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Mittwoch, 17. September 2014

AppleWatch oder die Kapitalisierung der Gesundheit 3.0

Ein Gastbeitrag von @drjdeppe

Die gute alte Zeit mit niedriger Lebenserwartung


Über Jahrtausende lag das alleinige Wissen der Analyse und Deutung von Gesundheitszuständen, also der Befund und die Diagnose, bei den Ärzten, die auch das Privileg für die einzuschlagende Therapie hatten. Dieses Monopol führte zu sicheren Honoraren, mit denen den Ärzten die auch übernommene Verantwortung für den Patienten vergütet wurde.

Mit dem Aufkommen von Geräten zur Selbstdiagnose (Gewicht, Blutdruck, Blutzucker, Herzfrequenz etc.) wurde es denen, die es wollten, ermöglicht, selbst einige Parameter ihrer Gesundheit zu überwachen und, wenn es erforderlich sein sollte, zum Arzt zu gehen, der dann die weitere Diagnostik und Therapie übernahm. Mit diesem Transfer einfacher Befunderhebung in die Eigenverantwortung konnten alle gut leben. Mit dem Verkauf dieser Geräte konnte die Industrie eine stärkere Teilhaberin an der Kapitalisierung der Gesundheit der Menschen werden, allerdings blieb auch die Beziehung zwischen Patient und Arzt weitgehend unangetastet.



Diese Sensoren zur Selbstdiagnostik sind nicht miteinander vernetzt, zur Protokollierung reichen Papier und Bleistift und die Analyse der gewonnenen Daten obliegt dem Patienten und dem Arzt.

Zahle nicht weniger als 349$ für Deine elektronische Fußfessel. 24kt Gold optional

Die Sensoren unserer Smartphones können nicht unbedingt mehr, aber sie sind besser vernetzt. Und um mehr Daten gewinnen zu können, müssen uns diese Geräte näher kommen. Ein Chip unter der Haut, der per NFC mit dem Smartphone kommuniziert, wäre ideal, aber so weit ist die Menschheit leider noch nicht. Bleibt zunächst mal der Pulsschlag des Menschen. Wie bekomme man ihn dazu, dass er ihn verrät? Man verkauft ihm eine Uhr, die tolle Sachen mit ihrem Display kann und schauen Sie mal hier, sie vibriert, wenn Ihnen jemand eine Nachricht gesendet hat. Und ach, ja, da auf der Rückseite ist auch so ein Sensor für Ihren Pulsschlag. Die Uhr ist das trojanische Pferd, das den Sensor transportiert.

Es gibt großartige Apps, mit denen ich auf dem iPhone sehen kann, wie viel ich mich bewegt habe und ob ich fit bin…

Ich kann es sehen?

Dummkopf!

Apple kann es sehen.

Interessanterweise ruft das weder Patientenrechteorganisationen noch Ärzteverbände auf den Plan, sondern den Staatsanwalt

Nach der Denudierung des Individuums in seinem ökonomischen und sozialen Verhalten durch Big Data ist dies der nächste Schritt in der Selbstaufgabe der Privatsphäre. Dieses Mal ist es unsere Gesundheit, die abgezapft wird. Nicht zum Wohl des Einzelnen, sondern zunächst zum Füttern von Algorithmen, die am Ende darüber entscheiden werden, ob jemand eine Kranken- oder Lebensversicherung abschließen kann oder, zum Beispiel, ein Anspruch auf eine aus Sicht des Kranken dringende Herzoperation besteht.

Diese Algorithmen und die AppleWatches, die unsere Daten absaugen, sind ein weiterer Schritt in der Kommerzialisierung der Gesundheit. Keiner der Konzerne, die diese Daten vermarkten, kann oder will jedoch Verantwortung für die Gesundheit eines einzelnen Patienten übernehmen. 

Und keiner dieser Algorithmen wird empathisch, mitfühlend und zu ärztlichem Handeln in der Lage sein.

Der Niedergang des “informed consent”

Eine intakte und von Mitmenschlichkeit geprägte Beziehung zwischen Patient und Arzt basiert auch auf dem, was wir “informed consent” nennen; das heißt, dass eine Behandlung oder irgendetwas, das Konsequenzen für die individuelle Integrität hat, erst dann erfolgen darf, wenn der Patient voll aufgeklärt in die Maßnahme einwilligt. Dieses Prinzip ist eine direkte Konsequenz aus dem Umgang mit Menschen im Dritten Reich.

Mit der Übereignung unserer Gesundheitsdaten werden wir unfreiwillig alle zu Patienten.

Dabei bricht der Grundsatz des “informed consent” weg, denn wie Shoshana Zuboff in ihrem brillianten Aufsatz für die FAZ, schreibt, nehmen uns die Unternehmen die Daten, ohne uns gefragt zu haben, und setzen uns dann den Konsequenzen aus.

Damit gehören zum ersten Mal Gesundheitsdaten nicht mehr den Patienten. Interpretiert und angewendet werden sie nicht mehr unter ärztlichen Gesichtspunkten zum Wohl des Einzelnen, sondern sie werden kapitalisiert von Dritten. Die Folgen dieses ParadigmenwandelsT sind nicht abzusehen. An uns Ärzten läge es, dazu beizutragen, dass die Digitalisierung das Wohl und die Lebensqualität des Patienten mehrt - und nicht Profite Dritter. Patienten und Ärzte müssen dafür kämpfen, das unsere intimsten Daten intim bleiben.

Und glaubt ihnen einfach nicht, wenn sie sagen, dass sie mit Datenhehlerei nicht Geld verdienen wollen.

Mittwoch, 10. September 2014

Sodele - jetzetle oder die Angst des Zahnarztes vor der Bewertung

Dies ist ein Gastbeitrag von @DRJDeppe, der sich als Zahnarzt zunehmend mit der Frage der Datensicherheit und des Datenschutzes in Gesundheitswesen Gedanken macht und hier an dieser Stelle schon einmal zu den Sicherheitslücken bei der Datenübertragung geschrieben hat. Die gestrige Vorstellung der Apple Watch und die immer beliebter werdenden Apps und Dienste zur Überwachung der Vital-Funktionen verstärken den Bedarf an Klärung von rechtlichen Grauzonen. Dass in dem Mix von Datenschutz, Schweigepflicht, BigData vs. ärztlicher Autorität, dem Internet als alternatives gesundheitliches Info-Medium letztlich auch das Verhältnis Patient-Arzt einer Neudefinition bedarf, machen die folgenden Überlegungen des Autors zum Thema Bewertungsportal deutlich. Es wäre gut, wenn sich die Ärzteschaft zunehmend dieses interdisziplinären Perspektiven ggü. öffnen würde. Dabei können beide Seiten nur gewinnen. 

Foto: Jochen Deppe

Sodele - jetzetle oder die Angst des Zahnarztes vor der Bewertung

Abends, vor ein paar Tagen, Diskussion mit geschätzten Kollegen über ein Ärztebewertungsportal.

Ignorieren oder Mitmachen? Hinnehmen oder aktiv werden?

Es entsteht, auch bei der andernorts geführten Diskussion der Eindruck, daß wir als Ärzte diese Portale am liebsten gar nicht hätten. Für unsere Patienten hingegen dürften sie, gut gemacht, eine wichtige Quelle der Information und Entscheidungsfindung sein und zunehmend wichtiger werden.

Net gschimpft is globt gnua

Ein Patient, der mit seinem Behandler zufrieden ist, wird vermutlich weniger Neigung zeigen, diese Zufriedenheit zu dokumentieren als der, der unzufrieden, enttäuscht oder schlecht behandelt worden ist. Das ist eine der Grundannahmen, der wir Ärzte uns stellen müssen.

Die andere ist, daß unser Arztgeheimnis es uns schwer macht, dieselbe Offenheit wie unsere Patienten nutzen zu können. Anders gesagt: während die Interaktion in der Praxis in beide Richtungen offen ist und eine Begegnung auf Augenhöhe stattfindet, kann der Patient im Internet zwar den Behandler beim Namen nennen, jedoch wird der Arzt nicht oder nur sehr schwer seine Schwierigkeiten mit dem Patienten offen beschreiben können. Hier herrscht gewissermaßen keine Waffengleichheit.

Foto: Jochen Deppe
Wir kennen die Besonderheiten jedes Falles und wissen, dass es Befunde und Besonderheiten bei Patienten gibt, die zu, nennen wir es mal so, suboptimalen Ergebnissen oder eben auch besonders hoher Zufriedenheit führen können. Ein Patient nimmt dies anders war, erst recht, wenn es während der Behandlung Fehler in der Kommunikation gab. Diese Subjektivität aufzulösen oder wenigstens kenntlich zu machen, ist eine Anforderung an Ärztebewertungsseiten im Netz. Dazu bedarf es eben auch der Beteiligung der Leistungserbringer, die sich, ohne sich zu rechtfertigen, mit dieser Kritik auseinandersetzen müssen.

Die Bereitschaft dazu ist meiner Meinung nach gering. Höre ich meinen Kollegen zu, ist der Tenor, dass es bequemer ist, zu ignorieren oder unliebsame Kommentare über die Geschäftsbedingungen des Portals auszumerzen.

Dabei könnten beide Seiten von einer echten Kollaboration auf diesen Plattformen profitieren - das feedback unserer Patienten hilft uns, bessere Medizin für alle zu machen und führt mehr Patienten zu den besten Ärzten. Ohne echte Anreize zur Partizipation für die Leistungserbringer wird dies nicht geschehen. Noch ist völlig offen, worin diese Anreize bestehen könnten!

Vor dem Hintergrund immer besserer biometrischen Fähigkeiten von Smartphones bedarf es einer Verstärkung und Intensivierung der Patient-Arztbeziehung eben auch über Social Media Kanäle. Daraus muss eine echte Evaluation unserer Leistungen als Ärzte entstehen können. Was hindert uns daran, in unseren Praxen das Feedback unserer Patienten zu sammeln und daraus Bewertungen unserer Arbeit zu generieren? Unsere Praxisverwaltungssoftware sollte dazu genauso in der Lage sein wie die der Online-Versandhändler.

Nicht irgendwann später, sondern: So, jetzt!

Freitag, 29. August 2014

Die #DigitaleAgenda sollte mehr als Gedöns sein

Das Zustandekommen der Digitalen Agenda war ein schönes Beispiel für das Aufeinandertreffen von Off- und Online-Kultur und sagt viel über die Notwendigkeit, politische Prozesse neu zu denken, aus. Ein kleines bisschen ist man versucht, einen Vergleich zum "Gedöns" des ehemaligen Bundeskanzlers Schröder zu ziehen, als er sich ehemals herablassend über Sozial- und Familienthemen geäußert hatte. Im Folgenden habe ich daher einige Leseempfehlungen zusammengestellt, die dazu dienen könnten, eine Vorstellung davon zu bekommen, wie diese Digitalisierung politisch operationalisiert werden könnte. Politik muss endlich aufhören, Digitalisierung nur als technisches Gedöns zu betrachten; es geht um die politischen und sozialen Implikationen der Technik.

Digitalisierung und die Kommunen

@wkaczoro hat das Buch (ganz der Zielgruppe entsprechend) "Die smarte Stadt - Den digitalen Wandel intelligent gestalten" geschrieben, in dem er sich ausführlich mit den (positiven!) Folgen der Digitalisierung für die Bürger, die Infrastruktur und die kommunalen Dienstleistungen beschäftigt. Ein solches Buch, dass die Digitalisierung in einen gesellschaftlichen und konkreten Kontext einordnet war überfällig und sei allen politischen Entscheidern dringend empfohlen. Was bedeutet Digitalisierung des Alltags für die kommunale Verwaltung, die Wertschöpfung vor Ort, die Nutzung von Daten, die Partizipation der Bürger, die Bildung, das Gesundheitswesen und schließlich die Mobilität in der Stadt? Das Verdienst des Buches ist es, dass es das Digitale politisch operationalisiert.

Foto: Ole Wintermann
Digitalisierung und der Journalismus

Der Konferenzbericht (eigentlich lese ich diese ja nie) "Groundbreaking Journalism", der gemeinsam vom iRightsLab und dem Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation vor kurzem herausgegeben wurde, beschäftigt sich mit den wirklich weitreichenden Fragen, mit denen sich Journalisten, die mal gerade nicht mit hausinternen Streitigkeiten befasst sind, mal intensiver auseinander setzen sollten. Während der deutsche traditionelle Journalismus jahrelang damit beschäftigt (abgelenkt?) war, eine Abwehrschlacht gegen die Blogosphäre zu organisieren, passiert bereits zunehmend etwas, was Experten vor 20 Jahren noch für ausgeschlossen gehalten hätten: Journalisten werden zunehmend durch Algorithmen ersetzt. Das ist allerdings nur auf den ersten Blick erstaunlich, beim zweiten Blick jedoch folgerichtig. Journalisten filtern und bewerten Informationen. Dies können Algorithmen auch erledigen. Das anschließende Schreiben erfolgt dann mit automatisch erstellten Textbausteinen. Sich dagegen zu wehren, macht keinen Sinn. Sich wie bspw. Richard Gutjahr beständig zu fragen, wie der Journalismus der Zukunft aussehen könnte, ist die nachhaltigere Verhaltensvariante. Als Nächstes wird es infolge der Nutzung von BigData übrigens die Ärzte treffen. Ob sie es ahnen?

Foto: Ole Wintermann

Digitalisierung und die politische Kommunikation

@ChristophKappes und @leonard_novy haben sich mit ihrem Sammelband "Medienwandel kompakt 2011-2013" der Aufgabe gewidmet, ein seltsames Defizit speziell in der deutschen Debatte um die Digitalisierung zu adressieren. So stellen sie im Vorwort fest: "Diese Kluft (zw. Online und Print) trug dazu bei, (...) dass Fragen wie die nach den politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung lange merkwürdig unterbelichtet blieben". Ende 2013 war jedoch durch die Snowden-Enthüllungen und die Datensammel-Tätigkeiten von Google sowie die Ausweitung der Cloud-Angebote durch US-Firmen deutlich geworden, dass all diese Netzsachen irgendetwas mit der Offline-Welt zu tun haben könnten. Die Herausgeber haben daraufhin nach transparenten Kriterien die relevantesten Blogs der letzten 3 Jahre identifiziert und in Print-Form herausgegeben. Damit ergibt sich die Gelegenheit, die im Online-Bereich schon länger geführte Debatte über die Auswirkungen der Digitalisierung nunmehr auch einer Zielgruppe näher zu bringen, die das Netz bisher nur als vorübergehenden Hype begriffen hat.

Foto: Ole Wintermann
Bekannte Akteure der Blogosphäre wie Jens Best, Markus Beckedahl, Johnny Haeusler, Michael Seemann, Stephan Dörner, Robin Meyer-Lucht und Sascha Lobo sowie viele Andere schreiben über die Themen der digitalen Umwälzung, Fragen der rechtlichen Implikation und der wirtschaftlichen Folgen, die Rolle von Google und Co. und den Umgang der Politik mit der Herausforderung. Es freut mich, dass Oliver Bildesheim und ich mit unserem Beitrag "Warum wir endlich eine Politik 2.0 benötigen" ebenfalls in den Sammelband aufgenommen worden sind.

Digitalisierung und die Bildungspolitik

Was haben eigentlich die Demografie, die Digitalisierung, Bildung und die Rentenzahlungen miteinander zu tun? Diese Frage habe ich versucht, in meinem Beitrag "Demografie und Bildung 2.0: Von der Kreidezeit in die Zukunft. warum wir das Internet für ein zukunftsfähiges Bildungssystem brauchen" in dem von Jörg Trommel herausgegebenen Sammelband "Generationengerechte und nachhaltige Bildungspolitik" darzustellen.

Foto: Ole Wintermann
Das fehlende Verständnis für eine Politik 2.0, die um sich selbst kreisende Debatte und die "richtige" Bildung, die Verteilungsdebatte zwischen Alt und Jung bei knapper werdenden finanziellen Ressourcen sind die Gründe dafür, dass diese Oberthemen immer nur isoliert betrachtet werden. Die Digitalisierung der Bildung kann jedoch zu Ressourceneinsparungen und Produktivitätssteigerungen führen, von denen die Rentenbezieher einer alternden Gesellschaft profitieren können, ohne dass die jüngere Generationen an der Bildung sparen muss, so meine These. Eine Kurzfassung des Textes findet sich hier in unserem Bildungs-Blog.

Digitalisierung und die Kultur

Abschließend sei noch auf die 2. Ausgabe des digitalen Wandels des Internet und Gesellschaft Collaboratory hingewiesen. "Der Digitale Wandel" versucht, mit Hilfe des dezidierten Fokus auf das Print-Format, eine Brücke zwischen den On- und Offline-Kulturen zu bauen. 


Julia Schönborn fragt unter der provokanten Überschrift "Internet. Kann das weg?" nach Ursachen für die Technikskepsis der Älteren unter uns. Diese Technikskepsis führe dazu, dass die Jüngeren unter uns in regelmäßigen Abständen medial als internetsüchtig abgestempelt würden. Das eigentliche Problem aber, so Schönborn, sei die staatliche Massenüberwachung, die aber politisch geschickt durch die Debatte über das "böse" Internet bewusst überlagert würde. 

In eine ähnliche Richtung argumentiert Mercedes Bunz in ihrem Beitrag "Digitales Spiegelkabinett: Unsere gestörte Beziehung zum Internet ist reif für eine Kur". Gerade die Mischung aus konservativer Technikablehnung und der linken Vorstellung vom anarchischen Netz habe eine Chimäre aufgebaut, die zum Irrglauben des freien Netzes geführt habe, das nicht überwacht und marktwirtschaftlich ausgenutzt werden könne. Diese Unbedarftheit sei eine der Ursachen dafür, dass wir uns nicht um die Sicherheit des Netzes gegen Überwachung gekümmert hätten. Sie appelliert an uns, bei der gerade anstehenden Weiterentwicklung zum Internet der Dinge nicht denselben Fehler nochmals zu begehen sondern dieses Mal von Anfang an darauf zu achten, ob nur die Heizung per Netz gesteuert werden könne oder damit auch gleich die Wohnung Gegenstand von Ausspähungen werden könne.

Ulrich Klotz beschreibt unter dem bewusst doppeldeutigen Titel "Arbeit ohne festen Arbeitsplatz" die Zukunft der Arbeitswelt. Der Zwang zur Verarbeitung immer größerer Informationsmengen, der Trend zur Verflüssigung der Unternehmensstrukturen, der Widerspruch von Taylorscher Hierarchie und dem Wettbewerb des Netzes um die besten Ideen sowie die damit einhergehenden veränderten Anforderungen an den Arbeitnehmer (Flexibilität, Kreativität, Empathie, Haltung) seien die großen Veränderungen des Arbeitsmarktes in den nächsten Jahren.

Marian Schreier stellt in seinem Beitrag "Digitalisierungsdebatte: Mehr Institutionen, bitte" fest, dass es eben nicht nur in der Politik ein Nachholbedarf bezüglich des Verständnisses der Auswirkungen des digitalen Wandels gebe: "Schwerer als die Leerstelle bei der Bundesregierung wiegt allerdings die Lücke in der Wissenschaftslandschaft. Es gibt bislang keine wissenschaftliche Institution, die sich der gesamten Bandbreite der Digitalisierung und ihrer Folgen verschrieben hat." 

Weitere Themen der Ausgabe sind das Leistungsschutzrecht und die Google/Facebook-Debatte, das Recht auf Vergessenwerden und ein spannender Dialog über die Wechselwirkung von nationalstaatlich geprägten Regulierungen und dem globalen Charakter des Netzes.

Vielleicht war die Aussage von Marian Schreier über die allgemeine Unkenntnis die vorweggenommene (wahrscheinlich aber nicht intendierte) Entschuldigung für die fehlgeschlagene Vorlage der Digitalen Agenda durch die Bundesregierung. Kein Experte aus keinem Bereich von Wissenschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft kann schon heute eine Geschichte der digitalen Umwälzung und ihrer Wirkung auf uns alle erzählen, weil entsprechende Erfahrungswerte und Analysen noch gar nicht vorliegen.

Dies wäre vielleicht die geeignete Argumentation dafür gewesen, den Prozess der Erstellung der digitalen Agenda von vornherein offen zu gestalten, da weder die einzelnen "Ressorts" der Bundesregierung noch die Netzgemeinde für sich das Wissen über die Folgen der digitalen Welt für sich verbuchen können. Zusammen hätte man aber für uns alle mehr erreichen können. Diese Chance ist leider nicht genutzt worden. Das ist das eigentlich Tragische.



Dienstag, 26. August 2014

#AnalogeAgendaDE: "Männer die auf das Internet starren" (#Twitterfilme)

Die Vorstellung der sogenannten #AnalogenAgendaDE Digitalen Agenda war gleich aus verschiedenen Perspektiven ein kommunikatives und politisches Desaster und wurde bereits von etlichen Seiten dahingehend kommentiert. So findet sich beispielsweise auf Netzpolitik.org eine kleine Übersicht der Reaktionen der Traditionsmedien. Auf den Technikplattformen Heise und Golem finden sich entsprechende Verrisse (anders kann man die Beiträge nicht mehr nennen). Am besten haben mir persönlich jedoch die Kommentare von @herr_arendt auf Politik-Digital.de sowie von @gsohn bei den Netzpiloten gefallen. Dirk Arendt ordnet die digitale Agenda in den politischen Prozess der Arbeit des Bundestages zu diesem Thema ein, Gunnar Sohn deutet die schmerzhaften Implikationen des Verschlafens der Digitalisierung der Wirtschaft an. Die kurzen Stellungnahmen des Bündnisses Freie Bildung und des Arbeitskreises Open Gov Partnership Deutschland fokussieren sich auf spezielle Politikfelder (was in der Debatte häufig zu kurz gekommen ist) bzw. weisen auf die Defizite des Erstellungsprozesses hin (Expliziter Dank an @christianheise für sein großes Engagement in beiden AKn!).

Neben all der fachlichen Kritik (das Wort "Bildung" wurde bspw. während der BPK nicht ein einziges Mal erwähnt) sind es eben gerade das Zustandekommen und der Rahmen der Agenda, die den interessierten Beobachter so fassungslos zurücklassen. In Zeiten von Leadership 2.0 und des Aufbrechens institutioneller Versäulungen ist es ausgerechnet Innenminister de Maiziere, der in einer Verteidigung der Digitalen Agenda von der "bewährten Ressortabstimmung" bei der Erstellung der Agenda spricht. "Viele Dinge unseres Alltags werden vernetzt", "neue Formen der Kommunikation" sind Begrifflichkeit, die zeigen, dass sich jemand zum ersten Mal mit dem Thema intensiver beschäftigt hat.

Der zweite Absatz des Artikels spricht davon, dass man sich ja nun nicht mehr weiter gegen den Einfluss des Netzes sperren könne, dass Hacker aber bereits Stromversorgung gefährdeten, dass man selbst bei ausgeschaltetem Handy nicht mehr abschalten könne. Er schreibt über die "Gier der Internetgemeinde nach immer neuen Informationen". Er beklagt sich darüber, dass von manchen Akteuren die Dokumente zur Agenda vorab geleakt worden seien - Open Gov als Bestandteil des gegenwärtig gültigen Koalitionsvertrages? War da was? Wieso ist es ein Problem, dass Dokumente, die alle 82 Mio. Menschen in Deutschland betreffen, veröffentlicht werden, bevor sie die Beta-Phase verlassen haben? Welches Verständnis vom Staatsbürger steht dahinter?

Im zweiten Teil widmet sich der Artikel den vielen Sicherheitsgefahren zu, die im Internet auf den Bürger und die Wirtschaft warten. Probleme, die durch die massenhafte Überwachung der eigenen Bevölkerung entstehen, werden wohlweislich in ihrer Existenz - so auch direkt auf der BPK durch den Innenminister - negiert.
  • Sieht so der Entwurf der digitalen Zukunft eines Landes und eines Standortes aus?
  • Soll diese Agenda ein ernstzunehmendes Angebot an die jüngere Generation sein, hier in diesem Land in der Digitalisierung tätig zu sein?
  • Kann über Digitalisierung und Offenheit gesprochen werden, wenn eine solche Agenda von Anfang an nicht darauf ausgelegt war, in offener Weise mit den Menschen dieses Landes erarbeitet zu werden?
Hatte man den Langmut, die gesamte BPK im Stream anzuschauen (ja, das hatte ich), so fiel die bleierne Atmosphäre auf, die vom Podium ausging. Hier saßen 3 ältere Männer, die augenscheinlich nicht wirklich wussten, wovon sie sprachen (ein Beamter hat dies gar "Bullshit" genannt), aber dennoch ein politisches Projekt irgendwie verkaufen mussten.

Selbst einfache Fragen, wie die der NYT-Journalistin nach der schlechten Wlan-Versorgung in Deutschland, brachten die Männer dort oben mächtig ins Schwitzen - berührten doch diese einfachen Fragen am besten die offenen Wunden in dieser unvollständigen und nicht ganzheitlich gedachten Agenda, die alle Beteiligten der BPK sahen, aber niemand auszusprechen wagte (so ist halt das Geschäft....). Meiner Meinung nach bestätigt sich damit erneut die These, dass die äußerst ungünstige Demografie in Deutschland eine beträchtliche Schuld an der Innovationsferne und der Ablehnung der Digitalisierung (so auch heute die SZ) trägt.

Dass es aber netzpolitisch in diesem Land trotzdem vorangehen kann, zeigen wieder einige aktuelle Publikationen zum Thema Digitalisierung, auf die ich im folgenden Post dann eingehen möchte.

Fortsetzung folgt.

Mittwoch, 13. August 2014

Sind Google, Intel, NVidia, Apple und Samsung die neuen Autofirmen?

Daimler und Co. - #Ilike oder nur riskant oberflächliche PR?

Wenn man sich die Social Media Accounts der deutschen Autohersteller anschaut, bekommt man den (oberflächlichen) Eindruck als ob diese Firmen fest in der Welt der sozialen Online-Kommunikationen verankert und damit mit dem Ohr am Kunden seien. Followerzahlen von 10-18 Mio. Nutzern auf Facebook sehen gut aus. Nun wandelt sich allerdings Facebook entsprechend des eigenen Geschäftsmodells immer mehr zum einseitigen Vertriebskanal. Direktere und Kommunikation in beide Richtungen ist eher bei Twitter möglich. Dort allerdings fallen die Follower-Zahlen relativ stark ab und landen im mittleren 6-stelligen Bereich. Könnte man an dieser Stelle soweit gehen und dies als Indikator für mangelnde Offenheit eines Unternehmens betrachten? Offenheit, die eigentlich benötigt würde, wenn es um innovative Neuentwicklungen nach den Wünschen des Kunden geht. Offenheit, derer es bedarf, wenn neue Trends den Automarkt erobern; neue Trends wie die Entwicklung des selbstfahrende Autos.

Bereits ein erster kurzer Blick auf die Suchanfragen nach "Autonomous Cars" der letzten 4 Jahre mit Hilfe von Google Trends in Kombination mit der Suche nach Autofirmen deutet ein Problem an. Google wird im Online-Diskurs mit selbstfahrenden Autos ganz offensichtlich in einen eindeutigen Zusammenhang gebracht. Es ist sogar so, dass der "Buzz" im Netz maßgeblich davon abhängig ist, was Google zu selbstfahrenden Autos und den eigenen Plänen sagt und schreibt. Eine Kommunikationstätigkeit von Google erhöht, dies zeigen die Verläufe der Suchanfragen, in der Summe auch die Relevanz des Themas insgesamt in diesem Zeitraum. VW und Mercedes/Daimler finden in diesen 4 Jahren online quasi in keiner Weise statt (Suchabfragen: Blau (Google Autonomous Car), Orange (Autonomous Car), Rot (Autonomous Car VW), Grün (Autonomous Car Daimler)).

Heißen Autofirmen zukünftig Google, Intel, Apple, NVidia, Samsung?

So verwundert es auch nicht, dass zwei aktuelle ausführlichere Studien zu dem Ergebnis kommen, dass gänzlich andere Player als die der angestammten Autohersteller die (Online-) Debatten über die Zukunft des Autos dominieren. So sind es Google und Intel, die den Buzz über das "Autonome Automobil" bestimmen, so dass wichtigste Ergebnis der Studien: "Google still remained over 20x more influential than leading auto manufacturer GM". Weitere Aussagen der beiden Studien, die nach Angaben der Herausgeber appinions.com auf dem Scannen von 100derten von Mio. Blogposts, Social Media Einträgen und Nachrichtenmeldungen beruht, sind:
  • die eigentlich branchenfremden Firmen Intel und Google sind in den Markt für die Herstellung von Autos eingebrochen und führen mit ihrem Einflusspotenzial auf die öffentliche Debatte weit vor den traditionellen Herstellern
  • bezogen auf den Einfluss einzelner Personen auf den öffentlichen Diskurs sind nicht nur CEOs von Google und Intel unter den Top 10 vertreten sondern auch Start Up Vertreter aus dem Bereich der automobilnahen Dienstleistungen (Uber et al.)
  • unter den Top 10 der individuellen "Influencer" befinden sich 4 (!) Google Akteure und nur ein Vertreter einer deutschen Automarke (Daimler Lkw)
  • Apple rangiert bei der Messung der eigenen Relevanz bezüglich des Diskurses über autonom fahrende Autos vor BMW
  • unter den aggregierten Top 24 "Influencern" aus Politik, Journalismus und Wissenschaft befinden sich 23 US/UK Personen/Institutionen und nur eine Kontinental-Europäerin (Neelie Kroes)
  • die Relevanz des Themas "Autonomes Fahren" bewegt sich auf derselben Höhe wie die Debatten zum 3D-Druck und digitalem Zahlungsverkehr
  • bei dem Sub-Topic "Auto-Technologie" führt Apple die Liste der Influencer an. VW taucht gar nicht unter den Top 10 auf; stattdessen ist NVidia (!) dort vertreten
  • deutsche Automarken dominieren allein das Sub-Topic "Luxus"; sogar im Sub-Topic "Performance" rangiert BMW hinter Apple 
  • eine relevante Online-Debatte um VW herum findet nahezu nur im arbeitsrechtlichen Sub-Topic statt; bezüglich Daimler dominiert allein die Berichterstattung zur Formel 1
Diese Daten sind kontextbezogen und können in jeweils aktualisierter Kurzzeitbetrachtung auch hier eingesehen werden.

Eigentlich müssten bei den Vertretern deutscher Automarken die Alarmglocken schrillen, denn
  1. Daten sind das Öl der Zukunft; der weltweit größte Datensammler Google führt die Liste der Influencer an.
  2. Branchenfremde Akteure brechen in einen Markt ein, dessen Logiken sich aufgrund der Fokussierung auf Daten im Umbruch befinden.
  3. Deutsche Automarken sind im Online-Diskurs über die Zukunft des Autos quasi nicht existent.
USAToday stellt daher fest: "Interestingly, though, traditional car companies are falling behind when it comes to generating buzz for their efforts on driverless cars." Angesichts des erwarteten Umfangs des Strukturwandels und der veränderten Zweckbestimmung von Autos in der Zukunft, die von den Kunden zu einem großen Teil bereits jetzt antizipiert wird, verwundert diese Sprachlosigkeit.

Eine weitere aktuelle Studie von KPMG beschäftigt sich eingehender mit den Wünschen der Verbraucher bezüglich der selbstfahrendes Autos und kommt zu den folgenden Ergebnissen:
  • Beschleunigungswerte sind für die potenziellen Käufer selbstfahrender Autos irrelevant 
  • stattdessen wird danach gefragt, wie Autos die Lebensqualität steigern können; hierbei wird v.a. auf die technische Ausstattung/Vernetzung der Autos geachtet werden
  • auch in dieser Studie werden Google, Apple, Intel oder Samsung als die Autoanbieter der Zukunft durch die potenziellen Käufer in Betracht gezogen
  • "Mobility on demand" wird als kostengünstige Alternative zum Zweit- oder gar Dritt-Wagen gewünscht
  • den Technologiefirmen wird eher als den angestammten Autofirmen zugetraut, solche Konzepte und Autos zu entwickeln
Wirft man einen Blick auf die US- aber auch die UK-Debatte zum Thema des autonomen Autos, so ist man gerade als Europäer erstaunt, welch Breite und Ausführlichkeit die Debatte dort inzwischen erreicht hat. Im Jahre 2015 sollen die ersten autonomen Autos auf britischen Straßen fahren. Die britische Regierung ruft die überfüllten Städte bereits heute auf, sich Gedanken darüber zu machen, wie selbstfahrende Autos die Innenstädte entlasten könnten.

Verhindert "Neo-Bürokratie" das zukünftige selbstfahrende Auto made by Daimler und Co.?

Vor einigen Wochen war mir die Gegensätzlichkeit der Präsentationen von Daimler und Google bezüglich des autonomen Autos aufgefallen. Hier Daimler: Protzig, viel Blech, durchgestylte 50-jährige Führungskraft, das Auto steht im Mittelpunkt. Dort Google: amateurhaftes Präsentationsvideo, namenloses japanisches Massen-Auto, nerdige Sprecherin. Werfen aber am Ende die im Daimler-Video gezeigten graumelierten senioren Führungskräfte einen Blick auf die online bereits voran geschrittene Debatte?

Gunnar Sohn hatte vor einiger Zeit einen schön formulierten Artikel (Leseempfehlung!) über die untergehende Welt der alten Unternehmen und der tradierten Führungsverständnisse unter der Überschrift "Die Fähigkeitsmystik des Managements" verfasst. Mit Hinweis auf das Buch "Das Touchpoint-Unternehmen" von Anne M. Schüller schrieb er: "Auch wenn nun Software und digitale Technologien zum Einsatz kommen, stecken hinter den Marketing-Mauern immer noch Topdown-Formationen, Insellösungen, Hierarchiegehabe, Budgetierungsmarathons, Anweisungskultur, Kontrollitis und Kennzahlen-Manie. Eine fossile Gesinnung mit einem etwas moderneren Anstrich." Er verweist in seinem Post immer wieder auf das Spannungsverhältnis von individueller Entscheidungsfähigkeit und Risikobereitschaft auf der einen und der Kennzahlen-Bürokratie, die versucht, alle Risiken zu minimieren, auf der anderen Seite.

Aus der Zusammenschau beider Debatten ergibt sich eine interessante und spannende Fragestellung: Inwiefern haben tradierte Unternehmen wie die großen deutschen Autohersteller überhaupt eine Chance, sich auf das neue (Selbst-) Verständnis von Autofahre(r)n einzustellen, wenn ihre eigenen internen Logiken und Prozesse auf Risikovermeidung sowie Pfadbeständigkeit ausgelegt sind? Sind die große Firmen fähig, aus ihren über 100-jährigen Entwicklungspfaden auszubrechen?

Es gilt zukünftig: Weg von der Hardware, hin zur Software. Nicht umsonst wird der Motor von den potenziellen Käufern des selbstfahrenden Autos als das unwichtigste Ausstattungsmerkmal überhaupt betrachtet (S. 17). Das Einbrechen der Technologiefirmen in eine andere Branche dürfte es nach den Vorstellungen der von Gunnar Sohn benannten "Neo-Bürokratie" eigentlich gar nicht geben. Wird es die eigene interne Neo-Bürokratie bei Daimler und Co. es zulassen, umgekehrt in die Technologie-Branche einzubrechen, um sich dem veränderten Markt anzupassen? Denn nur dann sprechen die Studien den traditionellen Autofirmen eine Überlebensfähigkeit zu.

Können aus Auto-Produzenten Technologie-Firmen werden?

"Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts". Die traditionellen Autohersteller haben es bisher aber anscheinend nicht vermocht, die Systeme bereit zu stellen, mit denen zukünftig Daten erhoben und für die eigene Geschäftstätigkeit als eigenes Tätigkeitsfeld gesehen werden. Vor kurzem hat eine umfassende Studie von KPCB auf die elementaren Kennzeichen der anstehenden Digitalisierung der Gesellschaft hingewiesen. Daten werden die Grundlagen sein für die Reform des Gesundheitswesen, für die Bildungspolitik, die kontextualisierte Anwendung von digitalen Devices und der darauf installierten Apps, den Strukturwandel des gesamten Einzelhandels, verbrauchernahe Dienstleistungen oder das House Monitoring. Das Sammeln und Interpretieren von Daten wird die Voraussetzung jeglicher Geschäftstätigkeit in der Zukunft sein.

Wie werden sich die deutschen Autokonzerne dieser neuen Herausforderung stellen? Werden sie versuchen, in stiller Übereinkunft (so erscheint es manches Mal) mit ZEIT und FAZ Stimmung gegen die neuen Akteure zu machen? Werden sie versuchen, mit dem Ruf nach Regulierung den Markt ihrer Blechkarrossen gegen neuen Player abzuschotten? Besitzen Daimler und Co. ausreichende Kompetenz, um mit Daten zu operieren und die Digitalisierung für die eigene Tätigkeit zu nutzen?

Gänzlich falscher Ansatz: Die "Experten" fragen

Ich bin persönlich skeptisch, wenn es darum geht, ob die deutschen Autofirmen diesen sich anbahnenden grundlegenden Wandel im Blick auf das Auto in eine neue Modellpolitik umsetzen können. Zulange hat man sich auf die Einführung des x-ten Assistentsystems und die Effizienzsteigerung des Motors konzentriert. Dies erinnert stark an die gescheiterten Versuche von Nokia, die Telefone mit immer noch mehr Tasten und hardwarebasierten Spezifikationen auszustatten, ohne dass es ihnen jemals gelungen wäre, den Wandel des Blicks auf das Telefon hin zu einem mobilem Computer auch nur ansatzweise zu erfassen und umzusetzen. Es ist ja nicht etwa so, dass der Bremer Professor Kruse mit seiner Zukunftsforschung nicht schon seit Jahren einen Wertewandel bei der Autoindustrie anmahnt.

Das Dilemma, tradiertes Denken auf neue Herausforderungen einzustellen, verdeutlicht eine Umfrage des Weltverbandes der Ingenieure unter seinen Mitgliedern (im Gegensatz dazu handelte es sich bei den o.g. Studien um eine Sentiment Analyse; schon allein dieser methodische Unterschied spricht Bände), die SPON gerade veröffentlichte. Danach beschäftigen sich die bisher verantwortlichen Ingenieure mit den aus ihrer Sicht wichtigsten Zukunftsfragen des Autos: den Rückspiegeln, der Anordnung der Pedale, die Notwendigkeit von Hupen.... Leider wahr.


Disclaimer: Ich bin Mitglied des Beirates des Internet und Gesellschaft Collaboratory in Berlin. Dieser virtuelle Think Tank wird zum Teil durch Google Deutschland finanziert. Ich vertrete hier meine private Meinung.

Donnerstag, 24. Juli 2014

Ist Hochsommer eine "Mordsgaudi" oder sollten wir besser nachdenken?

Eine Mordsgaudi oder eventuell auch einfach tödlich?

Bis zum Jahre 2050 ist mit einem Anstieg der jährlichen globalen Hitzetoten infolge des Klimawandels um über 250% im Vergleich zum Jahre 2000 zu rechnen. Mit jedem Grad, das über dem Wert, bei dem die Zahl der durch die Temperatur ums Leben Gekommenen ein Minimum erreicht (bezogen auf London liegt dieser Wert bei 20 Grad), liegt, steigt die Mortalität der Bevölkerung um 2%.

"Hochsommer in Deutschland: Mordshitze, Mordsdurst, Mordsgaudi" titelte SPON am Wochenende und ich frage mich langsam, ob die Hitze vielleicht (negative) Auswirkungen auf den "Qualitätsjournalismus" hat. So heißt es im Teasertext des Artikels "So fühlt sich der Hochsommer an: Temperaturen bis zu 37 Grad, blauer Himmel, kaum ein Lüftchen - und das pünktlich zum Wochenende". Ich frage ich: Gehts noch? Bei 37 Grad steigt die Zahl der klimabedingten Todesfälle um ca. 40%.

Foto: Ole Wintermann

Leben wir in der schon damals von BK Kohl so genannten Freizeitgesellschaft, die angesichts solcher tropischen Temperaturen und hohen Luftfeuchtigkeiten nichts anderes mehr macht als zu Grillen und am Badesee, Schwimmbad oder Strand zu liegen? Begleitet werden diese Urteile in schöner Regelmäßigkeit von einem bekannten Wetter-Ansager (dem Ben) im ÖR, der "37 Grad" in kindlicher Aufgeregheit ausspricht und sich dabei die Hände so intensiv reibt als wenn ihm dabei noch kalt sei.

Verblöden wir so langsam? Was sagt die Hälfte der Bevölkerung, die bei solchen Temperaturen arbeiten muss, über diesen scheinbaren Temperaturfetischismus der anderen Hälfte der Bevölkerung - so jedenfalls der mediale verursachte Eindruck - die diesen Temperaturen in den Bädern des Landes Tag für Tag bewältigt? Was sagen die 25% der Bevölkerung, die älter als 60 Jahre sind und diesen Hitzestress noch weitaus stärker wahrnehmen?

"Qualitätsmedien" melden sich aus Klimadebatte ab?

Was ist aus dem Journalismus geworden, der zur Jahrtausendwende regelmäßig über die fehlgeschlagenen Klimakonferenzen berichtete, der einem "Umweltminister" Röttgen kritische Fragen nach der fehlende Verantwortlichkeit machthungriger politischer Entscheider stellte, der den virtuellen Heiligenschein eines Barack Obama das erste Mal in Frage stellte, als auch Obame deutlich machte, dass für ihn in der globalen Klimapolitik "America first" gelte? Was ist aus dem Journalismus, der sich über die verzerrte Berichterstattung in den US-Medien mokierte und inzwischen zusehen muss, wie die US-Institutionen dabei sind, nach den Erfahrungen der letzten Jahren mit Trocken- und Hitzeperioden Boden gut zu machen und die Erfahrbarkeit der Klimaerwärmung in beeindruckend einfacher Weise den Bürgern näher bringen? Auch anderen ausländischen Medien bleibt es inzwischen überlassen darauf hinzuweisen, dass solch große Hitze der Wirtschaft und der Arbeitsproduktivität schadet, dass Depressionen befördert werden, dass die Mordraten ansteigen und dass solche Hitzewellen Tausende Tote nach sich ziehen. So wird gern auf den Hitzesommer 2003 hingewiesen, der in Europa 70.000 Hitzetote mich sich gebracht hat. Wären diese Toten die Folge von AIDS oder einer Wintergrippe, so würde sich schnell ein medialer Aufschrei erheben. Diese gewaltige Zahl an Hitzetoten, die im Übrigen zur Hälfte der besonders alten Bevölkerung in Europa geschuldet war, scheint hingegen schnell vergessen.

Klimawandel = Kulturwandel?

Sekundäreffekte des Klimawandels werden nicht einmal ansatzweise im Mainstream debattiert. Welche Auswirkungen hat die Temperaturerhöhung beispielsweise auf die regionale und nationale Kultur? In den Ländern, in denen schon jetzt die Temperaturanstiege deutscher zu verspüren sind - und dies sind nicht etwa die immer wieder genannten sich entwickelnden Ländern sondern die nördlichen Polarregionen in Skandinavien, Sibirien und Kanada - ist der Wandel der regionalen Kulturen, die seit Menschengedenken auf dem Umgang der Menschen mit der Kälte basierte, schon deutlicher vorangeschritten als in Deutschland, so dass der Faktor der Klimaveränderung bereits Eingang gefunden hat in gesellschaftliche Diskurse.

Aber auch in Deutschland wird irgendwann die Frage gestellt werden müssen - Stichwort Bürokultur - , ob es im Sommer eigentlich noch mit gesundem Menschenverstand zu erklären ist, dass männliche Angestellte bei 37 Grad mit dunklen Anzügen durch die Gegend rennen (weil dies in der alten Weltordnung anscheinend Wichtigkeit ausstrahlte) und ob es im Winter noch angemessen ist, die Weihnachtszeit mit Schnee in Verbindung zu bringen obgleich dieser zu dieser Jahreszeit eher ungewöhnlich zu werden scheint. Wie verändert eine Kultur (Märchen, Weihnachtslieder) ihr Selbstverständnis, wenn "Schnee", "Kälte", "Dunkle kalte Wälder" und "Schlitten" nicht mehr zur Alltagserfahrung der Kinder zählen? Wie gehen die Menschen damit um, dass nicht nur die Jahreszeiten nicht mehr eindeutig zuzuordnen sind, sich zudem die Temperaturen innerhalb ein und derselben Jahreszeit so verändern als wenn es sich um Jahreszeitenwechsel handelte und selbst die Temperaturen zwischen Tag und Nacht nicht mehr eindeutig zuzuordnen und zu unterscheiden sind? Was bedeutet diese körperliche und psychische Beanspruchung für die menschliche Gesundheit?

Wie gehen wir zukünftig mit Hitze um?

Während für Tiere über Lösungen gegen den Hitzestress nachgedacht wird, wird gleiches beim Menschen und seine "Behausungen" nicht angedacht oder hat zumindest bisher nicht Eingang in den Mainstream gefunden (bezogen auf Deutschland). Büro sind zwar zunehmend klimatisiert; private Häuser oder Wohnungen, die klimatisiert sind, sind mir bisher hierzulande jedoch noch nicht begegnet, obgleich sich dort der Lebensmittelpunkt befindet. Sind Kälber am Ende relevanter für die Gesellschaft als Senioren, die still leidend in ihren überhitzten Wohnungen die Tage verbringen müssen?

Was geschieht mit den Bausubstanzen dieser Häuser und Wohnungen infolge der beständig ansteigenden Luftfeuchtigkeiten? Wie müssen Häuser gebaut sein, die regelmäßig einen Wechsel zwischen den hohen Temperaturen in den zunehmend feuchten Sommern und den nach wie vor niedrigen Temperaturen im Winter aushalten müssen? War es vor 20 Jahren noch unvorstellbar, das die Klimaanlage zur Serienausstattung von deutschen Autos gehört, so ist es heute Standard. Wird dasselbe bei der Ausstattung von Häusern eintreten? Wie wirkt sich die Temperaturerhöhung und die steigende Luftfeuchtigkeit auf die gesamte Infrastruktur aus? Schweden, das von der Klimaveränderung mehr betroffen ist als Deutschland, hat all diese Fragen bereits 2007 in einem öffentlichen Kurs thematisiert.

Es ist ja nicht so, als wenn es nicht auch hierzulande bereits interessante und auch für die Allgemeinheit verständliche (interdisziplinäre) Gutachten zur alltagsrelevanten Abschätzung der Klimaerwärmung gegeben hätte. So gab es - ebenfalls - im Jahre 2007 eine vom Kieler IfW im Auftrag des WWF erarbeitete großartige Studie zu den politikfeldübergreifenden Auswirkungen des Klimawandels, die aber leider nicht den Eingang in den Mainstream gefunden hatte. Negative Wirkungen für das Gesundheitswesen (und die Gesundheit) und für die Wirtschaft, der Anstieg der Zahl der Hitzetoten insbesondere in Süddeutschland und die Verstärkung dieser Effekte durch die Alterung der Gesellschaft waren die Hauptergebnisse der Studie.

Etwas mehr Nachdenken, etwas weniger Hitzefetischismus

Es sollte nicht darum gehen, von der Lethargie des Hitzefetischismus übergangslos in eine Panik zu verfallen; es sollte nur einfach langsam die Zeit reif dafür sein, dass wir darüber nachdenken, wie wir uns pragmatisch auf diese anstehenden Veränderungen einstellen wollen. Und nein; häufigere Freibad-Besuche sind keine ausschließliche Option. Vielleicht ist es einfach nur an der Zeit, über diesen medial getriebenen und unkritischen Hitzefetischismus nachzudenken.

Samstag, 5. Juli 2014

Tesla? Westaflex!

Foto: Ole Wintermann


OWL = Pumpernickel?

Pumpernickel, Bier, Wurst, Wald, Landwirtschaft, SC Paderborn 07 und das Gegenteil von rheinischer "Fröhlichkeit" sind die Attribute und Produkte, die man normalerweise mit Ostwestfalen-Lippe (OWL) in Verbindung bringt. Daran ist eigentlich nichts auszusetzen, da meiner persönlichen Meinung nach all diese Punkte positiv besetzt sind. Kann man aber auch das Stichwort "Digitalisierung" in einen Kontext mit OWL bringen? Man muss so ehrlich sein und gestehen, dass dies gegenwärtig nach außen hin noch nicht unbedingt der Fall ist - und dies ist nicht gerechtfertigt und muss sich ändern.

Foto: Ole Wintermann
Paderborn hat mehr zu bieten als eine Niederlassung von Fujitsu (als Nachfolgerin Siemens-Nixdorf). 1.500 Studierende der Informatik an der Uni Paderborn machen das Potenzial an Fachkräften in diesem Zukunftsfeld deutlich. Eine eigene "FH des Mittelstands" deutet an, dass die Bedeutung der KMU in dieser Region nicht unterschätzt werden sollte. Weltweit agierende Unternehmen wie Dr. Oetker, Bertelsmann, Miele, Nobilia und Claas ergänzen das Bild einer Region, in der es sich gut leben lässt und in der es den Menschen glücklicher Weise recht gut geht. Eine Arbeitslosenquote zwischen 5% und 6%, einen der Landkreise mit dem geringsten Durchschnittsalter der Bevölkerung bundesweit (LK Gütersloh) und eine überdurchschnittliche Zahl von Geburten je Frau komplettieren das Bild einer Region, der es ziemlich gut.

Aber kann OWL auch Digitalisierung?

Durch die breite Basis von gut wirtschaftenden KMUs gibt es meiner Meinung nach auch viele Gelegenheiten für die Unternehmenslenker der Region, über den Tellerrand zu blicken und sich Gedanken über Innovationen und digitale Trends der Zukunft zu machen. Ein sehr erwähnenswertes Beispiel für diese Potenziale ist das Unternehmen "Westaflex", das auf die Produktion von Röhren spezialisiert ist und in Gütersloh angesiedelt ist.

Röhren und Digitalisierung?? Wie passt das zusammen?

Man wird stutzig, wenn man auf Facebook auf den "Fan Club Westaflex" stößt. Es soll einen Fan Club für einen Röhrenhersteller geben? Und dann sind doch tatsächlich 32.000 Menschen Mitglied dieses Clubs?

Aber wenn man sich mit dem Inhaber und Chef des Unternehmens, Jan Westerbarkey, unterhält, bekommt man schnell eine Ahnung davon, was Wirtschaft 4.0 faktisch bedeutet und welch weitreichende Implikationen die Digitalisierung der Wirtschaft haben wird.


Digitalisierung ernst genommen und nicht nur als marketinglastiges Bullshit Bingo begriffen, wird "Innovationsfähigkeit", "Zukunftsorientierung", "Wettbewerbsfähigkeit" vollkommen neu definieren. Unternehmer und Manager, die immer noch meinen, tief in die Unternehmen hineinregieren zu müssen, weil nur sie den Überblick hätten, werden zukünftig diejenigen Akteure sein, die der Fähigkeit von Unternehmen zur Digitalisierung und damit den Unternehmen selbst im Wege stehen. Wer seine Arbeitnehmer nicht ganzheitlich als Menschen mit vielen Kompetenzen sieht, verschenkt in einer Weise Ressourcen, die sich Unternehmen in Zukunft nicht mehr leisten können werden. Das Konzept "Generation Y" ist eben doch keine exklusive Frage der Akademiker sondern betrifft - in positiver Weise - alle Erwerbstätigen unabhängig von ihrem formalen Bildungshintergrund.

Dass die ganze Welt jetzt auf die Ankündigung der Firma Tesla reagiert, die eigenen Patente freizugeben, ist nur eine Folge der Tatsache, dass "Westerflex" nicht ganz so bekannt ist. Würde man weniger opportun ins Silicon Valley und mehr nach OWL schauen, würde man sich wundern, dass auch Westaflex keine Patente mehr anmeldet, weil damit nach Meinung des Firmeninhabers Jan Westerbarkey "Open Code Donations der Community zurückgegeben werden und Transparenz dem Standort D hilft". Gibt man im Google Play Store "Westaflex" ein, so erscheint zur Zeit die unglaubliche Zahl von 23 Apps, die der eigenen Unternehmenssteuerung sowie der Steuerung von Systemen dienen.

#OWLdigital als Austauschplattform

Solche Geschichten sowie die vielen anderen Menschen und Geschichten dieses ersten Treffens, die ich hier nicht alle aufführen kann, sind es, die es nur folgerichtig erscheinen lassen, eine virtuelle und reale Austauschplattform für das Thema "Digitalisierung in OWL" in Form von #OWLdigital zu schaffen. Durch Gespräche auf die Innovatoren vor Ort in OWL aufmerksam zu werden und sich gegenseitig bei der Umsetzung digitaler Strategien in den eigenen Unternehmen oder Arbeitsplätzen zu helfen; das sind die Ziele unserer zukünftigen geplanten Treffen.

Foto: Ole Wintermann
Nachdem sich @GunnarBender, @Westerbarkey, @ThorstenIsing, @Nowanda1, @Lee_und_Luv und ich dann auf diese Ziele verständigt hatten, haben wir über unsere FB-Gruppe am 3.7. zum ersten Offline-Treffen eingeladen. Ca. 35 Teilnehmer waren gekommen und haben uns gezeigt, dass eine solche Plattform in OWL Sinn machen könnte. Sich dort als Privatpersonen auszutauschen, von vornherein nicht in das "Sie" und die Frage von "Zuständigkeiten" (statt Kompetenzen) zu verfallen und Offenheit gegenüber scheinbar schrägen Ideen sind die impliziten Spielregeln unserer Treffen, die grundsätzlich für Jeden offen stehen (Anmeldung bitte jeweils über unsere FB-Gruppe).

Neben Jan Westerbarkey habe ich die Gelegenheit auch genutzt, weitere Teilnehmer nach einem kurzem Statement dahingehend zu fragen, woran sie denken, wenn sie "Digitalisierung" und "OWL" in einem Kontext sehen.

@imo: Digitalisierung und OWL


@probefahrer: Digitalisierung und OWL


@thorstenising: Digitalisierung und OWL


Ich freue mich auf das nächste Treffen mit diesen Menschen und ihren spannenden Ideen.

Foto: Ole Wintermann



Sonntag, 22. Juni 2014

"No Hate Speech" und freie Meinungsäußerung: Ein schwieriges Verhältnis

Zensur? Nicht bei uns.

Dass jede Einschränkung der Freiheit im Netz, der Netzneutralität oder des Zugangs zum Netz der erste Schritt hin zur Zensur sein kann, haben die Aktivisten, die frühzeitig im Zuge der Zensursula-Debatte auf diese Problematik hingewiesen haben, bereits damals zu kommunizieren versucht. Allein: Die Abstraktheit der Warnung vor Zensur verhinderte schon damals einen Eingang der Zensur-Warnung in die Mainstream-Medien und damit einen Übergang des Bewusstseins für die potenzielle Zensurgefahr in die (ver) öffentlich(t)e Debatte.

Foto: Ole Wintermann
Aktuell unternimmt das russische Innenministerium einen nächsten Schritt in die politisch motivierte Regulierung (Beschränkung) des Netzes. Das Ministerium hat verschiedene Maßnahmen angekündigt, mit denen die große Bandbreite "ideologisch" motivierter Verbrechen von Hate-Crime bis bewaffneten Umstürzen, die durch das Netz befördert werden könnten, eingedämmt werden sollen. "Extremistische" Ideologien und Informationen im Netz, die aus friedlichen Protesten gewaltsame Aufstände machen könnten, sollen aus dem Netz verbannt werden. Systematisches Monitoring, die Erstellung von Blacklists, die Initiierung von "Gegen-Propaganda" in den sozialen Medien sowie die "Schulung" von Schülern und Studenten zum Erkennen von Extremismen sind die vom Ministerium vorgeschlagenen Maßnahmen. Der oben verlinkte Artikel verweist zudem auf einen Report der US-Regierung, in dem das Netz ebenfalls als Hort von Extremismus und Gewalt bezeichnet wird.

Nun könnte man sich zurücklehnen und darauf verweisen, dass es sich bei Russland mitnichten um eine lupenreine Demokratie handelt und diese Art der indirekten oder präventiven Zensur im Westen nicht bestünde. Neueste Gerüchte, Russlands Geheim-Propaganda sei Schuld an der schlechten öffentlichen Meinung über das Fracking (mündige Bürger können sich anscheinend keine eigene Meinung zum Verseuchen des Grundwasser mit Hilfe von Chemikalien bilden), werden durch die Traditionsmedien gern aufgegriffen und multipliziert, so dass sich das Bild verfestigt, wir würden zu den "Guten" gehören.

Es muss aber gar nicht auf die US-Regierung oder die autokratische russischen Regierung geschaut werden. Auch die EU und ihre Mitgliedsstaaten erfüllen vielfach nicht einmal die grundsätzlichen Voraussetzungen des freien Zugang zu Information, da Gesetze zum vorgeblichen Schutz gegen Hate Speech gleichzeitig den Zugang zu Information beeinträchtigen und die Freiheit der Meinungsäußerung beträchtlich einschränken.

Die Unterscheidung von autoritären Systemen und Demokratien ist nicht immer klar erkennbar

So betonen "Reporter ohne Grenzen" in ihrer jährlichen Berichterstattung über den weltweiten Stand der Pressefreiheit:

“In dictatorships, news providers and their families are exposed to ruthless reprisals, while in democracies news providers have to cope with the media’s economic crises and conflicts of interest. While their situation is not always comparable, we should pay tribute to all those who resist pressure whether it is aggressively focused or diffuse.”


In den Demokratien wird die Freiheit der Meinungsäußerung dabei v.a. durch Gesetze zur Hate Speech beeinträchtigt. Dabei ist natürlich stets zu bedenken, ein angemessenes Gleichgewicht zwischen dem Schutz vor Hate Speech auf der einen Seite und Freiheit der Meinungsäußerung auf der anderen Seite zu finden. Nicht zuletzt die Definition von Hate Speech selbst lässt teilweise viele Fragen offen, wenngleich das dahinter stehende Ansinnen nachvollziehbar und unterstützenswert ist.
So steht es in Polen bspw. unter Strafe, die religiösen Gefühle anderer zu verletzen (ebenso wie in Pakistan). Gleichzeitig ist es aber nicht so, dass etwa auch die impliziten negativen Auswirkungen der Religion auf den Lebensalltag anderer (Eheschließung gleichgeschlechtlicher Personen) unter Strafe stünden. Das Fernsehen in Polen darf nicht die religiösen Gefühle vor allem der christlichen Mitbürger verletzten. UK und Schweden stellen negative Äußerungen über die sexuelle Orientierung von Mitbürgern unter Strafe.

Die Plattform IndexCensorship.org stellt daher auch fest:

"Hate speech legislation, particularly at European Union level, and the way this legislation is interpreted, must take into account freedom of expression in order to avoid disproportionate criminalisation of unpopular or offensive viewpoints or impede the study and debate of matters of historical importance."


Bisher ist mir kein Vorschlag bekannt, der es zustande gebracht hätte, die Hate Speech Definition in eine alltagstaugliche Form zu bringen, die dieses Dilemma des teilweisen Widerspruchs von zwei (Schutz-) Rechten in Einklang miteinander brächte:

"Hate Speech covers all forms of expression which spread, incite, promote or justify racial hatred, xenophobia, anti-Semitism or other forms of hatred based on intolerance, including: intolerance expressed by aggressive nationalism and ethnocentrism, discrimination and hostility against minorities, migrants and people of immigrant origin."

Diese Definition kling eindeutig; aber kann von Hate Speech gesprochen werden, wenn:
  • deutsche Fans den Fans anderer Nationen im Stadion ein "Sieg" entgegen werfen (aggressiver Nationalismus)?
  • in der hiesigen Presse immer wieder darüber lamentiert wird, dass gewisse Spieler mit Migrationshintergrund die Nationalhymne nicht mitsingen? (Ethnozentrismus dieser Medien)
  • die sich in der Minderheit befindenden Jungen auf Gymnasien keine Möglichkeit bekommen, ihre Vorstellungen von Unterrichtsinhalten umzusetzen? (Diskriminierung gegen Minderheiten)
  • Eltern von Kindern an Schulen systematisch nach den nationalen Hintergründen aus Gründen der Statistik gefragt werden? (Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund)
Je nach eigener politischer Einstellung fallen die Antworten auf die kursorischen Beispiele entweder zustimmend oder ablehnend aus. Dieser Relativismus und die Frage der Deutungshoheit von "Hate" ist problematisch, wenn es um das Bemühen geht, Hate Speech zu begegnen und Menschen zu schützen, ohne die Freiheit der Meinungsäußerung einzuschränken.

Die Bookmarks-Publikation der No-Hate-Speech Bewegung äußert sich dazu wie folgt:

"The approach taken in these pages also agrees with the idea that ‘something must be done’ about anything which falls under that definition. However, it is important to remember that ‘doing something’ does not have to mean restricting speech, or banning it: there are many other ways we can respond!"

Wie diese Antwort jedoch aussehen könnte, habe ich an dieser Stelle nicht nachlesen können, da ich dazu in der Publikation nichts gefunden habe (vielleicht habe ich schlecht gesucht). Es wäre jedoch gut, eine Idee davon zu bekommen, wie Hate Speech unabhängig von eigenen politischen Einstellungen und persönlicher Sozialisation definiert, verstanden und mit Blick auf die Garantie der Meinungsfreiheit unzweideutig umgesetzt werden könnte. Ansonsten bestünde die Gefahr der willkürlichen Verwendung des Begriffs zum Zwecke der politischen Einschüchterung.

So sollte zum Beispiel gefragt werden, warum Hate Speech eigentlich nur bei Verwendung gegenüber bestimmten Gruppen angewendet werden sollte? Warum ist Hate Speech nicht auf jeder persönlichen Ebene und in jeder sozialen Situation zu verurteilen? "Hass" kann es gegenüber jedem Menschen geben. Ist die Mitgliedschaft in irgendeiner als mehrheitlich definierten sozialen Gruppe eine Rechtfertigung dafür, mit Hass ohne Konsequenz belegt zu werden? 

Warum bloß sollte Hass relativiert werden dürfen?

Der European Council on Tolerance and Reconciliation (der aus alten weissen Männern und Frauen besteht) hat sich in den letzten Jahren mit ebendieser Frage befasst; wie Toleranz und Schutz gegenüber Hate Speech in Gesetzesform - vorbehaltlich der nationalen Regelungen - gegossen werden könnten. Leider setzt sich das Ergebnis - das Model National Statute for the Promotion of Tolerance - aber nicht zum Ziel, Hate Speech insgesamt zu begegnen, sondern dies bspw. auf die Bereich des Fremdenhasses, des Antisemitismus, der Homophonie und des Anti-Feminismus zu beschränken.

Die Aufzählung macht das Dilemma der Umsetzung von Hate Speech Kategorien in die Gesetzgebung deutlich. Während die erstgenannten Gründe (und weitere hier nicht aufgeführte) historisch und mit dem millionenfachen Mord an Menschen nachvollziehbar begründet sind, scheint die pauschalierte Definition von "Anti-Feminismus" als Hate Speech dem Zeitgeist geschuldet zu sein. Auch in der Endfassung, die dem EP zur Abstimmung vorgelegt werden soll, ist dieser Passus nach wie vor enthalten. Wieso soll aber das Werben für männliche Beschneidung weiterhin erlaubt sein während es für die weibliche Beschneidung verboten werden soll? Wieso sollen hier Kinder unterschiedlichen Geschlechts im unterschiedlichen Maße geschützt werden? Ist der Schutz von Jungen weniger wichtig?

Interessant ist des Weiteren, dass hiermit die Kritik einer Ideologie verboten werden soll, während die anderen genannten Beispiele richtiger Weise stets Gewalt gegenüber Menschen verhindern sollen. Diese Relativierung in Kombination mit der Einschränkung der Meinungsfreiheit ist kritisch zu sehen. Folgt als Nächstes das Verbot der Kritik des Liberalismus, des Kapitalismus, der Globalisierung? Wie kann es in einer Demokratie verboten sein, eine Ideologie zu hinterfragen?

Ist es keine Hate Speech, wenn eine feministische Kommentatorin, die sich Antje Schrupp nennt, in einem Kommentar im Zuge einer feministischen Debatte wie folgt gegenüber Jungen äußert:

"Ihr habt doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Jungen werden in dieser Gesellschaft nicht benachteiligt, das sind immer noch die Mädchen! Dass Jungs schlechtere Noten bekommen – da sind sie selbst schuld."

Ähnliche Äußerungen von Anatol Stefanowitsch und vergleichbare Meinungen von VertreterInnen der Gruppe, die durch diese EU-Gesetzgebung vor Hate Speech geschützt werden sollen, lassen Zweifel aufkommen, dass die Einschränkung der Meinungsfreiheit zum Schutz einer Ideologie auf Dauer für die Menschen legitim erscheinen wird - wenn nicht alle Menschen gleichermaßen vor Hate Speech geschützt werden würden.

Wie gehen wir miteinander um?

Wohlgemerkt geht es nicht um die Minderung des Schutzes von Personen, die eine bestimmte politische Meinung vertreten sondern um die Ausweitung des Schutzes auf jeden Menschen, der sich politisch (nicht-extremistisch) äußert. Sollte im Fokus der Debatte nicht vielmehr die Frage stehen, wie Menschen unterschiedlicher Position miteinander umgehen? Respekt, Toleranz, Offenheit, Empathie, Wertschätzung sollten jeden Umgang von allen Menschen miteinander prägen. Findet in den sozialen Medien Hate Speech gegen Menschen statt, sollte jede/r eigenverantwortlich einschreiten. Dazu bedarf es keines Gesetzes. 

Warum sollte die Wertschätzung von älteren weissen Männern weniger wichtig sein als die Wertschätzung von älteren weissen Frauen? Gibt es in den Augen der Apologeten des selektiven Schutzes von Gruppen Menschen, die weniger schätzenswert, am Ende gar weniger "wert" sind?

Wenn wir in den westlichen Demokratien meinen, einen selektiven Schutz von Menschen das Wort reden zu müssen, heben wir uns in keiner Weise von den kritisierten russischen Maßnahmen zur stärkeren Zensur des Netzes ab. Es kann keine relativierende Demokratie geben. 

Sonntag, 15. Juni 2014

UK-Szenarien etikettieren Arme, Aktivisten, Kapitalismus-Kritiker und Muslime als potenzielle Terroristen

Während die Große Koalition noch damit beschäftigt ist, das Füllhorn der guten Gaben an ältere Mütter und in die besondere Form der Frühverrentung zu "investieren", denken andere Regierungen in größeren Kategorien und weiteren Horizonten - nutzen dies allerdings auch zu Überlegungen, die hierzulande zum Glück auch noch nicht einmal angedacht worden sind. Die Debatten um diese ersten politischen Vorhaben der #GroKo könnten den Eindruck erwecken, wir würden noch in den seligen Jahren der Deutschland AG und den Modellen der kleinen geschlossenen Volkswirtschaften verharren. Vielleicht leben einigen dieser Entscheider noch in diesen Gedankenwelten - das ist jetzt nicht allzu freundlich ausgedrückt. Es bleibt mir aber nichts anderes als Sarkasmus übrig, wenn man den Blick über den deutschen Tellerrand wirft.

Die UK/US-Geheimdienste und die mit diesen verbundene Forschungsinstitute beschäftigen sich mit komplexen und interdisziplinären Szenarien, deren Ergebnisse vielleicht mal eines kritischen Blickes würdig wären, da deren undemokratischen Potenzial beträchtlich erscheint und die Mütterrente geradezu provinziell erscheinen lässt.

Der Journalist Nafeez Ahmed schreibt regelmäßig im Guardian über diese interdisziplinären Sichtweisen auf internationale Politik und beschäftigt sich auch in seinem aktuellen Artikel unter der Überschrift "Defence officials prepare to fight the poor, activists and minorities" mit den Szenarien, die ein Forschungsverbund in UK entwickelt hat, um die Regierung entsprechend zu beraten. Dabei geht es darum, die Komplexität, die sich aus den Wechselwirkungen verschiedener Megatrends wie Pandemien, Demografie oder die Verknappung natürlicher Ressourcen geht, den politischen Entscheiden näher zu bringen. Wenn man sich diese Einschätzung allerdings näher anschaut, ist es vielleicht sogar noch besser, dass wir nur über Mütterrenten diskutieren....

Das Bemerkenswerte an seinem Artikel ist die Aufzählung des Who-is-Who der britischen Politik und Wissenschaft im Kontext der Beratungsinhalte und ihrer politischen Aussagen. Diese Aufzählung ist seiner Aussage nach deshalb so relevant, weil die Entscheider-Elite sich auf Basis entsprechender Notstandsgesetze und den ausgearbeiteten Szenarien eine zukünftige Handlungsoption aufbaut, die ihrem Charakter nach nicht mehr demokratischer Kontrolle unterliegt sondern vielmehr den Interessen und den Logiken eines industriell-militärischen Komplexes gehorcht.

Die Rechtfertigung für undemokratische und drastische Maßnahmen wird begründet mit den erwarteten sozialen Unruhen und den Kämpfen um die knappen Ressourcen. Insbesondere, so der Bericht, die muslimischen Regionen in Afrika stellten aufgrund des "Youth Bulges" eine beständige Gefahr dar.

In diesem Kontext verweist er auf sinngleiche Texte von US-Instituten, die die US-Regierung beraten und die Politik zu ähnlichen Maßnahmen im Interesse des industriell-militärischen Komplexes zwängen. Diese Texte entblödeten sich auch nicht, als Beispiel einer extremistischen gefährlichen Ideologie den Marxismus (sic!) zu nennen.

Nafeez Ahmed arbeitet in seinem längeren Text sehr schön die Neusprech-Ideologie heraus. in dem er Textstellen zitiert, die darauf hindeuten, jede Denkrichtung, die dem Kapitalismus kritisch gegenüber steht, als extremistisch und gefährlich zu verurteilen. Es ist dieser absolute Anspruch der gesellschaftlichen Deutungshoheit, die die Szenarien so gefährlich und am Ende undemokratisch erscheinen lassen. Muslime, Aktivisten, Arme, Immigranten, Ausländern würden, so Ahmed, pauschal als potenzielle Terroristen etikettiert. Es ist die Ideologie des zwanghaften Konsens, die jeden als Gegner sieht, der nicht das bestehende System in all seinen Facetten unterstützt.

Er schließt am Ende: "The underlying assumption is that the present system is the most advanced ever possible for humanity, and thus must be protected in its current structure at all cost."

Gibt es den Begriff der "wohlmeinenden Diktatur" eigentlich im Englischen? Es wäre höchste Zeit dafür.

Donnerstag, 5. Juni 2014

1 Jahr #Snowden-Enthüllungen: Auf dem Weg in die #PostDemokratie?

Der Jahrestag der ersten Enthüllungen von Snowden ist ein willkommener Anlass, sich den Umfang der Enthüllungen vor Augen zu führen. Eine Übersicht der bisher im SPIEGEL und dem GUARDIAN geleakten Informationen über den Überwachungswahn der NSA gibt ansatzweise einen Eindruck von dem Allmachtsfantasieanspruch des Geheimdienstes wieder.

Die NSA überwacht (in unterschiedlichen Kontexten und Umfängen):
  • Mobilfunkkomunikation (Inhalte, Geo, Meta),
  • Land-zu-Land Satelliten Kommunikation,
  • europäische, afrikanische und israelische Politiker,
  • Repräsentanten von UNICEF,
  • europäische Mobilfunkunternehmen,
  • Computer mit Hilfe von Radiowellen,
  • 200 Millionen Textnachrichten pro Tag,
  • die deutschen Bundeskanzler zumindest seit 2002,
  • überwacht und speichert Video-Konversationen aus Yahoo Chats,
  • jedes Telefonat auf den Bahama,
  • die Aktivitäten von NGOs bis hin zur UN,
  • die Kommunikation sogar von Jugendlichen in der Online-Kommunikation in bekannten Spielen wie WoW,
  • italienische Telefonate und Botschaften,
  • norwegische Telefonate,
  • spanische Telefonate,
  • das Buchungsverhalten von Regierungsstellen in 350 Hotels weltweit, um im Fall der Übernachtung Überwachungs-Tools zu platzieren,
  • von der Berliner US-Botschaft das deutsche Regierungsviertel,
  • weltweit 35 Spitzenpolitiker,
  • französische Diplomaten in den USA,
Darüber hinaus ist bisher bekannt geworden: Die NSA ist...
  • ist in Google- und Yahoo-Datencenter eingebrochen,
  • investiert 100derte von Mio. Dollar in die Entschlüsselung von verschlüsselter Kommunikation,
  • vermischt militärische und Wirtschaftsspionage,
  • verwanzt Gebäude der EU in den USA,
  • bricht in die interne Kommunikation des Senders Al Jazeera ein,
  • sammelt Hunderttausende von Telefonbüchern aus den bekannten Online-Diensten,
  • spionierte die Mailbox des mexikanischen Präsidenten aus,
  • spionierte G8 und G20-Treffen in Kanada aus,
  • sammelt täglich 5 Mrd. Geodaten, die im Zusammenhang mit der Nutzung von Smartphones generiert werden,
  • arbeitet seit 1954 mit dem norwegischen Geheimdienst zusammen,
  • hält die Ergebnisse der Überwachung von Deutschland bis 2086 unter Verschluss, da bei Freilegung mit besonders negativen diplomatischen Folgen zu rechnen sei,
  • hat seit 2007 1 Mrd. Dollar in die Überwachung von Smartphones investiert,
  • manipuliert die sozialen Medien und nutzt Honig-Fallen zur Kompromittierung von Zielpersonen,
  • hat die Partner auf der UN-Klimakonferenz ausspioniert, um sich einen Verhandlungsvorteil zu sichern,
  • identifiziert Ziele von tödlichen Drohnen-Attacken allein anhand von Geo- und Meta-Daten
  • beobachtet die Besucher der Internet-Seite Wikileaks,
  • arbeitet gemeinsam mit der FISA Gerichtsbarkeit zur Erleichterung von Überwachungsaktionen,
  • nutzt ihre Basen in Oman zum Anzapfen der Unterseekabel,
  • fängt an Mails angehängte Fotos zwecks Nutzung für die Gesichtserkennung ab,
  • besitzt die Fähigkeit, Daten von Blackberry Telefonen samt PIN, Mailadressen und Facebook-Aktivitäten abzufangen,
  • arbeitet gemeinsam mit Microsoft am Einbau von Backdoors in deren Produkte,
  • besitzt mit XKeyScore ein Tool zur Überwachung „nahezu jeder Aktivität, die ein Nutzer im Internet unternimmt“,
  • fängt Cisco-Router beim Export ab, um die Hardware mit Überwachungs-Tools auszustatten,
  • nutzt gemeinsam mit dem GCHQ die sozialen Medien gezielt, um Falschinformationen zu streuen,
  • hat Zugang zum Quell-Code der Geräte der chinesischen Firma Huawei,
  • infiziert systematisch auf internationaler Ebene Millionen fremder PCs mit Malware,
  • nutzt Google Tracking Cookies, um Ziele zu identifizieren.
Bereits in der Mittelstufe habe ich im Geschichtsunterricht beigebracht bekommen, dass spätestens nach der Französischen Revolution (Island lassen wir mal außen vor) und der dadurch eingeführten Gewaltenteilung in Demokratien (theoretisch) alle Macht vom Volke ausgeht.

Angesichts der Überwachungshybris und des Generalverdachts, unter dem Millionen von Menschen weltweit stehen, dürfte angebracht sein, den heutigen Schülern eher etwas über #PostDemokratie zu erzählen.

Dass dieses Interesse nicht besteht, sondern man eher darauf bedacht ist, die Debatte auf Google und Co. zu lenken, wirft ein schlechtes Licht auf das heutige Verhältnis zwischen (demokratischem) Staat und seinem Bürger.
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