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Montag, 25. Oktober 2010

Verhelfen globale Herausforderungen der Interdisziplinarität endlich zum Durchbruch? - Teil 2

Wir stehen zur Zeit im Projekt futurechallenges.org konkret vor der methodischen Herausforderung, eben diese globale Komplexität einiger Maßen nachvollziehbar und systematisch - allerdings im ersten Schritt nur in Form einer Übersicht - gemeinsam mit wissenschaftlichen Experten in den jeweiligen Feldern - darzustellen (in einem früheren Post war ich speziell auf den Zusammenhang zwischen Demographie und Klimawandel eingegangen).

Worum geht es dabei?

Bereits im Zuge der Projektgenese war recht schnell aufgefallen, dass es zwar ausreichend Forschung zu den einzelnen globalen Megatrends wie (in diesem Fall) - der Globalisierung, neuen Formen der Governance, der Ressourcenknappheit, dem Klimawandel, der internationalen Sicherheitslage und der Demographie bzw. der Migration - gibt; eine Betrachtung der Wechselwirkungen der Megatrends stellt aber bisher eher eine Ausnahme dar. Infolgedessen war es danach das Ziel, diese Interdependenzen mit Experten der jeweiligen Fachbereiche (!) näher zu analysieren. In dem o.g. Fall bedeutete dies aber bspw., den Demographieexperten nach den Schnittstellen zu sämtlichen fünf anderen Megatrends zu fragen. Es ist mehr als verständlich, dass eine Antwort auf eine solche Frage nach den Wechselwirkungen nur unvollständig ausfallen kann. Denn: Um die Schnittstellen darstellen zu können, muss bspw. der Migrationsexerte auch (methodische und/oder inhaltliche) Kenntnisse in Nachhaltigkeitsthemen besitzen, um die Schnittstellen zur Migration überhaupt identifizieren zu können.

An dieser Stelle kommt nun der bereits im Teil 1 des Blogposts erwähnte Vortrag von Prof. Gesang zur Geltung. Gesang unterscheidet in seiner Darstellung Interdisziplinarität nach:
  1. Instrumentalität,
  2. Additivität,
  3. Überblick,
  4. Experimentellem Charakter,
  5. Metaphorik,
  6. Reduktion,
  7. Methode und
  8. Transdisziplinarität.
Gesang betont, dass im ersten Schritt ein disziplinübergreifender Blick auf das Problem geschaffen werden sollte, um dann im zweiten Schritt mit instrumenteller Interdisziplinarität das Wissen und die Instrumente für den Erkenntnisgewinn im Rahmen der eigenen Disziplin nutzen zu können. Andere Disziplinen werden damit aus seiner Sicht positiv instrumentalisiert. Er nennt dies ein "Paradebeispiel gelingender Interdisziplinarität". 

Die Artikel, die die Experten für uns zu den Interdependenzen verfassen, befinden sich zur Zeit in Arbeit (falls es weiter gehende Fragen zu dieser Studie gibt, einfach Kontakt zu mir aufnehmen). Gesangs Systematik finde ich sehr hilfreich, um die Texte dann auch mit der entsprechenden "Brille" analysieren zu können. Wir überlegen zur Zeit noch, wie wir die Texte für das Internet aufbereiten bzw. dem interessierten Leser anbieten sollen. Eine der Überlegungen bestand darin, die oben verlinkte Matrix der Interdependenzen ins Netz zu stellen und dem interessierten Leser ganz im Sinne von Crowd Sourcing die Möglichkeit anzubieten, diese weiter auszufüllen. Eine weitere Variante bestünde darin, die beschriebenen Interdependenzen graphisch darzustellen. Wir befinden uns an dieser Stelle nach wie vor in der Diskussion.

Faktische Wechselwirkungen zwischen verschiedenen globalen Entwicklungen gab es in der Lebensrealität schon immer. Erst im letzten Jahrhundert haben wir mit dem Wunsch nach immer weitergehenderer Expertise der Ausbildung von absolutem Fachwissen Vorschub geleistet. Nunmehr erkennen wir aber, dass wir ohne das Absetzen der fachspezifischen Brille an das Ende des Erkenntnisprozesses gelangt sind. Das Problem: Wir haben in vielen (natürlich nicht allen!) Fachdisziplinen vergessen, dass wir immer noch die fachliche Brille tragen und durch diese auf die Welt blicken. 

Wie sieht die Welt da draußen wohl ohne diese Brille aus?