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Samstag, 11. Oktober 2014

Alexander Bard : "The major conflicts of the 21st century are going to be between the old and new elites"

Update, 11. Oktober 2014

Da sich hierzulande die gesellschaftliche Diskussion um das Digitale häufig leider sehr stark auf netzpolitische Grundsatzdebatten um Genderismus, die bösen digitalen Giganten aus den USA und auf die Re-Nationalisierung des Netzes beschränkt fokussiert, lohnt sich häufig ein Blick über die (nicht vorhandenen) nationalstaatlichen Grenzen der Debatte. 

Vor einem halben Jahr hatte ich bei einem solchen gewagten Blick auf den schwedischen digitalen Philosophen Alexander Bard hingewiesen. Bard stellt uns digital Interessierte immer wieder vor interessante Herausforderungen, die Wirkung des Digitalen auf die Gesellschaft mit völlig neuen bzw. ungewohnten Blicken zu interpretieren. Man muss natürlich nicht seiner Meinung sein; offen für alternative Sichtweisen zu sein, bedeutet aber auch, den eigenen Horizont zu erweitern. In der Zwischenzeit hat er zu seinem Themen auch ein Buch geschrieben, das zur Zeit auf einigen Seiten besprochen wird.

So schreibt der GUARDIAN unter der Überschrift "Is the internet God? Alexander Bard's Syntheism paves the way for a new elite": "Burning Man, and spin offs including Burning Nest in the UK, show that digital natives under 25 now see “the online world as the real world and the real world as a reflection of the online world,” says Bard". Er geht damit einen Schritt weiter als wir es eigentlich aus unserer eigenen Debatte gewohnt sind. Hierzulande wird immer wieder gern betont, dass Digital Natives nicht mehr zwischen Online- und Offline-Welt unterscheiden würden, da Beides dasselbe darstelle. Von konservativen politischen Offline-Vertretern wird dann stets geantwortet, dass die "reale" Welt nur offline existieren würde; dem entsprechend wird die digitale Welt als etwas Außenstehendes beschrieben ("Es ist der Kampf zwischen der schönen neuen digitalen Welt und dem realen Leben").

Wenn nun aber Bard schreibt, dass dieses Verhältnis zwischen On- und Offline genau andersherum gesehen werden müsste; welche Implikationen hat dies dann auf politische Prozesse und die Werte der Gesellschaft? Findet denn nicht eben längst online die tatsächliche gesellschaftliche Debatte statt? Schaut man sich die Social Media Debatte zu #Kobane und #Ukraine an und blickt von dort zurück in die traditionelle hierarchisch und elitär geführte öffentliche Debatte in den ÖR, so scheint es sich inzwischen um Parallel-Diskurse zu handeln. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Online-Welt ist real und die Offline-Welt ist eine künstliche da gefilterte und elitär geführte. Diese reale Welt im Netz lässt uns, so Bard, längst soziales Verhalten vollkommen neu erlernen. Die Rolle des Einzelnen würde bereits einer Neu-Definition unterliegen. Es ginge nicht mehr um den Kant´schen Individualismus-Gedanken; das Ich defniere sich vielmehr erst durch Interaktion mit anderen heraus. Der Interaktionismus lösen den Individualismus ab. Die eigene Relevanz in der Gesellschaft, Politik et al. ergibt sich damit nicht aus der formalen Veranwortlichkeit sondern wird erst manifest in der situativen temporären Interaktion mit der jeweiligen Community.

Die wahren zukünftigen Konflikte , so schließt Bard denn auch im GUARDIAN, würden zwischen diesen traditionellen/formalen und den kommenden digitalen Eliten stattfinden.

Schließt man sich dieser Sichtweise und Interpretation des Netzes an, so erscheinen die NSA-Überwachungen nochmals in einem anderen Licht.

Eine weitere Rezension passend zur Frankfurter Buchmesse, auf der das Buch von Bard gestern vorgestellt worden ist, hat der ehemalige Pirat im EP, Christian Engström, verfasst.


Original-Post vom April 2014

Mit großem Interesse habe ich auf Basis dieser Überschrift den TEDx-Vortrag des schwedischen Künstlers und Vordenkers Alexander Bard angeschaut. Allzuhäufig leidet die netzpolitische Debatte unter einer gewissen Praxisferne, die sich immer dann offenbart, wenn netzfernen Menschen die übergeordnete Bedeutung des Netzes für die Zukunft der Menschheit erklärt werden soll. Datenschutz, Netzneutralität und Überwachung sind zu abstrakte Terme, um die Relevanz des Netzes für die Menschen zu verdeutlichen. Es fehlt nach wie vor eine Idee davon, wie Politik, Wirtschaft und Internet zukünftig systemisch miteinander in Verbindung stehen und warum wir angesichts der Netzdynamik über vollkommen neue Formen der Politik und der Wirtschaft reden müssen. Bard ist es zu verdanken, dass er sich genau über diesen Aspekt bei seinem Vortrag Gedanken macht. Warum ist dieses Internet eigentlich für die Menschheit so relevant?



Das "Ich" ist der Gott

Ausgehend vom Zitat "Ich denke also bin ich“ des französischen Philosophen Rene Descartes beschreibt er den Beginn der individualistischen Weltsicht, die durch Immanuel Kant und Albert Einstein in die politischen Philosophien und die Physik Eingang gefunden haben. So stellten nach Bard Sozialismus, Liberalismus und Kapitalismus stets den (atomisierten) Mensch in den Mittelpunkt.

Dem zugrunde liege der Glaube an die Einzigartigkeit sowie die Relevanz des eigenen Ichs. Das „Ich“ sei der Gott der Neuzeit. Die Neurowissenschaften hätten nun aber in den letzten Jahren diese Sichtweise vom Kopf auf die Füße gestellt. Das (körperliche) Sein bestimme das Handeln und nicht umgekehrt. Damit sei der Individualismus tot.

War Nietzsche der erste Netzwerk-Theoretiker?

Ersetzt werde diese tradierte Sichtweise nun durch den bereits durch Friedrich Nietzsche angedachten Relativismus, der aber nach wie vor die Beziehung des Individuums zum anderen Individuum in den Mittelpunkt stelle. Anstelle dessen müsse man daher nun inzwischen eher vom „Relativismus“ sprechen; nicht mehr die Individuen, die im Netzwerk durch Nodes ersetzt würden, spielten eine Rolle sondern es sind vielmehr die Beziehungen, die im Zentrum der Betrachtung von Gesellschaft stünden. Es gebe keine Individuum mehr sondern es existiere nur noch die Gesellschaft aus Ausdruck von unendlich vielen Beziehungen. Das Ich werde durch das Soziale ersetzt, so Bard.

Hier komme nun das Internet ins Spiel: Es sei die erste Möglichkeit, globale Netzwerke und Bewusstsein herzustellen. Es relativiere die eigene Bedeutung und damit die individuelle Sichtweise auf die Welt. Es manifestiere den Relationismus.

Im Gegensatz zum Hyper-Kapitalismus und zum Hyper-Individualismus, die erst die Voraussetzungen für die Umsetzung der selbstzerstörerischen Agenda der Marktwirtschaft geschaffen hätten, träten nun die Netzwerk-Bewegungen beispielsweise der Piraten und der Grünen. Die Grünen und die Piraten seien zwei Seiten ein und derselben Netzwerk-Medallie. Das Problem sei aber, dass sie das noch nicht erkannt hätten und auch nicht miteinander reden würden.

Leider endet der Vortrag an eben dieser Stelle und lässt einige große Fragen unausgesprochen im Raum stehen.

Wie verhalten sich Netzwerke und Politik zueinander?

Er geht in seiner Konzeption an dieser Stelle, bei der es um die Eigenschaft der Netzwerke geht, nicht weit genug bzw. schränkt die Analyse leider auf die parteipolitischen Bewegungen ein. Netzwerke, wie sie durch das Internet zunehmend ermöglicht werden, bringen die Relativierung der eigenen Bedeutung mit sich, sie lassen Hierarchien erodieren, sie hinterfragen die Einzigartigkeit und Richtigkeit kultureller Eigenschaften einer sozialen Gruppe, sie atomisieren das Individuum und seine vormalige Interpretationshoheit über politische und soziale Missstände.

Die Auswirkungen dieser Netzwerk-Eigenschaften auf die globalisierte politische Willensbildung und Entscheidungsfindung sowie die globalisierte Wirtschaftsweise führt Bard leider nicht aus. Dies täte aber eigentlich Not, denn hier würde sich der argumentative Kreis schließen, der beispielsweise ausführen könnte, warum eben Netzneutralität so elementar wichtig ist, da es eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren dieser neuen Netzwerke ist. Auch könnte er anführen, dass die Machteliten kein Interesse an diesen Netzwerken haben und damit begründen, warum derzeit ein Cyberwar auf vielen Ebenen gegen die Interessen der Bevölkerung sowohl in demokratischen wie autokratischen Staaten geführt wird. 

Die alte Offline-Welt huldigt dem Individualismus, die neue Online-Welt den Netzwerken 

Schließlich könnte er dann auch die Frage beantworten, warum das Aufeinandertreffen von Offline- und Online-Welt stets in allen politischen Systemen solche Konflikte auslöst: Es ist der Gegensatz von individualistisch geprägter Offline-Welt und Offline-Perspektive auf der einen und die netzwerkbasierte Sichtweise der Online-Welt, die sich an dieser Stelle systemisch und kategorisch widersprechen und Friktionen verursachen.

Zudem scheint er im kulturpessimistischen Sinne die Individualität generell abzulehnen und beraubt sich damit unnötiger Weise eines Stücks der Überzeugungskraft seiner Argumentationskette. Er verneint die Gleichzeitigkeit von Individualismus und temporäre Mitgliedschaft in diesen Netzwerken, denen man sich anschließen kann, um vorübergehend das Ziel des Netzwerkes zu unterstützen. Diese Wechselwirkung zwischen individueller Entscheidung und dem Aufgehen im Netzwerk hätte ebenfalls eine genauere Analyse verdient.

Alles in allem aber ist bewundernswert, seit wie vielen Jahren Bard bereits die philosophische Debatte um das Internet auf internationaler Ebene prägt und voran bringt. Insofern ist auch dieser Beitrag wieder sehr horizonterweiternd und empfehlenswert.

Wie provinziell wirkt vor dem Hintergrund dieses Vortrags - sowohl in methodischer wie auch inhaltlicher Sicht - unsere rein innerdeutsche aufgebauschte Debatte um die vermeintliche "Digitale Demenz", vorgetragen von einem gewissen Herrn Spitzer. Peinlich.

Samstag, 4. Oktober 2014

Warum wir konsequent für die Digitalisierung eintreten sollten (und mir die #MallofBerlin vollkommen egal ist)


Vielleicht kennen die Älteren unter euch noch die Zeiten, in denen es das allgemein zugängliche Internet noch nicht gab? Erinnert ihr euch an die Schulzeit? Es gab das eine Schulbuch und die eine Interpretation des Wilhelm Tell. Die Lehrer waren Autoritäten, die den Schülern mit ihrer Arbeit den ersten Blick in die Welt ermöglichten. Im Politik-Unterricht am Montag diskutierte man den einen Tagesschau-Kommentar des Herrn X, den einen Leserbrief in der lokalen Zeitung und natürlich die eine neue Titel-Story aus dem Spiegel. Speziell der Spiegel war im politischen Deutschland in den 1980ern noch der eine linksliberale Vermittler der einen wahren Sicht der Dinge. Die FAZ war schon damals etwas nur für Bänker. Wer liberal und bürgerlich war (sein wollte), las die SZ.

Wenn die Elite zusammensitzt (Foto: Ole Wintermann)
Auf der Uni lasen Diejenigen, die etwas Weltläufigkeit beweisen wollten, englischsprachige VWL-Lehrwerke. Sie waren aber Ende der 1980er Jahre noch eindeutig in der Minderheit. Das TV spielte trotz oder gerade wegen der Privatisierung in der Suche nach Informationen und Bildung schon damals keine Rolle mehr. Man vertraute vielmehr den scheinbar investigativen Recherchen der linken Magazinformate wie Monitor oder Report (aus Baden-Baden). Wenn Herr Bednarz oder andere Verkünder der Wahrheit von den Meinungsfronten berichteten, war man entweder gegen oder für ihre Aussagen. Es gab ganz einfach zu wenige Informationen und Quellen zu bestimmten Sachverhalten, zu denen man sich hätte äußern oder eine eigene Meinung hätte bilden können.

Wir waren damals auf die vermeintliche/vermutete/erhoffte Qualität der Journalisten angewiesen, denn sie waren die medialen Gatekeeper beim Blick über die thematischen und staatlichen Grenzen des eigenen Horizonts hinweg. Wenn man innerhalb der eigenen Fachlichkeit blieb, gab es natürlich – nach Durchkämmen etlicher Zettelkästen in der Uni-Bibliothek – die Möglichkeit, sich innerhalb der nächsten 4 Wochen Fachbücher zuschicken zu lassen.

Die Meinungsbildung, die nur auf wenigen Quellen basierte, ging langsamer vonstatten. Die Informationsbeschaffung dauerte ewig und war häufig mit Kosten verbunden, die einen daran hinderten, eine Recherche fortzuführen.

Vielleicht sollten wir Älteren den Jüngeren häufiger von diesen Zeiten erzählen? Vielleicht können wir mit diesen Erfahrungen vor Augen das Angehen gegen Zensur, Filter, Netzneutralität, gegen das Löschen von Google-Verlinkungen unterstützen?

Im Jahre 1992 saß ich dann zum ersten Mal vor dem Internet und alle Probleme der Informationsbeschaffung schienen mit einem Mal beseitigt. Ich „surfte“ in der US Library of Congress und war beeindruckt von der freien Zugangsmöglichkeit zum Wissen von Hunderten und Tausenden von Menschen. Die Probleme der Gatekeeper und der Interpretationshoheiten, die Probleme, die sich daraus ergaben, dass Bücher ausgeliehen und für Wochen nicht verfügbar waren; all diese Probleme waren mit einem Mal vom Tisch gewischt. Zum ersten Mal schien es den Menschen, die daran interessiert waren, möglich, politisch verantwortungsvolle Bürger sein zu können, ohne dass man das nachkaute, was irgendwelche Redakteure portionsgerecht in der „veröffentlichten“ Debatte, wie es schon damals unser Polit-Prof nannte, als politisches Wort zum Sonntag verkündet hatten.

Aber es scheinen nicht alle Institutionen, Akteure und Unternehmen mit diesem an Mündigkeit reicheren Bürger und Kunden zurecht zu kommen. Unter den Buzzwords „Datenkrake Google“, „Facebook-Partys“, „Cybermobbing“, „Internet-Kriminalität“ wird von den Vertretern der alten Welt gegen das Netz, die dort aktiven Akteure und die User mobil gemacht, um den Status Quo und die eigenen Zuständigkeiten abgesichert zu wissen.
Wir kümmern uns um euch. (Foto: Ole Wintermann)
Dass dabei Netzneutralität, der freie Zugang zu Wissen, der freie Meinungsaustausch zwischen Menschen verschiedenster Kulturen und Länder, die freie Wahl der Konsumgüter durch selbständige Konsumenten, die freie Meinungsäußerung und die Toleranz gegenüber Andersdenkenden unter die Räder kommt, scheint egal zu sein. Der Zweck heiligt die Mittel.

Ich möchte, egal ob ich mich in Hong Kong oder in Europa befinde selbst entscheiden, ob ich mich durch Informationsvielfalt überfordert fühle. Ich möchte selbst entscheiden, welcher Quelle ich vertraue und glaube. Jede Einschränkung des Zugangs zu Informationen, sei es durch eine weitere Einschränkung der Netzneutralität in westlichen Demokratien oder durch paternalistische Diktaturen irgendwo auf der Welt nehme ich als Angriff auf mein informationelles Selbstbestimmungsrecht wahr.

Das Netz ist zugleich die reale Welt und eine neue Welt, deren Spielregeln erst eingeübt werden müssen. Das Internet wurde bisher in einem Multistakeholder privat verwaltet. Ich kann keinen Sinn darin sehen, dass Netz zu re-nationalisieren, so wie der Innenminister de Maiziere es auf der #diad14 gefordert hat, als er sagte, das Netz dürfe kein staatsfreier Raum bleiben. Das Netz ist bisher ein Kulturraum ohne national- oder regionalstaatliche Grenzen. Dass dies den Nutznießern der bisherigen Grenzen nicht passt, versteht sich von selbst. Die Zivilgesellschaft darf sich an der Stelle das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen lassen. Regierungen in Demokratien rechtfertigen Überwachung mit angeblich beständig vorhandenen Terrorgefahren, Diktaturen argumentieren mit kulturfremden und zersetzenden Inhalten.

Ich möchte als Bürger einer Demokratie das Recht haben, 100 verschiedene Identitäten (Rollen) im Netz auszuüben, je nachdem ob ich mich auf Spieleplattformen, Computer-Foren oder politischen Plattformen bewege. Ich will mir nicht vorschreiben lassen, ob ich unter Klarnamen agiere oder anonym unterwegs bin. Unsere Blogger auf Futurechallenges.org müssen teilweise um ihr Leben fürchten, weil sie nicht den Spielregeln einer rigorosen Kultur, Religion oder einer Diktatur folgen. Nicht-Anonymität kann tödlich sein. Aber erklärt das mal den Offlinern.

Verschlüsselungen auf verschiedenen Ebenen und VPN-Dienste, geben Menschen ansatzweise die Möglichkeit, sich gegen die Schnüffelei fremder Staaten zu schützen – ein Schutz, den wir von unserer Bundesregierung nicht erwarten können, wie wir inzwischen wissen und wie Thomas Schindler auf der #diad14 gerade nochmals so pointiert formuliert hat. Wie es auch Gerrit Hornung auf der #diad14 so schön gesagt hat: "Überwachung ist wie Radioaktivität. Man kann sich auf kein Bauchgefühl verlassen und wenn man es erst bemerkt, ist es zu spät."

Ich möchte nicht das für die Demokratie so essentielle Briefgeheimnis nur deshalb geopfert wissen, weil die zuständigen Juristen nicht fähig sind, Regeln der Offline-Welt onlinetauglich anzupassen und deshalb plötzlich Massenüberwachung angeblich kein Problem mehr sein soll.

Darum wird die Debatte um die Digitalisierung – von allen Seiten – so emotional geführt. Es geht um Grundwerte unserer Gesellschaft, um die Bilder, die man vom mündigen Bürger im Kopf hat, um die Spielregeln für das Verhalten im virtuellen Kulturraum.

Welches Bild eines Staatsbürgers aber haben die Offliner, die uns die Regeln in der Online-Welt vorschreiben wollen, eigentlich im Kopf? Für welche Werte treten diese Offliner ein? Sollten wir darüber mal nicht in einen öffentlichen Diskurs einsteigen?

Als ich vor einigen Tagen durch die neue #MallofBerlin ging, fielen mir die goldenen in den Boden vor den Rolltreppen eingelassenen Messing-Tafeln auf. Auf jeder dieser Tafeln war ein kluges Zitat eines großartigen Politiker (Politikerin) eingraviert, das uns an irgendetwas erinnern sollte. In der DDR wurde die politischen Zitate nur auf Stoffbannern verewigt. Schön, dass wir uns da weiterentwickelt haben. Mit einem Diskurs hat das jedenfalls wenig zu tun.

Kaufen macht so viel Spaß. (Foto: Ole Wintermann)

Sonntag, 28. September 2014

#DigitalLEBEN der SPD: Der erste Schritt zur Abkehr von #AnalogeAgendaDE?

Unter dem Hashtag #DigitalLEBEN hat die SPD gerade eine kleine Blogparade angeschoben. Nach der so unglaublich verunglückten Vorstellung der AnalogenAgendaDE Digitalen Agenda auf der Bundespressekonferenz verdient der Versuch, diese auch international wahrgenommene Peinlichkeit für den Industrie- und Technologiestandort Deutschland vergessen zu machen, jede Unterstützung. Nach einem Hinweis von Thorsten Ising auf die Blogparade habe ich daher ebenfalls einige kurze Antworten auf die Fragen der SPD formuliert.

Wer ebenfalls mitmachen möchte, kann sich hier informieren.

In einer digitalen Welt zu leben, bedeutet für mich…

... dass der Zugang der Menschen zu Wissen nicht von paternalistischen Autoritäten und selbstherrlichen Gatekeepern verhindert wird

Mein Computer ist für mich…

... der Zugang zur Welt.

Wirklich gut! Die größte Chance durch die Digitalisierung ist…

... dass wir das Gewohnte hinter uns lassen können.

Bedrohlich! Wir müssen aufpassen, dass…

... die Traditionalisten und Besitzstandswahrer sich am Ende nicht durchsetzen.

Die Digitalisierung verändert mein Leben durch…

... eine Vervielfachung der möglichen Perspektiven und Zugangsmöglichkeiten.

Chatten mit den Enkeln, Einkaufen per Mausklick, Arbeiten ohne feste Bürozeiten. Was bringt die Digitalisierung für Familien und Ältere?

Kommunikation, Mobilität, Verhinderung von Einsamkeit, interkulturellen Alltag, Ausbruch aus der Provinz, Aufrechterhaltung von sozialen Beziehungen über größere Entfernung

Programmieren in der Grundschule, das gesamte Faktenwissen der Welt in der Suchmaschine. Wie sollte Bildung der Zukunft aussehen?

Schülern muss auf Augenhöhe begegnet werden, sie gestalten unsere Lebensumwelt der Zukunft. Lehrer zeigen den Schülern die Möglichkeiten der Digitalisierung, Schüler lernen im internationalen und unterkulturellen Umfeld, Zertifikate verlieren an Bedeutung, die Herausbildung einer persönlichen Haltung wird gefördert, Bildungsinhalte werden geöffnet, da sie das Menschenrecht des Zugangs zu Bildung sichern.

An jedem Ort arbeiten können und ständig erreichbar sein. Was bedeutet das für Arbeit im Digitalen Zeitalter?

Wir müssen die Grenzen von Unternehmen und Institutionen neu definieren. Der Ort des Arbeitens wir bei vielen Tätigkeiten vollkommen irrelevant werden. Wie definieren sich Unternehmen in Zukunft im Außenverhältnis? Unternehmen werden hochspezialisierte Arbeitskräfte in Zukunft umwerben müssen. Der Staatsbürger in einer Demokratie gibt sein Denken nicht am Firmentor ab. Wie können sich Unternehmen besser auf den informierten und kritischen Bürger einstellen und damit ihre Angestellten als selbständig denkenden Menschen und nicht nur als verschiebbare Human-Ressource anerkennen und betrachten?

Was müssen wir im digitalen Zeitalter tun, damit unsere Wirtschaft erfolgreich bleibt?

Die Parteien müssen Abstand davon nehmen, eine Atmosphäre des Misstrauen und der Abneigung gegenüber dem Digitalen zu verbreiten. Die Parteien benötigen digitale Kompetenz. Leider ist diese im Moment im tradierten politischen System in einer alternden Gesellschaft nur sehr begrenzt vorhanden. Jüngere Gesellschaften sind bereits deutlich besser an die Digitalisierung angepasst.

Die Digitalisierung schafft Chancen und birgt Risiken. Von der SPD erwarte ich, dass…

... sie endlich aufhört, die Digitalisierung in Deutschland durch politische und opportunistische Angriffe auf US-Internet-Konzerne zu erschweren. Die SPD muss ihre Technik- und Zukunftsangst ablegen. Sie sollte Digitalisierung glaubwürdig vertreten. Protagonisten in der SPD wie Gesche Joost und Lars Klingbeil sollten stärker unterstützt werden.

Samstag, 27. September 2014

You like coding? Help us to fight for human rights worldwide

The human rights platforms Futurechallenges.org and Irrepressiblevoices.org want to grow and want to take the next steps for this growth together. For that we reason we seek for support by engaged coding experts. If you want to become a part of our global activist and blogger network please call Linda at +49-178-5218785. 


Mittwoch, 24. September 2014

Politischer Diskurs in Deutschland: Zwischen #MarschfuerdasLeben, "What the fuck" und Feminismus

Politischer Diskurs in Deutschland: "What the fuck"

Unter dem Hashtag #MarschfuerdasLeben versammelten sich am letzten Wochenende ca. 5.000 Menschen in Berlin, um gegen Abtreibung zu demonstrieren. Mann oder Frau mag zu dem Thema stehen wie man will; es dürfte am Ende aber klar sein, dass es in einer Demokratie jedem Menschen zusteht, seine Meinung auf einer Demonstration, soweit sie nicht gegen die FDGO verstößt, zu äußern.

Dieser Meinung war das sogenannte "What the fuck"-Aktionsbündnis allerdings ganz und gar nicht und fühlte sich dazu berufen, gemeinsam mit dem feministisch ausgerichteten Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung gegen die genehmigte Demonstration mit Störaktionen und Blockaden vorzugehen. In der Begründung der Gegendemonstration konnte man dann nachlesen, dass es nach Auffassung dieses "What the fuck" Bündnisses diskriminierend sei, wenn im Zuge der Abtreibungsdebatte nur von "Frauen" (Hervorhebung durch die ursprüngliche AutorIn) gesprochen werde (geneigte Leser werden sich fragen, was an dieser hetero-normativen Sichtweise denn jetzt falsch sei... Diese offene Frage wird im verlinkten Dokument in überraschender Art und Weise beantwortet). Das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung schreibt:

Die ideologische Grundlage der Teilnehmer_innen des Marsches bildet ein reaktionäres, christlich-fundamentalistisches Weltbild, in dem der Schwangerschaftsabbruch als eine „vorgeburtliche Kindstötung“ dargestellt wird.

Auf dieselbe Seite schlugen sich Volker Beck und eine Mitarbeiterin der Tagesschau, die in einem eingeübten Reflex alle Demonstranten gegen Abtreibung als Rassisten zu diskreditieren versuchten und sich großartig darin fanden, alte Menschen in der Demonstration lächerlich zu machen. Dass der Vorwurf der Homophobie und des Antifeminismus nicht fehlen durfte, versteht sich von selbst. Die Sicherung des genehmigten Demonstrationszuges der AbtreibungsgegnerInnen durch die Polizei wurde dann vom What the Fuck-Bündnis kritisiert (warum eigentlich?) Als ich per Twitter die ARD-Korrepondentin (o.ä.?) fragte, was das Alter mit dem Recht der Menschen zu tun habe, ob sie für oder gegen einen Sachverhalt demonstrieren, wurde mir sogleich (und nur) durch andere Nutzerinnen geantwortet, dass Abtreibung Männer nicht betreffe und diese sich deshalb aus der Debatte herauszuhalten hätten.

Dürfen Männer zur Abtreibung eine Meinung haben?

Darf man sich in einer Demokratie nur dann eine Meinung über einen Sachverhalt bilden, wenn man direkt von diesem Sachverhalt betroffen ist? Darf ich keine Meinung zum Irak-Krieg der USA, zu Windparks in der Ostsee oder zu Umweltauflagen für deutsche Automobilkonzerne haben? Wohl kaum. Sollten Menschen allein aufgrund ihres Geschlechts und ihres Alters öffentlich lächerlich gemacht werden? Wohl kaum.

Sind das die Umgangsformen dieser neuen und feministisch heilen Welt, die zur Zeit in einer wieder aufflammenden Abtreibungsdebatte sichtbar werden? Steht diese Art und Weise der Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen, wie sie auf der oben beschriebenen Demonstration sichtbar wurde, für den Feminismus, der uns allen eine gerechtere Welt verspricht? Ich glaube nicht. Die Emotionalität der Geschlechterfragen wird aber derzeit leider auch bei vielen anderen Beiträgen in den Traditionsmedien und teilweise auch in der Blogosphäre sichtbar.

Wir sind die Guten

Dabei erinnert mich manchmal die Semantik bei einigen (!) radikalen Vertreterinnen des Feminismus (#RadFems) des Pro/Contra, Wir/Ihr, Gut/Böse so manches Mal an die Religiosität manch radikaler Abtreibungsgegner. Sie erinnert mich an die (vermeintlich) religiös motivierten Reden eines George W. Bush, der seine eigene Welt auch stets in Gut und Böse aufteilte. Die bipolare Sichtweise der Radikalen erinnert mich an die Zeiten des Kalten Krieges, als es uns "Gute" und die "Bösen" im Osten gab. Wenngleich natürlich die gesellschaftlichen Dimensionen der verschiedenen Politikfelder sehr unterschiedlich sind, fällt doch die für den gesellschaftlichen Streit (nicht: Diskurs) gewählte Strategie des Aufbaus eines Wertegegensatzes auf.

Die Sichtweise des Wir/Ihr ist beispielsweise auch nachzulesen im aktuellen Beitrag der Feministin Antje Schrupp, die kein Problem damit hat, vermeintliche "Trolle" als ausschließlich männlich zu betrachten und sowieso in ihrem Beitrag dazu zu tendieren scheint, jede Kritik, die sie selbst nicht nachvollziehen kann, als Trollerei zu bezeichnen. Auch hier taucht es wieder auf; das Feindbild vom weissen hetero-normativen Mann, den als "klassischer Troll" der "generelle Hass auf alles, was seinem Weltbild widerspricht: Ausländer, Linke, Homos, aber gerne auch Politiker_innen, Zeitungen, Universitäten, egal", antreibt (Zitat Ende).

Die bipolare feministische Sicht auf die Geschlechterwelt ist ebenfalls in einem neuen "Artikel" von Sibylle Berg an prominenter Stelle auf SPON sichtbar, in dem sie vom "flachen Geist" der Männer spricht. Auch die ehemals intellektuelle ZEIT gibt den radikalen Feministinnen (#RadFems) Raum, um männliche Diskutanten als "Horden", "verbale Amokläufer", "rechte Meinungskrieger" und "Berserker" zu beschimpfen.

Diese Schwarz-Weiss-Sicht auf die Welt findet sich auch im aktuellen Wahlprogramm, der schwedischen "Feministisk Initiativ", die als feministische Partei zu den letzten Reichstagswahl angetreten war und den Einzug in das Parlament nur knapp verpasst hat. So heißt es auf der Wahlplattform:

In der heutigen Gesellschaft sind Menschen, die nicht der weissen westlichen Norm entsprechen, Rassismus und Ausgrenzung ausgesetzt. Die Konsequenz davon ist, dass nicht-weisse Frauen durch rassistische Geschlechterkonstruktionen ebenfalls Geschlechterdiskriminierung erleben. Geschlechterstrukturen und rassistische Strukturen verstärken und stabilisieren sich damit gegenseitig (eigene Übersetzung).

Hass wohin man(n) blickt

Woher kommt dieser Hass mancher weisser privilegierter westlichen Frauen (aka #RadFems) auf das andere Geschlecht? Kennzeichen jeder extremen politischen Ideologie ist es, Versatzstücke für die Argumentation anzubieten, die Teil eines geschlossenen Weltbildes sind und die gegenüber jeder vernunftbetonten und empirischen Realität immun sind. Es ist dieses sich wiederholende Muster der quasi-religiösen Dämonisierung der Menschen (auch von Frauen), die nicht der eigenen Meinung sind, die hier als Ausweis der Ideologisierung der Debatte interpretiert werden kann.

Die Ideologisierung führt zur Unfähigkeit, eine Position zuzulassen, die sich keiner Seite der Geschlechterdebatte zuordnen lassen möchte. Gerade auch die Berichterstattung über den Start der #HeforShe-UN-Kampagne durch die Rede von Emma Watson zeigt diese Unfähigkeit zu Zwischentönen ganz deutlich. So titelt einerseits VanityFair "Game-Changing Speech on Feminism for the U.N." und betont, dass sich der Feminismus von seinem schlechten Ruf befreien müsse und konsequent im Interesse der Frauen eingesetzt werden muss. Andererseits überschreibt "Der Blick" aus der Schweiz seinen Bericht zur Rede mit dem Titel "Stoppt den Männer-Hass!" und betont die Teile der Rede, in der Watson feststellt, dass der Feminismus zur männerhassenden Ideologie geworden sei. Sie selbst sagt eigentlich am deutlichsten, worum es ihr geht: Um die Gleichheit und die gleichen Chancen der Geschlechter. Warum ist es so schwer, diese einfache sachliche Aussage 1:1 wieder zu geben?

Wie könnte ein Ausweg aus der (teilweisen) feministischen Radikalisierung aussehen?

Die breite Mehrheit der Bevölkerung möchte sich nicht für die radikalen Ansichten der gesellschaftlichen Flügel einspannen und missbrauchen lassen. So kam gerade erst wieder die aktuellen Forsa-Umfrage des STERN zu dem Ergebnis, dass die Gruppe der 18-35-Jährigen nichts mehr mit der Links-Rechts-Dogmatik einer Politik 1.0 anfangen kann. Grautöne sind zunehmend gefragt.

Wieso also konzentrierten sich die Abtreibungsbefürworter auf die Formulierung von #Hatespeech Tiraden anstatt nach der Möglichkeit eines Diskurses zu suchen? Warum wurde der Kritik der Abtreibungsgegner nicht konstruktiv begegnet? Es gäbe viele Fragen, die man in dieser neu aufkommenden Abtreibungsdebatte im Rahmen eines gesellschaftlichen Diskurses stellen könnte:

  1. Ist Abtreibungspolitik eine Gender- oder eine Familienfrage?
  2. Was kann man für Frauen und Familien tun, die vor der schweren Entscheidung bezüglich einer Abtreibung stehen und nicht an feministischen oder religiösen Grundsatzfragen interessiert sind?
  3. 100.000 abgetriebene Kinder pro Jahr sind faktisch ein moralisches Problem in einer Gesellschaft, in der so manchem Haustier mehr Zuneigung entgegen gebracht wird als den Kindern. Dieses moralische Dilemma einer zivilisierten Gesellschaft kann auch nicht dadurch relativiert werden, dass "Tötung" in Anführungszeichen gesetzt wird. 
Wie stehen wir als Gesellschaft zu diesen Fragen? Ich würde dafür plädieren, solche Fragen nicht den Radikalen zu überlassen sondern in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Ich bezweifle, dass der Feminismus in seiner derzeitigen Verfassung diese Aufgabe erfüllen kann. Es war ausgerechnet ein Mann - Jens Stoltenberg, der ehemalige norwegische Ministerpräsident - der nach dem Attentat von Utøya sagte, man müsse auf Hass mit einer offeneren Gesellschaft reagieren.

Die deutsche Traditionspresse müht sich zur Zeit noch im Umgang mit den Kritikern des radikalen Feminismus und fremdelt noch mit der Entdeckung, dass die feminismuskritischen Stimmen doch langsam zahlreicher werden. Der britische The Guardian, der mit Sicherheit nicht im Verdacht steht, Tribüne der Männerextremisten zu sein, ist an dieser Stelle schon weiter und thematisiert inzwischen offen die seit langem vorliegenden Zahlen, die belegen, dass Gewalt ein geschlechtsunabhängiges Problem darstellt und im hohen Maße auch von Frauen in Beziehungen ausgeübt wird. Auch medizinische Zeitschriften und Plattformen betonen inzwischen, dass Frauen in Beziehungen sehr viel öfter als Männer als "Beziehungs-Terroristinnen" agieren. Dass der Spiegel solche Erkenntnisse ins Lächerliche zieht und daraus einen Bericht macht, in dem es darum geht, dass es vor allem die Frauen sind, deren Wünsche in einer Beziehung geachtet werden sollten, ist nur Ausdruck des unsouveränen Umgangs mit einem Studienergebnis, das einer Zeitgeist-Ideologie im Kern widerspricht.

Vielleicht kann der Feminismus aber ja von Jens Stoltenberg (und anderen) lernen; er würde sich selbst und seiner zukünftigen Bedeutung damit einen Gefallen tun.




Montag, 22. September 2014

#OER in Deutschland: Es mangelt an politischen Ideen zur Umsetzung

Dass uns die Digitalisierung in den nächsten Jahren vor große gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Herausforderungen stellen wird, ist inzwischen keine Neuigkeit mehr. Die Frage jedoch, wie wir als Menschen damit umzugehen gedenken, ist noch nicht einmal ansatzweise beantwortet worden. Seien es die Herausforderungen eines in weiten Teilen globalisierten Arbeitsmarktes, die Dezentralisierung der traditionellen Produktionsweisen durch den 3-D-Druck, Bedrohungen für die Menschheit wie den Klimawandel und die Übernahme vieler Alltagsroutinen durch Algorithmen; die Auswirkungen für die Menschen, für den Zusammenhalt der Gesellschaft liegen vollkommen im Unklaren.

Bildung wird für die Menschen angesichts dieser Herausforderungen in Zukunft noch sehr viel wichtiger werden. Gemäß der Menschenrechtscharta der UN handelt es sich beim Zugang zu Bildung um ein Menschenrecht. Damit bekommen Open Educational Resources und damit der freie Zugang zu offenen Bildungsressourcem in vielerlei Hinsicht eine herausragende Bedeutung in der Zukunft. Zur Zeit sind aber diese #OER noch nicht in der Breite der Bevölkerung bekannt, geschweige denn akzeptiert. Auch von einer politischen Strategie zur Umsetzung einer #OER-Policy sind wir noch weit entfernt. Die sogenannte #AnalogeAgendaDE Digitale Agenda der Bundesregierung hat hierdran nichts ändern können sondern eher noch den Eindruck verstärkt, dass wir eine lange Wegstrecke der Digitalisierung in diesem Lande vor uns haben.

Umso mehr freut es mich, dass @joeranDE, @la_fool und ich auf der Social Media Week Berlin #OER zum Thema machen können, nachdem vor wenigen Tagen ebenfalls in Berlin bereits die große #OER-Konferenz stattgefunden hatte. Wir wollen mit den Teilnehmern den Stand der #OER-Debatte in Deutschland aufarbeiten und nach politischen Strategien zum Umsetzung einer #OER-Policy suchen.

http://socialmediaweek.org/berlin/events/open-educational-resources-germany-status-report/

Mittwoch, 17. September 2014

AppleWatch oder die Kapitalisierung der Gesundheit 3.0

Ein Gastbeitrag von @drjdeppe

Die gute alte Zeit mit niedriger Lebenserwartung


Über Jahrtausende lag das alleinige Wissen der Analyse und Deutung von Gesundheitszuständen, also der Befund und die Diagnose, bei den Ärzten, die auch das Privileg für die einzuschlagende Therapie hatten. Dieses Monopol führte zu sicheren Honoraren, mit denen den Ärzten die auch übernommene Verantwortung für den Patienten vergütet wurde.

Mit dem Aufkommen von Geräten zur Selbstdiagnose (Gewicht, Blutdruck, Blutzucker, Herzfrequenz etc.) wurde es denen, die es wollten, ermöglicht, selbst einige Parameter ihrer Gesundheit zu überwachen und, wenn es erforderlich sein sollte, zum Arzt zu gehen, der dann die weitere Diagnostik und Therapie übernahm. Mit diesem Transfer einfacher Befunderhebung in die Eigenverantwortung konnten alle gut leben. Mit dem Verkauf dieser Geräte konnte die Industrie eine stärkere Teilhaberin an der Kapitalisierung der Gesundheit der Menschen werden, allerdings blieb auch die Beziehung zwischen Patient und Arzt weitgehend unangetastet.



Diese Sensoren zur Selbstdiagnostik sind nicht miteinander vernetzt, zur Protokollierung reichen Papier und Bleistift und die Analyse der gewonnenen Daten obliegt dem Patienten und dem Arzt.

Zahle nicht weniger als 349$ für Deine elektronische Fußfessel. 24kt Gold optional

Die Sensoren unserer Smartphones können nicht unbedingt mehr, aber sie sind besser vernetzt. Und um mehr Daten gewinnen zu können, müssen uns diese Geräte näher kommen. Ein Chip unter der Haut, der per NFC mit dem Smartphone kommuniziert, wäre ideal, aber so weit ist die Menschheit leider noch nicht. Bleibt zunächst mal der Pulsschlag des Menschen. Wie bekomme man ihn dazu, dass er ihn verrät? Man verkauft ihm eine Uhr, die tolle Sachen mit ihrem Display kann und schauen Sie mal hier, sie vibriert, wenn Ihnen jemand eine Nachricht gesendet hat. Und ach, ja, da auf der Rückseite ist auch so ein Sensor für Ihren Pulsschlag. Die Uhr ist das trojanische Pferd, das den Sensor transportiert.

Es gibt großartige Apps, mit denen ich auf dem iPhone sehen kann, wie viel ich mich bewegt habe und ob ich fit bin…

Ich kann es sehen?

Dummkopf!

Apple kann es sehen.

Interessanterweise ruft das weder Patientenrechteorganisationen noch Ärzteverbände auf den Plan, sondern den Staatsanwalt

Nach der Denudierung des Individuums in seinem ökonomischen und sozialen Verhalten durch Big Data ist dies der nächste Schritt in der Selbstaufgabe der Privatsphäre. Dieses Mal ist es unsere Gesundheit, die abgezapft wird. Nicht zum Wohl des Einzelnen, sondern zunächst zum Füttern von Algorithmen, die am Ende darüber entscheiden werden, ob jemand eine Kranken- oder Lebensversicherung abschließen kann oder, zum Beispiel, ein Anspruch auf eine aus Sicht des Kranken dringende Herzoperation besteht.

Diese Algorithmen und die AppleWatches, die unsere Daten absaugen, sind ein weiterer Schritt in der Kommerzialisierung der Gesundheit. Keiner der Konzerne, die diese Daten vermarkten, kann oder will jedoch Verantwortung für die Gesundheit eines einzelnen Patienten übernehmen. 

Und keiner dieser Algorithmen wird empathisch, mitfühlend und zu ärztlichem Handeln in der Lage sein.

Der Niedergang des “informed consent”

Eine intakte und von Mitmenschlichkeit geprägte Beziehung zwischen Patient und Arzt basiert auch auf dem, was wir “informed consent” nennen; das heißt, dass eine Behandlung oder irgendetwas, das Konsequenzen für die individuelle Integrität hat, erst dann erfolgen darf, wenn der Patient voll aufgeklärt in die Maßnahme einwilligt. Dieses Prinzip ist eine direkte Konsequenz aus dem Umgang mit Menschen im Dritten Reich.

Mit der Übereignung unserer Gesundheitsdaten werden wir unfreiwillig alle zu Patienten.

Dabei bricht der Grundsatz des “informed consent” weg, denn wie Shoshana Zuboff in ihrem brillianten Aufsatz für die FAZ, schreibt, nehmen uns die Unternehmen die Daten, ohne uns gefragt zu haben, und setzen uns dann den Konsequenzen aus.

Damit gehören zum ersten Mal Gesundheitsdaten nicht mehr den Patienten. Interpretiert und angewendet werden sie nicht mehr unter ärztlichen Gesichtspunkten zum Wohl des Einzelnen, sondern sie werden kapitalisiert von Dritten. Die Folgen dieses ParadigmenwandelsT sind nicht abzusehen. An uns Ärzten läge es, dazu beizutragen, dass die Digitalisierung das Wohl und die Lebensqualität des Patienten mehrt - und nicht Profite Dritter. Patienten und Ärzte müssen dafür kämpfen, das unsere intimsten Daten intim bleiben.

Und glaubt ihnen einfach nicht, wenn sie sagen, dass sie mit Datenhehlerei nicht Geld verdienen wollen.

Mittwoch, 10. September 2014

Sodele - jetzetle oder die Angst des Zahnarztes vor der Bewertung

Dies ist ein Gastbeitrag von @DRJDeppe, der sich als Zahnarzt zunehmend mit der Frage der Datensicherheit und des Datenschutzes in Gesundheitswesen Gedanken macht und hier an dieser Stelle schon einmal zu den Sicherheitslücken bei der Datenübertragung geschrieben hat. Die gestrige Vorstellung der Apple Watch und die immer beliebter werdenden Apps und Dienste zur Überwachung der Vital-Funktionen verstärken den Bedarf an Klärung von rechtlichen Grauzonen. Dass in dem Mix von Datenschutz, Schweigepflicht, BigData vs. ärztlicher Autorität, dem Internet als alternatives gesundheitliches Info-Medium letztlich auch das Verhältnis Patient-Arzt einer Neudefinition bedarf, machen die folgenden Überlegungen des Autors zum Thema Bewertungsportal deutlich. Es wäre gut, wenn sich die Ärzteschaft zunehmend dieses interdisziplinären Perspektiven ggü. öffnen würde. Dabei können beide Seiten nur gewinnen. 

Foto: Jochen Deppe

Sodele - jetzetle oder die Angst des Zahnarztes vor der Bewertung

Abends, vor ein paar Tagen, Diskussion mit geschätzten Kollegen über ein Ärztebewertungsportal.

Ignorieren oder Mitmachen? Hinnehmen oder aktiv werden?

Es entsteht, auch bei der andernorts geführten Diskussion der Eindruck, daß wir als Ärzte diese Portale am liebsten gar nicht hätten. Für unsere Patienten hingegen dürften sie, gut gemacht, eine wichtige Quelle der Information und Entscheidungsfindung sein und zunehmend wichtiger werden.

Net gschimpft is globt gnua

Ein Patient, der mit seinem Behandler zufrieden ist, wird vermutlich weniger Neigung zeigen, diese Zufriedenheit zu dokumentieren als der, der unzufrieden, enttäuscht oder schlecht behandelt worden ist. Das ist eine der Grundannahmen, der wir Ärzte uns stellen müssen.

Die andere ist, daß unser Arztgeheimnis es uns schwer macht, dieselbe Offenheit wie unsere Patienten nutzen zu können. Anders gesagt: während die Interaktion in der Praxis in beide Richtungen offen ist und eine Begegnung auf Augenhöhe stattfindet, kann der Patient im Internet zwar den Behandler beim Namen nennen, jedoch wird der Arzt nicht oder nur sehr schwer seine Schwierigkeiten mit dem Patienten offen beschreiben können. Hier herrscht gewissermaßen keine Waffengleichheit.

Foto: Jochen Deppe
Wir kennen die Besonderheiten jedes Falles und wissen, dass es Befunde und Besonderheiten bei Patienten gibt, die zu, nennen wir es mal so, suboptimalen Ergebnissen oder eben auch besonders hoher Zufriedenheit führen können. Ein Patient nimmt dies anders war, erst recht, wenn es während der Behandlung Fehler in der Kommunikation gab. Diese Subjektivität aufzulösen oder wenigstens kenntlich zu machen, ist eine Anforderung an Ärztebewertungsseiten im Netz. Dazu bedarf es eben auch der Beteiligung der Leistungserbringer, die sich, ohne sich zu rechtfertigen, mit dieser Kritik auseinandersetzen müssen.

Die Bereitschaft dazu ist meiner Meinung nach gering. Höre ich meinen Kollegen zu, ist der Tenor, dass es bequemer ist, zu ignorieren oder unliebsame Kommentare über die Geschäftsbedingungen des Portals auszumerzen.

Dabei könnten beide Seiten von einer echten Kollaboration auf diesen Plattformen profitieren - das feedback unserer Patienten hilft uns, bessere Medizin für alle zu machen und führt mehr Patienten zu den besten Ärzten. Ohne echte Anreize zur Partizipation für die Leistungserbringer wird dies nicht geschehen. Noch ist völlig offen, worin diese Anreize bestehen könnten!

Vor dem Hintergrund immer besserer biometrischen Fähigkeiten von Smartphones bedarf es einer Verstärkung und Intensivierung der Patient-Arztbeziehung eben auch über Social Media Kanäle. Daraus muss eine echte Evaluation unserer Leistungen als Ärzte entstehen können. Was hindert uns daran, in unseren Praxen das Feedback unserer Patienten zu sammeln und daraus Bewertungen unserer Arbeit zu generieren? Unsere Praxisverwaltungssoftware sollte dazu genauso in der Lage sein wie die der Online-Versandhändler.

Nicht irgendwann später, sondern: So, jetzt!

Freitag, 29. August 2014

Die #DigitaleAgenda sollte mehr als Gedöns sein

Das Zustandekommen der Digitalen Agenda war ein schönes Beispiel für das Aufeinandertreffen von Off- und Online-Kultur und sagt viel über die Notwendigkeit, politische Prozesse neu zu denken, aus. Ein kleines bisschen ist man versucht, einen Vergleich zum "Gedöns" des ehemaligen Bundeskanzlers Schröder zu ziehen, als er sich ehemals herablassend über Sozial- und Familienthemen geäußert hatte. Im Folgenden habe ich daher einige Leseempfehlungen zusammengestellt, die dazu dienen könnten, eine Vorstellung davon zu bekommen, wie diese Digitalisierung politisch operationalisiert werden könnte. Politik muss endlich aufhören, Digitalisierung nur als technisches Gedöns zu betrachten; es geht um die politischen und sozialen Implikationen der Technik.

Digitalisierung und die Kommunen

@wkaczoro hat das Buch (ganz der Zielgruppe entsprechend) "Die smarte Stadt - Den digitalen Wandel intelligent gestalten" geschrieben, in dem er sich ausführlich mit den (positiven!) Folgen der Digitalisierung für die Bürger, die Infrastruktur und die kommunalen Dienstleistungen beschäftigt. Ein solches Buch, dass die Digitalisierung in einen gesellschaftlichen und konkreten Kontext einordnet war überfällig und sei allen politischen Entscheidern dringend empfohlen. Was bedeutet Digitalisierung des Alltags für die kommunale Verwaltung, die Wertschöpfung vor Ort, die Nutzung von Daten, die Partizipation der Bürger, die Bildung, das Gesundheitswesen und schließlich die Mobilität in der Stadt? Das Verdienst des Buches ist es, dass es das Digitale politisch operationalisiert.

Foto: Ole Wintermann
Digitalisierung und der Journalismus

Der Konferenzbericht (eigentlich lese ich diese ja nie) "Groundbreaking Journalism", der gemeinsam vom iRightsLab und dem Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation vor kurzem herausgegeben wurde, beschäftigt sich mit den wirklich weitreichenden Fragen, mit denen sich Journalisten, die mal gerade nicht mit hausinternen Streitigkeiten befasst sind, mal intensiver auseinander setzen sollten. Während der deutsche traditionelle Journalismus jahrelang damit beschäftigt (abgelenkt?) war, eine Abwehrschlacht gegen die Blogosphäre zu organisieren, passiert bereits zunehmend etwas, was Experten vor 20 Jahren noch für ausgeschlossen gehalten hätten: Journalisten werden zunehmend durch Algorithmen ersetzt. Das ist allerdings nur auf den ersten Blick erstaunlich, beim zweiten Blick jedoch folgerichtig. Journalisten filtern und bewerten Informationen. Dies können Algorithmen auch erledigen. Das anschließende Schreiben erfolgt dann mit automatisch erstellten Textbausteinen. Sich dagegen zu wehren, macht keinen Sinn. Sich wie bspw. Richard Gutjahr beständig zu fragen, wie der Journalismus der Zukunft aussehen könnte, ist die nachhaltigere Verhaltensvariante. Als Nächstes wird es infolge der Nutzung von BigData übrigens die Ärzte treffen. Ob sie es ahnen?

Foto: Ole Wintermann

Digitalisierung und die politische Kommunikation

@ChristophKappes und @leonard_novy haben sich mit ihrem Sammelband "Medienwandel kompakt 2011-2013" der Aufgabe gewidmet, ein seltsames Defizit speziell in der deutschen Debatte um die Digitalisierung zu adressieren. So stellen sie im Vorwort fest: "Diese Kluft (zw. Online und Print) trug dazu bei, (...) dass Fragen wie die nach den politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung lange merkwürdig unterbelichtet blieben". Ende 2013 war jedoch durch die Snowden-Enthüllungen und die Datensammel-Tätigkeiten von Google sowie die Ausweitung der Cloud-Angebote durch US-Firmen deutlich geworden, dass all diese Netzsachen irgendetwas mit der Offline-Welt zu tun haben könnten. Die Herausgeber haben daraufhin nach transparenten Kriterien die relevantesten Blogs der letzten 3 Jahre identifiziert und in Print-Form herausgegeben. Damit ergibt sich die Gelegenheit, die im Online-Bereich schon länger geführte Debatte über die Auswirkungen der Digitalisierung nunmehr auch einer Zielgruppe näher zu bringen, die das Netz bisher nur als vorübergehenden Hype begriffen hat.

Foto: Ole Wintermann
Bekannte Akteure der Blogosphäre wie Jens Best, Markus Beckedahl, Johnny Haeusler, Michael Seemann, Stephan Dörner, Robin Meyer-Lucht und Sascha Lobo sowie viele Andere schreiben über die Themen der digitalen Umwälzung, Fragen der rechtlichen Implikation und der wirtschaftlichen Folgen, die Rolle von Google und Co. und den Umgang der Politik mit der Herausforderung. Es freut mich, dass Oliver Bildesheim und ich mit unserem Beitrag "Warum wir endlich eine Politik 2.0 benötigen" ebenfalls in den Sammelband aufgenommen worden sind.

Digitalisierung und die Bildungspolitik

Was haben eigentlich die Demografie, die Digitalisierung, Bildung und die Rentenzahlungen miteinander zu tun? Diese Frage habe ich versucht, in meinem Beitrag "Demografie und Bildung 2.0: Von der Kreidezeit in die Zukunft. warum wir das Internet für ein zukunftsfähiges Bildungssystem brauchen" in dem von Jörg Trommel herausgegebenen Sammelband "Generationengerechte und nachhaltige Bildungspolitik" darzustellen.

Foto: Ole Wintermann
Das fehlende Verständnis für eine Politik 2.0, die um sich selbst kreisende Debatte und die "richtige" Bildung, die Verteilungsdebatte zwischen Alt und Jung bei knapper werdenden finanziellen Ressourcen sind die Gründe dafür, dass diese Oberthemen immer nur isoliert betrachtet werden. Die Digitalisierung der Bildung kann jedoch zu Ressourceneinsparungen und Produktivitätssteigerungen führen, von denen die Rentenbezieher einer alternden Gesellschaft profitieren können, ohne dass die jüngere Generationen an der Bildung sparen muss, so meine These. Eine Kurzfassung des Textes findet sich hier in unserem Bildungs-Blog.

Digitalisierung und die Kultur

Abschließend sei noch auf die 2. Ausgabe des digitalen Wandels des Internet und Gesellschaft Collaboratory hingewiesen. "Der Digitale Wandel" versucht, mit Hilfe des dezidierten Fokus auf das Print-Format, eine Brücke zwischen den On- und Offline-Kulturen zu bauen. 


Julia Schönborn fragt unter der provokanten Überschrift "Internet. Kann das weg?" nach Ursachen für die Technikskepsis der Älteren unter uns. Diese Technikskepsis führe dazu, dass die Jüngeren unter uns in regelmäßigen Abständen medial als internetsüchtig abgestempelt würden. Das eigentliche Problem aber, so Schönborn, sei die staatliche Massenüberwachung, die aber politisch geschickt durch die Debatte über das "böse" Internet bewusst überlagert würde. 

In eine ähnliche Richtung argumentiert Mercedes Bunz in ihrem Beitrag "Digitales Spiegelkabinett: Unsere gestörte Beziehung zum Internet ist reif für eine Kur". Gerade die Mischung aus konservativer Technikablehnung und der linken Vorstellung vom anarchischen Netz habe eine Chimäre aufgebaut, die zum Irrglauben des freien Netzes geführt habe, das nicht überwacht und marktwirtschaftlich ausgenutzt werden könne. Diese Unbedarftheit sei eine der Ursachen dafür, dass wir uns nicht um die Sicherheit des Netzes gegen Überwachung gekümmert hätten. Sie appelliert an uns, bei der gerade anstehenden Weiterentwicklung zum Internet der Dinge nicht denselben Fehler nochmals zu begehen sondern dieses Mal von Anfang an darauf zu achten, ob nur die Heizung per Netz gesteuert werden könne oder damit auch gleich die Wohnung Gegenstand von Ausspähungen werden könne.

Ulrich Klotz beschreibt unter dem bewusst doppeldeutigen Titel "Arbeit ohne festen Arbeitsplatz" die Zukunft der Arbeitswelt. Der Zwang zur Verarbeitung immer größerer Informationsmengen, der Trend zur Verflüssigung der Unternehmensstrukturen, der Widerspruch von Taylorscher Hierarchie und dem Wettbewerb des Netzes um die besten Ideen sowie die damit einhergehenden veränderten Anforderungen an den Arbeitnehmer (Flexibilität, Kreativität, Empathie, Haltung) seien die großen Veränderungen des Arbeitsmarktes in den nächsten Jahren.

Marian Schreier stellt in seinem Beitrag "Digitalisierungsdebatte: Mehr Institutionen, bitte" fest, dass es eben nicht nur in der Politik ein Nachholbedarf bezüglich des Verständnisses der Auswirkungen des digitalen Wandels gebe: "Schwerer als die Leerstelle bei der Bundesregierung wiegt allerdings die Lücke in der Wissenschaftslandschaft. Es gibt bislang keine wissenschaftliche Institution, die sich der gesamten Bandbreite der Digitalisierung und ihrer Folgen verschrieben hat." 

Weitere Themen der Ausgabe sind das Leistungsschutzrecht und die Google/Facebook-Debatte, das Recht auf Vergessenwerden und ein spannender Dialog über die Wechselwirkung von nationalstaatlich geprägten Regulierungen und dem globalen Charakter des Netzes.

Vielleicht war die Aussage von Marian Schreier über die allgemeine Unkenntnis die vorweggenommene (wahrscheinlich aber nicht intendierte) Entschuldigung für die fehlgeschlagene Vorlage der Digitalen Agenda durch die Bundesregierung. Kein Experte aus keinem Bereich von Wissenschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft kann schon heute eine Geschichte der digitalen Umwälzung und ihrer Wirkung auf uns alle erzählen, weil entsprechende Erfahrungswerte und Analysen noch gar nicht vorliegen.

Dies wäre vielleicht die geeignete Argumentation dafür gewesen, den Prozess der Erstellung der digitalen Agenda von vornherein offen zu gestalten, da weder die einzelnen "Ressorts" der Bundesregierung noch die Netzgemeinde für sich das Wissen über die Folgen der digitalen Welt für sich verbuchen können. Zusammen hätte man aber für uns alle mehr erreichen können. Diese Chance ist leider nicht genutzt worden. Das ist das eigentlich Tragische.



Dienstag, 26. August 2014

#AnalogeAgendaDE: "Männer die auf das Internet starren" (#Twitterfilme)

Die Vorstellung der sogenannten #AnalogenAgendaDE Digitalen Agenda war gleich aus verschiedenen Perspektiven ein kommunikatives und politisches Desaster und wurde bereits von etlichen Seiten dahingehend kommentiert. So findet sich beispielsweise auf Netzpolitik.org eine kleine Übersicht der Reaktionen der Traditionsmedien. Auf den Technikplattformen Heise und Golem finden sich entsprechende Verrisse (anders kann man die Beiträge nicht mehr nennen). Am besten haben mir persönlich jedoch die Kommentare von @herr_arendt auf Politik-Digital.de sowie von @gsohn bei den Netzpiloten gefallen. Dirk Arendt ordnet die digitale Agenda in den politischen Prozess der Arbeit des Bundestages zu diesem Thema ein, Gunnar Sohn deutet die schmerzhaften Implikationen des Verschlafens der Digitalisierung der Wirtschaft an. Die kurzen Stellungnahmen des Bündnisses Freie Bildung und des Arbeitskreises Open Gov Partnership Deutschland fokussieren sich auf spezielle Politikfelder (was in der Debatte häufig zu kurz gekommen ist) bzw. weisen auf die Defizite des Erstellungsprozesses hin (Expliziter Dank an @christianheise für sein großes Engagement in beiden AKn!).

Neben all der fachlichen Kritik (das Wort "Bildung" wurde bspw. während der BPK nicht ein einziges Mal erwähnt) sind es eben gerade das Zustandekommen und der Rahmen der Agenda, die den interessierten Beobachter so fassungslos zurücklassen. In Zeiten von Leadership 2.0 und des Aufbrechens institutioneller Versäulungen ist es ausgerechnet Innenminister de Maiziere, der in einer Verteidigung der Digitalen Agenda von der "bewährten Ressortabstimmung" bei der Erstellung der Agenda spricht. "Viele Dinge unseres Alltags werden vernetzt", "neue Formen der Kommunikation" sind Begrifflichkeit, die zeigen, dass sich jemand zum ersten Mal mit dem Thema intensiver beschäftigt hat.

Der zweite Absatz des Artikels spricht davon, dass man sich ja nun nicht mehr weiter gegen den Einfluss des Netzes sperren könne, dass Hacker aber bereits Stromversorgung gefährdeten, dass man selbst bei ausgeschaltetem Handy nicht mehr abschalten könne. Er schreibt über die "Gier der Internetgemeinde nach immer neuen Informationen". Er beklagt sich darüber, dass von manchen Akteuren die Dokumente zur Agenda vorab geleakt worden seien - Open Gov als Bestandteil des gegenwärtig gültigen Koalitionsvertrages? War da was? Wieso ist es ein Problem, dass Dokumente, die alle 82 Mio. Menschen in Deutschland betreffen, veröffentlicht werden, bevor sie die Beta-Phase verlassen haben? Welches Verständnis vom Staatsbürger steht dahinter?

Im zweiten Teil widmet sich der Artikel den vielen Sicherheitsgefahren zu, die im Internet auf den Bürger und die Wirtschaft warten. Probleme, die durch die massenhafte Überwachung der eigenen Bevölkerung entstehen, werden wohlweislich in ihrer Existenz - so auch direkt auf der BPK durch den Innenminister - negiert.
  • Sieht so der Entwurf der digitalen Zukunft eines Landes und eines Standortes aus?
  • Soll diese Agenda ein ernstzunehmendes Angebot an die jüngere Generation sein, hier in diesem Land in der Digitalisierung tätig zu sein?
  • Kann über Digitalisierung und Offenheit gesprochen werden, wenn eine solche Agenda von Anfang an nicht darauf ausgelegt war, in offener Weise mit den Menschen dieses Landes erarbeitet zu werden?
Hatte man den Langmut, die gesamte BPK im Stream anzuschauen (ja, das hatte ich), so fiel die bleierne Atmosphäre auf, die vom Podium ausging. Hier saßen 3 ältere Männer, die augenscheinlich nicht wirklich wussten, wovon sie sprachen (ein Beamter hat dies gar "Bullshit" genannt), aber dennoch ein politisches Projekt irgendwie verkaufen mussten.

Selbst einfache Fragen, wie die der NYT-Journalistin nach der schlechten Wlan-Versorgung in Deutschland, brachten die Männer dort oben mächtig ins Schwitzen - berührten doch diese einfachen Fragen am besten die offenen Wunden in dieser unvollständigen und nicht ganzheitlich gedachten Agenda, die alle Beteiligten der BPK sahen, aber niemand auszusprechen wagte (so ist halt das Geschäft....). Meiner Meinung nach bestätigt sich damit erneut die These, dass die äußerst ungünstige Demografie in Deutschland eine beträchtliche Schuld an der Innovationsferne und der Ablehnung der Digitalisierung (so auch heute die SZ) trägt.

Dass es aber netzpolitisch in diesem Land trotzdem vorangehen kann, zeigen wieder einige aktuelle Publikationen zum Thema Digitalisierung, auf die ich im folgenden Post dann eingehen möchte.

Fortsetzung folgt.
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