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Montag, 27. April 2015

Das Ende der Fußgängerzonen

Benötigen wir Fußgängerzonen?

Brauchen wir heute noch Fußgängerzonen und Innenstädte (in mittelgroßen deutschen Städten), in denen man einkaufen kann? Wer kennt sie nicht, die Bücher, die beim Buchhändler gerade nicht verfügbar sind, die Öffnungszeiten des Kaufhauses, die sich mal wieder geändert hatten, der schlechte Kaffee des Bäckers, der zuviel Laufkundschaft hat, um sich über Qualität Gedanken machen zu müssen, die Parkplatzsuche beim Arztbesuch. Und wieder hat man sich umsonst auf den Weg "in die Stadt" gemacht. Friseure, Bäcker, Drogerien und Supermärkte befinden sich sowieso (auch) außerhalb der Innenstädte. Banken, Bibliotheken, Stadtverwaltungen und teilweise auch schon Lebensmittelgeschäfte können online genutzt werden.

Gunnar Sohn schreibt in seinem aktuellen Debattenbeitrag über die "auswechselbaren Fußgängerzonen mit dem Charme bepisster Blumenkübel" und hinterfragt kritisch das Vorgehen von Siggi Gabriel und der EU Kommission mit Blick auf die kartellrechtlichen Debatten um die mögliche Zerschlagung von Google. Der Text von Gunnar hat mich dazu gebracht, einmal mit offenen Augen durch die Fußgängerzone (oder politisch korrekt: Zu-Fuß-Gehende-Zone) der Stadt, in der ich wohne (Gütersloh), zu gehen.

Altlasten werden abgebaut - neuer Investor auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände ist ein Abbruchunternehmen
Foto: Ole Wintermann
Denn wir kennen es alle, das Schlagwort von der "Attraktivität der Innenstädte". Wir vernehmen regelmäßig das Anpreisen der Fußgängerzonen dieser Republik - "Lebensqualität", "Abkehr von der grünen Wiese", "kurze Wege" - durch die Politik, die Stadtverwaltungen, den Einzelhandel und die Baby Boomer in den Kulturredaktionen der großen Zeitungen. Auf der anderen Seite steht aber die Lebensrealität der meisten anderen Menschen.

Stadtplanung und Digitalisierung?

Vor kurzem wurde in der (Innen-) Stadt (von) Gütersloh nach langen Jahren der politischen Debatte eine neue Einzelhandelspassage eröffnet. Sie entspricht den Vorstellungen des Einzelhandels der 1990er Jahre davon, wie Menschen einzukaufen haben. Man begebe ich in dunkle Ladengeschäfte, die versucht wurden, mit der üblichen Mischung aus Stahl und Glas luftiger erscheinen zu lassen. Aufgrund der örtlichen Begebenheit wurde ein Sporteinzelhandelsgeschäft zentral in der Passage platziert. Dort kann man kaufen: Skier, Tenniszubehör, Laufschuhe, Fußbälle. Alles dies kann ich aber auch bei Amazon (oder auch Otto) erwerben. Meine Prognose ist, dass dieses Geschäft die nächsten 10 Jahre nicht überstehen wird.

Denn: Worin besteht der Mehrwert für den Konsumenten (in Gütersloh wie auch jeder anderen mittelgroßen deutschen Stadt) bzw. sich für den täglichen Konsum in die geografische Mitte einer Stadt zu begeben, in der:

  • der Verkehr nervtötend ist,
  • der Stresspegel angesichts der vielen Menschen regelmäßig ansteigt, 
  • die Auswahl an Artikeln sehr beschränkt ist,
  • diese Auswahl zudem zumeist teurer als im Netz ist und in der

am Ende sehr viel mehr Zeit darauf verwendet wird, einen Warenkorb zusammenzustellen als dies bei einer Shopping-Tour auf dem Sofa zuhause der Fall gewesen wäre.

Grüne Wiese vor der Stadt? Mitnichten: Unmittelbare Innenstadt von Gütersloh
Foto: Ole Wintermann
Vor kurzem hat in derselben Stadt ein Apple-Fachgeschäft mitten in der Stadt die Pforten geschlossen. Offizielle Begründung des Inhabers: Aufgrund der naheliegenden Baustelle habe sich der Umfang der Laufkundschaft verringert. Nun wäre es für einen PC-Händler eigentlich naheliegend gewesen, sich nicht auf die Laufkundschaft zu verlassen sondern auch im Netz zu expandieren. Stattdessen aber wurde in der örtlichen Papierzeitung darüber räsoniert, was getan werden könne, um die "Innenstadt attraktiver zu machen".

Amazon als neuer "örtlicher" Einzelhändler?

Das Örtlichkeitsprinzip einer Fußgängerzone ist eine Erfindung der 1950er Jahre und hat mit dem Konsumverhalten der heutigen Menschen nicht mehr allzuviel gemein. Der Ort des Kaufaktes wird immer unwichtiger. Stadtverwaltungen und örtliche Einzelhändler täten gut daran, im Zuge der Stadt- und Flächennutzungsplanungen in neuen Szenarien zu denken. Regionale Wirtschaftsförderung könnte verstärkt den Einzelhändlern zugute kommen, die mit Hilfe des Online-Handels die eigenen Absatzmärkte über die Grenzen der eigenen Kommune hinaus erweitern wollen. Regionalisierung bezöge sich dann weniger auf den Absatzmarkt als vielmehr auf den Ort der Produktion.

Hier kommen nun wieder Google, Amazon und andere ins Spiel. Zum einen erzeugen diese Unternehmen den Druck auf örtliche Einzelhändler, sich neuen Kaufgewohnheiten der Konsumenten anzupassen und zugleich bieten sie aber auch die Tools an, mit denen diese neuen Gewohnheiten bedient werden können. Das Fordern der Zerschlagung dieser Daten-Unternehmen würde demnach implizit auch das Festhalten der Traditionalisten an alten Gewohnheiten in Städten wie Gütersloh befördern.

Daran können wir Bürger und Konsumenten kein Interesse haben. Und nein, liebe Einzelhändler, nicht Google und Amazon sind Schuld an eurer häufig problematischen Situation, sondern eure in weiten Teilen immer wieder zu beobachtenden Innovationsdefizite.

Dienstag, 21. April 2015

Datenschutz reloaded: Teilen statt Darwinismus?

Der Beitrag ist zuerst auf der Seite der Netzpiloten erschienen und basiert auf einem Treffen von Experten im Zuge des Foresight-Prozesses “Future Agenda” zu dem übergeordneten Thema “Zukunft der Arbeit/Datennutzung” im April diesen Jahres.

Die Debatte um Datenschutz lässt verschiedene gesellschaftliche Meta-Aspekte im Umgang mit Daten außer Acht.
Sharing instead of Darwinism (Image: Ole Wintermann)
Foto: Ole Wintermann
Statt über das einfache Pro und Contra des Sammeln von Daten zu diskutieren, sollten wir vielleicht auch fragen, in welchem gesellschaftlichen Zusammenhang welche Positionen vertreten werden. Datenschutz und die Debatte über die Verwendung von Daten wird seit Jahren unter den immerselben (und überaus wichtigen) Gesichtspunkten geführt:
  1. Datenschutz und Privatsphäre: Welcher Umfang an Datenschutz ist gewünscht und realistisch?
  2. Daten als Machtinstrument: Was wissen Unternehmen und der Staat über mich? 
  3. Ungleichheit der Datenanhäufung zwischen privaten und öffentlichen Akteuren: Dürfen Unternehmen mehr über die Einwohner eines Landes wissen als deren eigene Regierung? 
  4. Connected Data: Wo ergeben sich Muster in den Datenströmen, die zu Erkentnisgewinnen führen? 
  5. Entscheidungsmacht von Algorithmen: Ist eine von Menschen getroffene Entscheidung richtig, auch wenn der Algorithmus das anders sieht? 
  6. Kompetenz im Umgang mit Daten: Gehört das Fach Informatik in die Schule und Datenjournalismus als zukünftiges Berufsfeld? 
  7. Globalisierung des Sammelns von Daten: Wie passen auf Dauer nationalstaatliche Regelungen zum globalen Netz? 
  8. Open Public Data: Wie sehen konkrete Beispiele für #DataforGood aus?
Hinter all diesen ganz pragmatischen operativen Fragen stehen aber stets einige Meta-Fragen oder -Diskurse, die nicht offen angesprochen werden.

Verlust tradierter Deutungshoheiten?

Umso wichtiger jede Art von Daten für die Entscheidungen von Unternehmen, Politik und privaten Nutzer sowie den Bürger wird, desto wichtiger wird die Frage nach der “richtigen” Interpretation dieser Daten. Die Daten entheben zunehmend die althergebrachten EntscheiderInnen ihrer selbst zugeschriebenen Kernkompetenz: dem Entscheiden. Immer weniger werden es sich Politiker und Unternehmenslenker erlauben können, für die Bürger und Kunden suboptimale Entscheidungen zu treffen, die zwar deren eigene Machtinteressen bedienen, am Ende des Tages aber an den Wünschen von Bürgern und Kunden vorbeigehen. Daten aus Skandinavien haben beispielsweise rechtzeitig auf den gesellschaftliche und volkswirtschaftlichen Schaden hingewiesen, die die Herdprämie in Schweden verursacht hat. Somit wurde die Entscheidung pro-Herdprämie hierzulande rechtzeitig als rein parteipolitisch motivierte Entscheidung erkannt und ihrer Legitimation beim Wähler entzogen.

Damit deutet sich an, dass Deutungshoheiten schwinden werden, umso transparenter Interpretationen erfolgen werden. Entscheidungen können sehr viel stärker als früher auf den öffentlichen Prüfstand gestellt und hinterfragt werden. Damit können die Entscheider immer seltener individuell motivierte Entscheidungen treffen. Sie müssen vielmehr die Reaktion des Kunden und des Bürgers vorab antizipieren, wenn sie nicht wollen, dass die Entscheidung sie selbst in ihrer Funktion sogleich in Frage stellt.

Wie könnte eine Ethik der Algorithmen aussehen?

Wie kann eine Ethik der Algorithmen aussehen? Nicht zuletzt mit der Einführung der ersten selbstfahrenden Autos muss diese Frage speziell für diesen Bereich beantwortet werden. Hinter der Erstellung dieser Algorithmen stehen normative Vorstellungen der Menschen, die sie programmieren. Eine Health-App kann zwar entscheiden, dass mehr als 4.000 Schritte am Tag gesund sind. Wie sieht es aber schon mit dem nächsten Schritt der Bewertung aus? Ab wann ist ein Cholesterin-Wert nicht mehr vertretbar? Welche Studien schlagen welche Grenzwerte vor? Durch die selbstlernenden Bewertungsmechanismen und das Erkennen von Mustern in Connected Data wird sicherlich irgendwann der Algorithmus entscheiden, welcher Wert empfehlenswert ist.

Wenn aber diese Logik auf andere Bereiche übertragen wird, stellt sich die Frage, wie wir mit dieser uns selbst optimierenden Lebensweise umgehen. Was ist, und diese Frage hatte nicht zuletzt Stephen Hawking gestellt, wenn die Algorithmen erkennen, dass unsere Lebensweise und damit auch die Menschen an sich nicht “optimal” agieren?

Foto: Ole Wintermann
Open Data vs. Cyber Warfare?

Könnte es sein, dass die gerade zu beobachtende zunehmend Offenheit der westlichen Gesellschaften in Bezug auf öffentliche Daten potenziell im Zuge von Cyber-Warfare ausgenutzt wird? Würde dem so sein und käme es zu größeren Zwischenfällen als die zuletzt beim französischen Sender TV5 beobachteten, so muss damit gerechnet werden, dass sowohl das Streben nach mehr Open Governance als auch die freie Nutzung öffentlicher Daten erneut eingeschränkt und die Skepsis der Bürger und Nutzer gegenüber dem Sammeln von Daten wieder ansteigen könnte. Dies wäre aber – eben gerade unter dem Gesichtspunkt des “Data for Good” – leider sehr kontraproduktiv für die Gesellschaft und das Erreichen einer nachhaltigen Lebensweise.

Ob sich unter diesen Bedingungen jemals eine globale Governance und eine Regulierung des Umgangs mit jeder Form von Daten ergeben werden, darf bezweifelt werden. Daten und das Sammeln von Daten geschieht global. Die Regulierung erfolgt regional. Es bestünde damit eigentlich die Notwendigkeit des Aufstellens global gültiger Regeln im Umgang mit nutzerbezogenen Daten – angesichts von drohenden Cyber Warfare Szenarien erscheint dies schwerer denn je zu erreichen sein.
Daten für mehr Nachhaltigkeit?

Der vielleicht wichtigste übergeordnete Verwendungszweck von Daten ist die Erreichung einer gesellschaftlich wie auch individuell nachhaltigen Lebensweise. Stichwort: “Data for Good“. Momentan steht dem allerdings noch entgegen, dass personenbezogene Nutzerdaten nur durch die Unternehmen genutzt werden können, die diese sammeln und das öffentlich zugängliche anonymisierte Daten noch nicht wirklich einer flächendeckende Verwendung zugeführt werden konnten. In Zukunft deutet sich ein kulturell basierter Konflikt zwischen den verschiedenen Weltregionen um das Sammeln personenbezogener Daten an. Es kann angesichts des wachsenden Bewusstseins über die Datensammelproblematik optimistisch davon ausgegangen werden, dass sich in der Zukunft die europäische Sichtweise bei den Nutzern internetbezogener Dienste weltweit durchsetzen könnte.

Angesichts von Megatrends, die die Menschheit in ihrer Existenz bedrohen, wäre es wünschenswert, wenn die Verwendung von Daten für die Bewältigung von Klimawandel, sozialen Ungleichheiten oder die Stärkung von Bürgerrechten genutzt werden würden. So zeigen uns schon heute entsprechend aufbereitete und in diesem Maße bisher nicht gekannte Visualisierungen die zunehmende soziale Segregation in europäischen Großstädten, die drastische Erwärmung der Meere in den arktischen Regionen, die weltweiten Flüchtlingsströme oder die Ungleichgewichte auf den globalen Finanzmärkten. Damit aber kann das Bewusstsein für die Globalisierung der Risiken und Herausforderungen sowie für die Verbreitung von geeigneten Lösungen vorangetrieben werden.

Wer definiert den “richtigen” kulturellen Umgang mit Daten?

Die Interpretation von Datenschutz, Privatssphäre, Marktpotenzialen oder Relevanz ist höchst kulturell dominiert. Wir glauben hierzulande – in einer alternden, schrumpfenden und technikaversen Kultur – dass unser Maßstab im Umgang mit Daten das Maß aller Dinge sei. Dem ist natürlich nicht so. Nicht einmal innerhalb Deutschlands gibt es einheitlich Vorstellungen darüber. So diskutieren Juristen, Ökonomen, Psychologen oder Pädagogen auf vollkommen unterschiedlichen Ebenen miteinander oder auch nebeneinander dieses Thema.

Nicht umsonst hatte Gunter Dueck schon auf der #RP13 zum Meta-Diskurs aufgerufen, um das Verständnis über das gegenseitige Nicht-Verständnis zu verbessern. Auch in diesem Kontext sollte wieder gefragt werden, ob nicht der Nutzer und/oder der Bürger irgendwann einfach selbst darüber entscheiden wird, wie der Umgang mit seinen Daten aussehen sollte, in dem er ganz einfach mit seinem Verhalten darüber abstimmt.
Teilen für eine bessere Welt?

Kollaborativ erarbeitete Lösungen für gesellschaftlich relevante Probleme wie auch für betriebliche Herausforderungen bedeuten immer ein Teilen von Wissen, Daten und Erkenntnis. Unternehmen sind aber nicht auf das Prinzip des Teilens eingestellt. Es ist nicht vorgesehen, dass der Angestellte einen unmittelbaren und individuellen Nutzen vom Teilen seines Wissens mit anderen Kollegen hat. Dass aber das einseitig erwartete Geben durch den Angestellten vom Arbeitgeber implizit erwartet wird, führt zu dramatischen Effizienzverlusten für die Unternehmen.

Der allseits unter dem Buzzword “Share-Economy” diskutierte Wandel der Produktions- und Konsumgewohnheiten reicht viel weiter als es diese rein betriebswirtschaftliche Sichtweise vermuten ließe. Die Demokratisierung der Energieversorgung, die steigende Bedeutung der Crowd bei der Sammlung von Investitionsmitteln für Startups und Unternehmen, die Regionalisierung der Lebensmittelversorgung oder die Einrichtung virtueller Tauschbörsen für Dienste und Güter sind Ausdruck des Bedürfnisses der Menschen nach einem sozial relevanten Teilen mit fremden Menschen und des Wunsches nach einer Zurückeroberung souveränen Handeln im eigenen Umfeld. Vermarktungsinteressen der Unternehmen, ständige Hacker-Angriffe auf heimische PCs und die Überwachungsaktivitäten der Regierung gegenüber der eigenen Bevölkerung oder anachronistische Vorschriften beim Agieren im Internet (Stichwort Störerhaftung) stehen diesem Wunsch der Menschen entgegen.

Wie geht es weiter?

Die Erfahrungen im persönlichen Umfeld zeigen eines: die Rücksichtslosigkeit staatlicher Akteure und wirtschaftlicher Entscheider im Umgang mit personenbezogenen Daten führt schon jetzt zu einem restriktiveren Umgang der Bürger und Nutzer – unabhängig von Internetaffinität und Bildungsstand – mit ihrer eigenen Kommunikation und den von ihnen verwendeten Inhalten. Verschlüsselungen und der Hinweis auf Telefonate statt des Mail-Austauschs sind Tendenzen im täglichen Miteinander, die ich eigentlich noch von Kontakten in die damalige DDR kenne. Damit aber werden demokratische Regierungen und übergriffige Internet-Firmen genau für ihr Verhalten langfristig bestraft, da sie schwieriger als zuvor an den von ihnen gesuchten Rohstoff – Daten – kommen. Vielleicht führt dies ja zu einem Umdenken. Mit Blick auf die oben beschriebenen Chancen, die der Einsatz von Daten für mehr Nachhaltigkeit eigentlich böte, wäre dies sehr zu begrüßen.

Dienstag, 14. April 2015

Der Gipfel der 7 nicht führenden Industrienationen

Die Qualitätsmedien, die einen solch hohen Anspruch an Qualität vorzugeben pflegen, überraschen doch immer wieder mit einer erstaunlich unreflektierten Übernahme politisch verzerrter Semantiken. So wird angesichts des aktuellen G7-Gipfels in Deutschland (Außenminister in Lübeck) immer wieder und nach wie vor von den "7 führenden Industrienationen" gesprochen.

Diese Bezeichnung ist sachlich falsch.

Die Mitglieder des G7-Gipfels gemäß des politischen und medialen Selbstverständnisses sind:
  1. USA
  2. Japan
  3. Deutschland
  4. Italien
  5. Frankreich
  6. Kanada
  7. UK


Die 7 führenden Industrienationen sind aber in absoluten Zahlen (BIP):
  1. USA
  2. China
  3. Japan
  4. Deutschland
  5. Frankreich
  6. UK
  7. Brasilien


Brasilien und China und damit 1,6 Mrd. Menschen werden demnach aus nicht näher genannten Gründen aus dem 7er-Club ausgeschlossen.

Die 7 führenden Industrienationen nach der pro-Kopf-Wirtschaftsleistung sind (IWF-Daten):
  1. Luxemburg
  2. Norwegen
  3. Katar
  4. Schweiz
  5. Australien
  6. Dänemark
  7. Schweden

Es wird demnach sowohl für die Medien als auch einige westliche Länder Zeit, sich von der egozentrischen Sichtweise zu verabschieden, dass die Wirtschaftskraft nach wie vor in den G7-Ländern am höchsten sei. Dies ist in der Vergangenheit durchaus so gewesen und hat dem entsprechend anfänglich die G7-Logik begründet. Die im G7-Gremium vertretenen Ländern täten aber gut daran, zu erkennen, dass sich in Zukunft die wirtschaftliche und damit geopolitische Schwerkraft von Westen nach Osten und damit nach Asien bewegen wird.

Sonntag, 5. April 2015

Kontrollwut und Selbstüberschätzung: Nicht nur ein Management- sondern auch ein politisches Problem?

Globalen Herausforderungen mit neuen Formen der digitalen Zusammenarbeit begegnen?

Das Millennium Project stellte vor kurzem erneut und mit Nachdruck fest: Globale Herausforderungen stehen uns bevor. Klimawandel, soziale Ungleichheiten, die Zerstörung der Biosphere und die Bevölkerungsentwicklung können nur gemeinsam bewältigt werden. Wer zum älteren Semester gehört, kann sich noch an die Erkenntnis der deutschen Umweltpolitik erinnern, als in den 1970er Jahren den Menschen bewusst wurde, dass die damalige Verschmutzung der Flüsse in Deutschland nur gemeinsam mit den Nachbarländern angegangen werden kann. Damals eine horizonterweiternde Erkenntnis, heute profanes Alltagswissen. An diesem Punkt stehen wir nun heute erneut - nur geht es jetzt darum, in einem globalen Kontext zu denken.

Gleichzeitig stehen uns weltweit und über Grenzen hinweg neue Formen der Zusammenarbeit zur Verfügung, die allgemein unter #Arbeiten 4.0 wie auch die Industrie 4.0 (wir vergessen an dieser Stelle mal einfach die Buzzword-Welle) zusammen gefasst werden. Neue Formen der Kollaboration, der gemeinsamen Suche nach Lösungen für wichtige Probleme, die Möglichkeit, die Digitalisierung für das Erreichen von mehr Nachhaltigkeit zu nutzen, das erkennbare Potenzial von BigData for Good, die Erfahrung gemeinsamer basaler menschlicher Werte mit Hilfe der (größtenteils) grenzenlosen sozialen Medien sind eigentlich ideale Voraussetzungen, um just in dem Moment der Globalisierung existenzieller durch den Menschen verursachter Probleme die Werkzeuge zu nutzen, die uns das Netz bietet, um all diese Herausforderungen anzugehen.

Chancen der Zusammenarbeit werden durch Stakeholder vergangener Werte bedroht

Das einzige, was uns im Wege steht, um diese Möglichkeiten auch wirklich zu nutzen, ist die Angst mancher (!) Akteure in Wirtschaft und Politik, ihren Status, ihre Macht, ihren Einfluss durch diese neue digitale Welt zu verlieren. Digitalisierung bedeutet den Verlust der Form von Macht, wie wir sie in der Vergangenheit kannten. Die Ausübung von Macht war im letzten Jahrtausend geprägt durch das Gegenteil von Zusammenarbeit und Sharing: Informationsfilter, formale Hierarchien, Erhalt tradierten Status´, Androhung von Gewalt, das Ausspielen von Menschen gegeneinander, Bildungsvorsprung, elitäre Netzwerke, das Aufstellen von einengenden Regeln oder Regulierungen.

Foto: Ole Wintermann
Psychopathische Charaktere, Narzissmus und Manien gelten als "gute" Voraussetzungen dafür, diese Macht gegenüber den Mitmenschen in Hierarchien auszunutzen. +Dr. Nico Rose verweist hier auf die "dunkle Triade" von Narzissmus, Psychopathie und Machtinstinkt, die erst zusammen kommen müsse, um damit ein Anflug von Psychopathie innerhalb einer Hierarchie tatsächlich ihre Wirkung entfalten könne. Thomas Sattelberger spricht beim Blick auf die Führungsetagen in Unternehmen von der "Schule der Intrigen". Über den Anteil der Führenden, die die Voraussetzungen mitbringen, gibt es unterschiedliche Angaben. Eine der am häufig zitierten Quellen spricht davon, dass der Anteil der Psychopathen in den Führungsetagen sechsmal höher als in der Gesamtbevölkerung liegt. (Es geht demnach mitnichten darum, dass Führung in jedem Fall einhergeht mit diesen psychischen Auffälligkeiten. Das sei an dieser Stelle nochmals und ausdrücklich betont!)

Bisher wird diese Form bzw. dieser Antrieb zur Machtausübung v.a. in der HR-Community diskutiert und hat wohl, so eine erste kurze Recherche, nicht den Weg in beispielsweise vergleichende Politikwissenschaften oder internationale Konfliktforschung gefunden. Es gibt daher nur erste grobe Schätzungen darüber, welchen betriebswirtschaftlichen und damit letztlich auch volkswirtschaftlichen Schaden diese Status- und Machtmissbräuche verursachen. Sollten wir aber nicht das Handeln mächtiger politischer und wirtschaftlicher Akteure im globalen Kontext nicht auch danach bewerten, auf welcher psychologischen Basis manche (!) dieser Akteure heraus handeln? Wenn dieses Problem in der HR-Community diskutiert wird; warum übertragen wir dieselben Fragen nicht auch auf die politische Sphäre? In Zeiten globalisierter Herausforderungen und Zusammenarbeit wäre es essenziell wichtig, dass die Menschen wüssten, mit welchen Staatenlenkern sie zu tun haben.

Wie sieht die persönliche Motivationslage mancher Staatenlenker konkret aus?

Könnte es eventuell sein, dass der Kampf der tradierten Energie-Unternehmen gegen die Energiewende, der Meinungskampf der konservativen US-Politik gegen die Darstellung des Klimawandels, das hartnäckige Verweigern der neuen digitalen Realität hierzulande, (ich höre schon die Stimmen, die darauf verweisen, man dürfe das alles nicht in einen Topf werfen...) oder der Kampf Israels gegen jede Form eines palästinensischen Staates im Kern immer die Unfähigkeit handelnder Entscheider beinhaltet, mit Wandel umzugehen, weil dieser Wandel eventuell ihre ökonomische oder politische Machtbasis gefährden könnte?

Ist es nicht interessant zu beobachten, dass, während in der HR-Community zunehmend sogar offen über die Demokratisierung von Unternehmenssteuerung nachgedacht wird (weil man erkannt hat, dass diese Crowd ja irgendwie doch etwas beitragen kann), gleichzeitig im politischen Bereich der Versuch der stärkeren und umfassenderen Kontrolle aller Bürger erfolgt?

Wie ist es zu erklären, dass sowohl der US-Präsident als auch der UK-Premierminister gegen jede Form des investigativen Journalismus, der politisches Handeln in diesen Ländern im kritischen Licht darstellen könnte, so radikal vorgehen, dass Journalisten im Beisein des Geheimdienstes die Festplatten, auf denen ihre Arbeit gespeichert ist, zerstören müssen und jede Form des Hacktivism als potenziell die nationale Sicherheit der USA gefährdend dargestellt wird? Wie ist es möglich, dass ein wichtiger Politiker aus einer westlichen Demokratie allen ernstes fordert, den gesamten Mail-Verkehr und die Telefonate der kompletten eigenen Bevölkerung überwachen zu können? Welch Maßlosigkeit hat sich inzwischen in diesen Debatten zu Lasten der Bevölkerung breit gemacht und was ist der Grund für diese Maßlosigkeit, die schon lange jeder sachlichen Kausalität entbehrt?



Kontrollwut als Managementproblem - Kontrollwut auch ein politisches Problem?

Die @Bock_Sabine hat in einem sehr schönen Übersichtsartikel mal die staatliche Verfolgung von Whistleblowern der letzten Jahre zusammengestellt und damit gezeigt, wie sich die Schlinge der staatlichen Repressalien immer enger um die Menschen zieht, die sich erhoffen, durch den Leak von internen Informationen über Missstände innerhalb einer Demokratie und des Unternehmens, in dem sie arbeiten, eben diesen einen Gefallen zu tun. Die Verfolgung von Whistleblowern wird zum Selbstzweck, ohne dass überhaupt noch auf die Zielsetzung der Leaks geachtet wird. Welches jurstische Maß wurde schon längst überschritten, dass inzwischen darüber nachgedacht wird, Filesharern in Frankreich die Nutzung von Flugzeugen zu verbieten? Andere Staatenlenker reagieren schon verschnupft, wenn Nutzer von Twitter auf interessante offensichtliche Kontexte hinweisen, die dann aber ihren eigenen Status gefährden könnten.

In der HR-Community werden betriebliche Entscheidungen, die offensichtlich Folge von Herrschsucht und Kontrollwahn sind, schon längst kritisch unter ihrem Kostenaspekt für das Unternehmen betrachtet. Das Spannende wäre nun, wenn diese Erfahrungen von HR auf die Politik übertragen und im Kontext der o.g. globalen Herausforderungen gestellt würden. Dies hat DIE ZEIT versucht, indem sie in einem umfangreichen Themenartikel den Psychiater Nasser Ghaemi mit Blick auf politische Entscheider mit den Worten zitiert: "In guten Zeiten behandeln wir sie, in schlechten regieren sie uns". An anderer Stelle zitiert DIE ZEIT den Psychologen Nils Birbaumer mit den Worten: "Ich bin sicher, dass ein erheblicher Teil der Topmanager erfolgreiche Psychopathen sind, aber ich kann es nicht beweisen". 

Was kostet uns (politische) Kontrollwut und Selbstüberschätzung?

Was es bedeutet, wenn sich zu sehr auf die eigene Unfehlbarkeit verlassen wird, zeigt ein Zitat von  Winfried Felser von der Competence Site in einem aktuellen Beitrag von +Gunnar Sohn: "Wir denken alle noch materiell und in alten Produktkategorien, sogar Mister Zetsche, wenn er sein altes Auto nicht durch Apple bedroht sieht". In der Wirtschaft ist also beispielsweise Selbstüberschätzung als Problem - gerade in Zeiten der disruptiv wirkenden Digitalisierung - durchaus schon thematisiert worden.

Was wäre, wenn man diese kritische Sicht auf manche (!) wirtschaftliche Top-Entscheider auf politische Entscheider und Entscheidungen (Selbstüberschätzung, Kontrollwahn, fehlende Regeneration) übertragen würde und nach den politischen und volkswirtschaftlichen Kosten offensichtlich falscher Entscheidungen fragen würde? So spricht +Gunnar Sohn ja im betrieblichen Kontext davon, dass "als Ergebnis (interner Kontrollsucht) ein Zahlen-Fantasie-Regime wie bei der Erfüllung der Fünfjahres-Pläne in der Sowjetunion" entstünde. Was anderes ist der Anspruch mancher (!) westlicher Politiker, sämtliche Kommunikation aller Wähler mitlesen können zu dürfen?

Und was bedeutet diese Erkenntnis für das Streben der Menschen, keinen Krieg gegeneinander zu führen sondern die globalen Menschheitsprobleme gemeinsam lösen zu wollen? Sollten wir nicht das Scheitern des nächsten Klimagipfels mal unter gänzlich anderen als den politischen Aspekten betrachten? Zivilgesellschaftliche Initiativen, die das Ziel haben, sich grenzüberschreitend von eigenwilligen politischen Entscheidern loszusagen, gab oder gibt es bereits. Diese machen Hoffnung, dass sie zukünftig vielleicht eine bedeutendere Rolle abseits eingetretener Governance-Pfade spielen könnten. Angesichts von Klimawandel und Bevölkerungswachstum wäre es jedenfalls erfreulich, wenn der Alltag von Millionen Menschen nicht nur am fernen Konferenztisch von politischen Alpha-Menschen entschieden würde.

Disclaimer: Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass nur ein kleiner Teil der wirtschaftlichen und politischen Entscheider von diesen Charaktereigenschaften betroffen sind. Jedoch werden auch von diesem kleinen Teil wichtige Entscheidungen getroffen, die uns alle betreffen. Von daher müssen wir als Regierte auch dieses Problem ansprechen können.





Sonntag, 22. März 2015

Health Apps - Eine gesunde Entwicklung?

Gastbeitrag von Jochen Deppe

Der Artikel meines Kollegen Eric J. Topol in der Huffington Post zur Bedeutung von Smartphones und Health-Apps für die medizinische Versorgung zeigt, welche großartigen Möglichkeiten in der diskreten individuellen Sammlung biometrischer Daten stecken. Die Lebensqualität vieler chronisch Kranker ließe sich erheblich verbessern und gleichzeitig entstünde ein hochsensibles System zur Früherkennung von Krankheiten.

Gleichzeitig lässt er für mich, der sich bereits seit einiger Zeit aus ärztlicher Sicht mit der Digitalisierung der Medizin beschäftigt, ein paar Fragen offen, über die nachgedacht werden muss. Denn um unsere Gesundheit Apps anzuvertrauen, braucht es vor allem eines - Vertrauen.


Foto: Jochen Deppe


1) Sind die Apps/die mit Ihnen gewonnenen Daten evidenzbasiert valide?

Medizinische Maßnahmen müssen ob ihrer Wirkung validiert, evidenzbasiert, also durch überprüfte Studien abgesichert sein. Das gilt auch für Health-Apps. Wie präzise sind die in den Smartphones verbauten Sensoren? Sind die von ihnen gelieferten Daten zuverlässig und die Algorithmen, die damit gefüttert werden, aussagekräftig genug und in medizinischen Studien auf ihre Zuverlässigkeit hin abgesichert? Wie kann das Risiko falsch positiver Ergebnisse minimiert werden? Wie können wir sicher sein, dass wir den Empfehlungen der Apps vertrauen können?


2) Sind die Mediziner kompetent im Umgang mit den Daten/Apps?

Sind die Leistungserbringer, die die Verantwortung für die Befundung, Diagnose und Therapie haben müssen, sicher im Umgang mit den von den Apps generierten Daten? Nicht ganz unwichtig dürfte auch die Frage der Dokumentation und Haftung sein: Sind diese Daten medizinische Aufzeichnungen? Wer hat sie zu verwahren, sind sie vor nachträglicher Manipulation geschützt? Beispielsweise könnten die ähnlichen Bestimmungen der Röntgenverordnung oder die Musterberufsordnung der deutschen Ärztinnen und Ärzte (§10) Anwendung finden.


3) Bleibt das Arztgeheimnis gewahrt?

Die Daten, da hat Topol Recht, gehören dem Anwender, nicht dem Anbieter der App oder dem auswertenden Arzt. Es muss sichergestellt sein, dass er volle Kontrolle darüber hat, mit wem er diese teilt. Personenbezogene Gesundheitsdaten sind besonders wertvoll und deshalb besonders diebstahlgefährdet. Vertrauen braucht Diskretion und Sicherheit.


4) Wer zahlt dafür?

Bei einem wie in Deutschland solidarisch finanzierten Gesundheitswesen stellt sich immer auch die Frage nach der Finanzierung und der Honorierung der erbrachten Leistungen. Alle Seiten werden finanzielle Anreize brauchen.


5) Bedeutet das - wie Topol meint - die Demokratisierung der Medizin?

Wenn sicher wäre, dass die Daten unter voller Kontrolle des Anwenders blieben, dann wäre dies möglicherweise ein Beitrag zur Individualisierung der Gesundheitsverantwortung. Wenn gleichzeitig aber diese Daten dazu dienen sollten, mehr Daten zu generieren und damit Algorithmen zu füttern und im Sinne einer Kohortenstudiezu optimieren, an der teilzunehmen der Anwender unfreiwillig gezwungen wäre, dann wäre dies eine Algorithmisierung, unter Umständen losgelöst von Ethik und Individualität, also Technokratie, nicht aber Demokratisierung. Eine unbedingt lesenswerte Betrachtung über Algorithmen und die mit ihnen verbundenen Missverständnisse hat Michael Seemann hier geschrieben. Auch hier dürfte das übermächtige Interesse Dritter, nun der Industrie, dazu führen, dass es zu einer Kommerzialisierung der gewonnenen Daten kommt.

Wir brauchen eine breitere, leidenschaftlich geführte Diskussion über die Implikationen dieser Health-Apps und nicht nur blinde Begeisterung über die Features des neuesten Gadgets.

Donnerstag, 12. März 2015

Das Digitale als Abkehr von nicht-nachhaltigen marktwirtschaftlichen Werten? (Teil 3/3)

Letzter Teil der Posts zur Frage, was Digitalisierung und Nachhaltigkeit miteinander zu tun haben könnten. Die Teile 1 und 2 finden sich hier und hier.


Rauchende Schlote und Eisenbahn - Industrieromantik des letzten Jahrtausends
Foto: Ole Wintermann

Offene Frage: Verändern die Werte der Online-Welt die Werte im Meatspace?

An dieser Stelle könnte nun wieder auf Alexander Bard hingewiesen werden, der im Grunde genommen für die Werterevolution, von der Ahmed spricht, den technischen Backbone anbietet, indem er davon spricht, dass die Technik es zum ersten Mal ermögliche, dass Menschen ein globales Wir erlebten. Auch er verweist dabei auf die Gegensätzlichkeit von Werten in der Offline- und der Online-Welt. Es sei der Gegensatz von individualistisch geprägter Offline-Welt und Offline-Perspektive auf der einen und die netzwerkbasierte Sichtweise der Online-Welt, die sich an dieser Stelle systemisch und kategorisch widersprechen und Friktionen verursachen. Es ist an dieser Stelle bemerkenswert, wie ähnlich Bard und Ahmed hier argumentieren.

Diese Wirkung auf tradierte Werte stellt gerade die gesellschaftliche Dimension der Digitalisierung dar, die aber nach wie vor von den traditionellen Akteuren in Wirtschaft und Politik zumeist nicht erkannt wird.

Offene Frage: Könnte AI die menschliche Lebensweise als nicht-nachhaltig klassifizieren?

Es deuten sich offene Fragen um Netzneutralität, Überwachung, Algorithmen (so auch der aktuelle Beitrag von +Michael Seemann zum Thema Algorithmen) und #AI an, die eigentlich im öffentlichen und veröffentlichten Diskurs - auch und besonders außerhalb der Netz-Community - thematisiert werden müssten. Der Zugang zu Netzen, die ungefilterte Kommunikation von Menschen weltweit, die freie Meinungsäußerung, die Übernahme menschlicher Verantwortung und beruflicher Kompetenz durch Algorithmen (Mediziner, Juristen, Vorstände) und die Frage, wie eine künstliche Intelligence das selbstzerstörerische Verhalten der Menschen in Zukunft einordnen wird, sind Fragen von höchster ethischer und menschlicher Relevanz.

So meint Jeremy Rifkin in einem Interview zu seinem neuen Buch: "Even lawyers, accountants or radiologists are afraid of the prospect of losing their job to a machine or algorithm."

Victoria Turk und Stephen Hawking sehen diese Frage dann nicht mehr nur im Kontext des Arbeitsmarktes sondern gehen einen Schritt weiter. Sie führen in entsprechenden Onlinemedien die Debatte, inwiefern künstliche Intelligenz in Zukunft dem Menschen insgesamt gefährlich werden könne, wenn diese ersteinmal der „irrationalen“ menschlichen Lebensweise gewahr würde. So verweisen die Kritiker der Entwicklung von AI vor dem Hintergrund der Nicht-Nachhaltigkeit der menschlichen Produktions- und Lebensweise darauf das:

"Success in creating AI would be the biggest event in human history. Unfortunately, it might also be the last."

Was hindere, so die Autoren, Maschinen daran, immer intelligentere AI zu entwickeln, die irgendwann auch die menschlichen Initiatoren nicht mehr verstünden? Kurzfristig würde sich die Frage stellen, wer diese AI beherrsche; langfristig müssen man fragen, wer diese AI überhaupt kontrollieren könne.

Offene Frage: Führt sprachliche Hegemonie im Netz zu kultureller Hegemonie im Meatspace?

Einen anderen Weg zur Vorhersage der Entwicklung der von Ahmed Neefaz beschriebenen ethischen Revolution gehen Cesar Hidalgo et al. vom MIT. Sie haben die Bedeutung von Sprache und Fremdsprachvermögen in der globalsierten Online-Gemeinschaft für die Existenz hegemonialer Diskurse untersucht. Aktuelle Relevanz erhält diese Frage durch die Machenschaften britischer und russischer Geheimdienste, durch entsprechende fremdsprachliche Online-Aktivitäten entweder Menschen mit anderen Meinungen zu diskreditieren oder aber die Stimmung in der „gegnerischen“ Bevölkerung in die für die eigene Politik günstigere Richtung zu lenken. Die MIT-Experten stellen fest, was eigentlich auch zu vermuten gewesen wäre. Fremdsprachenkompetenz oder aber die Dominanz der eigenen Muttersprache im Netz bedeutet kulturelle Dominanz. Als mehrsprachiger Multiplikator kann man als Gatekeeper oder aber Brückenbauer zwischen unterschiedlichen nationalen und/oder kulturellen Diskursen fungieren. Auf der Makro-Ebene bedeutet die Dominanz der eigenen Muttersprache wiederum die Dominanz der eigenen Kultur auf den jeweiligen Plattformen.

Damit ergibt sich beispielsweise, dass Wikipedia relativ stark durch Deutsch geprägt ist, wohingegen Twitter eher englischsprachig dominiert ist; nur 17 von gescannten 280 Millionen Twitter-Nutzern nutzen mehr als eine Sprache zum Twittern. Da die englischsprachige Bevölkerung für ihre außerordentlich geringe mehrsprachige Kompetenz bekannt ist (70% der Bevölkerung von UK sprechen keine einzige Fremdsprache; damit belegt UK neben Ungarn europaweit den letzten Platz), ergibt sich demnach eine englischsprachige und damit kulturelle Hegemonie auf diesen Plattformen.

Leider gehen die Forscher des MIT nicht den folgerichtigen nächsten Schritt und fragen demnach nicht, was diese kulturell basierte Diskurshegemonie für das Finden globaler Lösungen für globale Konflikte und zukünftige Herausforderungen bedeutet. Damit wird aber der kulturell verzerrte globale politische Diskurs zu wichtigen Fragen wie Migration, Klimawandel, Internet oder Globalisierung nicht hinterfragt. Lösungsansätze aus dem nicht-englischsprachigen Regionen, die bei weitem die Mehrheit bilden, haben damit keine Chance, gehört zu werden.

Offene Frage: Wird die Bedeutung offener Daten rechtzeitig erkannt werden?

Der Zugang zu Informationen sowie die freie Verwendung von verfügbaren offenen Daten ist ein weiterer perspektivischer Entwicklungspfad, dessen Richtung bisher nicht geklärt ist. Nicht umsonst hat aktuell die für die Förderung des Zugangs zu offenen Daten bekannte Sunlight Foundation dazu aufgerufen, Beispiele dafür zu sammeln, wie die Verwendung offener Daten gesellschaftliche, politische oder kommunale Probleme lösen könnte. Dabei fällt auf, dass die Foundation das Ziel der Offenheit allein schon dadurch glaubwürdig unterstreicht, dass sie für die Sammlung ein offenes Google Doc in die eigene Seite implementiert hat. Die Sammlung hat das Ziel: „We're seeking evidence on how open data and technology help to influence governance and improve lives, both directly and indirectly“. Damit aber wird genau die Kombination von Werten wie Offenheit, Verbesserung des persönlichen Umfelds und verstärkte Partizipation beworben, von der Nafeez in seinem Beitrag gesprochen hatte.

Bemerkenswert ist weiterhin, dass sie sich der Notwendigkeit zur neuen Sichtweise auf komplexe Kausalitäten bewusst sind und eine Abkehr von der linearen Ursache-Wirkungs-Welt einfordern (auch hier hatte Nafeez davon gesprochen, dass sich das Newtonsche Weltbild überlebt habe):

"Their impact cannot be described through linear “cause and effect” relationships. Open data and digital transparency initiatives mostly achieve changes through contributing to a complex ecosystem of stakeholders, such as journalists, think tanks, civil society organizations, app developers, government officials and voters."

In welcher Weise ganz konkret offene Daten helfen können, globalen Herausforderungen zu begegnen, beschriebt @digiphile ins seinem Post. Er beschreibt die Initiative der US-Regierung, durch das Sammeln von verfügbaren offenen Daten zum Klima weltweit Softwareentwicklern die Möglichkeit zu bieten, diese Daten in Applikationen zu verwenden, um den Klimawandel in das tägliche Bewusstsein der Menschen zu bringen. Der Zustand der Erde soll den Menschen als Art permanentes Monitoring nähergebracht werden. Das Ziel sei:

"The online publication of vast amounts of data collected by the US federal government about the Earth's climate, for humanity to use to understand how the planet is changing.“ 

Auch hier zeigt sich wieder die Evidenz der Thesen von Nafeez, der ja davon sprach, dass die bestehende Paradigmen zu einer Entkopplung des Menschen von seiner sie umgebenden Umwelt mit sich gebracht habe.

Deshalb ist uns das Netz so wichtig

Wenn nun aber offensichtlich ist, dass der freie Zugang zu offenen Informationen, die Garantie von Netzneutralität, die Absicherung der Möglichkeit zur freien Meinungsäußerungen, die Nutzung von Partizipation und offenen Daten zur Lösung globaler Probleme des Meatspaces essenziell wichtig ist, wird ersichtlich, worum es geht: Die Digitalisierung impliziert eine Revolution der Wertesysteme und der Methoden der politischen Steuerung, mit der die Nachhaltigkeit unserer Lebensweise voraussichtlich eher erreicht werden könnte als mit den überlebten Mechanismen und Paradigmen der bestehenden Marktwirtschaft.

Sonntag, 8. März 2015

Das Digitale als Abkehr von nicht-nachhaltigen marktwirtschaftlichen Werten? (Teil 2/3)

Fortsetzung des 1. Teils

Freie Informationen vs. Grenzen

Nafeez Ahmed beschreibt in seinem Beitrag die 5 Revolutionen, die diesen Wechsel des Paradigmas begleiten. Erstens ist dies die Informationsrevolution, die eine Dezentralisierung der Kommunikation, eine Überwindung des Denkens in Offline-Nationalgrenzen und den relativ freien Zugang zu Informationen mit sich bringt. Die Verknappung von Informationen, der erschwerte Zugang zu anderen Menschen und Massenüberwachung sind die Versuche, den Machtvorsprung der Eliten, unabhängig ob in westlichen Demokratien oder Diktaturen, gegenüber der Bevölkerung abzusichern.

Öl-Konzerne vs. demokratische Sonnenenergie

Zweitens können wir bei der Energie-Revolution genau dasselbe beobachten; eine dramatische Erosion des Modells der zentralisierten kostenaufwändigen Energieversorgung mit fossilen Brennstoffen, bei denen Energieoligopole den Kunden aufgrund ihrer Gatekeeper-Funktion ihre Preisvorstellungen diktieren können. Die dezentrale Versorgung in lokalen Versorgergemeinschaften mit alternativer Energie hat deshalb auch eine Demokratie-Dimension, die häufig in der Weise nicht erkannt wird.

Aktuell zeigt die chinesische Doku der Journalistin Chai Jing "Under the Dome – Investigating China’s Smog" sowohl inhaltlich als auch mit Blick auf chinesische Zensur, dass Energieaspekte zuvorderst auch demokratische Dimensionen betreffen; das eine Mal lassen sie die chinesische Regierung zum Gegenschlag ausholen, das andere Mal versuchen westliche Energiekonzerne mit großem finanziellen Aufwand über Jahrzehnte hinweg, ihre nicht gewollte Kernenergie an Politik und Kunden zu verkaufen. Dass das Video nach 100 Mio. Views dann gesperrt worden ist verwundert nicht weiter. Hierzulande ist das Video auch gesperrt - wegen unklarer Verwertungsfragen zwischen Google und der GEMA - welch Ironie des Schicksals. Über VPN o.ä. kann das Video natürlich dennoch geschaut werden.


Die Erosion der Energieoligopole erreicht zur Zeit dramatische Umfänge, da die Kosten der Gewinnung von Solar-Energie zur Zeit eklatant fallen, während hoch verschuldete Öl- und Gas-Förderfirmen mit ihren Geschäften und ihrer Infrastruktur in kostenintensiven Förderungen dreckiger fossiler Rohstoffe gefangen sind.

Industrielle Nahrungsmittel vs. lokale Spezialitäten

Drittens ist auch die Nahrungsmittelrevolution m Gange, mit der sich ebenfalls lokale Versorgergemeinschaften von der industriellen, anonymen, chemischen und nicht-nachhaltigen Produktionsweise verabschieden werden. Gleichzeitig erreicht auch die Produktivitätssteigerung der industriellen Lebensmittelherstellung und des Anbaus von Nahrungsmitteln ihre Grenzen, da die Böden zunehmend ausgelaugt sind. Diese Regionalisieren der Nahrungsmittelherstellung hat ganz nebenbei auch immense Einsparungen bei der Verwendung fossiler Brennstoffe für die Transporte zur Folge.

Geld als Machtinstrument vs. digitale Währung 

Die Revolution des Finanzsektors als 4. Revolution basiert ebenfalls auf Dezentralisierung, Entmachtung der Gatekeeper des Zugangs zu Finanzen, der Regionalisieren der Versorgung mit Finanzmitteln und dem Aufbau einer finanziellen digitalen Währungsalternative. Das Erschaffen digitaler Währungen, das Zusammenführen von Geldgebern und Kreditnehmern auf entsprechenden Plattformen (Peer2Peer-Lending), das Crowd-Sourcing von finanziellen Ressourcen und die Einführung von digitalen Börsen zur Verwaltung der eigenen Gelder sind die Elemente, die die angestammten Bestandswahrer auf den Finanzmärkte in ihrer Existenz bedrohen werden.

Zentralisierte Massenproduktion vs. lokalisierte Einzelproduktion

Aus meiner Sicht hätte Ahmed auch die industriell-digitale Revolution erwähnen sollen. Die zunehmende Verbreitung von 3-D-Druck, die Möglichkeit selbst für einzelne Personen, Produktionskapazitäten in Fabriken anzumieten, um eigene Produkte herzustellen, die Entmachtung der Hard- durch die sehr viel agilere Software-„Industrie“ und der disruptive Charakter der Digitalisierung und die damit einhergehende Infragestellung angestammter Sektoren und „Zuständigkeiten“ angestammter Hersteller für bestimmte Produkte (z.B. Autos) bedingen dieselben Veränderungen des Produktionsparadigmas wie die anderen 5 vorgenannten Revolutionen.

Kontrolle vs. Empathie

Als die allen diesen Revolutionen begleitende 5. Dimension identifiziert Ahmed die ethische Revolution. Zentralismus, Kontrolle, Hierarchie, Führung, Eigennutz und Egozentrismus seien, so Ahmed, Werte und Paradigmen, die sich nicht mit dem Verständnis von der Logik des Netzes und der sozialen Medien vertrügen.

"This value system is actually dislocated from human nature, our biophysical environment, and the relationship between them."

Stattdessen werde in all diesen Revolutionen wird deutlich, dass ein verändertes Wertesystem bzw. die Möglichkeit, zum ersten Mal in der Menschenheitsgeschichte Empathie, Demokratie oder Gemeinschaft auf ein globales Niveau zu heben, automatisch einhergeht mit einer stärkeren Nachhaltigkeit menschlicher Lebensweise. Es muss also nicht mehr nach dem ökonomischen Korrekturfaktor gesucht werden, der der nicht-nachhaltigen Marktwirtschaft einen Hauch von Nachhaltigkeit gibt.

"This has the revolutionary implication that ethics, often viewed as ‘subjective’, in fact have a perfectly objective and utilitarian function in the fundamental evolutionary goal of species survival."


Der 3. und letzte Teil des Beitrags folgt in wenigen Tagen.

Donnerstag, 5. März 2015

Das Digitale als Abkehr von nicht-nachhaltigen marktwirtschaftlichen Werten? (Teil 1/3)

Die Volkswirtschaftslehre ist auf dem Nachhaltigkeits-Auge blind

Eigentlich ist es ganz simpel. Die unten dargestellten Entwicklungen zentraler Variablen, die mit unserer klassischen Produktionsweise auf der Welt in einem Zusammenhang stehen, zeigen ein offensichtliches Nachhaltigkeits-Problem, dass jeder Schüler des Erdkunde-Anfänger-Kurses in der Grundschule anhand der Kurvenverläufe beschreiben könnte.

Allein: Die klassische Volkswirtschaftslehre, die die Basis für wirtschaftspolitische Politikberatung weltweit ist, vermag eben dies nicht zu leisten, da sie sich zu einer theoretisierenden Modell-Dogmatik entwickelt hat, deren jeglicher Sinn für empirische Evidenzen bezüglich realer Kausalität weitestgehend abhanden gekommen ist.

Key trends in resources and environmental exploitation. Coal consumption: BP Statistical Review of World Energy [tonnes], Oil consumption [barrels]: BP Statistical Review of World Energy; Iron ore extraction [tonnes]: Bureau of Mines Minerals Yearbook, USGS Minerals Information; Water consumption [m3]: Water withdrawal and consumption, UNEP/GRID-Arendal; CO2 emission from FF burning [tonnes]: Global Fossil-Fuel CO2 Emissions, CDIAC, BP Statistical Review of World Energy; Species extinction rate: Rachel Carson Endangered Species, USGS; Number of low-oxygen dead zones: Global Biodiversity Outlook 3, UNEP Convention on Biological Diversity.Quelle: http://www.skepticalscience.com/print.php?n=2446 CC 3.0 BY

Diese Debatte ist natürlich alles andere als neu und hat ihren Widerhall in den letzten Jahren in verschiedenen Kontexten gefunden. Aktuell betitelt die FAZ das Problem erneut mit: "VWL - nicht gesellschaftstauglich". Diese Debatten wiederholen sich zumindest seit meinem Volkswirtschafts-Studium (VWL) in den 1980er Jahren. Und nach wie vor haben VWL-Experten Mühe, ihre Modelle in einen lebensnahen Kontext zu stellen. So werden von vereinzelten Mutigen Verhaltensweisen und Glücksfragen in die Modelle implementiert, ohne aber bisher jemals die Chance gehabt zu haben, Eingang in den VWL-Mainstream zu finden. Es ist bisher umgekehrt; schaffen es, Experten aus anderen Themenfeldern wie dem Klimawandel, ökonomische Dimensionen zu berücksichtigen, so werden sie dann auch von Politik und Wirtschaft als vollwertige Wissenschaften akzeptiert.

Der Stern-Report als Fanal der klassischen Volkswirtschaftslehre?

So verwundert es natürlich nicht, dass der Klimawandel erst dann von eben diesen Akteuren ernst genommen wurde, als der Stern-Report zum ersten Mal die ökonomisch negativen Auswirkungen der Erderwärmung hervorhob; als wenn sich die Rettung des Erdklimas erst dann lohnen würde, wenn die Rettung in den Bilanzen einen Netto-Gewinn ergibt. Verzweifelte und seit Jahrzehnten andauernde sowie erfolglose Versuche, die negativen Externalitäten nicht-nachhaltiger Produktionsweisen zu erfassen und zu bewerten, verdeutlichen, dass es anscheinend eines komplett anderes Paradigmas als das der nur in Quantitäten denkenden VWL und klassischen Marktwirtschaft bedarf, um die vollkommen neue Qualität der Erdzerstörung überhaupt erfassen zu können. Nachhaltigkeit als Konzept zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen muss solange ein frommer Wunsch bleiben, wie es nicht möglich ist, eine Kongruenz zwischen dem Wertesystem einer idealen nachhaltigen Lebensweise und der nachhaltigen Produktionsweise herzustellen.

Nafeez Ahmed: Das Ende des endlosen Wachstums

Der von mir sehr geschätzte Journalist und Blogger Nafeez Ahmed hat in zwei neuen Artikeln bei Motherboard hierzu einige Gedanken formuliert, die in diese Richtung gehen. Er schreibt: "The economic crisis is symptomatic of a deeper crisis of industrial civilization’s relationship with nature" und eröffnet damit einen neuen Blickwinkel auf die ökonomischen Krisen der letzten Jahre. Für ihn stellt sich die Frage, ob wir uns als Weltgemeinschaft nicht vielmehr gewahr werden sollten, dass wir vielleicht an der Schwelle zu einer Zeit stehen, in der "Gesellschaft", "Gemeinschaft", "Zivilisation" gänzlich anders als in der Vergangenheit funktionieren werden (Ähnlichkeiten zu Alexander Bard sind hier erkennbar). Im Kern ginge es, so Ahmed, um die Abkehr von der Kapitalakkumulation einiger Weniger hin zur Erfüllung der grundsätzlichen Bedürfnisse der Vielen.

Die klassischen VWL verstünde einfach nicht, dass "Endless growth on a finite planet is simply biophysically impossible".

Mit Hinweis auf den italienischen Ökonomen Mauro Bonaiuti fragt er, ob die Abnahme des ökonomischen Wachstums nicht eher Folge des Zusammentreffen von verschiedenen Limitierungen der natürlichen Ressourcen und physikalischen Aufnahmekapazitäten, Klimaerwärmung, zunehmenden sozialen Komplexitäten, Bürokratierungen und Reduzierungen von Innovationen und Produktivität sein könnte. Die Zunahme der Depressionen und anderer psychischer Erkrankungen - trotz quantitativer Wohlstandsmehrung bei Bewohnern von entwickelten Ländern - ist für ihn das Indiz eines Nicht-Funktionierens von Marktwirtschaft und Gemeinwohl- wie auch Individualwohlorientierung.

Stellt die Digitalisierung marktwirtschaftliche Paradigmen in Frage?

Die Abkehr vom marktwirtschaftlichen Wertesystem der letzten Jahrhunderte - Wettbewerb, Egozentrismus, Vernichtung, Zentralisierung, Hierarchie, Eigennutz, Konflikt - erkennt er auf der einen Seite in den Krisen der Energieversorgung, der Banken, des quantitativen Wirtschaftswachstums und des herausfordernden Umgangs mit der digitalen Transformation. Auf der anderen Seite würden sich Revolutionen im Internet, der Energieversorgung, der Lebensmittelproduktion, des Finanzsektors und der Ethik andeuten, die allesamt die Prinzipien der Machtaufteilung, der Dezentralisierung, der Empathie, der Vergemeinschaftung und der offenen Steuerung als Anti-These der alten marktwirtschaftlichen Werte mit sich brächten. Damit aber, so die neue Sichtweise, würde mehr Nachhaltigkeit zugleich und zum ersten Mal mit grundsätzlich anderen gesellschaftlichen und produktionstechnischen Werten einhergehen, ohne das "Nachhaltigkeit" künstlich dem bestehenden System übergestülpt werden müsse.

Was genau haben diese Revolutionen mit der Digitalisierung zu tun?

Teil 2 folgt in den nächsten Tagen...

Sonntag, 1. März 2015

Digitalisierung: Weiterbildung und der Wandel der Arbeitswelt

Das Internet gibt es auch außerhalb von Berlin. Diese Erkenntnis mag für manche Berliner schmerzhaft sein (#Ironie!). Es gibt jedoch in vielen Regionen Deutschlands interessante Initiativen, die sich zur Zeit mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf verschiedene Lebens- und Arbeitsbereiche beschäftigen. Eine dieser umtriebigen Initiativen ist der eBusinessLotse Ostwestfalen-Lippe (OWL). Zu den 22. Internet Days in Paderborn (erinnert sei hier an den starken Auftritt der Region bei der #cnight der CDU in Berlin) hatten Stefan Freise von code-x GmbH, Thorsten Ising vom Social Media OWL e.V. et al. in die Räume der Lotsen eingeladen.

Wir hatten Spaß
Foto: eBusinessLotse OWL 
OWL ist eine sehr mittelständisch geprägten wirtschaftsstarke Region mit sehr geringer Arbeitslosigkeit und mit einigen interessanten IT-Clustern. Daher fand ich es prima, bei den 22. Internet Days die Möglichkeit angeboten bekommen zu haben, (neben den Vorträgen von Thomas Werning zum Identitätsdiebstahl im Netz und Stefan Freise zum Einstieg in das SCRUM-Verfahren) ein paar Worte zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf die (Weiter-) Bildung und einzelne Bereiche des Arbeitsmarktes sagen zu können.


Digitalisierung: Wandel der Bildungssysteme und der Arbeitswelt from Ole Wintermann

Die Digitalisierung der Bildungsinhalte und der Didaktik geht mit einer Neupositionierung der bildungspolitischen Akteure und Institutionen einher. Wofür benötigen wir noch Institutionen - im Sinne von gemauerten Gebäuden - wenn Bildung jederzeit und überall online zu beziehen ist? Ist die so sehr auf Zertifikate fokussierte HR-Logik deutscher Unternehmen angesichts des globalen Wandels in der Anerkennung von informellen Kompetenzen überhaupt zukunftstauglich? Und: Für welche Tätigkeiten soll eigentlich noch ausgebildet werden, wenn sich auf einem globalisierten atomisierten Arbeitsmarkt die Anforderungen an die Qualifizierungen ständig und kurzfristig verändern?

Es wäre höchste Zeit, sich hierzulande diesen Fragen offen und offensiv zu stellen.

Samstag, 21. Februar 2015

"Gewerkschaft GDL und Deutsche Bahn wollen Tarifverhandlungen im Netz streamen"

Diese Meldung würde, wenn sie denn existieren würde, mit Sicherheit auf offene Ohren treffen und ein Staunen wie auch Respektbekundungen nach sich ziehen. Man hätte Respekt vor dem Mut der Tarifpartnerinnen, aus jahrzehntelangen Ritualen auszubrechen, das Vergangene hinter sich zu lassen und #Neuland zu betreten.

Foto: Ole Wintermann
Stattdessen aber sitze ich, während ich dies schreibe, in einem dieser verrotteten und veralteten IC-Züge der Deutschen Bahn. Der planmäßige ICE war mal wieder kurzfristig ausgefallen, so dass einer dieser alten aus den 1970er Jahren stammenden ICs reaktiviert wurde. Ob ich auf der Rückfahrt den gebuchten Zug nutzen kann, weiß ich noch nicht, da Herr Weselsky und die Deutsche Bahn mir wie auch anderen Millionen Bahnkunden meinen, etwas Unruhe darüber, ob das Ziel der eigenen Reise erreicht wird, zumuten zu können. 

Ich bekenne: Ich bringen kein Verständnis für diese Art von Streik auf.

Foto: Ole Wintermann
Die Deutsche Bahn und die Gewerkschaft GDL tragen hier einen, wenn man den Mainstream-Medien Glauben schenken darf, persönlichen Konflikt auf dem Rücken der Millionen Bahnkunden aus, die tagtäglich darauf angewiesen sind, pünktlich mit deren Verkehrsmittel ans Ziel zu kommen.

Liebe Tarifpartnerinnen, haben Sie eigentlich auch nur ansatzweise eine Ahnung davon, wie viel Leid, Stress, Ärger und beruflichen Druck sie durch ihre eigennützige Vorgehensweise bei den Millionen Menschen verursachen - vom finanziellen Schaden durch kurzfristige Umbuchungen, Mehrnutzungen von Autos und Mietwagen sowie zeitlichen Aufwänden durch die Nutzung der Fernbusse ganz zu schweigen?

Foto: Ole Wintermann
Ich habe selbst Jahre bei einer Gewerkschaft gearbeitet und weiß: Tarifverhandlungen sind - von beiden Seiten betrieben - Rituale einer längst überlebten Industriegesellschaft, in der es berechtigter Weise (ursprünglich) darum ging, die Zersplitterung der Interessen der Arbeitnehmer gegenüber übermächtigen Arbeitgebern zu verhindern.

Aber ich weiß auch: Die Vorschläge für die Entwicklung der Löhne und Gehälter sind nicht wirklich so sachlich begründet, wie dies in den Medien immer unreflektiert dargestellt wird - und dies gilt für beide Tarifpartnerinnen. Ist es auf der einen Seite der Wille zum vielzitierten „Schluck aus der Pulle“ (allein diese Begrifflichkeit) ist es auf der anderen Seite die pauschal „begründete" Absicht „Kosten zu sparen“, die am Ende in eine Tarifvorstellung bis auf die zweite Stelle nach dem Komma münden. Mit diesen Zahlen wird ein Wissen über Marktentwicklungen vorgegeben, dass in der Form gar nicht existiert. Aufgrund der Flächentarifverträge sind zudem stets landes- oder bundesweite Kennziffern Ausgangspunkt der Tarifvorstellungen beider Seiten. Mit den Zuständen und Arbeitsbedingungen im jeweiligen Betrieb - also vor Ort - haben diese nichts zu tun.

Foto: Ole Wintermann
Und diese ist der Punkt, an dem mir auch das Verständnis für ein über den täglichen vitalen Interessen der Kunden der Deutschen Bahn stehendes Vorgehen fehlt. Ich als Kunde habe ersteinmal rein gar nichts davon, dass sich entweder die Deutsche Bahn als Arbeitgeber durchsetzt oder die Gewerkschaft GDL als Arbeitnehmervertreter. 

Ich sitze dienstlich und privat bedingt seit Jahren in vergammelten Zügen, die über die Zeit betrachtet immer unpünktlicher zu werden scheinen, in denen es nach wie vor keine gastronomische Versorgung gibt, die über abgestandenen Kaffee und überteuerte Baguette hinausreicht, in denen es nach wie vor keine verlässliche Versorgung mit Wlan gibt, in denen man, wenn man Pech hat, stundenlang auf dem Boden sitzen muss, weil das Zugmanagement versagt hat, in denen man im Sommer bei ständig ausfallenden Klimaanlagen mit einem Kreislaufkollaps und im Winter mit Erkältungen rechnen muss und für die man immer wieder über der Inflationsrate liegende Preissteigerungen hinnehmen muss, da es bis vor kurzem keine wirklich Konkurrenz für den Quasi-Monopolisten auf der Langstrecke gab.

Foto: Ole Wintermann
Liebe Tarifpartnerinnen, legt doch euren geheimen Tarifverhandlungen ganz einfach offen und streamt diese ins Netz. Das Interesse von Millionen Kunden zu erfahren, wohin morgen ihre Reise geht, dürfte Grund genug dafür sein, dass solche aus der Industriegesellschaft kommenden Geheimverhandlungen endlich transparenter werden. Es geht nicht darum, Tarifverhandlungen als solche in Frage zu stellen; es geht aber darum, den bisherigen anachronistischen und auf 2 Köpfe fixierten Mechanismus der Lohnfindung in Frage zu stellen. Es geht natürlich auf beiden Seiten um Macht. Und von dieser kann nur schwer gelassen werden. Leidtragende sind eure Kunden.

Macht doch mal etwas ganz Schräges und kommuniziert direkt mit den Kunden da draußen über euer Anliegen. Seid mutig, seid transparent.

Foto: Ole Wintermann

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