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Samstag, 2. Oktober 2010

Social Economy und Berater: Kann man zueinander finden?

Eine weitere Session auf dem Global Economic Symposium, die im vorhinein mein besonderes Interesse auf sich zog, sollte sich mit dem Wachstum der Social Economy in Zeiten fiskalischer Krisen - so der Titel - befassen. Allein schon die Session-Folie (s.a. Foto) deutete an, dass sich um eine Diskussion handeln könnte, die sich um Fragen von Gerechtigkeit, Moral und Globalisierungskonflikten drehen könnte.


Dass es im Kern dann allerdings um die Methode der Balanced Scorecard und der sozialen Metriken (hier nur eines von vielen Beispielen) gehen würde, war auf gar keinen Fall im Vorwege zu erahnen (wenngleich ein Blick in die beruflichen Hintergründe Panelteilnehmer vielleicht doch geholfen hätte). Eigentlich hatten alle Teilnehmer der Session in ihren vorab veröffentlichten Papers auf sehr unterschiedliche Aspekte hingewiesen. Auch die Gesamtankündigung der Session handelte davon, wie in Zeiten fiskalischer Krisen die Wohlfahrtsstaaten noch finanzpolitisch und damit überhaupt politisch handlungsfähig seien. Es wurde auf die gesellschaftlichen Konflikte in Griechenland und Island verwiesen, die erst dadurch entstünden seien, dass der Staat nicht mehr handlungsfähig sei. Die These, die daraus abgeleitet wurde, lautete, dass dieses Handlungsvakuum die Institutionen der Social Economy ausfüllen könnten.
Um die Diskussion zu eröffnen, wurden vorab vier Fragen an die Panelisten gestellt:
  1. Wie kann privates Kapital für social investment genutzt werden?
  2. Wie kann der Wirtschaftssektor in der Schaffung sozialer Innovationen unterstützt werden?
  3. Wie können Regierungen mit aufkommensneutralen Maßnahmen die social economy in ihrer Angebotserstellung von Dienstleistungen unterstützen?
  4. Wie können der wissenschaftliche, der NGO- und der Bereich der Zivilgesellschaft in ihrem Wirken in der social economy gestärkt werden?
Nachdem die Fragen auch in der Session nochmals an die Podiumsteilnehmer gestellt wurden, verwies die Beraterfraktion des Podium sehr schnell an die o.g. Methoden, mit deren Hilfe grundsätzlich die Effizienz der social economy gesteigert werden könne. Sehr dezidiert wurde diese Meinung vom derzeitigen Präsidenten und CEO der Boston Consulting Group, Hans-Paul Bürkner, vertreten. Als Argument für den Einsatz dieser in der Beratungsbranche erprobten Verfahren wurden Evaluationsmöglichkeiten, Effizienzsteigerungen und kritisches Feedback der eigenen Tätigkeit zur Steigerung des ROI angeführt. Unterstützung bekam er auf dem Podium für diese Sichtweise von Melisa Kozak von Quest Management. Minou Fuglesang (trotz Recherche habe ich keinen Link zu Frau Fuglesang und auch nicht zu Frau Kozak finden können) von Femina.hip berichtete zwar von ihrem Social Media Projekt in Tansania - eine Einbettung in die Session schien an dieser Stelle aber nicht ganz nachvollziehbar.

Ist es schon in "normalen" Prozessen rein betriebswirtschaftlichen arbeitenden Institutionen bzw. Unternehmen schwierig, einen Kontext zwischen Ursache und Wirkung im Rahmen eines systemischen Prozesses herzustellen, so scheint mir dies im Rahmen der social economy vollkommen unmöglich, einen Zusammenhang zwischen dem Umfang der eingesetzten Ressourcen und dem Umfang des gesellschaftlichen "Impacts" herzustellen, da sowohl die Messung der Wirkung als auch die implizite Annahme über die gesellschaftliche Kausalität zu vielen Unsicherheiten unterliegt. Es scheint eher den Versuch darzustellen, Scheinobjektiven als Grundlage von Entscheidungen in einem eher sozialen Umfeld zu erarbeiten.

Marthe Nyssens von der Katholischen Universität Louvain und Rodney Schwartz als CEO von ClearlySo haben auch demnach aus meiner Sicht folgerichtig gegen diese Reduzierung der social economy auf den ROI und die Steuerungsfragen argumentiert. In diesem Zusammenhang zählte Frau Nyssens eine ganze Reihe von Begrifflichkeiten auf, die das Dilemma deutlich machen, social economy und einen sozialen ROI "messen" zu wollen: Freiwilligensektor, social economy, non-profit-Sektor, non-Profit-Business, soziale Innovationen, soziale Unternehmen. Was ist eigentlich Gegenstand der Messung und der Diskussion?
Sehr nachvollziehbar war dann auch der folgende Hinweis, dass die vielen MBA- und Ökonomie-Studiengänge zwar Absolventen hervor brächten, die dann diese Tätigkeiten "messen" und "bewerten" wollten, ohne jedoch zuvor in den vielen MBA-Studiengängen überhaupt mit der Materie in Kontakt gekommen zu sein. 

Symptomatisch für das Aufeinandertreffen von Beratern und in der social economy tätigen Experten war denn auch die abschließende Debatte zwischen Rodney Schwartz und Hans-Paul Bürkner. Schwartz schlug vor, im Steuersystem nicht nur negative Umweltexternalitäten sondern eben auch negative soziale Externalitäten zu berücksichtigen, da diese eine Entwicklung hin zum nachhaltigen Wirtschaften verhindern. Ich halte diesen Vorschlag für sehr zielführend, da er Wirtschaften als eine Tätigkeit mit einem soziale Impact und im einem sozialen Rahmen stattfindend versteht (und damit die VWL zu ihren Ursprüngen zurückführt). Die Antwort von Seiten der Berater ließ nicht lange auf sich warten: ein solcher Vorschlag sei abzulehnen, da er das Steuersystem überfrachte.

Wie stellte sich nun aber für den Betrachter der Session das Ergebnis dar?

  1. Ich halte es für kritisch, die Tätigkeiten in der social economy von Experten bewerten zu lassen, die zwar Prozessexperten sind, sich aber nicht mit dem Anliegen der im sozialen Bereich tätigen Menschen auch selbst identifizieren können.
  2. Leider wurde kaum - trotz der hervorragenden Moderation von Rodney Schwartz - auf die Ausgangsfragen eingegangen. Dies hat etwas mit informellen Hierarchien im Panel zu tun. Wie könnte man dies durch ein anderes Format verhindern?
  3. Ökonomisches Handeln ist eine soziale Interaktion. Wann werden endlich sozialwissenschaftliche Ausbildungselemente integraler Bestandteil jedes betriebswirtschaftlichen Studiums?