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Mittwoch, 20. Oktober 2010

Entwicklungsperspektiven für den Indikatorenbericht des Statistischen Bundesamtes zur Nachhaltigkeit

Ausgangspunkt der Indikatorenberichte des Statistischen Bundesamtes zur Beurteilung der nachhaltigen Entwicklung in Deutschland war die Initiierung einer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung mit dem Titel "Perspektiven für Deutschland" aus dem Jahre 2002. Anhand der vorliegende Indikatoren soll der Erfolg (welcher?) einer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie gemessen und sichtbar gemacht werden. Die auch in der 3. Auflage des Indikatorenberichts unveränderte Indikatorenauswahl wird auf vier Bewertungsfelder aufgeteilt:
  1. Generationengerechtigkeit
  2. Lebensqualität
  3. Sozialer Zusammenhalt
  4. Internationale Verantwortung
Ich habe mir den Bericht mal vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen bei der Initiierung des Demographiemonitors durchgelesen und bin eher zu einem durchwachsenen Urteil gekommen. Positiv zu vermerken ist einerseits natürlich das regelmäßige Screening wichtiger Nachhaltigkeitsindikatoren, das meiner Meinung nach noch stark ausgebaut werden müsste - und langfristig auch reale Grundlage für politische Entscheidungen werden müsste. Hier kommt zugleich die Open Data Thematik ins Spiel, die viele Ansatzpunkte hierfür bieten würde. Andererseits ist eher kritisch anzumerken, dass meist die Einordnung der durch die Indikatoren dargestellten Themenfelder in politische Maßnahmepakete fehlt. Schließlich werden Interdependenzen zwar erwähnt aber nicht in die Analyse mit einbezogen.

Ausgewählte Ergebnisse des aktuellen Indikatorenberichts:
  1. Das Ziel, die Energieproduktivität zwischen 1990 und 2020 zu verdoppeln, wird aller Voraussicht nach nicht erreicht werden. 
  2. Der Energiebedarf hat sich v.a. durch die Industrie, durch eine erhöhte Zahl von Elektrogeräten in Privathaushalten und durch den Flugverkehr erhöht.
  3. Die Energieverbräuche je Tonnen- und Personenkilometer sind zwischen 1999 und 2008 jedoch um bis zu 18% zurückgegangen.
  4. Die geplante Verdopplung der Rohstoffproduktivität zwischen 1994 und 2020 wird nicht erreicht werden. 
  5. Erhöhte Energie- und Rohstoffbedarfe wurden seit Beginn der 1990er dem gegenüber zunehmend durch Importe abgedeckt und damit die damit zusammenhängende Problematik ins Ausland exportiert.
  6. Eine Reduzierung der Emission von Treibhausgasen um 40% zwischen 1990 und 2020 kann noch erreicht werden.
  7. Der Flächenverbrauch für Siedlungs- und Verkehrszwecke soll bis 2020 auf 30 Hektar pro Tag begrenzt werden. Während aber die Zahl der Einwohner Deutschlands zwischen 1992 und 2008 nur um 1,3% zunahm, vergrößerte sich die Siedlungsfläche der privaten Haushalte um über 28%.
  8. Das gesetzte Niveauziel der Erhaltung eines gewissen Artenbestandes bis 2015 wird deutlich verfehlt.
  9. Nach wie vor sind fehlende Schulabschlüsse ein großes Problem unter männlichen und/oder Schülern mit Migrationshintergrund. Fehlende Chancengleichheit für Migranten und männliche Schüler wird zu hohen Folgekosten in der Zukunft führen.
  10. Der Anteil von Frauen im Alter von 25, die in 2008 einen Hochschulabschluss vorweisen konnten, lag 62% höher als der Anteil der Männer im gleichen Alter, die ebenfalls einen Hochschulabschluss aufzuweisen hatten.
  11. Die Erwerbstätigenquote stieg zwischen 1993 und 2009 bei den Erwerbstätigen insgesamt von 65,1% auf 70,9% (Männer 75,6%) und bei den 55-65-Jährigen von 35,7% auf 56,2% (Männer 63,9%).
  12. Der Anteil der Anbaufläche für ökologischen Landbau an der gesamten Anbaufläche hat sich zwischen 1994 und 2008 mehr als verdreifacht und ist auf 5,4% gestiegen.
  13. Der Anteil der Menschen mit deutlichem Übergewicht nimmt beständig zu. Das Risiko von Übergewicht steigt mit niedrigem Einkommen und Übergewicht der eigenen Mutter.
  14. Der Anteil der Kinder in Ganztagsbetreuung bei den 0-2-Jährigen liegt mit 8,7% in 2009 noch weit von dem Ziel 30% in 2010 entfernt. 
    Die Erfahrung aus der Diskussion um unsere 56 Indikatoren des Demographiemonitors und die kritische "Würdigung" des Monitors seitens der Politik lassen eine differenzierte Kommentierung nach der technischen Ebene der Indikatoren sowie der Einordnung der Indikatoren in einen gesellschaftlichen Kontext sinnvoll erscheinen.

    Technische Betrachtung der Indikatoren 
    1. 90% der privaten Ausgaben für Forschung und Entwicklung entfielen 2008 auf die Bereiche des Maschinenbaus, Fahrzeugbau, Elektrotechnik und der Chemie. Ist es wirklich sinnvoll, sich einseitig auf die vordergründig allein produktiven Wirtschaftsbereiche zu konzentrieren. Geht diese Einseitigkeit zufällig mit einem starken Defizit bei Grundsatzabteilungen großer Unternehmen einher?
    2. Die gegenderte Betrachtung der Zahlen funktioniert auch im Nachhaltigkeitsbericht nur in einer Richtung. Wird wie im Falle der Hochschulausbildung ein 62% höherer Frauenanteil genannt, so fragt der Bericht nicht nach, woran dies - neben Ziel- und Ersatzdienstzeiten - liegen könne.
    3. Auch die genderspezifische Sichtweise der Staatsausgaben und Staatseinnahmen wird nicht angesprochen, obgleich dies doch in anderen Ländern schon als bisher nicht bekanntes Umverteilungsproblem angesprochen wurde. 
    4. Wenn in Deutschland der Anteil der Studienanfänger einer Alterskohorte bei 40% und in Australien bei 86% und Schweden 73% liegt, muss dann auch die Frage der internationalen Vergleichbarkeit gestellt werden.
    5. Die Bewertungskriterien und die Zieldefinitionen sind nicht immer transparent. So wird den Männern beim Indikator "Vorzeitige Sterblichkeit" - obgleich diese eine 71% höhere Wahrscheinlichkeit als Frauen im gleichen Alter haben, vorzeitig zu versterben - mit Blick auf die Zielerreichung eine günstigere Situation attestiert als den Frauen. Begründet wird dies mit der Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung. Warum es aber hinnehmbar ist, dass die Todesrate bei Männern auch auf der Ebene der Ziele so deutlich über der Rate der Frauen liegen soll, bleibt ein Rätsel.
    Grundsätzliche Anmerkungen zum Indikatorenbericht 2010
    1. Kann Erfolg von politischen Maßnahmen in einer (mono) kausalen Beziehung nachgewiesen werden? Hinter dem Indikatorenbericht (wie auch ehemals dem Demographiemonitor) steht die Vorstellung, politische Maßnahmen bezüglich ihrer Wirksamkeit messen zu können. Sicher trifft dies für spezielle fokussierte Themenbereiche (Tempolimit und CO2-Emissionen) zu. Hierzu müssten im Bericht aber ergänzend spezielle Maßnahmen-Folgen-Kausalitäten genannt werden. Bei manchen Indikatoren wie beispielsweise der Rohstoffproduktivität kann zudem überhaupt nur sehr eingeschränkt von einer politischen Einflussnahme gesprochen werden. 
    2. Bei manchen Indikatoren - wie der Zunahme der Siedlungsfläche - wird deutlich, dass die Nachhaltigkeitsziele im Zeitverlauf sehr stark veränderten Konsumpräferenzen der Bevölkerung unterliegen. Wie könnte man diesen Anpassungen Rechnung tragen?
    3. Das Indikatorenkonzept basiert insgesamt eher auf einer nationalstaatlichen Vorstellung von politischer Steuerung und volkswirtschaftlicher Produktion. Gegenrechnungen durch eine abgestimmte Import-Export-Betrachtung finden bspw. beim Rohstoffverbrauch teilweise statt, werden aber letztlich aufgrund der globalen Komplexität und monetären Bewertungsmechanismen nicht vollständig gegen gerechnet sondern im vorliegenden Fall nur nach Gewicht bemessen. Wie bemisst sich aber der Flächenverbrauch, der sich durch die Herstellung deutscher Importe vor Ort im Ausland ergibt?
    4. Bei der Betrachtung der durchschnittlichen Bruttoverdienste von Frauen und Männern werden auch im Nachhaltigkeitsbericht wieder Verdienste über Branchen, Arbeitszeitmodelle und Tarifbereiche hinweg verglichen. Ein volkswirtschaftlicher Gender Gap ist jedoch etwas vollkommen anderes als die Frage, ob für gleiche Arbeit unter gleichen Bedingungen bei gleicher Qualifikation gleiche Löhne gezahlt werden. Damit stellt sich die Frage, wie und ab wann Indikatoren an gesellschaftliche oder wissenschaftliche Fortentwicklungen angepasst und aktualisiert werden sollten.
    5. Geschlechtsspezifische Zielsetzungen (Indikator "Vorzeitige Todesfälle") sind häufig schlecht nachvollziehbar. Gerade in diesem konkreten Fall sollte es im Interesse der Politik liegen, die nicht nachvollziehbar höhere Rate bei männlichen Todesfällen nachhaltig der der Frauen anzugleichen und sich mit den gemessenen Unterschieden nicht zufrieden zu geben. 
    6. Manche Indikatoren sind über negative Kausalitäten miteinander verbunden (BIP/Kopf und Adipositas, Staatsdefizit und öffentliche Ausgaben für Forschung und Entwicklung). Es wäre für die Darstellung zielführender, diese Kausalitäten direkt in den Graphiken zu platzieren, um damit unmittelbar ein Bewusstsein für die Interdependenzen zu fördern.
    Am Ende stellt sich somit die Frage, in welcher Weise die dargestellten Daten wirklich für die Politik relevant sind. In welcher Weise finden diese Daten überhaupt Eingang in die politische Planung? Und wenn dies tatsächlich so wäre, müsste die Frage gestellt werden, in welcher Weise Politik letztlich eine Wirkung auf die Indikatorenwerte erzielen könnte.