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Sonntag, 1. März 2015

Digitalisierung: Weiterbildung und der Wandel der Arbeitswelt

Das Internet gibt es auch außerhalb von Berlin. Diese Erkenntnis mag für manche Berliner schmerzhaft sein (#Ironie!). Es gibt jedoch in vielen Regionen Deutschlands interessante Initiativen, die sich zur Zeit mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf verschiedene Lebens- und Arbeitsbereiche beschäftigen. Eine dieser umtriebigen Initiativen ist der eBusinessLotse Ostwestfalen-Lippe (OWL). Zu den 22. Internet Days in Paderborn (erinnert sei hier an den starken Auftritt der Region bei der #cnight der CDU in Berlin) hatten Stefan Freise von code-x GmbH, Thorsten Ising vom Social Media OWL e.V. et al. in die Räume der Lotsen eingeladen.

Wir hatten Spaß
Foto: eBusinessLotse OWL 
OWL ist eine sehr mittelständisch geprägten wirtschaftsstarke Region mit sehr geringer Arbeitslosigkeit und mit einigen interessanten IT-Clustern. Daher fand ich es prima, bei den 22. Internet Days die Möglichkeit angeboten bekommen zu haben, (neben den Vorträgen von Thomas Werning zum Identitätsdiebstahl im Netz und Stefan Freise zum Einstieg in das SCRUM-Verfahren) ein paar Worte zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf die (Weiter-) Bildung und einzelne Bereiche des Arbeitsmarktes sagen zu können.


Digitalisierung: Wandel der Bildungssysteme und der Arbeitswelt from Ole Wintermann

Die Digitalisierung der Bildungsinhalte und der Didaktik geht mit einer Neupositionierung der bildungspolitischen Akteure und Institutionen einher. Wofür benötigen wir noch Institutionen - im Sinne von gemauerten Gebäuden - wenn Bildung jederzeit und überall online zu beziehen ist? Ist die so sehr auf Zertifikate fokussierte HR-Logik deutscher Unternehmen angesichts des globalen Wandels in der Anerkennung von informellen Kompetenzen überhaupt zukunftstauglich? Und: Für welche Tätigkeiten soll eigentlich noch ausgebildet werden, wenn sich auf einem globalisierten atomisierten Arbeitsmarkt die Anforderungen an die Qualifizierungen ständig und kurzfristig verändern?

Es wäre höchste Zeit, sich hierzulande diesen Fragen offen und offensiv zu stellen.

Samstag, 21. Februar 2015

"Gewerkschaft GDL und Deutsche Bahn wollen Tarifverhandlungen im Netz streamen"

Diese Meldung würde, wenn sie denn existieren würde, mit Sicherheit auf offene Ohren treffen und ein Staunen wie auch Respektbekundungen nach sich ziehen. Man hätte Respekt vor dem Mut der Tarifpartnerinnen, aus jahrzehntelangen Ritualen auszubrechen, das Vergangene hinter sich zu lassen und #Neuland zu betreten.

Foto: Ole Wintermann
Stattdessen aber sitze ich, während ich dies schreibe, in einem dieser verrotteten und veralteten IC-Züge der Deutschen Bahn. Der planmäßige ICE war mal wieder kurzfristig ausgefallen, so dass einer dieser alten aus den 1970er Jahren stammenden ICs reaktiviert wurde. Ob ich auf der Rückfahrt den gebuchten Zug nutzen kann, weiß ich noch nicht, da Herr Weselsky und die Deutsche Bahn mir wie auch anderen Millionen Bahnkunden meinen, etwas Unruhe darüber, ob das Ziel der eigenen Reise erreicht wird, zumuten zu können. 

Ich bekenne: Ich bringen kein Verständnis für diese Art von Streik auf.

Foto: Ole Wintermann
Die Deutsche Bahn und die Gewerkschaft GDL tragen hier einen, wenn man den Mainstream-Medien Glauben schenken darf, persönlichen Konflikt auf dem Rücken der Millionen Bahnkunden aus, die tagtäglich darauf angewiesen sind, pünktlich mit deren Verkehrsmittel ans Ziel zu kommen.

Liebe Tarifpartnerinnen, haben Sie eigentlich auch nur ansatzweise eine Ahnung davon, wie viel Leid, Stress, Ärger und beruflichen Druck sie durch ihre eigennützige Vorgehensweise bei den Millionen Menschen verursachen - vom finanziellen Schaden durch kurzfristige Umbuchungen, Mehrnutzungen von Autos und Mietwagen sowie zeitlichen Aufwänden durch die Nutzung der Fernbusse ganz zu schweigen?

Foto: Ole Wintermann
Ich habe selbst Jahre bei einer Gewerkschaft gearbeitet und weiß: Tarifverhandlungen sind - von beiden Seiten betrieben - Rituale einer längst überlebten Industriegesellschaft, in der es berechtigter Weise (ursprünglich) darum ging, die Zersplitterung der Interessen der Arbeitnehmer gegenüber übermächtigen Arbeitgebern zu verhindern.

Aber ich weiß auch: Die Vorschläge für die Entwicklung der Löhne und Gehälter sind nicht wirklich so sachlich begründet, wie dies in den Medien immer unreflektiert dargestellt wird - und dies gilt für beide Tarifpartnerinnen. Ist es auf der einen Seite der Wille zum vielzitierten „Schluck aus der Pulle“ (allein diese Begrifflichkeit) ist es auf der anderen Seite die pauschal „begründete" Absicht „Kosten zu sparen“, die am Ende in eine Tarifvorstellung bis auf die zweite Stelle nach dem Komma münden. Mit diesen Zahlen wird ein Wissen über Marktentwicklungen vorgegeben, dass in der Form gar nicht existiert. Aufgrund der Flächentarifverträge sind zudem stets landes- oder bundesweite Kennziffern Ausgangspunkt der Tarifvorstellungen beider Seiten. Mit den Zuständen und Arbeitsbedingungen im jeweiligen Betrieb - also vor Ort - haben diese nichts zu tun.

Foto: Ole Wintermann
Und diese ist der Punkt, an dem mir auch das Verständnis für ein über den täglichen vitalen Interessen der Kunden der Deutschen Bahn stehendes Vorgehen fehlt. Ich als Kunde habe ersteinmal rein gar nichts davon, dass sich entweder die Deutsche Bahn als Arbeitgeber durchsetzt oder die Gewerkschaft GDL als Arbeitnehmervertreter. 

Ich sitze dienstlich und privat bedingt seit Jahren in vergammelten Zügen, die über die Zeit betrachtet immer unpünktlicher zu werden scheinen, in denen es nach wie vor keine gastronomische Versorgung gibt, die über abgestandenen Kaffee und überteuerte Baguette hinausreicht, in denen es nach wie vor keine verlässliche Versorgung mit Wlan gibt, in denen man, wenn man Pech hat, stundenlang auf dem Boden sitzen muss, weil das Zugmanagement versagt hat, in denen man im Sommer bei ständig ausfallenden Klimaanlagen mit einem Kreislaufkollaps und im Winter mit Erkältungen rechnen muss und für die man immer wieder über der Inflationsrate liegende Preissteigerungen hinnehmen muss, da es bis vor kurzem keine wirklich Konkurrenz für den Quasi-Monopolisten auf der Langstrecke gab.

Foto: Ole Wintermann
Liebe Tarifpartnerinnen, legt doch euren geheimen Tarifverhandlungen ganz einfach offen und streamt diese ins Netz. Das Interesse von Millionen Kunden zu erfahren, wohin morgen ihre Reise geht, dürfte Grund genug dafür sein, dass solche aus der Industriegesellschaft kommenden Geheimverhandlungen endlich transparenter werden. Es geht nicht darum, Tarifverhandlungen als solche in Frage zu stellen; es geht aber darum, den bisherigen anachronistischen und auf 2 Köpfe fixierten Mechanismus der Lohnfindung in Frage zu stellen. Es geht natürlich auf beiden Seiten um Macht. Und von dieser kann nur schwer gelassen werden. Leidtragende sind eure Kunden.

Macht doch mal etwas ganz Schräges und kommuniziert direkt mit den Kunden da draußen über euer Anliegen. Seid mutig, seid transparent.

Foto: Ole Wintermann

Dienstag, 17. Februar 2015

Politik 1.0 und Medien 1.0 verlieren den Blick für globale Risiken

tl;dr 

Q: Matthew Yglesias

"Do you think the media sometimes overstates the level of alarm people should have about terrorism ... as opposed to a longer-term problem of climate change and epidemic disease?"


A: Barack Obama

"Absolutely."



#Pegida: Wenn Bauchgefühl Politik dominiert

Politik folgt nach wie vor den Logiken einer Politik 1.0, in der es eindeutige Ursachen für scheinbar eindeutig zu lösende Probleme gibt. Es wird gemeinhin in der politikwissenschaftlichen Literatur Pluralismus genannt, ist in der Realität aber natürlich der fallweise Zugang zu Politik mit Hilfe der Schilderung von Problemlagen, wie sie von schmierigen Massenblättern oder aber Lobby-Verbänden an die Politik kommuniziert wird. Angesichts der Informationsflut in Richtung der politischen Akteure ist ihnen dabei durchaus überhaupt kein Vorwurf zu machen, müssen sie doch irgendeine Art von Filter nutzen, um auf Basis von aktuellen "Informationen" Entscheidungen überhaupt treffen zu können.

Wie gefährlich diese einseitige Wahrnehmung von scheinbaren Problemlagen sein kann, hat sich in den letzten Wochen ja leider bei den sogenannten #Pegida Demonstrationen gezeigt. Schnell waren die Traditionsmedien auf den fahrenden Zug, der erhöhte Klickzahlen in Aussicht stellte, aufgesprungen, schon gewann das gesamte Thema nochmals an Fahrt bis es am Ende die quantitative Analyse einiger Soziologen die Chimäre von der Massenbewegung in sich zusammen fallen ließ.

Eigentlich wäre es an dieser Stelle an der Zeit, sich endlich über die Schritte in Richtung einer Politik 2.0 Gedanken zu machen. Wer sich theoretisch oder praktisch mit der Initiierung von politischen Initiativen beschäftigt, ist häufig immer wieder verwundert, in welch umfangreicher Weise Zufall und Glück dabei behilflich sind, dass es zu einem politischen Beschluss kommt, der dann in ein Gesetz gegossen wird. Es sind eben gerade nicht die vielen wissenschaftlichen Studien, auf Basis derer dann in rationaler Weise - so die nach wie vor weit verbreitete Vorstellung - ein Gesetz verabschiedet wird. Dass ein Thema zum politischen Thema wird, ist zumeist das Ergebnis einer erratisch verlaufenden Entwicklung vorab. Wäre es stattdessen nicht an der Zeit, Gesetzgebungsverfahren nicht ein klein wenig systematischer ablaufen zu lassen und sich dabei an wirklich existenziellen Risiken globaler Relevanz zu orientieren?

Gibt man die Begriffe "Bedrohungsgefühl, Bevölkerung, Umfrage, Deutschland" in entsprechende Suchmaschinen ein, so ergeben sich zuhauf Fundstellen, die sich mit der Wahrnehmung des Islam und der Migrantendebatte durch unbestimmte Bevölkerungsanteile beschäftigen. Dies ist das Ergebnis der langanhaltenden Mediendebatte der letzten 2 Jahre, ob der Islam eine Bedrohung für Deutschland sei. Gesellt sich zu der inzwischen international bekannten deutschen Google-Phobie nun auch noch die Islam-Phobie? Wenn dem so wäre, müssten Gesetze, die unter dem Eindruck dieser Phobien zustandegekommen sind, eigentlich kritisch hinterfragt werden, da sie nicht auf einer objektiven Analyse beruhen sondern Ergebnis einer temporären und sehr national geprägten Stimmungslage gewesen sind.

Mein Haus - Mein Auto - Mein Risiko

Schaut man sich längerfristig angelegte Studien zur Risikoeinschätzung auf nationaler wie auch internationaler Ebene an, so ergibt sich auch ein gänzlich anderes Stimmungsbild in der hiesigen Bevölkerung. Nach Angaben einer aktuellen Telekom-Studie, die 23 persönliche Risikolagen in der Bevölkerung abgefragt hat, sind es in erster Linie nationale und individuelle Risikolagen, die die Menschen bewegen. Zuoberst sind es die Angst vor der eigenen Pflegebedürftigkeit, Altersarmut, Einkommensverlust, Krebs, Inflation und Nahrungsmittelskandale, die bis zu 50% der Befragten ängstigen.

Foto: Ole Wintermann
Gesamtgesellschaftliche Risiken hingegen wie Arbeitslosigkeit (23%), Naturkatastrophen (22%), Massenüberwachung durch Geheimdienste (19%), Krieg (18%), Terroranschläge (17%), globale Pandemien (12%) oder Zusammenbruch der Energieversorgung (6%) werden signifikant geringer risikobehaftet eingeschätzt. Beim Blick in die Zukunft ängstigen sich die Menschen vor allem um die Sicherheit und die Massenüberwachung bei der Nutzung des Internets. Auch hier werden - mit Ausnahme der Naturkatatrophen - gesamtgesellschaftliche Risiken deutlich weniger gefürchtet.

Welche Ängste oder Risiken sollten nun aber aus Sicht der politischen Akteure ernster genommen werden? Welche Risiken sind nicht nur subjektiv sondern auch objektiv als real einzuschätzen? Welche Einstellung basiert auf kurz-, welche auf langfristigen Trends? Wie könnten gesetzgeberische Instrumente identifiziert werden, die eine Lösung der wahrgenommenen Probleme wahrscheinlicher werden lassen? Gibt es blinde Flecken in der Risikowahrnehmung?

Experten sind sich einig: Auf die Menschheit kommen existenzielle Gefahren zu

Beim Blick auf internationale Risikoanalysen ergibt sich ein gänzlich anderes Bild der Risikoeinschätzung in der Weise, dass erstens Experten und nicht Bürger befragt werden/wurden und zweitens die internationale Dimension der Betrachtung sehr viel realistischer in den Blick genommen wird als bei den rein auf Deutschland fokussierten Studien. Dass solch eine Einschätzung nun seit Jahren ausgerechnet vom World Economic Forum abgegeben wird, nachdem im letzten Jahr bekannt geworden war, dass das letzte WEF 2014 1.100 zusätzliche klimaschädigende Flugbewegungen verursacht habe, soll an dieser Stelle mal vernachlässigt werden.

Bei der Frage der globalen Risiken mit der potenziell stärksten Schädigung menschlichen (Zusammen-) Lebens auf dem Planeten ergab sich folgende Reihung:
  1. Zugang zu sauberem Wasser
  2. Infektionskrankheiten
  3. Massenvernichtungswaffen
  4. Zwischenstaatliche Konflikte
  5. Versagen der Klimapolitik
  6. Energiepreisschocks
  7. Zusammenbruch der kritischen Infrastruktur
  8. Fiskalische Krisen
  9. Arbeitslosigkeit
  10. Kollaps des Ökosystems
Wenn stattdessen nach der Wahrscheinlichkeit des Eintritts des Schadensfalls gefragt wird, ergibt sich eine andere Reihung:
  1. Zwischenstaatliche Konflikte
  2. Extreme Wetterereignisse
  3. Versagen nationaler Regierungsweisen
  4. Staatlicher Kollaps
  5. Arbeitslosigkeit
  6. Naturkatastrophen
  7. Versagen der Klimapolitik
  8. Zugang zu sauberem Wasser
  9. Datenmissbrauch
  10. Cyberattacken
Eigentlich würde erst ein Produkt aus beiden Fragen eine sinnvolle Aussage über die politische Relevanz des Themas ergeben. Leider wird ein solcher Index aber nicht berechnet. Weitere Schlüsse können aus der Betrachtung des zeitlichen Ablaufs der Risikoanalysen gezogen werden. Insgesamt wurden bisher 9 Jahre lang Risiken und die Wahrscheinlichkeiten ihres Eintretens abgefragt. Damit ergeben sich 18 Datenpunkte. 

Das Thema Klimawandel verdrängt zunehmend das Thema Finanzmärkte

In 14 der 18 Fälle wurden mit dem Finanzmarkt zusammenhängende Fragen (Fiskalkrise, Versagen der Finanzmärkte, Einkommensungleichheit, Vermögensschmelze) als die wichtigsten Risiken der Menschheit genannt. Der Klimawandel hat jedoch in den letzten 4 Studien stetig an Bedeutung gewonnen. Schaut man sich zudem noch die Projektion der Befürchtungen in die Zukunft der nächsten 10 Jahre in der Studie an, so dominieren plötzlich die existenziellen Risiken: Extreme Wetterereignisse, Versagen der Klimapolitik, Wasserkrisen, Lebensmittelkrisen, Kollaps des Ökosystems, menschgemachte Katastrophen, Missbrauch der Technologie. 

Dieser Übergang von Fragen des Finanzmarktes und der Globalisierung in Richtung existenzieller Risiken ist beeindruckend konsistent und eindeutig. Allen Finanzmarktrisiken, der Datensicherheit sowie der Entwicklung der Arbeitslosigkeit werden in Zukunft eine geringere Bedeutung zugeschrieben. Dies gilt im Übrigen auch für Terror-Risiken. Zugleich wird den menschlichen Lösungskapazitäten bei der Bewältigung der existenziellen Risiken zur Zeit, im Vergleich zu allen anderen Risikoklassen, am wenigsten zugetraut. 

Auf den Punkt gebracht heißt das: Die tatsächlich die Menschheit bedrohenden Risiken sind die Risiken, die in den nächsten 10 Jahren am wahrscheinlichsten auf uns alle warten werden und für die die Menschheit bisher keine Möglichkeiten der Bewältigung ersonnen hat.

Zurück zu #Pegida, Mütterrente, Pflegebedürftigkeit, Altersarmut, Nahrungsmittelskandalen und den o.g. Fragen: Um welche Themen sollte sich Politik zuerst kümmern? Welche Themen sind für uns wirklich relevant? Sind es meine "kleinen" persönlichen Risiken, die landesspezifische Politik in den Blick nehmen sollte oder sind es eher systematische und globale Risiken? Wäre es nicht dringend angebracht, dass die deutschen Traditionsmedien ihren "Bildungsauftrag" ernst nehmen, sich etwas stärker auf die internationale Debatte- und Themenebene begeben und uns sorgfältig recherchierte Geschichten mit einer internationalen Relevanz liefern, wie dies The Guardian oder Journalisten wie Nafeez Ahmed bereits seit längerem machen? Nur dann bestünde die Chance, dass sich Politik hierzulande thematisch weiterentwickelt und deutlich internationaler wird.

Vielleicht entwickelt sich die Technologie aber auch in einer Weise weiter, wie dies der Global Risk Report des WEF auf Seite 40 darstellt, so dass sich die Menschheit letztlich gänzlich substanzielleren Fragen stellen muss:

"If smarter-than-human AIs (Artificial Intelligence) are built with goal specifications that subtly differ from what their inventors intended, it is not clear that it will be possible to stop those AIs from using all available resources to pursue those goals, any more than chimpanzees can stop humans from doing what they want."

Samstag, 14. Februar 2015

David Weinberger and Doc Searls: The Internet has liberated an ancient force — the gravity drawing us together (v. @cluetrain)

Foto: Ole Wintermann
Das in Online-Kreisen zumeist bekannte aber schon etwas in die Internet-Jahre gekommene Cluetrain-Manifest hat vor kurzem eine Aktualisierung u.a. durch den ursprünglichen Autor, David Weinberger sowie Doc Searls, erhalten.

Während die erste Version, so Weinberger und sein Co-Autor, vor allem für diejenigen Akteure gedacht gewesen sei, die nicht gewusst hätten, dass sie das Netz nicht verstanden hatten (und sich dies eigentlich bis heute nicht wirklich in Teilen der politischen Entscheider-Elite geändert hat), habe die Fortschreibung eher das Ziel, die frühen Netz-Innovatoren und die kritischen Geister mit Blick auf Massenüberwachung, Aufweichung der Netzneutralität und des Datenschutzes wach zu rütteln, weil:

"The Marauders understand the Internet all too well. They view it as theirs to plunder, extracting our data and money from it, thinking that we are the fools. But most dangerous of all is the third horde: Us."


Bezogen auf die Akteure, die das Netz für ihre Zwecke der Einengung, der Zensur, der Überwachung und der Kapitalisierung missbrauchen wollen, meint er:

"An organ-by-organ body snatch of the Internet is already well underway. Make no mistake: with a stroke of a pen, a covert handshake, or by allowing memes to drown out the cries of the afflicted we can lose the Internet we love."


Damit spielt er auf die Erkenntnis an, dass es Offliner gebe, die die Mechanismen des Netz sehr gut verstanden hätten und versuchen würden, die juristischen und ökonomischen Regeln des Meatspaces in ihrem Sinne auf das Netz zu übertragen.

Es geht um Macht, Kontrolle und Deutungshoheit. Die Offline-Elite fühle sich zunehmend in ihrem Status bedroht. 

Das Netz sei(en) hingegen:
  • wir und nicht die Anhäufung von Glasfaser oder Technik,
  • nicht etwas und habe auch keine vorbestimmten Zweck,
  • kein Inhalt,
  • kein Medium (wir sind das Medium),
  • auf Unbeschränktheit und Grenzenlosigkeit aufgebaut
Damit macht er deutlich, dass es auf Dauer keinen Gegensatz zwischen dem Netz und dem Meatspace geben könne, da die Menschen es mit ihren Interaktionen, Wertvorstellungen und Aktionen erst zum Leben erweckten. Das Netz sei nicht böse, manche Menschen seien aggressiv und nutzten das Netz für ihre Zwecke. Statt aber das Netz zu regulieren, müsse diesen aggressiven Menschen mit derselben Konsequenz begegnet werden, wie dies auch im täglichen Offline-Leben vonstatten gehen würde. Das Netz dürfe nicht dazu missbraucht werden, dieselben Mechanismen des "Stammesdenken" zu verstärken. Da man im Netz täglich mit unbekannten Menschen unbekannter Kulturen zusammentreffe, sei dies die Chance, einander besser verstehen zu können, ohne dass von vornherein "Stammeszugehörigkeiten" noch eine Rolle spielten. 

Im Verhältnis der Wirtschaft zum Netz gehe die Nutzung des Begriffs "Konsumenten" hingegen nach wie vor von dem alten herrschaftlichen Denken des Melkens der passiv konsumierenden Cash-Cow aus. Die sogenannte "Personalisierung" von Diensten sei in Wahrheit die Entmenschlichung der Personen, die vor dem PC sitzen, da der Mensch nur anhand seiner Tracking-Daten beschrieben würde, ohne aber überhaupt zum Kern des Menschlichen vordringen zu können. Tracking und Native Ads seien Ausdruck der Missachtung des Menschlichen und damit des Ursprünglichen, für das das Netz am Anfang mal stand.

"Web pages are about connecting. Apps are about control. In the Kingdom of Apps, we are users, not makers. Every new page makes the Web bigger. Every new link makes the Web richer. Every new app gives us something else to do on the bus."

Apps unterteilten, so Weinberger, die Menschen in Nutzergruppen, schotteten sie voneinander ab und erschwerten damit den freien Austausch der Menschen und ihrer Meinungen und Wertvorstellungen untereinander. Apps schaffen damit kleine "Reiche", in denen dann die Unternehmen so schalten und walten können, wie es ihnen beliebt. Apps führen somit zur Vermachtung des Netzes.

Die antiquierte Vorstellung des Meatspaces, dass es die "richtigen" Seiten gebe, auf denen man in einem Konflikt stünde, dass es "die" Wahrheiten gebe, dass es nach wie die Zweiteilung der Welt in "Gut" und "Böse" gebe, adressiert er, indem er fragt:

"Ok, government, you win. You've got our data. Now, what can we do to make sure you use it against Them and not against Us? In fact, can you tell the difference?"

Zum Angehen dieser anstehenden Aufgaben, das Netz auch weiterhin einiger Maßen frei zu belassen schlägt er vor:
  • Politiker zu fragen, welche Position sie einnehmen,
  • bestehende Gesetze an die Sharing-Logik anzupassen,
  • gemeinsam und konsequent gegen Hass und Trolls vorzugehen,
  • die Welt der Apps abzulehnen,
  • konsequent den Mut zum Fragen zu haben, 
  • und das Fehlen konkreter Antworten auszuhalten.
Das alles klingt zu wenig spezifisch und nach der Wahrheit? Willkommen in den Zeiten des Netzes, oder wie Weinberger meint:

"Internet naysayers keep us honest. We just like'em better when they aren't ingrates."

Dienstag, 10. Februar 2015

Hallo Auto-Industrie: PS-Boliden sind so langweilig

Langweilt ihr euch nicht auch, wenn ihr die dumpfen Auto-Werbespots bzw. -Anzeigen auf Facebook, Twitter, im linearen TV oder YouTube zu sehen bekommt? Noch mehr PS, noch schneller, protziger, noch mehr Blech und Plastik sowie Ressourcenverbrauch.

Brumm, Brumm, Brumm.

Menschen in Afrika und Latein-Amerika müssen in Minen für seltene Erden schuften und ihr Leben riskieren, damit im Rest der Welt entweder durch den Kauf teurer Karossen persönliche Eitelkeiten bedient werden oder aber der Nachfrage nach Autos nachgekommen werden kann, weil sich Politik und Gesellschaft lange Zeit zuwenig Gedanken darüber gemacht haben, wie ein Leben ohne Autos möglich ist. 

Vor einiger Zeit hatte ich mir daher mal angeschaut, welche Firmen im Netz die Debatte zur Zukunft des Autos bzw. zum Zukunft-Auto bestimmen und welche persönliche Wertschätzung diese fahrenden aber zugleich dummen, da nicht vernetzten und modifizierbaren, Blechkarossen der traditionellen Autofirmen in Zukunft erfahren könnten. Das Internet und Gesellschaft Collaboratory hat diesen Beitrag jetzt in die neue Ausgabe des "Digitalen Wandels" aufgenommen (S. 50). 

Dank an dieser Stelle an Sebastian und Janina sowie die anderen an der Erstellung der neuen Ausgabe Beteiligten für eure tolle Arbeit!


Sonntag, 8. Februar 2015

Cyberwaffen für den Krieg im Meatspace

How the CIA made Google

Dass die veröffentliche Debatte in den letzten Monaten für Google nicht zum besten stand, konnte man den entsprechenden Traditionsmedien ja zur Genüge entnehmen. Während aber dieser Kritik leicht mit dem Hinweis begegnet werden konnte, dass geschäftliche Interessen im Hintergrund dieser Kritik standen, sind die Erkenntnisse, die Nafeez Ahmed für seinen Artikel "How the CIA made Google" zusammen getragen hat, schon deutlich fundierter. Man könnte auch anders herum formulieren; Google muss seine Vergangenheit aufarbeiten, wenn das Unternehmen nicht ständig an den Geburtsfehler, von der CIA finanziert worden zu sein, erinnert werden möchte.

"... this joint CIA-NSA program partly funded Sergey Brin to develop the core of Google, through a grant to Stanford managed by Brin’s supervisor Prof. Jeffrey D. Ullman"

Die Reaktionen auf den Artikel haben nicht lange auf sich warten lassen und zeigen, in welch guter Weise Ahmed recherchiert zu haben scheint. Ein Blick auf seinen umfangreichen Artikel und die Updates lohnt auf jeden Fall.

Da passt es leider gut ins Bild, dass Google erst jetzt bekannt gegeben hat, den Mail-Verkehr von Sarah Harrison und einigen anderen WikiLeaks-Mitarbeitern bereits 2012 an das FBI übergeben zu haben, wie der Guardian aktuell berichtet. Die Luft für Google wird zunehmend dünn und erschwert zunehmend den Blick der Konsumenten auf die nach wie vor interessanten und vielseitigen Dienste des Unternehmens. Sowohl gegen Print-Traditionalisten als auch Aktivisten bestehen zu müssen, stellt kommunikationstechnisch sicher eine große Herausforderung für die Verantwortlichen dar. Man darf gespannt sein, wann das Unternehmen darauf reagiert.

Skype als Waffe im Meatspace-Krieg

Microsoft muss sich zum wiederholten Male fragen lassen, warum Skype nicht nur für eine Massenüberwachung friedlicher Bürger genutzt wird sondern auch als Waffe gegen regimekritische Aktivisten in Syrien missbraucht werden kann. Anita Gohdes hatte auf dem #31c3 bereits ausführlich auf die Nutzung des Netzes durch das Assad-Regime, um Kritiker zu identifizieren und hinzurichten, hingewiesen. Der Vortrag mit dem Titel "Information Control and Strategic Violence" ist empfehlenswert als kleiner Nachhilfeunterricht für Offliner, die meinen, man dürfe nur mit Klarnamen im Netz unterwegs sein.


Nun sind auf Techworld.com nähere Angaben zum Umfang der Überwachung mit Hilfe von Skype gemacht worden. Techworld.com hatte bereits vor 2 Jahren auf die Gefahr hingewiesen, die die Arbeit der Kämpfer gegen das Assad-Regime mit Hilfe von Skype eingingen. Bei dem jetzt bekannt gewordenen Angriff der Regime-Vertreter sind über 12.000 Kontakte, 200.000 Nachrichten und 31.000 Konversationen von Assad-Kritikern geleakt worden. Informationen, die, wie Anita Ghodes deutlich gemacht hatte, genutzt werden, um Kritiker gezielt hinzurichten. 

Welche Verantwortung ergeben sich daraus zwangsläufig für westlichen Firmen, die Soft- und Hardware nicht ausreichend gegen solchen Missbrauch schützen bzw., die mit ihren Produkten sogar noch dabei helfen, politische Kritiker in solchen Regimen zu exekutieren? 

Die deutsche Ausgabe von Wired.com stellt in einem Artikel über die Aktivität deutscher "Sicherheitsfirmen" im Kontext der Lieferung von Überwachungssoftware in autoritäre Regime fest: 

"Die Firma hat offenbar kein Problem damit, dem Regime Werkzeuge zur Verfolgung von Dissidenten und Homosexuellen zu liefern. (...) Die Bundesregierung griff der Branche lange Zeit bereitwillig unter die Arme."


Sonntag, 1. Februar 2015

Leben auf dem Land hat Zukunft!

Update, 01.02.2015

Nachdem der durchschnittliche kinderlose Baby-Boomer in den Großstadt-Redaktionen der deutschen Qualitätsmedien 2 Jahrzehnte den Lesern deutlich machen wollte, dass das Leben in der Stadt kulturell überlegen und das Leben mit Kindern vor den Toren der Stadt alles andere als ökologisch nachhaltig und hip sei, scheint sich nunmehr im Zuge der Digitalisierung auch in diesem Themenfeld die Meinung etwas zu ändern. In meinem Anfangs-Post (s.u.) hatte ich etwas provokativ gefragt, welche tatsächlichen Gründe es eigentlich noch für das Leben in der dichtbesiedelten Beton-Wüste gäbe, wenn erst einmal die digitale Infrastruktur flächendeckend vorhanden wäre. Mir fallen jedenfalls nach wie vor keine persönlich relevanten Gründe ein.



In der Zwischenzeit hatte es Dank @rebastion und @Ansch11 eine spannende Initiative des Internet und Gesellschaft Collaboratory unter der Überschrift "Smart Country" in Berlin gegeben. Ich empfehle jedem kommunalen Entscheider dringend einen Blick in den Bericht der Initiative, um die Perspektive endlich von öden Einkaufszentren- und Fußgängerzonen-Debatte weg und hin auf die anstehenden Zukunftsfragen zu richten. Die Digitalisierung wird auch bei diesem Trend disruptiv wirken und bisherige "Wahrheiten" ("Die Menschen ziehen im Zuge der Alterung wieder in die Innenstädte") mehr als in Frage stellen.


Nun aber gehen endlich auch Traditionsmedien auf diese veränderte Sichtweise, die ja schon länger in der digitalen Community diskutiert wird, ein. So hatte der Deutschlandfunk zu einer Gesprächsrunde mit dem Titel "Genervt vom Leben in der Großstadt" eingeladen, in der gefragt wurde, ob angesichts der Agglomerationsnachteile großer Städte nicht doch ein Leben auf dem Lande dem Leben in der Stadt vorzuziehen sei (hier geht es zum Beitrag). Es ist allerdings schade, dass zu dieser Gesprächsrunde keine digitalen und kommunalen Experten wie @wkaczoro oder @nowanda1 eingeladen worden waren. Die Diskussion wäre mit Hilfe bspw. dieser beiden Experten, die die kommunale mit der digitalen Sicht verbinden, vollständiger geworden. Aber vielleicht überlegt sich der @DLF es sich bei der nächsten Runde ja noch... ;-)


Update, 5.4.2014

27. NPO Blogparade

Die aktuelle NPO Blogparade befasst sich mit der interessanten Wechselwirkung von Demografie, Internet und der Bildung von Netzwerken (im ländlichen Raum):

"Netzwerke im demographischen Wandel aufbauen - Chancen und Hindernisse?"

Die Organisatoren der Blogparade fragen nach Input und Blogbeiträgen unter besonderer Berücksichtigung der folgenden Gesichtspunkte:

Wie man lokale Netzwerke erfolgreich aufbaut.
Welche Hindernisse zu überwinden sind.
Welche Online-Tools sich in lokalen Vernetzungsprozessen bewähren.
Was örtliche Initiativen von digitalen Aktionsnetzwerken lernen können.
Welche Chancen, aber auch Probleme, die Netzwerkstrukturen mit sich bringen.
Wie man Jung und Alt zum Mitmachen motiviert.
Welche Rolle Netzwerke für den Wissenstransfer spielen.

Die Themenstellung finde ich äußerst interessant, da die Frage des Netzwerkens und der digitalen Infrastruktur hier nicht als Selbstzweck gesehen sondern in einen inhaltlichen Kontext gestellt wird. Von daher habe ich mir mal erlaubt, meinen nicht mehr tagesaktuellen Post, in dem ich mich vor einiger Zeit mal mit den Wechselwirkungen befasst hatte, nochmals zu verlinken.


Die Stadt aus Sicht der Toskana-Fraktion

Städte sind hip, man geht zum Altern zurück in die Stadt, Latte Macchiato nach dem Theaterbesuch schlürfen und wohnen in altersgemischten Quartieren ist die Art von Alterung, die sich die Baby-Boomer in Funk, Fernsehen und Printmedien selbst zurechtschreiben. Da hat die nette Oma von nebenan nichts anderes im Sinn und zu tun als regelmäßig auf die Kinder des Doppelverdienerehepaars aus der Nachbarschaft aufzupassen. Sind die Kinder dann älter, bringen sie dann natürlich auch gern den Müll der Omas und Opas aus der Nachbarschaft mit vor die Haustür, so die realitätsfernen Vorstellungen der Berufsgruppe mit dem höchsten Anteil an Kinderlosen.


Ich glaube, dass deren relativ pauschal vorgetragene These, dass der demographische Wandel quasi automatisch zu einer Rückkehr in die Innenstädte führen wird, so zukünftig nicht mehr zu halten sein wird. Bei den bisherigen Überlegungen zu den Auswirkungen des demographischen Wandels ist die Rolle und die stark steigende und in Zukunft sogar noch elementarere Bedeutung von Internetinfrastrukturen nicht berücksichtigt worden.

Donnerstag, 15. Januar 2015

Datensicherheit: Leider noch kein Thema für den Arzt von nebenan

Gastbeitrag von Dr. Jochen Deppe, Zahnarzt

Zum Datenmanagement intraoraler Scanner

Intraorale Scanner zur digitalen Abformung sind was ihre Genauigkeit und Zuverlässigkeit angeht, dokumentiert und ihre technischen Grundlagen sowie der Workflow aus Anwendersicht sind beschrieben. Jedoch gibt es keine wissenschaftlichen Arbeiten darüber, wie diese Geräte mit den generierten Datensätzen umgehen oder welchen Rechtsnormen sie unterliegen. Abgesehen von der Bedeutung, die die europäische und nationale Legislative dem Datenschutz beimisst, ist spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden in der Bevölkerung die Sensibilität für die Datensicherheit gestiegen.

Foto: Jochen Deppe (klassischer analoger Abdruck)


Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Aspekten des Datenschutzes, die für intraorale digitale Abformungen gelten und wendet diese Erkenntnisse an, um Kriterien für sicher anwendbare Systeme zu beschreiben. Ein intraoraler Abdruck unterliegt als personenbezogener Gesundheitsdatensatz dem Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) oder der entsprechenden EU-Richtlinie 95/46. Damit hat der Anwender besondere Verpflichtungen, was die Erstellung, Verarbeitung und Weitergabe dieser Datensätze betrifft. Insbesondere die Datenübertragung über das Internet ist kritisch zu beurteilen.

Ein Zahnarzt, der ein solches Gerät betreiben will, muss sich sorgfältig mit dem Datenschutz, den eine digitale intraorale Abformung verlangt, auseinandersetzen und sicherstellen, dass das ausgewählte Gerät rechtssicher und im Einklang mit der Schweigepflicht zu betreiben ist.

Samstag, 27. Dezember 2014

Erst die #AnalogeAgendaDE, jetzt #Pegida? Klimawandel et al.: War da etwas?

tl;dr

Während man sich hierzulande in Folge der politischen Ökonomie einer alternden Gesellschaft v.a. mit der Rente mit 63, der Mütterrente, #Pigeda und der #AnalogenAgendaDE beschäftigt, rufen die internationalisierten Herausforderungen eigentlich nach gänzlich anderen Politikansätzen.

Die kleine deutsche Welt der #Pegida-Demonstranten

Es ist schon erstaunlich, seit wie vielen Wochen xenophobe und islamophobe Demonstranten im Osten unserer Republik die Medienberichterstattung dominieren und die kleine deutsche Welt kein anderes Thema mehr zu kennen scheint. Anhand der Demonstrationen zeigt sich sehr "schön", wie schwer einer alternden Gesellschaft, die in den letzten Jahrzehnten allen Armutsberichten zum Trotz es doch gewohnt war, eine beständige Steigerung ihres Wohlstandes zu erfahren, die Anpassung fällt, wenn diese kleine Welt jetzt nicht länger in einer abgeschlossenen Käseglocke existiert sondern mit den Unbilden einer globalisierten Welt zu kämpfen hat.

Im Feld der Digitalisierung, in dem Deutschland in nahezu allen relevanten Dimensionen inzwischen weit hinter vergleichbaren OECD-Staaten hinterher hinkt, hat sich dieser innovationshemmende Effekt der Alterung bereits sehr deutlich gezeigt. Die #Pigeda Demonstrationen zeigen, dass sich dieses provinzielle Verhaltensmuster in der Flüchtlingspolitik jetzt zu wiederholen scheint. Wie soll es ansonsten anders zu interpretieren sein, dass aus einer in Bezug auf die Gesamtbevölkerungszahl verschwindend geringen Zahl an Flüchtlingen gleich eine Grundsatzdebatte im Feuilleton der Traditionsmedien dieser Republik erwächst? Habt ihr nichts Wichtigeres zu diskutieren? Wie ist es beispielsweise um die Anpassungsfähigkeit einer solchen Gesellschaft in Bezug auf tatsächlich relevante globale Herausforderungen bestellt? Wie könnten politische Entscheidungen und Aktivitäten aussehen, die diese Anpassungsfähigkeit wieder erhöhen? Wo finden in deutschen Medien diese Diskussionen statt?

Flüchtlingsbewegungen als Indikator für Probleme gänzlich anderer Art

Vor kurzem war mir in diesem Fragekontext der aktualisierte State of the Future Bericht des Millennium Projekts aufgefallen. Ich halte den Bericht und die Methodik des Ansatzes vor dem Hintergrund der zunehmenden und sich gegenseitig verstärkenden globalen Interdependenzen der Megatrends für nach wie vor - und dies vielleicht in Zukunft noch stärker - für eine der entscheidenden Entscheidungsgrundlagen internationaler Politikakteure.

Der Report stellt fest:
  • die Grundwasserspiegel fallen weltweit,
  • die zwischenstaatlichen Konflikte und die Flüchtlingsbewegungen nehmen zu,
  • Gletscher, die als Wasserspeicher dienen, schmelzen,
  • Einkommensungleichheiten nehmen zu,
  • die Ozeane versauern und verlieren zunehmend jedes Leben,
  • die Hälfte des weltweit verfügbaren fruchtbaren Erdbodens ist zerstört.

Internet spielt wichtige Rolle bei der Bewältigung der globalen Herausforderungen

Dabei verweist der Report auf die multidimensionale Rolle des Internets und der sozialen Medien als Treiber der Probleme, der Lösungen, der Interaktion über soziale und kulturelle Grenzen hinweg. Er kommt zu dem aus deutscher Medien-Sicht nachdenklich stimmender Aussage:

"It is also clear from The Millennium Project’s global futures research over all these years that there is greater agreement about how to build a better future than is evident in the one-way media that holds audiences by the drama of disagreement, which is reinforcing polarization."

Die bessere Versorgung mit Bildung im Gleichklang mit der Verbreitung des Internets würde, so der Bericht, zunehmend den Missbrauch von Macht durch Eliten erschweren. Dem Internet wird mit Blick auf die Interaktionsdimension auf globaler Ebene eine absolut essenzielle Rolle bei der Bewältigung all dieser globaler Herausforderungen zugeschrieben:

"Humanity is slowly but surely becoming aware of itself as an integrated system of cultures, economies, technologies, natural and built environments, and governance systems."

Der vom Projekt erstellte Index verharrt nach einem langen und stetigen Anstieg in den letzten 25 Jahren seit nunmehr 5 Jahren auf demselben Niveau. Über den gesamten Betrachtungszeitraum hinweg gab es einige positive Entwicklungen:
  • Erhöhung der Lebenserwartung bei gleichzeitiger Absenkung der globalen Geburtenraten,
  • Rückgang des Anteils an der Bevölkerung, der unterernährt ist,
  • Halbierung der Säuglingssterblichkeit,
  • verbesserter Zugang zu Trinkwasser, Bildung, Internet und nachhaltig produzierter Energie,
  • und Anstieg der ausländischen Direktinvestitionen.

Leider wurden diese Erfolge aber mit negativen Entwicklungen in anderen Lebensbereichen "erkauft":
  • Vergrößerung des ökologischen Fußabdrucks,
  • steigende Einkommensungleichheit,
  • stark steigende CO2-Emissionen mit bereits heute nicht reversiblen Klimafolgen, 
  • Rückgang der bewaldeten Landfläche,
  • Verlust von 87% aller Fischbestände und
  • sinkendes Volumen des wiederverwertbaren Trinkwassers bei gleichzeitig steigendem Wasserbedarf.

Der Report verweist zu Recht auf die Projekte von Google (Achtung! German Googlephobia.), IBM und anderen zur Nutzung von Artificial Intelligence, Cloud-Diensten und Big Data, denen eine entscheidende Bedeutung bei der Bewältigung der globalen Herausforderungen zukommen kann (wie piefig wirkt in diesem Zusammenhang die deutsche Google-Debatte). Die Versorgung mit mobilem Breitband komme hierbei (#AnalogeAgendaDE!) entscheidende Bedeutung zu. Der Bericht stellt die Frage:

"So what happens when the entire world has access to nearly all the world’s knowledge and instantaneous access to artificial brains able to solve problems and create new conditions like geniuses, while blurring previous distinctions between virtual realities and physical reality?"

Kann der Menschen systematisch denken und handeln?

Der Bericht sieht sowohl in der zunehmenden globalen Komplexität, den weltweiten sachlichen und politischen Interdependenzen und den traditionell arbeitenden Medien die größten Herausforderungen bei der Nutzung der durch Big Data, AI und sozialen Medien eigentlich verfügbaren Informationen über Kontexte und Lösungen für die globalen Herausforderungen.

"But little news coverage, educational curricula, or the general public who elect political leaders seem aware of the extraordinary changes and consequences that need to be discussed."

Die Lösungen würden ständig erdacht; hierzu zählten u.a. Nano-Medizin, alternative Energiequellen, ortsunabhängiges Arbeiten, die Nutzung von Daten zur Erfassung komplexer Sachverhalte, die Nutzung von sozialen Medien zur Kollaboration von Menschen für bestimmte Zwecke, Science 2.0, Open Access. Was fehle, ist ein Bewusstsein über die Kontexte.

Der Report ruft daher auch dazu auf, ein ganzheitliches Bild der Akteure, der Tools, der Methoden und der sachlichen Fragestellungen zu entwickeln und nennt dies das "Global Futures Intelligence System". Dies ist natürlich leichter gesagt als getan, wenngleich die Metapher "Wir sitzen alle im gleichen Boot" aktueller denn je zu sein scheint.

Hier schließt sich dann auch der Kreis. Ich möchte nicht in einem Dresdner Boot sitzen, das von #Pegida-Provinzialisten gesteuert wird: ich möchte mich als Teil des globalen Bootes verstehen, in dem wir alle Herausforderungen von gänzlich anderer Dimension bestehen müssen.

It´s global change, stupid.

Samstag, 6. Dezember 2014

#AlteSäcke und Löschungen im Netz: Wie geht der (radikale) Feminismus mit Menschen und Meinungen um?

Diskurs gehört zu einer Demokratie, solange die Beteiligten nicht zu Gewalt oder Rassismus aufrufen bzw. die FDGO in Frage stellen. Chris Good hat all dies nicht getan. Er hat einfach nur in der britischen Ausgabe der Huffington Post kritische Fragen an den Feminismus gestellt. Das reichte aus, um ihn mundtot zu machen. Welche Vorstellungen von einem demokratischen Diskurs hat der (radikale) Feminismus verinnerlicht?

Dass Netzdebatten zu Gender- und Feminismus-Themen den meisten Menschen nicht wirklich Freude bereiten, ist keine Neuigkeit. Das Thema ist - vollkommen egal, wie man dazu steht - entweder mühsam, weil man Anhänger traditioneller Rollenbilder immer wieder von ihrem falschen Weltbild überzeugen muss (#Ironie1), oder einfach nur nervig, weil sich alle Feministinnen zu einer Weltverschwörung vereinigt haben (#Ironie2). Die älteren Menschen unter uns wissen, dass die Wahrheit im Leben meist irgendwo zwischen diesen beiden Extrempositionen zu finden ist. So schränken uns einerseits tradierte Rollenbilder häufig in der Wahlfreiheit der eigenen Lebensweise ein und geben uns ein falsches Bild unserer Mitmenschen. Und andererseits? Andererseits wäre es an der Zeit, dass sich der Feminismus fragen muss, wie er zu den eigenen radikalen Strömungen steht.

Worum geht es?

Im November diesen Jahres veröffentlichte ein Blogger mit dem Namen Chris Good in der UK-Ausgabe der Huffington Post drei Artikel mit den folgenden Überschriften, in denen er sich vorsichtig kritisch mit den radikalen Strömungen des Feminismus auseinandersetzte.

"Men Aren’t Victims: Just One of Feminism’s Lies"
"Why Feminism Is NOT 'The Fight for Equal Rights’"
"Why Feminism Needs To End: It’s Time To Work Towards Equality"


Ausgangspunkt der Artikel war seine persönliche Erfahrung mit häuslicher Gewalt - seine Freundin hatte ihn geschlagen - und seine Fassungslosigkeit, als er versuchte, diese Gewalt nach außen zu kommunizieren, und keine Verständnis für seine Situation fand. Diese Artikel kann ich jedoch nicht verlinken, da alle drei Texte von der Huffington Post UK gelöscht worden sind. Auf meine direkte Anfrage bei Chris Good erhielt ich von ihm die folgende Antwort:
Ich habe auch die Huffington Post UK direkt angefragt und warte immer noch auf eine Antwort.
Chris Good war so nett und hat mir die Texte aber erneut zur Verfügung gestellt, so dass ich näher auf diese eingehen kann.

Aufrufe zum Diskurs können gefährlich sein

Bevor er seinen ersten Artikel beginnt, schreibt er bereits - wohl wissend um die kommunikativen Aktivitäten der #RadFems im Netz: "I'm aware that every word will be pulled apart, angered messages will fill my inbox and I'll be accused of ignorance and sexism". Mit Blick auf seine (zukünftige) Schreibtätigkeiten nicht nur für die HuffPost hat er bereits die Schere im Kopf, wenn er schreibt: "I won't say who the guardian of feminism is, because I'd very much like to write articles for them and don't want to be blacklisted for publicly calling them sexist." 

In Folge seiner eigenen familiären Erfahrungen als Vater ist für ihn eine der Gründe für seine These, dass Feminismus eben gerade nicht für die Gleichheit aller Menschen kämpfe, das fehlende Engagement für das gemeinsame Sorgerecht: "That feminism apparently stands for 'equality' in order to be recognised as legitimate and politically correct, but does nothing to fight for the rights of separated fathers as equal parents, while advocating the social assumption that women are more emotionally bonded with their children based on gender stereotype." 

Er verweist im Folgenden dann aber auch auf den Druck, der der Feminismus auf andere Frauen ausübe: "Feminism casts out the old gender roles of both men and women as outdated and primitive, promoting the working, confident, strong woman as 'progressive' and the stay at home mother and wife as a woman who is 'socialised' into an inferior lifestyle of old". Dass aber der Versuch, ständig nur an die Selbstverwirklichung unabhängig vom sozialen Setting des eigenen Alltags zu denken, in einer Partnerschaft und Familie zu Probleme führen könne, sei eigentlich logisch. Er schließt seinen ersten Post mit dem Aufruf zum Dialog: "Such a campaign does not begin with one side 'allowing' the other to join. Neither does its name imply one side should fight only for the rights of the other. "HeForShe"? I'd call it “AllForEquality".

In seinem zweiten Post geht er u.a. auf die in den Medien gängig gewordene Beschimpfung von Männern (Aktuell in der ZEIT: Dort werden Männer mit Hunden verglichen, die kastriert werden sollten, um es den Frauen im Alltag leichter zu machen. Auf der deutschen Seite der Huffington Post darf die Juso-Vorsitzende die von Männer gestaltete Politik pauschal als "Alte Säcke Politik" diskreditieren). Er schreibt über diese dem Zeitgeist entsprechende Misandrie: "A movement is its voice in the media, and ours is constantly bombarded with the notion that women are the only oppressed gender while men are the perpetrators of rape, rape threats, domestic violence, cat calling, sexual objectification and with headlines such as 'a sea of misogyny', 'men should just shut up' and 'men avoid housework and don't do their share'. This can have one outcome: suspicion, dislike and blame toward all men".

Frauen als Täterinnen? Undenkbar.

In seinem dritten Post beschreibt er die Gewalt, die er durch seine Freundin erfahren hat und die Unfähigkeit seiner Umwelt, die Tatsache zu akzeptieren, dass die Gewalt eben nicht stereotypisch vom Mann sondern von der Frau ausgegangen ist. Damit aber trägt der Feminismus zur Verstetigung von Geschlechter-Stereotypen bei: Mann = Täter, Frau = Opfer. Über die Problematik der Festschreibung von Rollenbildern hätte der Feminismus aus sich heraus eigentlich sehr viel zu sagen. In diesem Fall bleibe er aber sprachunfähig und entzieht sich damit selbst der moralischen Legitimation. "It's actually a cultural norm; film and television have always considered it acceptable and sensational for a woman to finish a verbal argument with a slap, a shove, or throwing an object, and still do! I saw a boy, in school, endure over a minute of assault from a girl before finally hitting back, once. She got sympathy while he took his scratches, pulled hair and bruises home, with suspension". Empirie wird von #RadFems gern negiert, zeigen doch immer mehr Studien, dass 40-60% der häuslichen Gewalt von Frauen ausgeht. 1/3 der sexuellen Gewalt von Vorgesetzten gegenüber Untergebenen bei der Bundeswehr, so die im letzten Jahr von Frau vdL vorstellte Studie geht von Frauen aus. Es ist immer schmerzhaft, wenn eine Ideologie versuchen muss, Statistiken in der eigenen Argumentation zu berücksichtigen und dies augenscheinlich nicht vermag.

Ein Abschnitt aus seinem zweiten Post bringt es aus meiner Sicht am besten auf den Punkt: "I am an advocate for women's rights. I have daughters and hate the thought of them facing discrimination, harassment, catcalling... or whatever else. I want to help create a society where they can safely prosper and choose whether they work or keep house, or both. But I have a son too, and I reflect on the discrimination I, and others, face because we are male. I do not want him to experience that which I have seen and felt". Damit zeigt er ganz einfach, dass all dieser ideologische Überbau für Eltern keinen Sinn macht, da diese ihre Kindern nicht als Teile einer ideologischen Grundsatzdebatte sehen. Die Ideologiedebatte ist für den Alltag in Schulen und Kindergärten relativ nutzlos.

Er schließt mit dem Aufruf: "Feminism is not the answer. We need to protect people. Not women. Not men. People."

Bieten diese Kernaussagen wirklich einen Anlass, um alle drei Posts vom Netz zu nehmen? Wohl kaum. Wer sich davon überzeugen möchte, dass hinter den Texten kein chauvinistisches A... steckt, kann sich das Video von Chris Good ansehen, in dem er die Texte nochmals zusammenfasst, nachdem sie von der Huffington Post UK nach einem feministischen Shitstorm vom Netz genommen worden waren.




Welche Rolle möchte der Feminismus im demokratischen Diskurs spielen?

Nicht umsonst überschreibt Chris Good das Video mit einer Zeile, die eigentlich in Putin´s Reich zu erwarten gewesen wäre. Manchem mag diese Überschrift zu schrill erscheinen. Auch könnte man natürlich einiges an seinen Texten kritisieren: Dass er allein die westliche Sicht auf das Thema analysiert, dass er nur weiße privilegierte Frauen betrachtet, dass er nicht ausreichend zwischen den gemäßigten und den #RadFems unterscheidet, dass er das Thema sehr aus seiner persönlichen Sicht vorantreibt. All das könnte man kritisieren und dies würde zu einem demokratischen Diskurs dazu gehören. Dieser Diskurs, zu dem Chris Good immer wieder aufgerufen hat, wird aber nicht gewollt, so dass frau stattdessen zur Zensur greift.

Der Feminismus hat seine Unschuld verloren und sollte sich schon aus reinem politischen Eigeninteresse überlegen, wie er zu den radikalen Strömungen innerhalb seiner Denkrichtung steht.
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