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Mittwoch, 8. September 2010

Demographie könnte ab 2020 BIP-Wachstum in Deutschland einbrechen lassen

Die Finanzkrise ist schon aus vielerlei Sicht betrachtet und interpretiert worden. So wurde vom Vertrauensverlust der Autoritäten und von einem Regulierungsproblem gesprochen. Ich möchte an dieser Stelle jedoch auf einen Aspekt eingehen, der für Politik und Wissenschaft aus meiner Sicht und mit Blick auf zukünftige globale Herausforderungen eher von langfristiger Relevanz zu sein scheint: es ist dies die Frage nach der Methodik eines Wissenschaftszweiges. Es wurde in der begleitenden Diskussion viele Male darauf hingewiesen, dass die Volkswirtschaftslehre die Krise nicht vorher gesehen habe. Ich denke, dies wäre duchaus auch vermessen gewesen. Nichtsdestotrotz hätten aber eigentlich rechtzeitig vorher Warnsignale aus dem Forschungsbereich der VWL gesendet werden müssen, die auf eine mögliche Krise hätten hinweisen können. Wenngleich dies auch stellenweise erfolgt ist, gab es doch in Gänze keinen konsensualen Aufruf der VWL-Experten (vergleichbar dem IPCC-Bericht) zum finanzpolitischen Maßhalten. Die VWL scheint ein Methodenproblem zu haben.
Was hat diese Problematik aber mit der Bewältigung oder auch nur Beschreibung des globalen Wandels zu tun?
Mein Kollege Thieß Petersen und ich haben vor 3 Jahren lange Zeit nach einem Wirtschaftsforschungsinstitut in Deutschland gesucht, welches uns ein volkswirtschaftliches Modell zur Korrelation von Demographie und Wirtschaftswachstum erarbeiten sollte. Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass es ein solches Modell nicht gäbe.
Daraufhin sind wir im Ausland auf die Suche gegangen und haben bei Joakim Palme, Bo Malmberg und Thomas Lindh beim Institutet för Framtidsstudier in Stockholm die Antwort auf unseren Frageansatz bekommen. Lindh und Malmberg haben in den letzten Jahren bereits für die EU entsprechende Berechnungen zu diesem Zusammenhang durchgeführt. Ihre Idee ist so einfach wie nachvollziehbar: Ähnlich den Klimaforschern in der Erklärung der Temperaturentwicklung suchen sie nach den gesamtwirtschaftlichen Variablen, die den historischen Verlauf des Wirtschaftswachstums im Nachhinein am besten abbilden können. D.h. Lindh und Malmberg gehen von der Empirie aus und leiten daraus die Eckpunkte eines Modells ab. Dies bedeutet aber eine Änderung des volkswirtschaftlichen Forschungsparadigmas.
Kern ihres Ansatzes ist die Erklärung der Entwicklung von volkswirtschaftlichen Variablen anhand der Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung. Sie teilen die Bevölkerung in 6 Altersgruppen ein, von denen die unterste die Gruppe der Kinder und die beiden obersten die Gruppe der Rentner darstellt. Untersucht werden die Wechselwirkungen zwischen der Veränderung der Alterststruktur auf der einen und die Entwicklungen des Bruttoinlandsproduktes (pro Kopf und gesamtwirtschaftlich), die gesamtwirtschaftliche Sparquote, die gesamtwirtschaftliche Investitionsquote, der Leistungsbilanzsaldo und die Inflationsrate auf der anderen Seite.
Sie kommen in ihrer Studie zu folgenden empirisch relevanten Korrelationen:
a) Ein steigender Anteil von Rentnern (Nicht-Erwerbstätigen) wirkt wachstumshemmend, da diese konsumieren aber nichts produzieren und somit das sinkende Bruttoinlandsprodukt auf eine (vorerst) nahezu unveränderte Zahl von Köpfen verteilt werden muss.
b) Aus dem gleichen Grund wirkt die Alterung der Gesellschaft tendenziell dynamisch auf die Preisentwicklung.
c) Der wachstumsdämpfende Effekt ist dann besonders auffällig, wenn zudem die Gruppe der über 75-Jährigen im Umfang zunimmt. Ab diesem Alter tritt das Entsparen verstärkt auf, so dass auch die Investitionsquote in der Folge sinkt und die Produktivitätsentwicklung an Dynamik verliert.
d) Dem entgegen wirkt die Gruppe der 30-49-Jährigen aufgrund hoher Einkommen, einer hohen Sparquote und eines Überschusses von Produktion gegenüber dem eigenen Konsum besonders expansiv auf die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes.
Spannend wird nun die Kombination dieser Korrelationen mit der demographischen Entwicklung in den nächsten Jahren in Deutschland. Lindh und Malmberg gelangen zu dem Ergebnis, dass wir - c.p.(!) - altersbedingt etwa ab dem Jahre 2020 mit einer dauerhaft negativen Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsproduktes rechnen müssen. Die wachstumsdämpfenden Effekte der Alterung überwiegen dann die expansiven Effekte der mittleren Altersgruppen. Etwa ab dem Jahre 2030 muss Deutschland mit einer gesamtwirtschaftlich negativen Sparquote rechnen; es setzt damit die demographisch bedingte Kapitalvernichtung ein. Spätestens dann werden wir auch volkswirtschaftlichen von unseren Reserven leben. Viel Zeit, uns diese anzulegen, haben wir nicht mehr. Nimmt man die aktuellen öffentliche Verschuldung hinzu, stellt sich die Frage, ob dies überhaupt noch ansatzweise gelingen kann.
Was hat dies nun mit der Ausgangsfrage zu tun? Die öffentliche Finanzplanung basiert in Deutschland nach wie vor auf einem volkswirtschaftlichen Modell, das diese Veränderung der Altersstruktur nicht in der beschriebenen Weise empirisch berücksichtigt.