichen Diskussionen des zweiten Tages, so dass die "Aufwärmphase" am eigentlichen Barcamp-Tag entfallen kann. 
  2. Die Diskussionen waren sowohl auf dem Camp selbst als auch in den Twitter-Streams von großer Sachlichkeit geprägt. Es wurde sehr viel auf einer gemeinsamen Ebene miteinander gesprochen und es ging nur sehr selten darum, wer letztlich am Ende einer Session "Recht haben" sollte.
  3. Teilweise findet sich nach wie vor eine gewisse Differenz in der Kommunikationsebene zwischen Datenexperten, Anwendern und Entscheidern, ohne dass dies von einer Seite beabsichtigt wäre. So gab es beispielsweise in der Session zu den Colabs von Google zwei wichtige Anmerkungen, die im Kontext der Anwendung der Technik standen, aber von den meist technisch spezialisierten Teilnehmern in der Diskussion nicht weiter aufgenommen wurde. Der scheinbare Widerspruch zwischen Hierarchie und Internet einerseits sowie die Unterscheidung zwischen beruflichen und privaten Rollen in Außendarstellungen von Verwaltungen andererseits sind Implikationen, die von Teilnehmern aus der Verwaltung zu Recht thematisiert worden sind, aber nicht weiter aufgegriffen worden sind.
  4. Erfahrungsgemäß sind die Sessions am Ende der Camps - speziell am Freitag Nachmittag - meist von Ermüdungserscheinungen geprägt. Umso passender war zu diesem Zeitpunkt die Session zum "Human Factor" bei der Einführung von Gov 2.0-Mechanismen, die von Tobias Döppe angeboten wurde. Tobias schlug uns ein kleines Rollenspiel vor, in dem es darum ging, wechselnde Ansichten einzunehmen. Die Sessionteilnehmer hatten bei diesem Rollenspiel sehr viel Spaß und Einsichten. Ich denke, dass dieser Mut zu einer Ergänzung des Camp-Formats bewiesen hat, dass wir auch bei der Open Space-Methode durchaus noch etwas weiter entwickeln können. 
  5. Auf unser eigenes Projekt bezogen müssen uns noch einige Gedanken über die Weiterentwicklung unserer kleinen Daten-App "Stocks and Flows" machen, die perspektivisch ein Bestandteil von www.futurechallenges.org werden wird. Bisher stellen wir mit der App nur die gegenseitigen finanzielle Verbindlichkeiten ausgewählter Staaten dar. Es sind jedoch einige Fragen ungeklärt: Welche weiteren Indikatoren sind denkbar? Welchen Daten kann man vertrauen? Reicht es, die Daten einfach nur statisch ins Netz zu stellen oder sollten diese nicht in gewisser Weise vorab interpretiert oder Kausalitäten erläutert werden?
Eine Frage ist mir jedoch während der 2 Tage nicht aus dem Kopf gegangen: Während wir in Berlin über neue Regierungsformen und die datengestützte Verbesserung von Verwaltungsprozessen gesprochen haben, ist der Streit um S21 am Donnerstag stark eskaliert. S21 ist inzwischen ein Ausdruck dafür, dass tradierte Prozesse der Entscheidungsfindung an ein Ende gelangt sind. Eine Entscheidung, die nach fast 2 Jahrzehnten Gutachtertätigkeit und parlamentarischer Behandlung getroffen wird, kann aus meiner Sicht nicht mehr die Notwendigkeit adressieren, wegen der sie 20 Jahre zuvor initiiert worden ist. 
So wird das Projekt S21 beispielsweise v.a. den Fernreisenden nutzen. Der Fernreiseverkehr der Deutschen Bahn wird aber zu einem sehr großen Teil von Dienstreisenden bestimmt. Aktuell werben Cisco und Britisch Telecom für Telepresence-Systeme, die Dienstreisen aus Kosten- und Umweltgründen in Zukunft ausdrücklich überflüssig machen sollen. Ohne die Gutachten zu S21 zu kennen, gehe ich doch mal davon aus, dass solche aktuellen Entwicklungen bei der Planung der Passagierzahlen nicht berücksichtigt wurden. Dieses eine kleine Beispiel zeigt ganz konkret die Notwendigkeit auf, Elemente von Government 2.0 (vielleicht in Form von Crowd Sourcing?) in die Gesetzgebung mit aufzunehmen.

In diesem Kontext hilft es daher auch nicht, den protestierenden Bürgern ein Recht auf Demonstration abzusprechen oder immer wieder auf die parlamentarische Entscheidung hinzuweisen. Im Gegenteil: diese hilflosen Hinweise sind aus meiner Sicht ein Zeichen dafür, dass wir die Government 2.0-Debatte (unseres Camps in Berlin) dem Bürger gegenüber (in 2011?) transparenter darstellen müssen. Denn das Internet gibt dem Bürger erstmals die Chance, mit der Politik ansatzweise auf Augenhöhe über solche Mammutprojekte zu diskutieren. Woran es bisher mangelt, sind konsensual vereinbarte Regeln und Instrumente, mit denen der Bürger diese Souveränität anwenden kann.