.

.

Freitag, 22. Oktober 2010

Verhelfen globale Herausforderungen der Interdisziplinarität endlich zum Durchbruch? - Teil 1

Bei der Herbsttagung der Europäischen Akademie Bad-Neuenahr-Ahrweiler zur Interdisziplinarität der Forschung (7.-8.10.2010) gab es einige Vorträge (leider konnte ich den Vorträgen nicht persönlich beiwohnen), die nun zum Abruf im Netz bereit stehen und sehr geeignet sind, grundsätzliche Fragen in der Annäherung an das Thema des globalen Wandels aufzuwerfen. Besonders gut stellen aus meiner persönlichen Sicht Prof. Gernward Gesang von der Universität Mannheim und Prof. Matthias Kaiser von der University of Bergen den theoretischen und praktischen Hintergrund der Notwendigkeit der Interdisziplinarität bei anstehenden globalen Herausforderungen dar.

Bereits in Zeiten des Studiums habe ich oft mit Studenten der VWL und BWL darüber diskutiert, in wie fern eine (Wirtschafts-) Wissenschaft den auf dem Markt agierenden Menschen allein als (ökonomisch) rational begreifen kann. Jeder Marktteilnehmer, so die Auffassung der Studenten unseres interdisziplinären Studienganges der VWL, Politikwissenschaft und Soziologie, ist natürlich neben dem rein ökonomischen Tausch auch Gefangener seiner Rollenverständnisse und -zuschreibungen, der Machtstrukturen des Marktes und der internationalen Umgebung, in deren Fokus der Markt steht. Wie also kann der Marktteilnehmer als rein rational handelnd verstanden werden?

Die geradezu euphorische Diskussion um die Behavioral Economics in den letzten Jahren lässt den Eindruck entstehen, die Wirtschaftswissenschaft hätte den Zusammenhang von ökonomischem Agieren und individuellen Erwägungen erst entdeckt. Warum ist dies ein Problem? Die Finanzkrise war eben nicht nur eine Krise der Technik der Finanzmärkte sondern auch Zeichen des methodischen Versagens eines Teils der Wirtschaftswissenschaft. Das Versagen an dieser Stelle macht deutlich, was geschieht, wenn sich die Methoden eines Wissenschaftszweiges nicht weiter entwickeln. Ganz im Gegenteil ist der ursprünglich vorhandene ganzheitliche Ansatz der Wirtschaftswissenschaft bei Adam Smith und Max Weber im Laufe des 20. Jahrhunderts immer eindimensionaler geworden.

Dies kann uns aber nicht ganz egal sein, da es zukünftig um sehr viel komplexere und weiter reichende globale Probleme als die Finanzkrise gehen wird. Sind die entsprechenden Wissenschaftszweige der Migrationswissenschaft, Demographie, des Klimawandels und anderer globaler Probleme entsprechend interdisziplinärer als die Wirtschaftswissenschaft aufgestellt, um diesen Anforderungen überhaupt gerecht werden zu können?

Matthias Kaiser hat die Notwendigkeit zur Interdisziplinarität in seinem Vortrag am Beispiel des Welternährungsproblems anschaulich im mehreren Schritten (ich habe an einigen Stellen Ergänzungen eingefügt) dargestellt.

  1. Das Bevölkerungswachstum wird die Nachfrage nach Nahrungsmitteln in den nächsten 50 Jahren deutlich ansteigen lassen.
  2. Herausforderungen sind dabei die relativ und absolut steigende Nachfrage nach höherwertigen Nahrungsmitteln, die gleichzeitig aber auch klimaschädlicher sind auf der einen sowie die mit der Klimaveränderung bedrohte Nahrungsmittelproduktion in Folge ungünstigerer Anbaubedingungen auf der anderen Seite.
  3. Eine Steigerung der Anbau- und Nutzflächen ist derzeit kaum vorstellbar. Im Gegenteil lässt die Produktivität der vorhandenen maritimen und Ackerbauflächen in vielen Gegenden bereits wieder nach.
  4. Gleichzeitig wird in den entwickelten Ländern aber Über- und Fehlernährung zu einem wachsenden Problem. D.h. dass die vorhandenen Nahrungsmittelmengen nicht nur falsch verteilt sind sondern auch noch ineffizient genutzt werden, was sich an steigenden Diätenausgaben bemerkbar macht.
  5. Die Vernetzung der Nahrungsmittelmärkte untereinandern bzw. marktübergreifenden Korrelationen (Bio-Ethanol, Maisanbau) verschärfen über den Preismechanismus diese Ungleichgewichte.
  6. Gegenwärtig wollen die Menschen diesem Problem mit selektiv ansetzenden Optionen begegenen: Aquakultur, Vegetarismus, in-vitro-Lebensmittel et al.
  7. Das System - so Kaiser - ist aber faktisch gerade durch Nicht-Linearität, vielfache Gleichgewichte, unbekannte Parameter, Unsicherheit, Vernetzung und geringe Steuerbarkeit geprägt.
  8. Monodisziplinäre Erkenntnisse bringen uns hier nicht weiter.
  9. Vielleicht - so Kaiser - wären heuristische Ansätze der Ausweg bzw. eine Alternative.
Aus meiner Sicht bietet Kaiser damit eine passende Alternative an. Diese erfordert zugleich aber auch Mut und kritisches Hinterfragen. Gerade in einer internetbasierten Welt, in der Daten und die Beobachtung von Zuständen durch die Menge der Internet-User zum Regelfall werden, ist natürlich auch eine steigende Erwartungshaltung dahin gehend zu beobachten, dass Entscheidungen (zu recht) kritischer als früher mit Blick auf relevante Daten hinterfragt werden (siehe #S21). Heuristik sollte daher nicht mit der Kapitulation vor Datenvielfalt (miss-) verstanden werden.

Fortsetzung folgt...