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Donnerstag, 24. Juli 2014

Ist Hochsommer eine "Mordsgaudi" oder sollten wir besser nachdenken?

Eine Mordsgaudi oder eventuell auch einfach tödlich?

Bis zum Jahre 2050 ist mit einem Anstieg der jährlichen globalen Hitzetoten infolge des Klimawandels um über 250% im Vergleich zum Jahre 2000 zu rechnen. Mit jedem Grad, das über dem Wert, bei dem die Zahl der durch die Temperatur ums Leben Gekommenen ein Minimum erreicht (bezogen auf London liegt dieser Wert bei 20 Grad), liegt, steigt die Mortalität der Bevölkerung um 2%.

"Hochsommer in Deutschland: Mordshitze, Mordsdurst, Mordsgaudi" titelte SPON am Wochenende und ich frage mich langsam, ob die Hitze vielleicht (negative) Auswirkungen auf den "Qualitätsjournalismus" hat. So heißt es im Teasertext des Artikels "So fühlt sich der Hochsommer an: Temperaturen bis zu 37 Grad, blauer Himmel, kaum ein Lüftchen - und das pünktlich zum Wochenende". Ich frage ich: Gehts noch? Bei 37 Grad steigt die Zahl der klimabedingten Todesfälle um ca. 40%.

Foto: Ole Wintermann

Leben wir in der schon damals von BK Kohl so genannten Freizeitgesellschaft, die angesichts solcher tropischen Temperaturen und hohen Luftfeuchtigkeiten nichts anderes mehr macht als zu Grillen und am Badesee, Schwimmbad oder Strand zu liegen? Begleitet werden diese Urteile in schöner Regelmäßigkeit von einem bekannten Wetter-Ansager (dem Ben) im ÖR, der "37 Grad" in kindlicher Aufgeregheit ausspricht und sich dabei die Hände so intensiv reibt als wenn ihm dabei noch kalt sei.

Verblöden wir so langsam? Was sagt die Hälfte der Bevölkerung, die bei solchen Temperaturen arbeiten muss, über diesen scheinbaren Temperaturfetischismus der anderen Hälfte der Bevölkerung - so jedenfalls der mediale verursachte Eindruck - die diesen Temperaturen in den Bädern des Landes Tag für Tag bewältigt? Was sagen die 25% der Bevölkerung, die älter als 60 Jahre sind und diesen Hitzestress noch weitaus stärker wahrnehmen?

"Qualitätsmedien" melden sich aus Klimadebatte ab?

Was ist aus dem Journalismus geworden, der zur Jahrtausendwende regelmäßig über die fehlgeschlagenen Klimakonferenzen berichtete, der einem "Umweltminister" Röttgen kritische Fragen nach der fehlende Verantwortlichkeit machthungriger politischer Entscheider stellte, der den virtuellen Heiligenschein eines Barack Obama das erste Mal in Frage stellte, als auch Obame deutlich machte, dass für ihn in der globalen Klimapolitik "America first" gelte? Was ist aus dem Journalismus, der sich über die verzerrte Berichterstattung in den US-Medien mokierte und inzwischen zusehen muss, wie die US-Institutionen dabei sind, nach den Erfahrungen der letzten Jahren mit Trocken- und Hitzeperioden Boden gut zu machen und die Erfahrbarkeit der Klimaerwärmung in beeindruckend einfacher Weise den Bürgern näher bringen? Auch anderen ausländischen Medien bleibt es inzwischen überlassen darauf hinzuweisen, dass solch große Hitze der Wirtschaft und der Arbeitsproduktivität schadet, dass Depressionen befördert werden, dass die Mordraten ansteigen und dass solche Hitzewellen Tausende Tote nach sich ziehen. So wird gern auf den Hitzesommer 2003 hingewiesen, der in Europa 70.000 Hitzetote mich sich gebracht hat. Wären diese Toten die Folge von AIDS oder einer Wintergrippe, so würde sich schnell ein medialer Aufschrei erheben. Diese gewaltige Zahl an Hitzetoten, die im Übrigen zur Hälfte der besonders alten Bevölkerung in Europa geschuldet war, scheint hingegen schnell vergessen.

Klimawandel = Kulturwandel?

Sekundäreffekte des Klimawandels werden nicht einmal ansatzweise im Mainstream debattiert. Welche Auswirkungen hat die Temperaturerhöhung beispielsweise auf die regionale und nationale Kultur? In den Ländern, in denen schon jetzt die Temperaturanstiege deutscher zu verspüren sind - und dies sind nicht etwa die immer wieder genannten sich entwickelnden Ländern sondern die nördlichen Polarregionen in Skandinavien, Sibirien und Kanada - ist der Wandel der regionalen Kulturen, die seit Menschengedenken auf dem Umgang der Menschen mit der Kälte basierte, schon deutlicher vorangeschritten als in Deutschland, so dass der Faktor der Klimaveränderung bereits Eingang gefunden hat in gesellschaftliche Diskurse.

Aber auch in Deutschland wird irgendwann die Frage gestellt werden müssen - Stichwort Bürokultur - , ob es im Sommer eigentlich noch mit gesundem Menschenverstand zu erklären ist, dass männliche Angestellte bei 37 Grad mit dunklen Anzügen durch die Gegend rennen (weil dies in der alten Weltordnung anscheinend Wichtigkeit ausstrahlte) und ob es im Winter noch angemessen ist, die Weihnachtszeit mit Schnee in Verbindung zu bringen obgleich dieser zu dieser Jahreszeit eher ungewöhnlich zu werden scheint. Wie verändert eine Kultur (Märchen, Weihnachtslieder) ihr Selbstverständnis, wenn "Schnee", "Kälte", "Dunkle kalte Wälder" und "Schlitten" nicht mehr zur Alltagserfahrung der Kinder zählen? Wie gehen die Menschen damit um, dass nicht nur die Jahreszeiten nicht mehr eindeutig zuzuordnen sind, sich zudem die Temperaturen innerhalb ein und derselben Jahreszeit so verändern als wenn es sich um Jahreszeitenwechsel handelte und selbst die Temperaturen zwischen Tag und Nacht nicht mehr eindeutig zuzuordnen und zu unterscheiden sind? Was bedeutet diese körperliche und psychische Beanspruchung für die menschliche Gesundheit?

Wie gehen wir zukünftig mit Hitze um?

Während für Tiere über Lösungen gegen den Hitzestress nachgedacht wird, wird gleiches beim Menschen und seine "Behausungen" nicht angedacht oder hat zumindest bisher nicht Eingang in den Mainstream gefunden (bezogen auf Deutschland). Büro sind zwar zunehmend klimatisiert; private Häuser oder Wohnungen, die klimatisiert sind, sind mir bisher hierzulande jedoch noch nicht begegnet, obgleich sich dort der Lebensmittelpunkt befindet. Sind Kälber am Ende relevanter für die Gesellschaft als Senioren, die still leidend in ihren überhitzten Wohnungen die Tage verbringen müssen?

Was geschieht mit den Bausubstanzen dieser Häuser und Wohnungen infolge der beständig ansteigenden Luftfeuchtigkeiten? Wie müssen Häuser gebaut sein, die regelmäßig einen Wechsel zwischen den hohen Temperaturen in den zunehmend feuchten Sommern und den nach wie vor niedrigen Temperaturen im Winter aushalten müssen? War es vor 20 Jahren noch unvorstellbar, das die Klimaanlage zur Serienausstattung von deutschen Autos gehört, so ist es heute Standard. Wird dasselbe bei der Ausstattung von Häusern eintreten? Wie wirkt sich die Temperaturerhöhung und die steigende Luftfeuchtigkeit auf die gesamte Infrastruktur aus? Schweden, das von der Klimaveränderung mehr betroffen ist als Deutschland, hat all diese Fragen bereits 2007 in einem öffentlichen Kurs thematisiert.

Es ist ja nicht so, als wenn es nicht auch hierzulande bereits interessante und auch für die Allgemeinheit verständliche (interdisziplinäre) Gutachten zur alltagsrelevanten Abschätzung der Klimaerwärmung gegeben hätte. So gab es - ebenfalls - im Jahre 2007 eine vom Kieler IfW im Auftrag des WWF erarbeitete großartige Studie zu den politikfeldübergreifenden Auswirkungen des Klimawandels, die aber leider nicht den Eingang in den Mainstream gefunden hatte. Negative Wirkungen für das Gesundheitswesen (und die Gesundheit) und für die Wirtschaft, der Anstieg der Zahl der Hitzetoten insbesondere in Süddeutschland und die Verstärkung dieser Effekte durch die Alterung der Gesellschaft waren die Hauptergebnisse der Studie.

Etwas mehr Nachdenken, etwas weniger Hitzefetischismus

Es sollte nicht darum gehen, von der Lethargie des Hitzefetischismus übergangslos in eine Panik zu verfallen; es sollte nur einfach langsam die Zeit reif dafür sein, dass wir darüber nachdenken, wie wir uns pragmatisch auf diese anstehenden Veränderungen einstellen wollen. Und nein; häufigere Freibad-Besuche sind keine ausschließliche Option. Vielleicht ist es einfach nur an der Zeit, über diesen medial getriebenen und unkritischen Hitzefetischismus nachzudenken.

Samstag, 5. Juli 2014

Tesla? Westaflex!

Foto: Ole Wintermann


OWL = Pumpernickel?

Pumpernickel, Bier, Wurst, Wald, Landwirtschaft, SC Paderborn 07 und das Gegenteil von rheinischer "Fröhlichkeit" sind die Attribute und Produkte, die man normalerweise mit Ostwestfalen-Lippe (OWL) in Verbindung bringt. Daran ist eigentlich nichts auszusetzen, da meiner persönlichen Meinung nach all diese Punkte positiv besetzt sind. Kann man aber auch das Stichwort "Digitalisierung" in einen Kontext mit OWL bringen? Man muss so ehrlich sein und gestehen, dass dies gegenwärtig nach außen hin noch nicht unbedingt der Fall ist - und dies ist nicht gerechtfertigt und muss sich ändern.

Foto: Ole Wintermann
Paderborn hat mehr zu bieten als eine Niederlassung von Fujitsu (als Nachfolgerin Siemens-Nixdorf). 1.500 Studierende der Informatik an der Uni Paderborn machen das Potenzial an Fachkräften in diesem Zukunftsfeld deutlich. Eine eigene "FH des Mittelstands" deutet an, dass die Bedeutung der KMU in dieser Region nicht unterschätzt werden sollte. Weltweit agierende Unternehmen wie Dr. Oetker, Bertelsmann, Miele, Nobilia und Claas ergänzen das Bild einer Region, in der es sich gut leben lässt und in der es den Menschen glücklicher Weise recht gut geht. Eine Arbeitslosenquote zwischen 5% und 6%, einen der Landkreise mit dem geringsten Durchschnittsalter der Bevölkerung bundesweit (LK Gütersloh) und eine überdurchschnittliche Zahl von Geburten je Frau komplettieren das Bild einer Region, der es ziemlich gut.

Aber kann OWL auch Digitalisierung?

Durch die breite Basis von gut wirtschaftenden KMUs gibt es meiner Meinung nach auch viele Gelegenheiten für die Unternehmenslenker der Region, über den Tellerrand zu blicken und sich Gedanken über Innovationen und digitale Trends der Zukunft zu machen. Ein sehr erwähnenswertes Beispiel für diese Potenziale ist das Unternehmen "Westaflex", das auf die Produktion von Röhren spezialisiert ist und in Gütersloh angesiedelt ist.

Röhren und Digitalisierung?? Wie passt das zusammen?

Man wird stutzig, wenn man auf Facebook auf den "Fan Club Westaflex" stößt. Es soll einen Fan Club für einen Röhrenhersteller geben? Und dann sind doch tatsächlich 32.000 Menschen Mitglied dieses Clubs?

Aber wenn man sich mit dem Inhaber und Chef des Unternehmens, Jan Westerbarkey, unterhält, bekommt man schnell eine Ahnung davon, was Wirtschaft 4.0 faktisch bedeutet und welch weitreichende Implikationen die Digitalisierung der Wirtschaft haben wird.


Digitalisierung ernst genommen und nicht nur als marketinglastiges Bullshit Bingo begriffen, wird "Innovationsfähigkeit", "Zukunftsorientierung", "Wettbewerbsfähigkeit" vollkommen neu definieren. Unternehmer und Manager, die immer noch meinen, tief in die Unternehmen hineinregieren zu müssen, weil nur sie den Überblick hätten, werden zukünftig diejenigen Akteure sein, die der Fähigkeit von Unternehmen zur Digitalisierung und damit den Unternehmen selbst im Wege stehen. Wer seine Arbeitnehmer nicht ganzheitlich als Menschen mit vielen Kompetenzen sieht, verschenkt in einer Weise Ressourcen, die sich Unternehmen in Zukunft nicht mehr leisten können werden. Das Konzept "Generation Y" ist eben doch keine exklusive Frage der Akademiker sondern betrifft - in positiver Weise - alle Erwerbstätigen unabhängig von ihrem formalen Bildungshintergrund.

Dass die ganze Welt jetzt auf die Ankündigung der Firma Tesla reagiert, die eigenen Patente freizugeben, ist nur eine Folge der Tatsache, dass "Westerflex" nicht ganz so bekannt ist. Würde man weniger opportun ins Silicon Valley und mehr nach OWL schauen, würde man sich wundern, dass auch Westaflex keine Patente mehr anmeldet, weil damit nach Meinung des Firmeninhabers Jan Westerbarkey "Open Code Donations der Community zurückgegeben werden und Transparenz dem Standort D hilft". Gibt man im Google Play Store "Westaflex" ein, so erscheint zur Zeit die unglaubliche Zahl von 23 Apps, die der eigenen Unternehmenssteuerung sowie der Steuerung von Systemen dienen.

#OWLdigital als Austauschplattform

Solche Geschichten sowie die vielen anderen Menschen und Geschichten dieses ersten Treffens, die ich hier nicht alle aufführen kann, sind es, die es nur folgerichtig erscheinen lassen, eine virtuelle und reale Austauschplattform für das Thema "Digitalisierung in OWL" in Form von #OWLdigital zu schaffen. Durch Gespräche auf die Innovatoren vor Ort in OWL aufmerksam zu werden und sich gegenseitig bei der Umsetzung digitaler Strategien in den eigenen Unternehmen oder Arbeitsplätzen zu helfen; das sind die Ziele unserer zukünftigen geplanten Treffen.

Foto: Ole Wintermann
Nachdem sich @GunnarBender, @Westerbarkey, @ThorstenIsing, @Nowanda1, @Lee_und_Luv und ich dann auf diese Ziele verständigt hatten, haben wir über unsere FB-Gruppe am 3.7. zum ersten Offline-Treffen eingeladen. Ca. 35 Teilnehmer waren gekommen und haben uns gezeigt, dass eine solche Plattform in OWL Sinn machen könnte. Sich dort als Privatpersonen auszutauschen, von vornherein nicht in das "Sie" und die Frage von "Zuständigkeiten" (statt Kompetenzen) zu verfallen und Offenheit gegenüber scheinbar schrägen Ideen sind die impliziten Spielregeln unserer Treffen, die grundsätzlich für Jeden offen stehen (Anmeldung bitte jeweils über unsere FB-Gruppe).

Neben Jan Westerbarkey habe ich die Gelegenheit auch genutzt, weitere Teilnehmer nach einem kurzem Statement dahingehend zu fragen, woran sie denken, wenn sie "Digitalisierung" und "OWL" in einem Kontext sehen.

@imo: Digitalisierung und OWL


@probefahrer: Digitalisierung und OWL


@thorstenising: Digitalisierung und OWL


Ich freue mich auf das nächste Treffen mit diesen Menschen und ihren spannenden Ideen.

Foto: Ole Wintermann



Sonntag, 22. Juni 2014

"No Hate Speech" und freie Meinungsäußerung: Ein schwieriges Verhältnis

Zensur? Nicht bei uns.

Dass jede Einschränkung der Freiheit im Netz, der Netzneutralität oder des Zugangs zum Netz der erste Schritt hin zur Zensur sein kann, haben die Aktivisten, die frühzeitig im Zuge der Zensursula-Debatte auf diese Problematik hingewiesen haben, bereits damals zu kommunizieren versucht. Allein: Die Abstraktheit der Warnung vor Zensur verhinderte schon damals einen Eingang der Zensur-Warnung in die Mainstream-Medien und damit einen Übergang des Bewusstseins für die potenzielle Zensurgefahr in die (ver) öffentlich(t)e Debatte.

Foto: Ole Wintermann
Aktuell unternimmt das russische Innenministerium einen nächsten Schritt in die politisch motivierte Regulierung (Beschränkung) des Netzes. Das Ministerium hat verschiedene Maßnahmen angekündigt, mit denen die große Bandbreite "ideologisch" motivierter Verbrechen von Hate-Crime bis bewaffneten Umstürzen, die durch das Netz befördert werden könnten, eingedämmt werden sollen. "Extremistische" Ideologien und Informationen im Netz, die aus friedlichen Protesten gewaltsame Aufstände machen könnten, sollen aus dem Netz verbannt werden. Systematisches Monitoring, die Erstellung von Blacklists, die Initiierung von "Gegen-Propaganda" in den sozialen Medien sowie die "Schulung" von Schülern und Studenten zum Erkennen von Extremismen sind die vom Ministerium vorgeschlagenen Maßnahmen. Der oben verlinkte Artikel verweist zudem auf einen Report der US-Regierung, in dem das Netz ebenfalls als Hort von Extremismus und Gewalt bezeichnet wird.

Nun könnte man sich zurücklehnen und darauf verweisen, dass es sich bei Russland mitnichten um eine lupenreine Demokratie handelt und diese Art der indirekten oder präventiven Zensur im Westen nicht bestünde. Neueste Gerüchte, Russlands Geheim-Propaganda sei Schuld an der schlechten öffentlichen Meinung über das Fracking (mündige Bürger können sich anscheinend keine eigene Meinung zum Verseuchen des Grundwasser mit Hilfe von Chemikalien bilden), werden durch die Traditionsmedien gern aufgegriffen und multipliziert, so dass sich das Bild verfestigt, wir würden zu den "Guten" gehören.

Es muss aber gar nicht auf die US-Regierung oder die autokratische russischen Regierung geschaut werden. Auch die EU und ihre Mitgliedsstaaten erfüllen vielfach nicht einmal die grundsätzlichen Voraussetzungen des freien Zugang zu Information, da Gesetze zum vorgeblichen Schutz gegen Hate Speech gleichzeitig den Zugang zu Information beeinträchtigen und die Freiheit der Meinungsäußerung beträchtlich einschränken.

Die Unterscheidung von autoritären Systemen und Demokratien ist nicht immer klar erkennbar

So betonen "Reporter ohne Grenzen" in ihrer jährlichen Berichterstattung über den weltweiten Stand der Pressefreiheit:

“In dictatorships, news providers and their families are exposed to ruthless reprisals, while in democracies news providers have to cope with the media’s economic crises and conflicts of interest. While their situation is not always comparable, we should pay tribute to all those who resist pressure whether it is aggressively focused or diffuse.”


In den Demokratien wird die Freiheit der Meinungsäußerung dabei v.a. durch Gesetze zur Hate Speech beeinträchtigt. Dabei ist natürlich stets zu bedenken, ein angemessenes Gleichgewicht zwischen dem Schutz vor Hate Speech auf der einen Seite und Freiheit der Meinungsäußerung auf der anderen Seite zu finden. Nicht zuletzt die Definition von Hate Speech selbst lässt teilweise viele Fragen offen, wenngleich das dahinter stehende Ansinnen nachvollziehbar und unterstützenswert ist.
So steht es in Polen bspw. unter Strafe, die religiösen Gefühle anderer zu verletzen (ebenso wie in Pakistan). Gleichzeitig ist es aber nicht so, dass etwa auch die impliziten negativen Auswirkungen der Religion auf den Lebensalltag anderer (Eheschließung gleichgeschlechtlicher Personen) unter Strafe stünden. Das Fernsehen in Polen darf nicht die religiösen Gefühle vor allem der christlichen Mitbürger verletzten. UK und Schweden stellen negative Äußerungen über die sexuelle Orientierung von Mitbürgern unter Strafe.

Die Plattform IndexCensorship.org stellt daher auch fest:

"Hate speech legislation, particularly at European Union level, and the way this legislation is interpreted, must take into account freedom of expression in order to avoid disproportionate criminalisation of unpopular or offensive viewpoints or impede the study and debate of matters of historical importance."


Bisher ist mir kein Vorschlag bekannt, der es zustande gebracht hätte, die Hate Speech Definition in eine alltagstaugliche Form zu bringen, die dieses Dilemma des teilweisen Widerspruchs von zwei (Schutz-) Rechten in Einklang miteinander brächte:

"Hate Speech covers all forms of expression which spread, incite, promote or justify racial hatred, xenophobia, anti-Semitism or other forms of hatred based on intolerance, including: intolerance expressed by aggressive nationalism and ethnocentrism, discrimination and hostility against minorities, migrants and people of immigrant origin."

Diese Definition kling eindeutig; aber kann von Hate Speech gesprochen werden, wenn:
  • deutsche Fans den Fans anderer Nationen im Stadion ein "Sieg" entgegen werfen (aggressiver Nationalismus)?
  • in der hiesigen Presse immer wieder darüber lamentiert wird, dass gewisse Spieler mit Migrationshintergrund die Nationalhymne nicht mitsingen? (Ethnozentrismus dieser Medien)
  • die sich in der Minderheit befindenden Jungen auf Gymnasien keine Möglichkeit bekommen, ihre Vorstellungen von Unterrichtsinhalten umzusetzen? (Diskriminierung gegen Minderheiten)
  • Eltern von Kindern an Schulen systematisch nach den nationalen Hintergründen aus Gründen der Statistik gefragt werden? (Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund)
Je nach eigener politischer Einstellung fallen die Antworten auf die kursorischen Beispiele entweder zustimmend oder ablehnend aus. Dieser Relativismus und die Frage der Deutungshoheit von "Hate" ist problematisch, wenn es um das Bemühen geht, Hate Speech zu begegnen und Menschen zu schützen, ohne die Freiheit der Meinungsäußerung einzuschränken.

Die Bookmarks-Publikation der No-Hate-Speech Bewegung äußert sich dazu wie folgt:

"The approach taken in these pages also agrees with the idea that ‘something must be done’ about anything which falls under that definition. However, it is important to remember that ‘doing something’ does not have to mean restricting speech, or banning it: there are many other ways we can respond!"

Wie diese Antwort jedoch aussehen könnte, habe ich an dieser Stelle nicht nachlesen können, da ich dazu in der Publikation nichts gefunden habe (vielleicht habe ich schlecht gesucht). Es wäre jedoch gut, eine Idee davon zu bekommen, wie Hate Speech unabhängig von eigenen politischen Einstellungen und persönlicher Sozialisation definiert, verstanden und mit Blick auf die Garantie der Meinungsfreiheit unzweideutig umgesetzt werden könnte. Ansonsten bestünde die Gefahr der willkürlichen Verwendung des Begriffs zum Zwecke der politischen Einschüchterung.

So sollte zum Beispiel gefragt werden, warum Hate Speech eigentlich nur bei Verwendung gegenüber bestimmten Gruppen angewendet werden sollte? Warum ist Hate Speech nicht auf jeder persönlichen Ebene und in jeder sozialen Situation zu verurteilen? "Hass" kann es gegenüber jedem Menschen geben. Ist die Mitgliedschaft in irgendeiner als mehrheitlich definierten sozialen Gruppe eine Rechtfertigung dafür, mit Hass ohne Konsequenz belegt zu werden? 

Warum bloß sollte Hass relativiert werden dürfen?

Der European Council on Tolerance and Reconciliation (der aus alten weissen Männern und Frauen besteht) hat sich in den letzten Jahren mit ebendieser Frage befasst; wie Toleranz und Schutz gegenüber Hate Speech in Gesetzesform - vorbehaltlich der nationalen Regelungen - gegossen werden könnten. Leider setzt sich das Ergebnis - das Model National Statute for the Promotion of Tolerance - aber nicht zum Ziel, Hate Speech insgesamt zu begegnen, sondern dies bspw. auf die Bereich des Fremdenhasses, des Antisemitismus, der Homophonie und des Anti-Feminismus zu beschränken.

Die Aufzählung macht das Dilemma der Umsetzung von Hate Speech Kategorien in die Gesetzgebung deutlich. Während die erstgenannten Gründe (und weitere hier nicht aufgeführte) historisch und mit dem millionenfachen Mord an Menschen nachvollziehbar begründet sind, scheint die pauschalierte Definition von "Anti-Feminismus" als Hate Speech dem Zeitgeist geschuldet zu sein. Auch in der Endfassung, die dem EP zur Abstimmung vorgelegt werden soll, ist dieser Passus nach wie vor enthalten. Wieso soll aber das Werben für männliche Beschneidung weiterhin erlaubt sein während es für die weibliche Beschneidung verboten werden soll? Wieso sollen hier Kinder unterschiedlichen Geschlechts im unterschiedlichen Maße geschützt werden? Ist der Schutz von Jungen weniger wichtig?

Interessant ist des Weiteren, dass hiermit die Kritik einer Ideologie verboten werden soll, während die anderen genannten Beispiele richtiger Weise stets Gewalt gegenüber Menschen verhindern sollen. Diese Relativierung in Kombination mit der Einschränkung der Meinungsfreiheit ist kritisch zu sehen. Folgt als Nächstes das Verbot der Kritik des Liberalismus, des Kapitalismus, der Globalisierung? Wie kann es in einer Demokratie verboten sein, eine Ideologie zu hinterfragen?

Ist es keine Hate Speech, wenn eine feministische Kommentatorin, die sich Antje Schrupp nennt, in einem Kommentar im Zuge einer feministischen Debatte wie folgt gegenüber Jungen äußert:

"Ihr habt doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Jungen werden in dieser Gesellschaft nicht benachteiligt, das sind immer noch die Mädchen! Dass Jungs schlechtere Noten bekommen – da sind sie selbst schuld."

Ähnliche Äußerungen von Anatol Stefanowitsch und vergleichbare Meinungen von VertreterInnen der Gruppe, die durch diese EU-Gesetzgebung vor Hate Speech geschützt werden sollen, lassen Zweifel aufkommen, dass die Einschränkung der Meinungsfreiheit zum Schutz einer Ideologie auf Dauer für die Menschen legitim erscheinen wird - wenn nicht alle Menschen gleichermaßen vor Hate Speech geschützt werden würden.

Wie gehen wir miteinander um?

Wohlgemerkt geht es nicht um die Minderung des Schutzes von Personen, die eine bestimmte politische Meinung vertreten sondern um die Ausweitung des Schutzes auf jeden Menschen, der sich politisch (nicht-extremistisch) äußert. Sollte im Fokus der Debatte nicht vielmehr die Frage stehen, wie Menschen unterschiedlicher Position miteinander umgehen? Respekt, Toleranz, Offenheit, Empathie, Wertschätzung sollten jeden Umgang von allen Menschen miteinander prägen. Findet in den sozialen Medien Hate Speech gegen Menschen statt, sollte jede/r eigenverantwortlich einschreiten. Dazu bedarf es keines Gesetzes. 

Warum sollte die Wertschätzung von älteren weissen Männern weniger wichtig sein als die Wertschätzung von älteren weissen Frauen? Gibt es in den Augen der Apologeten des selektiven Schutzes von Gruppen Menschen, die weniger schätzenswert, am Ende gar weniger "wert" sind?

Wenn wir in den westlichen Demokratien meinen, einen selektiven Schutz von Menschen das Wort reden zu müssen, heben wir uns in keiner Weise von den kritisierten russischen Maßnahmen zur stärkeren Zensur des Netzes ab. Es kann keine relativierende Demokratie geben. 

Sonntag, 15. Juni 2014

UK-Szenarien etikettieren Arme, Aktivisten, Kapitalismus-Kritiker und Muslime als potenzielle Terroristen

Während die Große Koalition noch damit beschäftigt ist, das Füllhorn der guten Gaben an ältere Mütter und in die besondere Form der Frühverrentung zu "investieren", denken andere Regierungen in größeren Kategorien und weiteren Horizonten - nutzen dies allerdings auch zu Überlegungen, die hierzulande zum Glück auch noch nicht einmal angedacht worden sind. Die Debatten um diese ersten politischen Vorhaben der #GroKo könnten den Eindruck erwecken, wir würden noch in den seligen Jahren der Deutschland AG und den Modellen der kleinen geschlossenen Volkswirtschaften verharren. Vielleicht leben einigen dieser Entscheider noch in diesen Gedankenwelten - das ist jetzt nicht allzu freundlich ausgedrückt. Es bleibt mir aber nichts anderes als Sarkasmus übrig, wenn man den Blick über den deutschen Tellerrand wirft.

Die UK/US-Geheimdienste und die mit diesen verbundene Forschungsinstitute beschäftigen sich mit komplexen und interdisziplinären Szenarien, deren Ergebnisse vielleicht mal eines kritischen Blickes würdig wären, da deren undemokratischen Potenzial beträchtlich erscheint und die Mütterrente geradezu provinziell erscheinen lässt.

Der Journalist Nafeez Ahmed schreibt regelmäßig im Guardian über diese interdisziplinären Sichtweisen auf internationale Politik und beschäftigt sich auch in seinem aktuellen Artikel unter der Überschrift "Defence officials prepare to fight the poor, activists and minorities" mit den Szenarien, die ein Forschungsverbund in UK entwickelt hat, um die Regierung entsprechend zu beraten. Dabei geht es darum, die Komplexität, die sich aus den Wechselwirkungen verschiedener Megatrends wie Pandemien, Demografie oder die Verknappung natürlicher Ressourcen geht, den politischen Entscheiden näher zu bringen. Wenn man sich diese Einschätzung allerdings näher anschaut, ist es vielleicht sogar noch besser, dass wir nur über Mütterrenten diskutieren....

Das Bemerkenswerte an seinem Artikel ist die Aufzählung des Who-is-Who der britischen Politik und Wissenschaft im Kontext der Beratungsinhalte und ihrer politischen Aussagen. Diese Aufzählung ist seiner Aussage nach deshalb so relevant, weil die Entscheider-Elite sich auf Basis entsprechender Notstandsgesetze und den ausgearbeiteten Szenarien eine zukünftige Handlungsoption aufbaut, die ihrem Charakter nach nicht mehr demokratischer Kontrolle unterliegt sondern vielmehr den Interessen und den Logiken eines industriell-militärischen Komplexes gehorcht.

Die Rechtfertigung für undemokratische und drastische Maßnahmen wird begründet mit den erwarteten sozialen Unruhen und den Kämpfen um die knappen Ressourcen. Insbesondere, so der Bericht, die muslimischen Regionen in Afrika stellten aufgrund des "Youth Bulges" eine beständige Gefahr dar.

In diesem Kontext verweist er auf sinngleiche Texte von US-Instituten, die die US-Regierung beraten und die Politik zu ähnlichen Maßnahmen im Interesse des industriell-militärischen Komplexes zwängen. Diese Texte entblödeten sich auch nicht, als Beispiel einer extremistischen gefährlichen Ideologie den Marxismus (sic!) zu nennen.

Nafeez Ahmed arbeitet in seinem längeren Text sehr schön die Neusprech-Ideologie heraus. in dem er Textstellen zitiert, die darauf hindeuten, jede Denkrichtung, die dem Kapitalismus kritisch gegenüber steht, als extremistisch und gefährlich zu verurteilen. Es ist dieser absolute Anspruch der gesellschaftlichen Deutungshoheit, die die Szenarien so gefährlich und am Ende undemokratisch erscheinen lassen. Muslime, Aktivisten, Arme, Immigranten, Ausländern würden, so Ahmed, pauschal als potenzielle Terroristen etikettiert. Es ist die Ideologie des zwanghaften Konsens, die jeden als Gegner sieht, der nicht das bestehende System in all seinen Facetten unterstützt.

Er schließt am Ende: "The underlying assumption is that the present system is the most advanced ever possible for humanity, and thus must be protected in its current structure at all cost."

Gibt es den Begriff der "wohlmeinenden Diktatur" eigentlich im Englischen? Es wäre höchste Zeit dafür.

Donnerstag, 5. Juni 2014

1 Jahr #Snowden-Enthüllungen: Auf dem Weg in die #PostDemokratie?

Der Jahrestag der ersten Enthüllungen von Snowden ist ein willkommener Anlass, sich den Umfang der Enthüllungen vor Augen zu führen. Eine Übersicht der bisher im SPIEGEL und dem GUARDIAN geleakten Informationen über den Überwachungswahn der NSA gibt ansatzweise einen Eindruck von dem Allmachtsfantasieanspruch des Geheimdienstes wieder.

Die NSA überwacht (in unterschiedlichen Kontexten und Umfängen):
  • Mobilfunkkomunikation (Inhalte, Geo, Meta),
  • Land-zu-Land Satelliten Kommunikation,
  • europäische, afrikanische und israelische Politiker,
  • Repräsentanten von UNICEF,
  • europäische Mobilfunkunternehmen,
  • Computer mit Hilfe von Radiowellen,
  • 200 Millionen Textnachrichten pro Tag,
  • die deutschen Bundeskanzler zumindest seit 2002,
  • überwacht und speichert Video-Konversationen aus Yahoo Chats,
  • jedes Telefonat auf den Bahama,
  • die Aktivitäten von NGOs bis hin zur UN,
  • die Kommunikation sogar von Jugendlichen in der Online-Kommunikation in bekannten Spielen wie WoW,
  • italienische Telefonate und Botschaften,
  • norwegische Telefonate,
  • spanische Telefonate,
  • das Buchungsverhalten von Regierungsstellen in 350 Hotels weltweit, um im Fall der Übernachtung Überwachungs-Tools zu platzieren,
  • von der Berliner US-Botschaft das deutsche Regierungsviertel,
  • weltweit 35 Spitzenpolitiker,
  • französische Diplomaten in den USA,
Darüber hinaus ist bisher bekannt geworden: Die NSA ist...
  • ist in Google- und Yahoo-Datencenter eingebrochen,
  • investiert 100derte von Mio. Dollar in die Entschlüsselung von verschlüsselter Kommunikation,
  • vermischt militärische und Wirtschaftsspionage,
  • verwanzt Gebäude der EU in den USA,
  • bricht in die interne Kommunikation des Senders Al Jazeera ein,
  • sammelt Hunderttausende von Telefonbüchern aus den bekannten Online-Diensten,
  • spionierte die Mailbox des mexikanischen Präsidenten aus,
  • spionierte G8 und G20-Treffen in Kanada aus,
  • sammelt täglich 5 Mrd. Geodaten, die im Zusammenhang mit der Nutzung von Smartphones generiert werden,
  • arbeitet seit 1954 mit dem norwegischen Geheimdienst zusammen,
  • hält die Ergebnisse der Überwachung von Deutschland bis 2086 unter Verschluss, da bei Freilegung mit besonders negativen diplomatischen Folgen zu rechnen sei,
  • hat seit 2007 1 Mrd. Dollar in die Überwachung von Smartphones investiert,
  • manipuliert die sozialen Medien und nutzt Honig-Fallen zur Kompromittierung von Zielpersonen,
  • hat die Partner auf der UN-Klimakonferenz ausspioniert, um sich einen Verhandlungsvorteil zu sichern,
  • identifiziert Ziele von tödlichen Drohnen-Attacken allein anhand von Geo- und Meta-Daten
  • beobachtet die Besucher der Internet-Seite Wikileaks,
  • arbeitet gemeinsam mit der FISA Gerichtsbarkeit zur Erleichterung von Überwachungsaktionen,
  • nutzt ihre Basen in Oman zum Anzapfen der Unterseekabel,
  • fängt an Mails angehängte Fotos zwecks Nutzung für die Gesichtserkennung ab,
  • besitzt die Fähigkeit, Daten von Blackberry Telefonen samt PIN, Mailadressen und Facebook-Aktivitäten abzufangen,
  • arbeitet gemeinsam mit Microsoft am Einbau von Backdoors in deren Produkte,
  • besitzt mit XKeyScore ein Tool zur Überwachung „nahezu jeder Aktivität, die ein Nutzer im Internet unternimmt“,
  • fängt Cisco-Router beim Export ab, um die Hardware mit Überwachungs-Tools auszustatten,
  • nutzt gemeinsam mit dem GCHQ die sozialen Medien gezielt, um Falschinformationen zu streuen,
  • hat Zugang zum Quell-Code der Geräte der chinesischen Firma Huawei,
  • infiziert systematisch auf internationaler Ebene Millionen fremder PCs mit Malware,
  • nutzt Google Tracking Cookies, um Ziele zu identifizieren.
Bereits in der Mittelstufe habe ich im Geschichtsunterricht beigebracht bekommen, dass spätestens nach der Französischen Revolution (Island lassen wir mal außen vor) und der dadurch eingeführten Gewaltenteilung in Demokratien (theoretisch) alle Macht vom Volke ausgeht.

Angesichts der Überwachungshybris und des Generalverdachts, unter dem Millionen von Menschen weltweit stehen, dürfte angebracht sein, den heutigen Schülern eher etwas über #PostDemokratie zu erzählen.

Dass dieses Interesse nicht besteht, sondern man eher darauf bedacht ist, die Debatte auf Google und Co. zu lenken, wirft ein schlechtes Licht auf das heutige Verhältnis zwischen (demokratischem) Staat und seinem Bürger.

Freitag, 30. Mai 2014

"Digitale Trends" by @kpcb: Viel "Mobil" und "China", wenig "Europa"

Die Berater-Firma "Kleiner Perkins Caufield & Byers" hat vor einigen Tagen einen ihrer wie so häufig informationsdichten Foliensätze bei Slideshare online gestellt. In diesem Fall ging es um den Stand der globalen Digitalisierung, die gegenwärtig erkennbaren Trends und sich daraus ergebende Frage nach zukünftigen digitalen Geschäftsfeldern.

Zukunftstrends: Mobile Digitalisierung und digitale Mobilisierung?
Aus europäischer Sicht ist die Analyse niederschmetternd. Wenn man sich die vergeblichen Bemühungen der Bundesregierung, aus der bisherigen deutschen analogen Agenda eine digitale Agenda zu machen, sowie die globalen digitalen Kräfteverhältnisse anschaut, so bleibt wenig Raum für die Hoffnung, dass sich im weltweiten Spiel der digitalen Kräfte mittelfristig auch nur ansatzweise die Chance für ein europäisches Internet-Unternehmen auf dem Weltmarkt ergeben könnte.

Anbei habe ich einige der wichtigsten Punkte dieses 164-Folien-Konvoluts zusammengefasst:
  • Der Anteil der Netznutzung, die über mobile Endgeräte stattfindet, ist mit 16% aller Nutzungen in Europa im weltweiten Vergleich am geringsten.
  • 6% der Weltbevölkerung nutzen Tablets; damit liegt dieser Wert nur noch knapp unter den 10% der Weltbevölkerung, die Desktop PCs nutzen.
  • Der weltweite Markt der netzbasierten Werbung wächst seit Jahren um jährlich 15%; der Anteil der Werbung auf mobilen Devices nimmt beständig zu.
  • Der Umfang des Venture Kapitals, das US Firmen zur Verfügung steht, liegt gegenwärtig immer noch 77% unter dem Niveau des Boom-Jahres 2000.
  • Digitalisierung und Bildung: Der Bildungsmarkt wird zunehmend personalisiert und von Zertifikaten unabhängig; die Logik des personalisierten Bildungsangebotes folgt derselben der Logik des App-Marktes mit seinen stark sinkenden Stückkosten bei eine steigenden Zahl von Nachfragern.
  • Digitalisierung und Gesundheitswesen: Steigende Kosten im Gesundheitswesen könnten zunehmend durch Apps zur eigenen Gesundheitssteuerung sowie Vorsorge und Digitalisierung von Prozessen aufgefangen werden (Consumerization of Healthcare). 
  • Der App-Trend geht in Richtung monofunktionaler Apps sowie unsichtbarer Apps, die erst dann in Aktion treten, wenn sie in einem vorab definierten Kontext relevant werden (Foursquare)
  • Apps mit einem nicht funktionalen menschorientierten U.I. werden zukünftig keine Chance mehr am Markt haben.
  • Der nächste anstehende Trend im Online-Shopping ist das taggleiche Anliefern der Ware und damit der Ausgleich einer der letzten Wettbewerbsnachteile gegenüber den örtlichen Händlern.
  • Dieser Trend verbindet sich mit dem Trend zum virtuellen Geld.
  • Gegenwärtig ist zu beobachten, wie die Trennung zwischen Produzenten, Konsumenten und Community zusehends aufgehoben wird. Die Konsumenten-Community wird immer mehr zur Produzenten- und Dienstleistungs-Community.
  • Damit wird aber Teilen und Kommunizieren immer stärker zum Tool, um globalen komplexen Herausforderungen zu begegnen. Dies geschieht u.a. durch das Auffinden und Deuten von Mustern innerhalb von Big Data.
  • Der Einzelne wird zum Datenproduzenten und Datenlieferanten, ohne dass bisher der Konflikt zwischen der Datenerzeugung/verwertung und der persönlichen Datensouveränität gelöst wäre.
  • Kennzeichen cloudbasierter StartUps: Neue Wege der Datengenerierung und temporären Datenspeicherung zu kombinieren mit einer erhöhten Geschwindigkeit beim Ausführen tradierter Prozesse (Anm.: Hört sich simpel an? Wieso machen es dann traditionelle Groß-Unternehmen nicht ganz einfach).
  • 34% des digitalen Datenstroms könnten für Analysen sinnvoll sein, nur 7% sind getaggt, nur 1% dienen aktuell diesen Analysen.
  • Aber: Die Kosten der Analyse von Daten haben sich in den letzten Jahren - bezogen auf eine Analyse des menschlichen Genoms - um den Faktor 100.000 reduziert.
  • Daten, die für die Analyse geeignet sein könnten, entstammen aus Health Wearables, House Monitoring, Mediennutzungsverhalten, App-Nutzungsverhalten sowie Datenübertragung und Cloud-Nutzung.
  • In stark gealterten Gesellschaften wie Deutschland oder Italien verbringen die Menschen tendenziell weniger Zeit vor Bildschirmen; wenn sie dies tun, nutzen sie relativ stärker als jüngere Gesellschaften den Fernseher.
  • Apps ersetzen zukünftig TV-Sender in der Führung der Nutzer durch ein Programm.
  • Zusätzlich erhalten TV-Sender Konkurrenz von Live-Übertragungen von Video-Spielen.
  • Die Änderung der Sehgewohnheiten findet v.a. in den Gesellschaften statt, die deutlich stärker von jüngeren Menschen geprägt sind.
  • China und Indien sind gerade dabei, ihre jahrhundertlang gehaltene Spitzenposition beim Anteil ihres GDP am globalen GDP wieder zurückzuerobern.
  • China holt mit seinen eigenen Internet-Firmen allein aufgrund der Größe des Heimatmarktes gegenüber den US-Firmen deutlich auf; Europa findet quasi nicht statt.
Das Bemerkenswerte und aus meiner Sicht wenig schmeichelhafte für die US-Berater ist die strikte und einseitige Ausrichtung der Analyse auf die Präferenzen der US-Nutzer. Ausländische Firmen sowie ausländische Märkte finden in keiner Weise statt. Es wird so getan, als wenn die gesamte Weltbevölkerung sich so verhalte wie der Durchschnitts-US-Bürger. Dies ist umso erstaunlicher als dass 79% der User, die die Seiten der großen US-Internetfirmen regelmäßig besuchen, Nicht-US-Bürger sind.

In einer globalisierten und vernetzten Welt sollte interkulturelles Management eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Das Unverständnis, mit dem US-Internetfirmen lange Zeit auf die europäische Datenschutzdebatte geschaut haben, zeigt den großen Lernbedarf von US-Analysten und -Entscheidern in diesem Punkt. Datenschutz wird bei dieser umfangreichen Foliensammlung von 164 Folien gerade mal auf einer einzigen Folie angesprochen.

PS: Man sollte von einer bekannten Berater-Firma eigentlich auch professionell gemachte Folien erwarten dürfen. Es scheint aber so zu sein, und die NSA-Folien haben diesen Nebenaspekt auch schon deutlich werden lassen, dass die Gestaltung von Folien nicht die Stärke von Angestellten in einem Land ist, aus dem PowerPoint stammt.

Sonntag, 25. Mai 2014

Daimler vs. Google: Nie waren PS und Länge so überflüssig wie heute

Sind Daimler & Co. das neue Minolta?

Wird es die deutsche Auto-Industrie in 10 Jahren noch geben? Schaut man sich verschiedene ehemalige große Player in einer Industrie-Bereich kurz vor der Digitalisierung an - Minolta, Kodak, Agfa - so muss diese Frage gestellt werden dürfen, ob nicht die tradierte Auto-Industrie vor denselben Entwicklungen steht. Werden die PS-verliebten Ingenieure fähig sein zu begreifen, dass die Menschen - wie auch in der PC-Industrie in den letzten Jahren zu beobachten - immer weniger die Hardware interessiert sondern vielmehr die Funktionalität der Software in den Vordergrund rückt? Was aber könnte die Software im Falle des Autos sein?

Erst Minolta. Demnächst traditionelle Auto-Hersteller?
Foto: Ole Wintermann, CC BY
Vor Jahren hatte ich die Gelegenheit, Lawrence Lessig in Stockholm bei einer Konferenz hören zu können. Die Firma Cisco hatte zu einem Event eingeladen. Lessig schilderte in bemerkenswerter Weise die Fehler der Content-Industrie bei der Anpassung an das digitale Zeitalter. Eine Bemerkung, die sich auf Innovationsfähigkeiten von tradierten Industriesektoren bezog, ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es sei immer der Übertritt einer Industrie in einen anderen eigentlich "fremden" Industriebereich, der innovative Brüche hervorbringe. Diese Beobachtung, die wahrscheinlich originär nicht Lessig zugeschrieben werden kann, muss zur der Frage nach der Zukunftsfähigkeit der deutschen Auto-Industrie führen. Wenn man sich gerade die informelle politisch-wirtschaftliche Koalition und ihre Abwehrschlacht gegen Google anschaut, bekommt man eine Ahnung, welches Argument die Auto-Vertreter schon bald gegen Google ins Feld führen werden - den "Schutz" gegen Datensammeln.

"Wirtschaftswoche": Indikatoren erfolgreicher Digitalisierung?

Dass die Auto-Industrie nicht allein vor der Herausforderung steht zu verstehen, was Digitalisierung für sie bedeutet, zeigt eine aktuelle Studie zum digitalen Darwinismus. "Wer mitschwimmt, kann weit kommen, wer sich sträubt oder in die Gegenrichtung möchte, läuft Gefahr, unterzugehen" heißt es dazu in der aktuellen Wirtschaftswoche. Virtuelles Geld, die Steuerung der Heizung per Algorithmus, neue appbasierte Fahrdienste in Berlin sind Folgen der Digitalisierung, auf die tradierte Unternehmen bisher sehr schlecht vorbereitet sind.

Wenngleich ich den in der Wirtschaftswoche vorgestellten digitalen Index für unvollständig halte, da er nur oberflächliche Indikatoren der Digitalsierung erfasst, ohne nach der nachhaltigen Auswirkung auf Prozesse zu fragen, gibt es doch in der Summe des Berichts einige Punkte, anhand derer Erfolg oder Misserfolg tradierter Unternehmen in Zukunft prognostiziert werden kann.

Die aufgeführten Beispiele zeigen, dass es ein bedeutende Rolle spielt ob,
  • die Unternehmensführung selbst digitale Medien im Alltag nutzt und damit ein Verständnis für digitale Logiken aufbringt,
  • die Brücke zwischen IT-Spezialisten und anderen Fachexperten geschlagen werden kann,
  • die digitale Infrastruktur intergriert genutzt wird oder aber fälschlicher Weise nur als zusätzliches Tool begriffen wird,
  • die Unternehmen ihre potenziellen Kunden als Menschen oder nur als Umsatzbringer sehen,
Als absoluter Nachzügler wurde in der Studie auch die digital basierte Aktivität der Bundesregierung dargestellt. Zu Recht. Während inzwischen selbst in Autokratien wie dem Iran Politiker Twitter und Facebook nutzen, um ihre Meinung kundzutun, schafft es die Bundesregierung noch nicht einmal, über die Funktion eines Regierungssprechers hinaus mit den Menschen in Kontakt zu treten.

Grau melierte Führungskräfte vs. engagierte Nerds

Am Ende zeigt aber auch diese Studie, dass damit nicht weit genug gedacht wurde. Digitalisierung erschöpft sich doch gerade nicht im Facebook-Auftritt, der Twitter-Erreichbarkeit oder der Möglichkeit, Produkte auch online zu bestellen. Google zeigt mit den Experimenten zum selbstfahrenden Auto mal wieder sehr schön, was eine integrierte Nutzung von Big Data für einen Auto-Hersteller bedeuten könnte: "Es geht nicht darum, ein Auto zu bauen sondern einen intelligenten Roboter". Nicht mehr der Hubraum und die Länge (sic!) des Autos ist entscheidend für die Nutzung sondern die Erzeugung und Verwertung von Daten. Und nein, Herr Zetsche, es geht nicht um PR, die man von Google lernen kann. Umgekehrt gefragt: Sind die deutschen Auto-Hersteller bisher als Datenexperten aufgefallen? Sind sie bisher jemals durch eine smarte Darstellung der wenigen Medien-Potenziale im Cockpit aufgefallen? Statt das Auto revolutionär neu zu denken, fallen ihnen nur diskretionäre Änderungen wie automatisierte Einparkhilfen ein. Das erinnert doch stark an die Bemühungen von Nokia, das Handy dadurch neu zu erfinden, dass es eine vollständige Tastatur bekam. Wir wissen, wie jämmerlich Nokia damit gescheitert ist.

Absolut sympthomatisch sind die beiden Firmen-Videos von Google und Daimler über ihre jeweiligen selbstfahrenden Autos, die so unglaublich viel über die unterschiedliche Kultur der beiden Firmen - hier das traditionelle Industrie-Unternehmen, dort der gerade erwachsen gewordene Internet-Konzern.

Im Daimler-Video präsentiert eine in die Jahre gekommene seriöse grau melierte Führungskraft das Ergebnis ihres "Teams", auf die Führungskraft so stolz ist. Als Auto dient, so explizit auch verbal hervorgehoben, ein S 500. Das Auto fährt die "historische" Route der Bertha Benz. Die Bilder sind optisch absolut hochqualitativ, das Ganze wird mit orchestrierter Musik erhaben unterlegt. Insgesamt dauer das Video geschlagene 5 Minuten und wird von viel Marketing-Sprech begleitet. Man merkt dem Video an, dass es der Selbstdarstellung von irgendwelchen Führungskräften dient und Eitelkeiten bedienen muss.

Im Google-Video berichtet irgendeine Testfahrerin mit dem Namen Prescilla von den Erfahrungen des Teams mit dem Google Auto. Der Auto-Typ wird nicht näher benannt und sieht nach einem durchschnittlichen japanischen Stadt-Auto aus. Die gezeigte Route liegt irgendwo in Mountain View. Die Qualität des Schnitts und der Bilder hätte jeder zweitbeste Amatuer-Filmer mit iMovie erreichen können. Musik gibt es nicht. Die Bilder sind geprägt von abstrakten Pixel-Graphiken. Insgesamt dauert das Video, das weder einen besonderen Einspieler noch einen Abspann hat, noch nicht einmal 2 Minuten und konzentriert sich auf das Wesentliche und nicht auf eitle Selbstdarstellung.

Das Daimler-Video hat 43.000 Klicks, das Google Video hat 1.300.000 Klicks erhalten. Liebe Leute von Daimler, merkt ihr was? Nie waren PS, Status und Länge so nutzlos wie heute.






Donnerstag, 15. Mai 2014

Nivea lässt Väter jetzt nicht mehr außen vor

Update, 16.5.2014

Es scheint sich langsam herum zu sprechen, dass erstens auch Männer/Väter in der Lage sind sachlich für ihre Rechte und die ihrer Kinder einzutreten und dass zweitens der Zeitgeist, diese in der Werbung als Deppen darzustellen, kontraproduktiv für die eigene Marke und die den Verkauf der eigenen Produkte zu sein scheint.

Nachdem NIVEA meinte, in der weihnachtlichen Werbezeit einen "Familien"spot zeigen zu müssen, in dem das Kind noch nicht einmal zu Weihnachten seinen fehlenden Vater zu vermissen schien, gab es umfangreichen öffentlichen Protest (s.a. folgenden Text von Anfang Januar), der schließlich in einer Petition gegen den Spot mündete.

Infolge des Umfangs der Unterzeichner der Petition und des hohen Anteils kritischer YouTube-Kommentare erklärte sich die Beiersdorf AG bereit, ein Treffen mit den Initiatoren der Petition zu vereinbaren. In dem Treffen zeigte man sich von Seiten des Unternehmens einiger Maßen betroffen und gelobte eine veränderte Kundenansprache (das Protokoll des Treffens findet sich hier).

3 Monate später ist es nun soweit. Beiersdorf hat Wort gehalten und einen Werbe-Spot herausgebracht, der die Rolle des Vaters in ausgewogener Art darstellt, ohne gleich wieder in diskriminierende Stereotype zu verfallen.



Vielleicht ist dies ein erster Schritt in die Richtung, dass Werbung nicht infolge eines jeweiligen Zeitgeistes meint, irgendein soziodemografisches Merkmal (Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft) als Grundlage für herablassende Werbung nutzen zu müssen und Stereotype zu Lasten anderer Menschen für eigene Zwecke missbrauchen zu müssen.

Update, 05.01.2014

NIVEA verweigert Kommunikation mit Vätern - und diskutiert lieber ausführlich über Tierversuche

Inzwischen ist deutlicher geworden, dass NIVEA an einer Kommunikation über den weihnachtlichen Werbe-Clip mit Vätern, Müttern, Frauen und Männern - nach dem Aufkommen der breiteren öffentlichen Kritikwelle - anscheinend in keiner Weise interessiert ist. Nachdem man tatsächlich den gesamten Neujahrs-Urlaub abgefeiert hatte und sich im Netz 10 Tage lang nicht geäußert hatte, wurden die Kommunikationsstrategen des Unternehmens am 2.1. wieder aktiv, um auf Facebook.....auf die beständige Kritik an Tierversuchen einzugehen, eine neue Pflegedusche zu empfehlen und die Wünsche für 2014 abzufragen. Auf Twitter stammt der letzte Tweet von @nivea_germany gegenwärtig nach wie vor vom 23.12.2013!

Es sei an dieser Stelle die Lektüre der ausführlichen Statements von NIVEA zu den Tierversuchs-Posts auf deren FB-Profil empfohlen; so viel Zeit, um das Verhältnis zu Tieren zu diskutieren, so gar keine Zeit, um das Verhältnis der Kinder zu ihren Vätern zu thematisieren.

Ich halte es mitnichten wie Nico Lumma, der in seinem Neujahrs-Post dazu aufrief, sich in der Kommunikation mit Unternehmen als Konsumenten selbst "nicht so wichtig zu nehmen". Lieber Nico, die Unternehmen sind von ihren Kunden abhängig; wenn die Konsumenten nicht ernst genommen werden sollten, wer dann (auch der Shareholder-Value ist nur der aus den Kundenwünschen abgeleitete sekundäre Nutzen)? Fehler machen wir, so dein Kommentar, alle, das ist richtig. Sich aber der Kommunikation darüber zu versperren, zeugt nicht von der Souveränität eines Welt-Unternehmens.

Auch ich gehöre zu der Generation, die die blauen Creme-Dosen seit der eigenen Kindheit kennen und daher mit diesen auch (bisher positive) Erinnerungen an dieselbe verbinden. Wenn nun aber eben diese Firma jenen Vätern der Baby-Boomer und der Generation X-Generation meint vor Augen führen zu müssen, dass sie im Lebenskonzept der deutschen "Durchschnitts"-Familie nicht vorgesehen sind, so muss ich auch NIVEA mitteilen, dass diese Firma in meinem Konsum-Konzept nicht mehr vorgesehen sein wird. Ich werde für diese veränderte Sichtweise offensiv in meinem Bekanntenkreis werben und wahrscheinlich nicht umsonst hoffen, dass ich - neben einigen anderen Bloggern, die sich des Themas angenommen haben - nicht der einzige bleiben werde.

Dies umso mehr, als dass die Übersetzung der polnischen Variante des Werbe-Clips zwar den Vater erwähnt, ihn jedoch - so dir mir vorliegende englische Übersetzung - für einen Taugenichts hält - und das Kind um eben diese Rollenzuschreibung weiß.

NIVEA scheint ein grundlegendes Problem mit Vätern zu haben.

"The holidays are approaching. I have to meet Nikolay at last! Vlodek knows. And then - to help my mother at kitchen, because father is always playing the fool when mother doesn't see. And I need to eat some honey cackes as there is no room on the Christmas tree for all. And then grandma and grandpa will come. And holidays will start. And we'll be together at last! Inscription: "Family is the best present!" A great thank you to Олег Шинкаренко who translated the video in short term!


Disclaimer: Falls sich bei der Übersetzung des polnischen Textes ein Fehler eingeschlichen haben sollte, bin ich, im Gegensatz zu NIVEA, für jeden Hinweis auf den Fehler dankbar.


Update, 27.12.2013

Die Liste der Blogs und Medien, die über die vaterlose Werbung von NIVEA schreiben, wird langsam umfangreicher.

"NIVEAs Weihnachtswerbekampagne - Wo ist Papa?"
"#aufschrei: NIVEA against MEN?"
"Die schrecklich nette Weihnachtsfamilie von NIVEA"
"Josef und Nivea. Und eine Weihnachtsgeschichte"
"Frohes väterfreies Fest wünscht NIVEA"
"NIVEA trollt uns zu Weihnachten"
"Shitstorm gegen NIVEAs Weihnachts-Spot"


Update, 26.12.2013

Das umstrittene - weil vaterlose - Weihnachts-Video von @NIVEA_Germany hat in den letzten Tagen zu einigen Beiträgen in Blogs bis hin zur Erwähnungen in traditionellen Medien geführt.

NIVEA rührt sich indes weiterhin nicht, sondern hat sich in den längeren Feiertags-Urlaub verabschiedet. Gekonntes Krisenmanagement eines solch großen Unternehmens, das in besonderer Weise mit Wertefragen in Verbindung gebracht werden kann oder eben mit dem Video auch selbst möchte, sieht eindeutig anders aus.

Es geht weiterhin und wohlgemerkt nicht um die Festlegung des Unternehmens auf eine einzige "selig machende" Variante der Familien, sondern erstens um die zu beobachtende Konsistenz der entsprechenden Video-Reihe, in der allein - und dies ist ebenso unzeitgemäß - die Mutter im Fokus steht. Zweitens ist die fehlende Sprachfähigkeit eines solch großen Konzern, der ja eben dicht bei den Menschen sein möchte, verblüffend.

Letztlich läuft der Konzern damit Gefahr, dass die mangelnde Sprachfähigkeit die reine PR-Dimension des Videos entblösst.

Um die Kommunikation zwischen Konsumenten und dem Konzern zu fördern, werde ich hier zunächst einen offenen Brief veröffentlichen, den Michael Strassburg formuliert hat und der deutlich macht, welche Emotionen bei den Kunden geweckt werden - Emotionen, auf die NIVEA bisher aber in keiner Weise eingegangen ist. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Michael Strassburg.



"Sehr geehrte Damen und Herren,

Die von ihrem Unternehmen publizierte Weihnachtswerbung hat mich schockiert.

Wie offensichtlich ihr Unternehmen den Teil der Familie ausblendet, der diese entscheidend mitbegründet ist für mich eine unglaubliche Respektlosigkeit gegenüber den Kindern und anderen Mitgliedern unserer Gesellschaft und zeigt die vorherrschenden gesellschaftlichen Positionierungen gerade auch ihres Unternehmens.

Sie reihen sich damit in eine Reihe der Verantwortlichen ein, die ein väterfeindliches Gesellschaftsbild vermitteln, hier sogar mit romantischen Inhalten. Jedes Kind wünscht sich nichts sehnlicher als den Vater an seiner Seite, egal wo sich dieser Vater tatsächlich im Moment befindet. Ja es sind die Kinder, die sich die Nase am Fenster plattdrücken und den Vater herbeisehnen, der vielleicht NICHT zu Hause sein kann. Möglicherweise sitzt er in einem LKW arbeitet im Ausland oder ist auf einem Schiff mitten im Ozean.

Was für ein verklärter Anblick ihrer Marketingabteilung, die entweder nur aus Frauen besteht oder dessen Verantwortlicher nichts anderes kennt und selbstverständlich nicht das notwendige Feingefühl für eine solche Situation reflektieren kann.

Sie sollten darüber nachdenken ihre Männerpflegeserie in "Nivea Uncle" umzubenennen, Männer scheinen nur willkommene Zahler aber als Väter nicht vorgesehen zu sein.

Abscheulich!

Ich frage mich ernsthaft, wer diesen Spot abgesegnet hat. Verachtung meinerseits greift viel zu kurz für das, was ich als Vater für ihr Unternehmen empfinde. Angesichts dieser unverantwortlichen Haltung habe ich mein Badezimmer nicht nur großflächig gesäubert (von Nivea Produkten) und werde zudem dafür sorgen, dass sich mein Bekannten- und Freundeskreis diesen Werbespot anschaut.

Unsere Familie wie auch die Familien unserer Freunde sind nur vollständig, völlig unerheblich, ob getrennt, verheiratet oder was auch immer, wenn der Vater der Kinder diese auch erleben kann und darf!

Ich verachte ihren Werbespot aufs äußerste und habe ebenfalls kein Verständnis für die jetzt vermutlich aufkommenden gesellschaftlichen Diskussionen über die unterschiedlichen Lebensformen die es heute gibt. Keiner ihrer Verantwortlichen kümmert sich um die Sichtweise des Kindes. Es gibt kein einziges Kind auf dieser Welt, welches seinen Vater, wo auch immer er ist, nicht vermisst. Familiäre Bande vermittelt man nicht SO! Es ist die billigste Erfolg haschende Imagemethode gegenüber der Zielgruppe Frau als diejenige die den Einkauf tätigt. Es wäre ein leichtes gewesen den Vater des Kindes zumindest in einem kleinen Bildausschnitt zu zeigen, das wurde sorgfältig vermieden. Jetzt kommt vermutlich im Nachgang zum Aufschrei über diesen Werbespot ein Vater Werbespot, leider zu spät, Familie ist immer, nicht nur bei Gelegenheit!

Ich habe verstanden!

Michael Strassburg"


Offener Brief von Elmar Riedel an NIVEA:


"Liebes Nivea-Team,

herzlichen Glückwunsch zu eurem Weihnachts-TV-Spot. Die handelnden Personen sind supersympatisch, die Farben, das Licht, die Stimmung. Ein ganz besonderer Spot der so erwähnenswert ist, dass ich dieses Lob gerne auch an diverse Medien weiterleite.

Bei allen Sympathie erweckenden Elementen zeigt ihr trotzdem Mut. Immerhin grenzt ihr rund 11.400.000 Menschen aus, die eigentlich im möglicherweise überholten Familienfest-Bild fehlen.
Wie ich auf diese Zahl komme?
Laut statistischem Bundesamt sind alljährlich 150.000 Kinder und Jugendliche von Scheidung betroffen. Hinzu kommen rd 75.000 Kinder und Jugendliche aus nichtehelichen Trennungen die statistisch nicht erfasst werden. Sind zusammen 225.000 Minderjährige im Alter von 0-18 Jahren, also 19 Jahrgänge. Macht 4.275.000 Minderjährige die sich fragen wo in Ihrem Spot der Weihnachtsliebe ihr Vater abgeblieben ist.

Bei einer Geburtenrate von 1,5 Kindern/Familie sind 2.850.000 getrennt lebende Elternteile (rd.90% Väter) betroffen. Unterstellen wir, dass von dieser Seite noch durchschnittlich 1,5 Großelternteile präsent sein könnten/wollten kommen nochmal 4.275.000 Großeltern hinzu. Sind zusammen 11.400.000 Menschen. Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen (überwiegend) väterlicherseits mal ganz außen vorgelassen.

Sicher gehören nicht alle zu euren Zielgruppen. Wieviele davon es sind könnt ihr besser abschätzen als ich. Aber Heranwachsende, Männer und Senioren gehören sicher dazu. Ich denke, mit 8.000.000 liege ich nicht falsch.
Mutig!

Darf ich einen Vorschlag machen?

Am 15.Juni 2014 ist der hierzulande noch wenig beachtete Echte Vatertag im Gegensatz zum alljährlichen Besäufnistag an Christi-Himmelfahrt der in weiten Teilen auch richtigerweise Herrentag heißt. Obwohl das oft gar nicht herrlich ist was man da auf den Straßen sieht. (http://de.wikipedia.org/wiki/Vatertag
Wie wäre es denn mit einem Spot zu diesem Anlass? Der kleine Junge aus eurem Weihnachtsspot würde sich sicher freuen seinem Papa zum echten Vatertag eine Freude zu machen. Andere Söhne und Töchter aus Normal- (auch Patchwork-) Familien auch.

Euer Elmar Riedel

PS: eure PR-Antwort war nicht wirklich überzeugend




21.12.2013

Weihnachten ist für die meisten Menschen in der westlichen Welt (nicht für alle) mit den Gedanken an die Familie verbunden. Dass sich der Begriff der Familie in den letzten Jahren gewandelt hat, ist kein Geheimnis sondern einfach nur Reminiszenz an veränderte Sozialstrukturen. Biologische und soziale Rollen stimmen nicht mehr zwangsläufig überein. Selbst die Anwesenheit von Kindern wird von Vertretern der SPD und den Grünen nicht mehr als Voraussetzung dafür gesehen, um von "Familie" sprechen zu können (Disclaimer: Ich teile diese Auffassung nicht; bei einer Alten-WG würde ich bspw. nie von einer "Familie" sprechen wollen). Es gibt dabei kein richtig oder falsch; jeder und jede kann selbst entscheiden, welche Gruppe von Menschen sie oder er als die Familie bezeichnet.

Eines aber ist unstrittig.

Eine Kind vom Alter 4 Jahren wird in jedem Fall zu Weihnachten an seinen sozialen und/oder biologischen Vater denken, so ihm dieser bekannt ist. Ist dem Kind der eigene Vater nicht bekannt, wird es beim Anblick der anderen Familien fragen, wo denn der eigene Vater eigentlich sei. Wie man es auch betrachtet: eine Vater-Figur würde sicher offline oder virtuell eine Rolle im Leben dieses Kindes spielen.

Wie kommt also @Nivea_Germany auf die Idee, einen Onkel als Vater-Ersatz zu verwenden und das Kind ausgerechnet zu Weihnachten nicht einen Gedanken an den möglichen Vater widmen zu lassen?



Das Werbe-Video scheint in gewisser konsistenter Fortführung des vormaligen Videos produziert worden zu sein, dass mit den Worten beginnt: "Ihr armen Männer".



Auch dieses dritte Beispiel mit dem Titel "Mama" spricht von der "starken Mama", die alles allein bewältigt. Nivea scheint damit vollkommen unfähig zu sein, Väter durch die eigenen Produkte anzusprechen. Anscheinend legt Nivea damit keinen Wert auf Männer (Väter) als Kunden.



Pampers hatte vor Jahren einen väterfeindlichen Werbespot gedreht und änderte diesen nach massiver Kritik der Konsumenten dahingehend ab, dass die Väter nun in der Kinderbetreuung nicht mehr als Deppen dargestellt wurden.

Wahrscheinlich muss Nivea diese Lernkurve erst noch durchlaufen.

Montag, 12. Mai 2014

Fazit nach #RP14: Persönlichkeiten und Macher sind gefragter denn je

Digitalisierung fordert zunehmend tradierte Abläufe heraus

Die Digitalisierung schreitet voran. Dies tut sie allerdings nicht erst seit diesem Jahr sondern seit Einführung erster Computer zu Beginn der 1940er Jahre. Spätestens seit Einführung des Internets vor über 20 Jahren hatte diese Digitalisierung dann auch die Endnutzer und Konsumenten erreicht. Die Botschaft, dass die Digitalisierung nun vor der Tüt stehe, ist demnach keine Nachricht, die besonders interessant wäre. Interesssant ist aber zur Zeit zu beobachten, wie die Digitalsierung auf tradierte Prozesse und Unternehmen trifft, wie diese damit umgehen und eventuell die Ressourcen für interne Prozesse, Entscheidungsfindungen und externe Produktion und Dienstleistungen zu nutzen wissen - oder eben auch nicht. Dieses Aufeinandertreffen der Welten ist in den Vorträgen der #RP14 häufiger beschrieben werden.



Der Mega-Trend, der damit in die Institutionen und Unternehmen hineingetragen wird, führt am Ende des Tages zur Notwendigkeit, eigene Position darzustellen und im Arbeitsalltag - egal ob selbständig oder angestellt - umzusetzen. Klingt ebenfalls profan; ist es aber nicht. Die Notwendigkeit zu eigenen Positonen stellt tradierte Hierarchien und Führungen vor gewaltige Herausforderungen. Insofern ist die durch Aktivisten häufig initiierte Hinterfragung von politischen und unternehmerischen Entscheidungen wichtig und absolut relevant für die wirtschaftlichen und politischen Institutionen für ihre eigene Weiterentwicklung.

Dem entsprechend gehe ich im Folgenden auf meine inhaltlichen Highlights der #RP14 ein, die sich mit diesen neuen Sichtweisen beschäftigen und spannende Fragen aufwerfen: Was geschieht, wenn politische Kommunikation gehackt wird? Wie gehen Politik und Wirtschaft ethisch mit Big Data um? Wer kann für sich in der öffentlichen Debatte die semantische Hoheit beanspruchen? Benötigen wir einen Offline-Narrativ, um Netzpolitik vermitteln zu können? Steht die schleppende Digitalisierung des Bildungssystem sinnbildlich für das Verharrensvermögen des Alten?

Gewagte These: Die USA hinken der netzpolitischen Debatte hinterher

Die USA sind zwar in der Entwicklung anwenderorientierter Soft- wie auch Hardware weiter als Europa; die sich aus der Technik ergebende Debatte um die Netzpolitik ist aber anscheinend in Europa weiter voran geschritten. Wie ist es anders zu erklären, dass die Yes Men Group zwar umfänglich ihren Ansatz des Hackens von Veranstaltungen und Kommunikationslogiken zur Offenlegung offensichtlicher innerer Widersprüche der marktwirtschaftlichen Logik erklären, bei der Frage nach der Überwachung ihrer Kommunikation durch die NSA aber nur mit den Schultern zucken und antworten: "Sollen Sie doch unsere Mails lesen".

Die Yes Men Group über das Hacken politischer Kommunikation
Es ist prima, wenn es der Gruppe gelang, eine kleine Konferenz von der Homeland Security Behörde zu hacken und vor ca. 80 Personen von konservativen Lobbyvertretern das Geständnis zu erhalten, dass Nachhaltigkeit irgendwie gut sei. Aber am Ende muss leider - bei allem Respekt für das innovativen Wirken dieser Gruppe - gefragt werden: so what? Es scheint irgendetwas bei der Umsetzung der techniklastigen in die netzpolitische Debatte zu fehlen. Es scheint, dass irgendetwas auf dem Weg von der kommunikativen Aktion zur politischen Umsetzung verloren geht.

Big Data verhindert Individualität und Innovation?

Dass eine solche Debatte um die Wechselwirkung von Datenschutz, Big Data und politischen Entscheidungen durchaus weiter durchdacht werden kann, zeigte beispielsweise Viktor Mayer-Schönberger in seinem Vortrag über die Grenzen der Ethik bei umfangreicher Nutzung von Big Data. Für mich stellte dieser Vortrag das persönliche Highlight der #RP14 dar, da ich hier in den von mir besuchten Vorträgen den Versuch erkannt habe, die politische Dimension von Technik konsistent in seiner Auswirkung auf die Gesellschaft abzuleiten.
Die Ethik von Big Data - leider noch nicht im politischen Mainstream angekommen
Nach Angaben von VMS waren 1987 weltweit Informationen im Umfang von 2,6 Mrd Gigabyte vorhanden. Der Umfang dieser Daten hatte sich dann bis 2007 um den Faktor 100 auf 276 Mrd. Gigabyte gesteigert. Waren 1987 nahezu 100% aller Datenmengen analog vorhanden, machten diese 2007 nur noch 1% aller Datenumfänge aus, während der Anteil der digitalen Daten auf 99% angestiegen war.

Dieser gewaltige Datenumfang bringe nun auch eine neue Qualität mit sich, so VMS:
  • Wir sammeln nicht nur absolut sondern auch relativ mehr Daten, da sich die Anlässe zum Datensammeln vervielfacht haben. Es werden auf Grundlage diser relativen Steigerung Fragen gestellt, auf die man ehemals nicht gekommen wäre.
  • Infolge des Datenumfangs spielt die Ungenauigkeit bei einzelnen Daten eine geringere Rolle. Die Daten lassen schärfere Schlüsse und Aussagen zu.
  • Es können mehr Korrelationen aufgedeckt werden. Obgleich Korrelationen keine Rückschlüse auf Kausalitäten zulassen (!), können Korrelationen jedoch zunehmend Kausalitäten andeuten.
  • Daten werden relevanter als Algorithmen.
Hieraus leitete VMS das Dilemma ab, dass sich aus dem Eindruck ergeben könnte, mit Daten seien zunehmend schärfere Vorhersagen denkbar. Solange Vorhersagen nicht zu 100% richtig seien, komme es zu ethischen und gesellschaftlich problematischen Konflikten:
  • Wir bestrafen Menschen, die das Vorhergesagte nie begehen würden, die aber aufgrund einer Prognose in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden.
  • Wir entziehen Denjenigen, über die entschieden wird, den eigene freien Willen, einen Fehler zu begehen oder aber einen Fehler eigentverantwortlich zu vermeiden
Damit aber könne es schuldlose Strafen geben. Die Grenze zwischen Prävention (aus Sicht des Staates und der anderen Individuen) und empfundener Bestrafung (des Einzelnen) verschwimme. Der Zugriff des Staates (und von Unternehmen) auf die individuelle Autononie werde damit von Schuldfragen getrennt; im Ergebnis verlöre das Individuum damit das Recht auf Handlungsfreiheit - und damit eine der Voraussetzungen zum Funktionieren von Demokratien. Was ist am Ende, wenn diese Frage auf private Unternehmen und deren Handeln übertragen würde/wird?

VMS forderte daher die gesellschaftspolitische Vereinbarung von grundsätzlichen Spielregeln (das Colab hatte die Übertragung der Menschenrechte auf das Internet vor einiger Zeit allerdings auch schon ausführlich thematisiert). Dazu gehörten laut VMS:
  • das Recht auf informationelle Selbstbestimmung,
  • der Schutz menschlicher Handlungs- und Entscheidungsfreiheit,
  • die Ablehnung von Strafen ohne Schuld
  • sowie der Konsens über die Transparenz, Zertifizierung und Widerlegbarkeit von datenbasierten Entscheidungen und Vorhersagen
Die Frage, die ich mir am Ende des Vortrags gestellt habe, ist, ob nicht Big Data in Unternehmen und Institutionen der weiteren Herrschaft des Controlling, der BWL und der juristischen Einengung von Innovationen sowie individueller Sichtweisen weiteren Vorschub leistet? Schon heute wird versucht, die Entscheidungen und die Outcomes dieser Entscheidungen in Unternehmen in Zahlen abzubilden, um präventiv Risiken zu vermeiden und die mögliche Rendite einer Investition möglichst weitestgehend abzubilden. Wie ist demnach zukünftig mit Individualität und Risiken umzugehen, wenn diese aus der Pfadabhängigkeit einer Institution ausbrechen wollen? Wenn dieser Innovation, da sie nicht in das bisherige System passt, negative Werte zugeschrieben werden? Wenn den Querdenkern negative Werte zugeschrieben werden?

Vermittelbare Narrative identifizieren

Dem Vortrag von VMS war durchaus nicht allzuleicht zu folgen und setzte eine gewisse Kenntnis der netzpolitischen Debatte voraus. Da ja eine Teilnahme an einer solchen Konferenz das Ziel verfolgt, in dieser Weise den eigenen Horizont zu erweitern, ist das Anspruchsniveau im Grunde genommen genau richtig. Es kann jedoch nicht dazu dienen, diese Grundproblematiken, die alle Menschen sowohl bei ihrer Arbeit, bei ihrem politischen Engegament und in ihrem Verhältnis beispielsweise zu Versicherungen betreffen, in die Mainstream-Medien hinein zu vermitteln.

Wird PGP irgendwann sexy sein?
Wie dies durch das Schaffen einfacherer Narrative erreicht werden könnte, haben Jillian York und @ioerror in ihrem Vortrag zum Thema gemacht. Sie haben sich dabei an den Erfahrungen verschiedener AIDS-Kampagnen orientiert. Auf den Punkt gebracht könne man sagen, dass man nie "ungeschützten Internet-Verkehr" haben solle. Ich finde diese Anlehnung an eine Kampagne, die ehemals vor demselbem Problem stand, ein damals heikles und komplexes Thema in die Köpfe der Menschen zu bekommen, ausgesprochen gut. Allein: Es fehlt im Gegensatz zur damaligen AIDS-Kampagne, bei der es frühzeitig eine Unterstützung der Bundesregierung gab, aktuell das Bekenntnis dieser Bundesregierung dazu, dass ihre eigene Bevölkerung massenhaft von einem ausländischen Geheimdienst ausspioniert wird und somit überhaupt eine Handlungsnotwendigkeit besteht.

Wie schwierig es zu sein scheint, die Notwendigkeit eines Narrativs Denjenigen zu vermitteln, die eigentlich - im positiven Sinne - Lobbyisten des Netzes sein sollen, verdeutlichte die hämische Berichterstattung auf SPON und ZEIT über die mit großer Spannung erwartete Session mit David Hasselhoff und Mikko Hypponen. Jeder fragte sich: Was hat Hasselhoff mit der digitalen Agenda zu tun? Heise gibt darauf eine deutlich sachlichere Antwort und denkt etwas weiter.

Hasselhoff zieht Publikum an
Die nahezu überfüllte riesige Halle, in der die Session stattfand, war eben jenes Signal, dass sich die Firma F-Secure von MH mit der Teilnahme von Hasselhoff erhoffte: man kann digitale Herausforderungen in eine einfache Story umsetzen und an eine große Zahl von Menschen kommunizieren, wenn Publikumsmagneten eingesetzt werden und diese die digitale Komplexität in eine persönliche Betroffenheit umwandeln. Das mag den Redakteuren von SPON und ZEIT zu profan erscheinen (einen kritischen Beitrag zur herablassenden Behandlung der sogenannten Laien auf der RP hat Robert Basic verfasst). Ich bin mir aber sicher, dass Hasselhoff einer deutlich größeren Zahl von Menschen weltweit bekannt ist als die Experten in den Redaktionen beider Medien (und dies wird sich anscheinend in naher Zukunft auch nicht ändern).

Reden hilft

Dass aber nicht nur Hasselhoff sondern auch Andere mit dem Problem zu kämpfen haben, gegen Vorurteile angehen zu müssen, haben wir bei unserer eigener TTIP-Session zu spüren bekommen. Nachdem Campact.de am Morgen desselben Tages unsere Session auf ihren Blog gestellt und thematisiert hatten, freuten wir uns auf eine interessante Debatte in unserer Session.



Wir hatten Glyn Moody, Bruno Gert Kramm, Joachim Bühler sowie als Moderatorin Solana Larson von Global Voices Online für unsere TTIP-Session gewinnen können. Glyn Moody hielt die einführende Keynote. Die gesamte Debatte kann auf der Video-Aufzeichnung sehr gut nachverfolgt werden. An diesem Tag sind mir v.a. die folgenden Punkte aufgefallen, die jenseits der bisher diskutierten Themen Erwähnung fanden:
  1. Es fehlt bisher eine Gegenrechnung in der gesamtwirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Analyse, die die negativen Folgekosten in Folge der Anpassungen der jeweiligen Arbeitsmärkte an die TTIP-Vereinbarungen berücksichtigt.
  2. Es gibt keinerlei Gründe, Dokumente, die als Tischvorlagen bereits Gegenstand der Verhandlungen sind, der gesamten Öffentlichkeit gegenüber nicht offen zu legen.
  3. TTIP stellt für die ICT-Industrie die erste tatsächliche Chance dar, über die Arbeitsmarkt- und Entwicklungspotenziale zu sprechen und die Gefahr der NSA-Überwachung für den gesamten Industriezweig zu thematisieren.
  4. Damit ergibt sich ebenfalls zum ersten Mal der Raum, um über den Charakter von Freihandel in einer online vernetzten Welt zu sprechen.
  5. Es ist nicht vermittelbar, wieso gerade in Zeiten von #OpenGov, Transparenz und Partizipation ein Abkommen, dass 1 Mrd. Menschen direkt betreffen wird, auf Basis verschlossener Dokumente zustandekommen sollte.
Schließlich wurde von allen Beteiligten konsensual betont, dass es bei TTIP am Ende um die Wünsche der Menschen und (nicht nur) die Wünsche von Unternehmen gehen kann.

Erfreulich war dann mit Blick auf die von Campact vorab nur online geäußerte Kritik an TTIP, dass zwei Vertreterinnen von Campact Fragen gestellt haben und im direkten (Offline-) Austausch sichtbar geworden ist, dass die Positionen ganz und gar nicht weit auseinander liegen. Ich denke, es gilt für beide Seiten, dass bei Fokussierung auf Online-Aktionen allzuoft leider die Bilder und Werturteile das Handeln bestimmen. Am Ende zeigte sich: Reden hilft.

Was es sonst noch gab

Bildung 1: Lehrer und Eltern sind im bipolaren Weltbild gefangen

Max Woodtli beschrieb in seiner Session das bipolare digitale Weltbild, das die meisten Akteure im Bildungssystem leider gefangen halte im tradierten Framing und damit zur Frontenbildung zwischen gegenüber dem Netz extrem positiv und extrem negativ eingestellten Akteuren beitrage. Die Ursache dafür läge in der Pädagogik, die nur richtig oder falsch und Kontrolle und Kontrollverlust kenne. Damit aber gäbe es unnötige Hindernisse auf dem Weg in die Digitalisierung der Bildung zu überwinden. Sein Vorschlag zum Aufbrechen dieser Polarität bestand darin, nach dem sowohl-als-auch sowie dem weder-noch in Debatten um die Digitalisierung zu fragen.

Bildung 2: Die Blockade hält an

Direkt im Anschluss daran fragte Jöran Muuß-Merholz in der nächsten Session Stephan Noller, Maxim Loick und Hilliknixibix sowie eine Schülerin nach deren Erfahrungen an den Schulen dieses Landes bezüglich der Einführung digitaler Methoden. Leider war das Ergebnis nicht viel erbauender als die Antworten der letzten beiden Jahren auf vergleichbaren RP-Sessions. Dass eine Hilliknixibix in der geschlossenen Kinder-Psychatrie versucht, Kinder zum Bloggen zu bringen und von den berührenden positiven Erfahrungen in diesen Kontexten berichtet, kann gar nicht genug geschätzt werden. Schaut man sich aber die öffentliche Wahrnehmung von Bloggern in Deutschland an, die durch Traditionsjournalisten mit ihren Diplomen inzwischen umfänglich negativ bzw. als Nicht-Journalisten dargestellt worden ist, so macht einen dies relativ wütend.

Die Schülerin berichtete, wie ihnen an der Schule mit Blick auf die Störerhaftung willkürlich das Internet gesperrt worden sei, so dass man - sich nicht an Regeln haltend - zuhause mit Hilfe des eigenen Netzes weiter auf den Unterricht vorbereitet habe. Alternativ habe man Personal Hotspots für die Mitschüler eingerichtet, da die Lehrer sowieso nicht mitbekommen hätten, was so ein Personal Hotspot überhaupt sei.

Es wurde von Versuchen in Grundschulen berichtet, bei denen die Schüler einer 2. und 3. Klasse begeistert gewesen seien, als man das Internet nicht mehr als Raum der Gefahren im Unterricht dargestellt habe sondern den Kindern die Möglichkeit geboten habe, in das weltweite Netz selbst Inhalte einzustellen.

Ich habe die stille Vermutung, dass sich bis ins nächste Jahr die Stockstarre der deutschen Lehrerschaft und Bildungsanstalten noch lange nicht in Luft aufgelöst haben wird. Der Wildwuchs der schulspezifischen Regelungen wird noch weiter zunehmen; die Schule als klassiche auf Kontrolle ausgerichtete Instanz verträgt sich nach wie vor nicht mit dem Eigenverantwortung fordernden Netz.

Cyborgs sind im Gegensatz zu den Piraten postgender

Einen Einblick in Bio-Hacking und das Wesen der Cyborgs sowie die dahinter stehende Gedankenwelt gewährten die Mitglieder des Berliner Vereins Cyborgs e.V. in ihrer Session.

Bio-Hacking, also die Erweiterung der menschlichen Kapazitäten, beginne nicht erst beim Implantieren von Chips sondern auch bereits bei dem Menschen, der in integrierter Weise Technik für sich selbst nutzt.

Cyborgs:
  • lehnten Standards und Normen ab,
  • lebten Individualität,
  • stünden für Inklusion,
  • kennen keine Körpergrenzen,
  • begriffen sich mehr im Wir als im Ich,
  • wären öffentlich und geschlechtslos,
  • und mögen freie Daten sowie offene Standards.
Nun ja.

Wenn Post-Demokratie die Überwachungssoftware für autoritäre Regime bereitstellt

Ron Deibert hat in seinem Vortrag der selbstgewissen westlichen Welt mal wieder den Spiegel vorgehalten und einige Beispiele dafür genannt, wie Unternehmen, die die Sicherheit und Freiheit von Demokratien nutzen, um einen geordneten Geschäftsbetrieb aufnehmen zu können, selbst also im höchsten Maße von Freiheit und Zurechenbarkeit profitieren, diese Freiheit nutzen, um technische Entwicklungen voran zu treiben, damit in autoritären Regimen die Bevölkerung überwacht und schikaniert werden kann.

Leben wir in einer freien Gesellschaft?
Wie glaubwürdig kann Politik in der globalen Öffentlichkeit auftreten und sich für Menschenrechte einsetzen, wenn diese Politik gleichzeitig freiheitsgefährdende Aktivtäten von Unternehmen im eigenen Lande zulässt. Dass diese Scheinheiligkeit längst kein Geheimnis mehr ist und die Legitimität westlicher Politik untergräbt, dürfte wohl als einzige den Politikern dieser Länder noch nicht aufgefallen sein. Stattdessen schickt man Drohnen in diese Länder... Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Deibert schlägt zur Offenlegung dieser Scheinheiligkeit mehr #OpenGov, #OpenCorporation Zurechenbarkeit und Hacktivism vor.

Einfach machen, eigene Position darstellen und umsetzen

Neben all den methodischen und inhaltlichen Inputs, die den eigenen Horizont mal wieder erweitert haben, waren aber auch dieses Jahr wieder die Sessions und Gespräche bemerkenswert, in denen Menschen ihre eigenen Projekte, Beweggründe und Geschichten vorgestellt haben. Einfach machen, eigene Position darstellen und dann umsetzen, so das Motto, das unbewusst in diesen Kontexten immer mitschwingt.

So war es beispielsweise bewegend, von Bianca Jagger die Geschichte erzählt zu bekommen, wie sie und andere Menschenrechtsaktivisten in größte persönliche Gefahr geraten sind und danach beschlossen haben, sich zukünftig eben jedem Thema zu widmen. Diese Geschichten machen die eigene Position und die Beweggründe des eigenen Handelns glaubwürdiger. Diese Menschen müssen sich nicht hinter den Namen großer Institutionen verstecken. Sie leiten ihre Autorität nicht aus dem großen Namen ihres Arbeitgebers ab (ich arbeite beim Daimler, etc.) sondern stehen mit ihrem eigenen Namen und der Aktivität für sich.

Gleiches galt auch für die Vorstellung der Menschenrechts-Metaplattform Oximity durch Sanjay Goel. Die steile These, die ich aber komplett unterstützen würde, war, dass alle gesellschaftlichen Konflikte das Ergebnis künstlicher Trennungen der Menschen durch Religionen, Parteien, Länder oder Kulturen seien. Stattdessen aber, so Goel, verlaufe die Trennung zwischen den Menschen zwischen den "disenfranchised" und den "empowered" people. Die Ansprache der Menschen, die sich nicht wehren könnten, da ihnen der Zugang zu Informationen fehle oder aber Bildungslevel, um sich für die eigenen Interessne einsetzen zu können, erfolge nun zusehends durch Menschenrechtsgruppen. Um die Arbeit der vielen verschiedenen Gruppen zu optimieren, gäbe es die Meta-Plattform Oximity. "Oximity is a Network of Networks", so Goel.

Für Menschenrechte eintreten - Isabel und Linda machen es einfach
In diesem Kontext passte natürlich sehr gut die Vorstellung des Schwester-Projektes von futurechallenges.org; irrepressiblevoices.org im Zuge der OpenMike Sessions des MIZ Babelsberg. IV.org hat das Ziel, auf Videos dokumentierte Menschenrechtsverletzungen mit Hilfe von Crowd und Technik zu evaluieren. Isabel Gahren und Linda Walter stellten sich den Fragen der Jury, die über die Vergabe der Fördermittel zu entscheiden haben, zu Manipulationsgefahren, Motivation der Crowd, Sicherheit der Uploads und Social Business Modell.

Die Rechtschreibprüfung hat am Ende versagt
Werde ich an der #RP15 teilnehmen? Mal sehen. Als Nächstes steht der #31c3 auf dem Programm.
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