.

.

Freitag, 8. Oktober 2010

Social Media und die traditionelle Vorstellung vom Arbeitsleben

Zur Zeit findet auf der Internet-Seite www.derwesten.de (WAZ-Mediengruppe) in Folge eines Artikels über die Arbeiten von Anke Domscheit-Berg und Wikileaks eine interessante Diskussion statt. Zum größten Teil mit Klarnamen treffen dort Diskutanten aufeinander, die unterschiedliche Auffassungen des Verhältnisses von Lebens- und Arbeitswelt reflektieren. Ausgangspunkt der Debatte ist ein Artikel von David Schraven, seines Zeichens Beisitzer im Vorstand des Netzwerkes Recherche. Ich möchte an dieser Stelle nicht den Artikel kommentieren; dies haben zu einem großen Teil bereits die Forumsteilnehmer geleistet (beispielsweise hier). Mir geht es vielmehr um die implizite Sichtweise auf das Arbeiten in Zeiten des Internets, die mit dem ursprünglichen Artikel einher geht.

Vor einigen Tagen hat Uwe Hauck bereits in seinem Blog in einem Blogpost unter dem Titel "Bin ich Mensch, zwischen 9 und 17 Uhr?" auf die widersprüchliche Trennung zwischen Arbeitsleben und dem "normalen" Leben hingewiesen und die Frage gestellt, welche Art von Mensch man denn im Zuge des Arbeitsalltags sei, wenn erst nach 17 Uhr das "richtige" Leben beginnen würde. Uwe Hauck konzentriert seine Frage auf formale Rahmenbedingungen wie Arbeitszeiten, Flexibilitäten und Arbeitsmodellen.

Ich würde an diese Stelle gern den Punkt der inhaltlichen Übereinstimmung zwischen den privaten und beruflichen Tätigkeiten ergänzen.

Anke Domscheit-Berg wird "Verschleierung" ihrer wahren Tätigkeit als Lobbyistin für Microsoft vorgeworfen, indem sie von ihrem Twitter-Account sowohl private als auch dienstliche Tweets versendet. Es ist schon "unglaublich", dass sich private wie auch dienstliche Ansichten unter einem und demselben Account veröffentlichen lassen. Die Alternative, die Anke Domscheit-Berg hätte wählen können, wären zwei getrennte Accounts (am besten nicht einander zuzuordnen), von der sie dann sich widersprechende dienstliche und private Aussagen hätten verschicken sollen - wie sich das die Kritiker im Forum anscheinend vorstellen. Man stelle sich aber den Aufschrei vor, der ihr eine solche Zweigleisigkeit zum Vorwurf gemacht hätte.

Warum ich diesen einen konkreten Fall so hervorhebe? Weil er symptomatisch für die Herausforderungen ist, mit denen Beschäftigte zu kämpfen haben, die heute schon intensiv in und mit den social media tools arbeiten. Was ist privat, was ist dienstlich? Wann arbeite ich, wann verfolge ich eine Freizeittätigkeit? Wann bin ich für welche Äußerung zu belangen? Wo endet mein berufliches Netzwerk, wo beginnt mein privates Umfeld? Handelt es sich um Arbeits- oder Freizeit, wenn ich über Facebook mit Bekannten chatte, die gleichzeitig einen dienstlichen Kontakt darstellen? Könnte und müsste man all das nahezu buchhalterisch minuten- und inhaltegenau trennen, müsste man sich zu einer gespaltenen Persönlichkeit entwickeln.

Wenn aber die flexiblen Arbeitsmodelle, die Uwe Hauck erwähnt hat, und eine gewisse Konsistenz eigener inhaltlicher Überzeugungen mit der Arbeitstätigkeit zusammentreffen, ergeben sich vollkommen neue Perspektiven für das Thema Balance von Arbeits- und Lebenswelt. Eine solche der Zukunft zugewandte Diskussion wäre eher im Sinne der Beschäftigten.

P.S. Um Intransparenz vorab zu begegnen: Unser Projekt www.futurechallenges.org hat mit dem Government 2.0 Netzwerk Deutschland, in dessen Vorstand Anke Domscheit-Berg vertreten ist, gemeinsam das Government 2.0 Camp 2010 durchgeführt.