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Mittwoch, 25. August 2010

Roland Paulsen: “Nicht zu arbeiten, kann moralisch sinnvoll sein”

Auf den ersten Blick war ich skeptisch, als ich diese Überschrift in der schwedischen bürgerlich ausgerichteten Dagens Nyheter entdeckt habe. Liest man nur die Überschrift, so fühlt man sich an deutsche Debatten über ein bedingungsloses Grundeinkommen oder die soziale Grundsicherung erinnert. Dass dem nicht so ist und dass der Gedanke, der hinter der plakativen Überschrift steckt, weit reichender ist, wird bei Lektüre des Textes schnell deutlich.
Der Soziologe Roland Paulsen vom Institut für Soziologie der altehrwürdigen Universität Uppsala teilt in seiner aktuellen Forschungsarbeit mit dem Titel “The society of labor: How labor survived technology” vielmehr fest, dass es in der gegenwärtigen Form der Marktwirtschaft und des darin wirkenden Arbeitsmarktes sinnvoll sein kann, eine Arbeit nicht auszuüben, da sie sich letztlich für die Gesellschaft als problematisch erweisen kann.

Paulsen stellt fest, dass sich die Arbeitsproduktivität in Schweden seit den 30er Jahren verfünffacht hat, ohne dass aber die Arbeitszeit gleichzeitig im nennenswerten Maße abgenommen habe. Seine These ist, dass die so zustande gekommene verfügbare zusätzliche freie Zeit dazu genutzt wurde, überflüssige und sinnfreie Arbeit zu schaffen. Er teilt die Tätigkeiten, die auf dem Arbeitsmarkt angeboten und nachgefragt werden, in 4 Kategorien ein. In der ersten Kategorie finden sich notwendige, (gesellschaftlich) produktive und wichtige Arbeiten wie bspw. Ärzte, Krankenschwestern, Straßenreiniger und Lehrer. Die zweite Kategorie bilden Tätigkeiten, die zwar notwendig sind, die aber gleichzeitig an die Ordnungsprinzipien der gegenwärtigen Gesellschaft gebunden sind und damit Systemdefizite ausgleichen. Darunter finden sich Volkswirte, Juristen, HR-Manager und Buchhalter. In die dritte Kategorie werden von Paulsen Werbetreibende, Immobilienmakler und (selbstironisch) Soziologen verortet, die weder besonders notwendige noch problematische Tätigkeiten ausführen. Die vierte Kategorie bilden schließlich Tätigkeiten, die für die Gesellschaft als Ganzes als problematisch angesehen werden müssen. Hierzu zählen Waffenproduzenten, Daytrader und Tabakproduzenten. In der Summe stellt er fest, dass ausgerechnet bei den Tätigkeiten der Verdienst am höchsten ist, die für die Gesellschaft am wenigsten produktiv, ja eher sogar problematisch sind. Bemerkenswert ist die Feststellung auch gerade vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es sich bei der DN eher um ein bürgerliches Leitmedium handelt.
Warum ist diese Aussage aber bezüglich der Weiterentwicklung der (sozialen) Marktwirtschaft und der globalen Herausforderungen relevant? Der demographische Wandel wird uns schon in den nächsten Jahren in einen Pflegenotstand versetzen. Einerseits fehlen - und die Debatte um den Wehrdienst und Zivieldienst verdeutlicht das Problem der schlechten Bezahlung der gegenwärtig in der Pflege Tätigen - Pflegekräfte, andererseits werden die Kosten des Gesundheits- und Pflegesystems allein schon wegen der umfangreicheren älteren Alterskohorten ansteigen. Der Fachkräftemangel in der Pflege bei gleichzeitig sinkenden Einnahmen der sozialen Pflegeversicherung werden Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft, aber auch die soziale Marktwirtschaft in Zukunft stehen werden.
Die Pflegetätigkeit wird damit eine noch weiter steigende Bedeutung für die Gesellschaft erlangen. Die Anreizmechanismen sind aber eben so gesetzt, dass es monetär betrachtet sinnvoller erscheint, eine Tätigkeit als Autoverkäufer oder Immobilienmakler auszuführen als die Baby-Boomer im Altenheim zu pflegen.

Eine zukünftige soziale Marktwirtschaft müsste damit idealer Weise Kriterien des gesellschaftlichen Nutzens von beruflicher Tätigkeit zum Tragen bringen. Es müsste im Gegensatz zur heutigen Situation die berufliche Ausübung besonders hoch bewertet werden, die einen hohen gesamtgesellschaftlichen Nutzen mit sich bringt. Wie aber können diese auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene angesiedelten Mechanismen auf dem Arbeitsmarkt platziert und als Kriterien zum Wirken gebracht werden?