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Donnerstag, 21. Oktober 2010

Dominanz der USA bis zum Ende des 21. Jahrhunderts?

Einen Vorausblick auf die anstehenden nächsten 100 Jahre wagt George Friedman in seiner Publikation "The Next 100 Years - A Forecast for the 21st Century". Er orientiert sich dabei an der Methode der geopolitischen Vorausschau bzw. des Scenario-Building. Im Zentrum der Methode stehen erstens Menschen, die sich zu sozialen Gruppen - größer als eine Familie - verbinden, um daran anschließend Politik zu "kreieren" und eine eigene Identität heraus zu bilden. Zweitens basiert die Methode auf einer Analyse der geopolitischen Rahmenbedingungen dieser Gruppe. Wie ist der Zugang zu Ressourcen? Wie ist die geostrategische Lage der eigenen Gruppe einzuschätzen? Beide Voraussetzungen zusammen genommen ergeben dann die Perspektiven und Beweggründe für Handlungen im internationalen Kontext.
Es ist nicht unbedingt verwunderlich, dass Friedman den USA sowohl gegenwärtig als auch zukünftig als sehr einen sehr einflussreichen internationalen Player darstellt. Den Grund dafür sieht Friedman in den historisch bedingten geostrategischen Zielen der USA (den eigenen Kontinent militärisch dominieren, alle Gefahren für das eigenen Land aus der westlichen Welt heraus halten, die eigenen Küsten zu schützen, die Meere zu dominieren und eine ausreichend starke Marine zu haben), die bereits vor 2 Jahrhunderten für die USA maßgeblich gewesen sind. Zusammen mit den o.g. Grundannahmen geostrategischen Handelns geht er davon aus, dass die USA weit in das 21. Jahrhundert hinein die Möglichkeit haben werden, global als Supermacht aufzutreten. Als gegenwärtige Hauptherausforderung betrachtet er Al Keida (??), deren mittelfristigen Handlungsspielraum er in Folge der regionalen Instabilität aber als nicht gegeben betrachtet. China zieht er als langfristigen Konkurrenten nicht in Anbetracht. Dafür seien, so Friedman, die geostrategische Lage und die intranationalen Interessengegensätze zu desperat. Außerdem führt er die Menge der faulen chinesischen Kredite als einen Grund dafür an, dass das Wachstum dort nicht von Dauer sein wird ("interessante" Sichtweise aus US-Perspektive). Im Verhältnis zu Russland erwartet Friedman für die Zeit um 2030 eine neue Konfliktsituation, vergleichbar dem Verhältnis der beiden Staaten im Kalten Krieg. Der Türkei wird eine wachsende überregionale Bedeutung zukommen. Polen schreibt Friedman ähnliche Potenziale zu; die alternde Bevölkerung Deutschlands wird den "Westdrang" Polens "nicht mehr blockieren" (eventuell sind Friedman die aktuellen demographischen Prognosen mancher Länder nicht geläufig). Im weiteren Verlauf des Buches beschreibt Friedman dann Szenarien, die von Japan, der Türkei und China in wechselnden Konstellationen mit den USA dominiert werden. Am Ende steigt Mexiko zum international problematischen Player auf. Die Beschreibung militärischer Aktionen im Weltraum runden dann das Szenario ab.

Friedman schreibt damit die geopolitische Geschichte des 21. Jahrhunderts mit den Vorstellungen und Methoden des 19. und 20. Jahrhunderts linear fort.

Aus meiner Sicht weist diese Sichtweise drei inhaltliche Fehleinschätzungen auf:

  1. Friedman unterschätzt die Bedeutung und Rolle des Internets sowohl in der Konfliktlösung als auch Konfliktverursachung. Internet und damit Informationsflüsse lassen bereits in den letzten Jahren bei der Bevölkerung in Demokratien (berechtigte) Zweifel an der Sinnhaftigkeit und Effizienz militärischer Konflikte aufkommen. Militärische Konflikte sind umso weniger (in Demokratien) durchsetzbar, desto mehr Informationen die Menschen in den Demokratien zu den Kriegen erreichen. Dies ist positiv zu bewerten, da nur in diesem Fall die Bürger ein eigenes Urteil darüber bilden können, ob sie dieses Engagement unterstützen wollen. Das Internet kann aber, und das haben die aktuellen Virenangriffe im Iran gezeigt, genauso einen Charakter aufweisen, der es als zukünftigen Kanal militärischen Handelns erscheinen lässt. Beide Varianten lässt Friedman als Szenario bestimmend außer acht.
  2. Friedman beantwortet nicht die Frage, wie die höchstverschuldeten USA in Zukunft überhaupt noch im bisherigen Umfang handlungsfähig bleiben können. Wie wollen die USA zukünftig internationales militärisches Handeln finanzieren? Auch den USA kann derselbe Währungsverfall drohen wie Ländern aus Afrika, Asien oder Süd-Amerika. Bei Erreichen eines Tipping-Points wird der Dollar als Währung auf internationaler Ebene in Frage gestellt. Die USA befinden sich gerade mit der Politik des billigen Geldes auf dem Weg zu solch einem Tipping-Point.
  3. Friedmans Sicht basiert auf der Vorstellung einer handlungsleitenden Bedeutung von Nationalstaatlichkeit. Das Internet ist zur Zeit aber dabei, den Menschen einen Einblick in das zukünftige globale Dorf zu ermöglichen. Das Internet lässt die Menschen rund um den Globus (zuletzt bei der Rettung der Mineros in Chile) spüren, dass wir alle - unabhängig von nationalen Grenzen und Religionen - die gleichen menschlichen Grundwerte haben. Wie in jeder sozialen Gruppe kann Autorität nur solange bestehen, solange sie als solche akzeptiert wird. "Rüpelhaftes" Verhalten im internationalen Kontext findet zunehmend weniger Anhänger im globalen Dorf. Die militärische Waffe der Stärke und Dominanz wird im globalen Dorf stumpf.

Wie sähe aber eine Welt in 2050 aus, in der diese interdisziplinär gedachten Wechselwirkungen mitgedacht werden?