.

.

Donnerstag, 8. Juli 2010

Die Zukunft einer interdependenten Welt

Am 7. Juli 2010 wurde in Berlin der neue State of the Future Report 2010 des Millennium Projektes der UN vorgestellt.

Interview mit Cornelia Daheim, "German node" des Millennium Projects


Der Bericht beschreibt im Kern eine Entwicklung, die häufig in den alltäglichen Nachrichten über den Öl-Unfall im Golf von Mexico, den Übertragungen von der Fußball WM 2010, den Berichten von den Demonstrationen in Teheran und von Umweltkatastrophen weltweit impllizit mitschwingt, aber bisher nicht offen angesprochen wird; es ist dies der Hinweis auf die Tatsache, dass die globalen Entwicklungen immer umfänglicher, komplexer und dynamischer verlaufen. Dies scheint auf den ersten Blick etwas sehr offensichtlich. Auf den zweiten Blick steht dahinter jedoch die Erkenntnis, dass die Globalität zwar historisch betrachtet schon immer existent war, diese Globalität aber aufgrund der weltweiten Vernetzung eine Dynamik erreicht hat, die zu einer neuen Qualität der globalen Interdependenz führt.

Der Bericht verweist vorab auf die Entwicklungen in einzelnen globalen Megatrends. So wird auf das Bevölkerungswachstum hingewiesen, dass dazu führen wird, dass wir in 2050 mit ca. 9 Mrd. Bewohnern weltweit zu rechnen haben. Sinkende Fruchtbarkeitsraten und steigende Lebenserwartungen weltweit wird dann aber bis 2100 dazu führen, dass das bisher in Deutschland und einigen Nachbarstaaten zu beobachtende Problem der gesellschaftlichen Alterung und individuellen Wohlstandsminderung dann weltweit zu beobachten sein wird.
Erneut wird auch auf den Klimawandel hingewiesen, der zur Zeit dynamischer verläuft als es noch der IPCC-Bericht erwartet hatte. Kipppunkte der Klimaentwicklung können, so die Aussage, diese Dramatik zukünftig noch verstärken.

Der Ressourcen- (und Wasser-) verbrauch entwickelt sich im Moment ungebremst, so dass die damit implizierten Konflikte zunehmen werden. Ob die Lösung in einem grünen Wachstum zu finden ist, steht weltweit gegenwärtig zur Diskussion, da die Antwort auf diese Frage nicht einheitlich ist. Unabhängig davon ist die deutliche Reduzierung der besonders starken Armut inzwischen ein realistisches Ziel.

Die mit dem steigenden Wohlstand einher gehenden Probleme beziehen sich aber nicht nur auf den Ressourcenverbrauch sondern auch mit den indirekten Begleiterscheinungen. So stellt nach Auffassung der Autoren hier insbesondere die klimaschädliche Haltung der Tiere und der giftige Elektroschrott ein ungelösten Problem dar.

Der Report wird an dem Punkt aus europäischer Sicht etwas kritisch, an dem relativ uneingeschränkt auf die Möglichkeit künstlich hergestellten Lebens hingewiesen wird. Es wird zwar auf die moralisch damit einher gehenden Aspekte hingewiesen; insgesamt wird aber künstliches Leben eher als Chance denn als Risiko betrachtet. Diese Sichtweise wird sicher in Europa kein vergleichbar positives Echo finden.

Das Thema der methodisch immer wieder umstrittenen Debatte über die Umsetzung der Maxime des gleichen Lohns für gleichen Arbeit wird auch aufgegriffen. Es wird allerdings, und dies ist nicht ganz nachvollziehbar, darauf verwiesen, dass Frauen weltweit nur 25% des Gesamtlohns erhalten, zugleich aber 70% der Gesamtkonsumausgaben kontrollieren. Was will uns das sagen?

Seine Stärke zieht der Bericht aus meiner Sicht speziell aus dem Hinweis auf Implikationen einer solch vernetzten Welt auf die politischen und wissenschaftlichen Entscheidungsmechanismen.
Der Bericht stellt ganz richtig fest, dass es einer globalen Strategie zur Bewältigung dieser zukünftig wirksameren Herausforderungen bedarf. Gegenwärtige System und Personen im Zuge einer solchen Entscheidungs- und Strategiefindung sind aber zur zeit noch zu uninformiert, sie handeln zu segregiert und zu langsam. Die Herausforderungen treffen auf System und Akteure, die auf diese nicht vorbereitet sind. Statt dessen müssten wir aber, so die Autoren, Informationen über die aktuelle Ausgangslage und die Trends erhalten.

Es wird empfohlen, ein globales Informationssystem aufzubauen, um die Folgen der Trends besser abschätzen zu können und das Wissen zur Bewältigung dieser Herausforderungen zu sammeln. Daran anschließend bedarf es des Aufbaus einer internationalen Koordinierungsstruktur, um zu übergeordneten Entscheidungen zu gelangen und diese national aufeinander abzustimmen.

Eine zentrale Bedeutung erhält in diesem Soll-Szenario das Internet. Durch dieses können eben Informationen am besten zusammen getragen und Erfahrungen ausgetauscht werden werden (s.a. “Digitale Lösungen für analoge Probleme” ab S. 92). Ein Stück weit erleben wir durch das Internet die Anfänge der Selbstorganisation einer kollektiven Intelligenz. Und dies, so die Autoren in ihrem Fazit, ermöglicht erst den Hinweis auf ein trotz der negativen Indikatoren insgesamt positives Zukunftsszenario. Dem ist nichts hinzuzufügen.