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Dienstag, 20. Juli 2010

Globale Interdependenzen - Wissen dringend gesucht

Nicht zuletzt auf unserem #fc_org-Workshop in der letzten Woche wie aber auch bei einem Vortrag vor Studenten der Universität Bielefeld an diesem Montag ist wieder deutlich geworden, welch Dynamik die interdependente Betrachtung der globalen Megatrends haben kann und welcher Anreize es bedarf, um sich dieser Sichtweise anzuschließen. Zuvorderst steht aber die Frage, ob es das entsprechende Wissen über die globale Komplexität überhaupt gibt bzw. wie dieses erarbeitet werden kann.

Die Forschungssituation zu den Interdependenzen der globalen Megatrends ist sehr übersichtlich. Es existieren zwar viele Szenerien zu den möglichen Zukünften; diese basieren aber methodisch eher auf Interpretation denn weniger auf empirisch nachgewiesenen Kausalitäten. Dies ist auch verständlich, wenn man den Aufwand betrachtet, der aus einer vollständigen Betrachtung einer Interdependenzmatrix entstehen würde. Einzelne Betrachtungen zu diesen Wechselwirkungen existieren aber dennoch sogar auf quantitativer Basis.

Betrachtet man die Demographie als Megatrend und analysiert die quantifizierbaren Wechselwirkungen mit anderen Megatrends, so veranschaulicht beispielsweise eine Studie des WWF aus dem Jahr 2007 die Bedeutung der wechselseitigen Dynamiken für die Politik und die Gesellschaft in besonderer Weise. Der WWF hat in der Studie Kosten des Klimawandels aus dem Jahre 2007 ausführlich den Zusammenhang zwischen Hitzestress als Folge der Klimaerwärmung auf der einen und einer alternden Gesellschaft auf der anderen Seite dargestellt. Hitze bei gleichzeitig hoher Luftfeuchtigkeit, hohe Ozonwerte, der Hitzestau in Städten und eine mangelnde Versorgung mit klimatisierten Räumen sind bereits im Jahre 2003 entscheidende Faktoren zur Entstehung der großen Zahl an Hitzetoten (30.000 in Europa, davon 7.000 allein in Deutschland) gewesen. Ursachen der Todesfälle waren Flüssigkeitsmangel, Herzkreislaufversagen, Atemwegsprobleme und Hitzschläge. Die in der Studie aufgezeigten Korrelationen von hoher Temperatur und steigender Sterblichkeit sind eindeutig und nachvollziehbar (bspw. S. 31 der Studie). Im Ergebnis kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass sich die Zahl der jährlichen Hitzetoten gegenüber den heute üblichen Zahlen in einem durchschnittlichen Sommer um den Faktor 3,4 vervielfachen wird. Davon, und dies ist die interessante Aussage der Studie entfällt mehr als die Hälfte der Steigerung auf den demographisch bedingten Alterseffekt und damit der gesundheitlich anfälligeren älteren Bevölkerung. In der regional Verteilung ist der Sünden Deutschlands deutlich stärker betroffen als der Norden. Volkswirtschaftliche Kosten, die damit verbunden sind, sind eine Zunahme der Krankenhaustage, die Verringerung der allgemeinen Leistungsfähigkeit und die notwendigen Anpassungen baulicher Art an diese veränderte Klimasituation. Diese Studie stellt in ihrer quantitativen Systematik und der konsequenten Betrachtung der Wechselwirkungen aber eher nicht den Regelfall dar.

Viele andere Wechselwirkungen sind darüber hinaus zwischen Demographie und globalen Megatrends sind außerdem denkbar:
  1. Die unterschiedliche Demographie in den Weltregionen verändert implizit die Machtgefüge und Ausrichtungen der Konsumgütermärkte auf die Präferenzen der Konsumenten. Warum sollte sich das Design und die Funktionalität von Konsumprodukten an schwindenden europäischen oder US-amerikanischen Marktvolumina orientieren?
  2. Die Steigerung der Zahl der Erdbewohner verläuft konträr zur Fläche der produktiven Landwirtschaftsfläche. Gleichzeitig steigt der Umfang der globalen CO2-Fußabdrücke.
  3. Der Bevölkerungsanstieg lässt in etlichen Ländern Afrikas den individuellen Wohlstand erodieren, da das Wachstum des BIP (Achtung CO2-Fußabdruck!) nicht mit dem Bevölkerungswachstum mithält. 
  4. Dies führt wiederum zu einer Verschlechterung der Sicherheitslage vor Ort aber auch in anderen Regionen, da Armut zu gesellschaftlichen Konflikten führt.
  5. Änderungen, die in einem solch dynamischen und globalen Umfeld eigentlich durch die Politik platziert werden müssten, werden gerade in den reformnotwendigen alternden Gesellschaften immer unwahrscheinlicher. Diese mangelnde Reformbereitschaft verschärft die Krise in ohnehin schon älteren Gesellschaften.
  6. Die demographischen Ungleichgewichte, Armut und gesellschaftliche Probleme erhöhen den Migrationsdruck, der seinerseits in den aufnehmenden Ländern zu Problemen führen kann.
  7. Die Verstädterung und höhere Bevölkerungsdichte fördert potenziell die Ausbreitung von Epidemien.
Diese Interdependenzen sind eigentlich offensichtlich, werden aber momentan durch die politischen und auch wirtschaftlichen Entscheider anscheinend noch nicht im umfangreichen Maße antizipiert. Daraus ist keinesfalls ein Vorwurf zu machen, gibt es doch eben kaum wissenschaftlich umfangreiche Forschung zu diesen komplexen Wechselwirkungen.

Geht man nun aber bspw. von 8 Megatrends aus, ergibt sich eine Matrix mit potenziell 56 Wechselwirkungen. An dieser Stelle habe ich jetzt gerade einmal 8 einseitige Kausalitäten kursorisch erwähnt. 

Wie kann sich die Menschheit nun aber Wissen über diese 56 auszufüllenden Matrixzellen aneignen? Und in welcher Weise können Wirtschaft, Politik und NGOs dieses dann vorhandene Wissen zur Basis ihrer Entscheidungen machen?