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Montag, 29. Juni 2015

Arbeiten 4.0: "Was treibt dich an?" statt beruflicher Einheitskost

Deutscher Konzern trifft internationales StartUp

Unter der Überschrift "The future of technology and jobs" hatte letzte Woche der "The Economist" in Berlin in die Kulturbrauerei eingeladen, um vor allem mit einem jüngeren Nachwuchspublikum zu diskutieren, welche beruflichen Tätigkeiten denn angesichts der Digitalisierung in Zukunft wohl nachgefragt werden könnten.

Der Economist bietet sich neuen Zielgruppen an
Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet der britische Economist die Frage stellt, inwiefern die Studierenden auf die Jobs der Zukunft vorbereitet sind, wenn man sich bewusst macht, dass die Debatte um die Digitalisierung in Deutschland ganz klar zwischen arbeitsmarktspezifischen und bildungspolitischen Ebenen unterscheidet und diese Verbindung bisher so nicht hergestellt wird. Der Grund hierfür dürfte in der Tatsache begründet sein, dass die akademische Ausbildung in UK sehr viel stärker auf die spätere Vermarktung ausgerichtet ist und daher keine vom Arbeitsmarkt losgelösten bildungspolitischen Grundsatzdebatten denkbar sind.

Andrea Morgan-Schönwetter von der Deutschen Telekom, Cornelia Daheim von Future Impact, Marten Blankensteijn von Blendle, Claude Ritter von Book a Tiger und Ralf Hünecke von BMW stellten die ganze Bandbreite der beruflichen Perspektiven vom StartUp auf der einen bis zum Mainstream-Konzern auf der anderen Seite dar.

"Wir suchen auch nach kreativen Köpfen"

Während die Heads of HR/Recruitment/Personal die Bedeutung des CVs und damit die Passgenauigkeit der Ausbildung (Relativierendes Zitat: "Wir suchen auch nach kreativen Köpfen" #ihrwisstschon) betonten (Zitat: "Man kann heute auch zwischen Fachabteilungen wechseln!"), stellten die StartUp-Vertreter eher die Rolle der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Antriebs heraus. So würden die Bewerber bei den StartUps Videos produzieren, in denen sie ihre Hobbys anschaulich darstellten oder aber konkrete kleine Werkstücke produzieren, in denen ihr Antrieb und ihre Kreativität deutlich würden.

Cornelia Daheim verwies auf die ständig sich ändernden Erwartungen und Ausformungen von Jobs als Folge der digitalen Entwicklung. Wir dürften uns nicht so sehr auf aktuelle berufliche Strukturen konzentrieren sowie den Verlust von Jobs fürchten, sondern sollten uns eher damit befassen, wie wir die Menschen - und den Nachwuchs - auf den digitalen Wandel vorbereiteten.

Eine einfache Wahl....
Nachdem der Moderator daraufhin erneut das Negative hervorhob indem er fragte, in welcher Weise diese digitalen Berufe überhaupt geeignet seien, eine stabile Lebensführung zu ermöglichen, antwortete ihm Marten Blankensteijn, dass die digitalen Tools sehr viel besser als früher sehr vielen Menschen ermöglichten, eine eigene Karriere aufzubauen oder eine eigene Dienstleistung via Internet anzubieten.

Bezeichnend fand ich des Weiteren, dass die Vertreterin der Deutschen Telekom betonte, dass sie Bewerber - bezogen auf das Netz - nur auf Xing und LinkedIn suche. "Leute im Netz zu scannen und zu stalken", sei nicht ihre Sache. Stattdessen führe man nach wie vor Assessment Center durch. Assessment Center, um innovativen Nachwuchs für einen Telekommunikationsanbieter zu finden?

Erneut erwiderte Marten Blankensteijn, dass man zunehmend Bewerber aus den klassischen Unternehmen wie beispielsweise McKinsey habe, bei denen es aber angesichts ihrer beruflichen Ausgangslage besonders wichtig sei zu wissen, ob sie für eine Tätigkeit oder den neuen Arbeitgeber wirklich brennen würden oder dies nur als Pflicht-"CSR"-Tätigkeit im CV ansehen würden.

"Was mache ich denn jetzt mit meinen Zeugnissen?"

Angesichts des versammelten Nachwuchses aus den Studiengängen Business et al. zeigte bereits die erste Nachfrage aus dem Publikum die ganze Problematik mehr als deutlich auf: "Ich habe so viel in meine internationale Ausbildung investiert. Jetzt sagen sie, dass formale Nachweise unwichtig seien. Was soll ich machen?"

Es zeigte sich im Verlaufe des gesamten Abends: Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer teilt der kulturelle Graben: Was treibt dich an vs. Welches sind deine Noten? Dieser Graben scheint unüberbrückbar und vielleicht sollte er das auch gar nicht sein? Während man zu meiner Studienzeit - ich habe nebenher Nordistik studiert - verurteilt wurde, weil man ein "Neigungsfach" studierte, scheint sich diese pauschale Verurteilung nun dahingehend zu ändern, dass auch Absolventen von Neigungsfächern, bedingt durch die Digitalisierung der Arbeitswelt, eher eine berufliche Heimat geboten werden kann.

Eine weitere Frage bestätigte diesen kulturellen Graben: "Ich habe viele Praktika geleistet; wird mir das jetzt als Nachteil angerechnet?" Während Marten Blankensteijn daraufhin meinte, dass Pratika gut seien, wenn sie zeigten, dass man seine Neigung suche, kennen wir die Standardeinschätzung aus den Konzern-HR-Abteilungen dieses Landes.... ("Wissen Sie nicht, was mal machen wollen?")

Neue Perspektiven statt austauschbare Karriereleiter finden

Am Ende wurde ein kurzes Fazit gezogen (bzw. konnte gezogen werden), dass sicherlich nicht nur für Berufsanfänger relevant ist:
  1. Der Besuch einer Uni und das Fixieren auf Zertifikate macht nur Sinn, wenn man in traditionellen Unternehmen die klassischen Karriereleiter erklimmen möchte. Alternativ sollte man eher auf das achten, was einen selbst antreibt.
  2. Der Wandel der Berufe vollzieht sich unglaublich kurzfristig. Man kann heute nicht mehr auf das Ausüben eines bestimmten Berufes im Studium hinarbeiten sondern muss flexibel auf alle zukünftigen Änderungen reagieren können. 
  3. Das heutige Schulsystem ist nicht fähig, den Nachwuchs auf die digitalen Anforderungen vorzubereiten.
Also: Vielleicht lag die Volksbank mit ihrer Werbung nicht so ganz daneben....

Bei vielen Teilnehmern hinterließ der Abend eine große Leere

Donnerstag, 25. Juni 2015

eBook sowie Studie zur Arbeitsumgebung von Wissensarbeitern und OER in der Weiterbildung erschienen

eBook zu New Work/Arbeiten 4.0

Wie schnell in digitalen Zeiten Wissen, Erfahrungen und Anwendungsbeispiele durch ein agiles Netzwerk von Menschen, die sich größtenteils gar nicht kennen, zusammengetragen werden kann - und damit jede/n EinzelkämpferIn in den Schatten stellt - hat mal wieder der Bastian Wilkat vom New Work Blog unter Beweis gestellt.

Bastian hatte vor einigen Wochen zur Blogparade unter der Überschrift "Die perfekte Arbeitsumgebung für Wissensarbeiter" aufgerufen, 20 Menschen sowie ich selbst folgten seinem Aufruf und haben ihre Beiträge zum Thema verfasst. Herausgekommen ist eine vielfältige Sammlung von verschiedenen Sichtweisen - persönliche, unternehmensspezifische, emotionale, sachliche, betroffene - die einen guten Überblick über den Stand der neuen digitalen Arbeitskultur bieten. Die Sammlung ist so bunt wie die Menschen, die die zusammengetragen ist. Diese Vielfalt ist wahrscheinlich die größte Herausforderung, die sich HR-Personal in den Unternehmen gegenüber stehen sieht. Die Menschen wollen nicht mehr nur 16h am Tag Teil einer demokratischen Zivilgesellschaft sein, sondern diese Demokratie ein Stück weit in den 8 Arbeitsstunden leben.

Wie können Unternehmen am besten mit diesen gestiegenen Anforderungen der Menschen in einer Demokratie umgehen und den Partizipationswillen auch für sich nutzen? Die eine oder andere Antwort findet sich im eBook, das Bastian aus den Beiträgen kurzerhand kreiert hat.


Hier gehts es zum Download

Open Educational Resources (OER) in der Weiterbildung

Im letzten Jahr hatte ich Gelegenheit, gemeinsam mit meiner Kollegin @pragmaticfix einige kleine Projekte zum Thema OER voran zu bringen. Offene Bildungsressourcen sind als Konzept die konsequente Fortführung der Idee des Teilens von Wissens via Internet. Während die Idee des Teilens von Vertretern alter Geschäftsmodelle jedweder Branche gern als Ruin des eigenen Geschäftsmodells angesehen wird und in der Öffentlichkeit daher von diesen gern diskreditiert wird, stellt es sich im Bildungsbereich etwas anders dar. Wissen zu teilen, den Zugang und die Verbreitung von Wissen zu fördern, gemeinsam via Netz zu lernen hat jeweils auch einen moralischen Aspekt, der es schwerer macht, ökonomisch gegen das Teilen zu argumentieren. Unser Ziel war es daher, der Idee des Teilens von Bildungsinhalten mehr Öffentlichkeit in Deutschland zu verschaffen.

Aus diesem Grund haben wir mit Blick auf die Entwicklung der Weiterbildungsplattform wb.web gemeinsam mit der Universität Tübingen und dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung in Bonn Lehrkräfte zu ihren Erwartungen bezüglich einer Weiterbildungsplattform befragt.

Aus dem Vorwort:

"Gute Weiterbildung fängt bei der Gestaltung von Lernangeboten an. Denn die pädagogische Qualität der Angebote ist aus Sicht der erwachsenen Lernenden der zentrale Qualitätsausweis eines Anbieters. Allerdings waren bisherige Ansätze, die Qualität der Weiterbildung zu erhöhen, fast ausschließlich auf die Ebene der Organisation beschränkt. Auch existiert in der Erwachsenenbildung derzeit kein übergreifendes Konzept für die Qualifizierung sowie die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften. Um diese Lücke zu schließen, wollen das DIE und die Bertelsmann Stiftung ein unabhängiges und nicht kommerzielles Informations-, Vernetzungs- und Lernportal „wb-web“ entwickeln, das auf die Kompetenzentwicklung aller Lehrkräfte in der Weiterbildung abzielt. Um sicherzustellen, dass das geplante Onlineportal auf die Bedürfnisse und Erwartungen seiner Adressaten Bezug nimmt, wurde im Frühjahr 2014 eine Zielmarktstudie mit eigener Bedarfserhebung anhand eines Online-Fragebogens durchgeführt. Die Ergebnisse der Studie werden in dieser Ausgabe vorgestellt."

Besonders positiv überrascht waren wir von dem starken Wunsch der Lehrkräfte nach OER. Wenngleich dieser Wunsch mit Blick auf das manchmal sehr prekäre Beschäftigungsmodell der Lehrkräfte nicht unbedingt verwundert, ist es doch trotzdem eins artiges Plädoyer für OER.

"Die Befragten äußern einen hohen Bedarf an theoretischem Wissen zur didaktischen Konzeption und methodisch-medialen Umsetzung von Bildungsangeboten sowie über Lernprozesse und Lernbarrieren von Lernenden. Aus Sicht der Befragten besteht dabei nicht nur Bedarf an Wissen zu den genannten Themen, vielmehr sind konkrete Handlungshilfen – möglichst in Form von Open Educational Resources (OER) – besonders begehrt." (S. 11)





Erst vor kurzem hatten wir gemeinsam mit verschiedenen anderen Institutionen zudem ein Whitepaper zu OER in der Weiterbildung herausgegeben, das von Jöran Muuß-Merholz und einem Autorenkollektiv erarbeitet worden war. Ziel des Papiers war die Erstellung einer Landkarte der OER-Verwendung in Deutschland sowie eine Beantwortung der Frage, wie OER weiter voran gebracht werden können. Welche grundsätzliche Bedeutung OER zukommt, kann zudem im Positionspapier des Bündnisses Freie Bildung nachgelesen werden.








Montag, 15. Juni 2015

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens: Lasst uns konkret werden

Digitalisierung in einer Zahnarzt-Praxis: Ein Fallbeispiel

Wenn über die Chancen und die Risiken des Datensammelns in der Medizin geschrieben und diskutiert wird, mangelt es häufig an konkreten Anwendungsbeispielen, die diese Debatte um die Chancen und Risiken etwas nachvollziehbarer werden lassen. Wenn es um die Fähigkeit von Patienten geht, diese Aspekte der Digitalisierung des Gesundheitswesens kritisch und/der wohlwollend zu begleiten, kann klarer Nachholbedarf festgestellt werden.

Wir alle stehen in der Digitalisierung des Gesundheitswesens vollkommen am Anfang, wenn es darum geht zu analysieren und zu bewerten, welche Daten in welcher Form von wem an wen und mit welchem Verwendungszweck weitergegeben werden. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, im folgenden einen eher ungewöhnliches Weg zu gehen und  mal ein solch konkretes Beispiel ausführlicher von Jochen Deppe schildern zu lassen. Jochen ist Zahnarzt in Gütersloh, hat hier an dieser Stelle schon häufiger über die Implikationen der Digitalisierung des Gesundheitswesens für die Arzt-Patienten-Beziehung geschrieben und bringt die Kompetenz mit, sich als Arzt zugleich auch Gedanken über die digitalen Aspekt seiner Arbeit zu machen.

Was uns interessiert: Ist der überwiegend positiv geschilderte Prozess der Digitalisierung des Gesundheitszustandes der Patienten abschreckend, interessant oder/und spannend? Überwiegt die Neugier, wenn man sich überlegt, welche Potenziale in dieser digitalisierten Form der Behandlung liegen oder aber der Schrecken beim Gedanken an die Möglichkeit des Verlustes der Kontrolle der personenbezogenen Daten?

Was meint ihr?


Die digitale Zahnarztpraxis - effizienter, kollaborativer und transparenter.

Digitale Technik bestimmt zunehmend den Arbeitsalltag moderner Zahnarztpraxen. In Gütersloh ist die digitale Zahnmedizin in meiner Praxis ein Erfolgsmodell. Wir setzen in unserer Praxis einen intraoralen Scanner ein, um digitale Gebissabdrücke anzufertigen. Diese digitale Technologie wird durch ein 3D-Röntgengerät ergänzt.

Oralscanner

Foto: Jochen Deppe
Das Scannen des Gebisses hat erhebliche Vorteile gegenüber einem analogen Abdruck, dessen Lebensdauer begrenzt ist. Ein digitaler Abdruck kann verlustfrei beliebig lange verwahrt werden. Kein Patient muss während des Abdrucks mehr würgen – auch das Warten auf das Abbinden und das nachfolgende Versäubern sind durch den modernen Oralscanner Vergangenheit. Das gewonnene digitale Modell des Gebisses ist farbig und gibt detailliert die Mundsituation wieder. Wenn Zahnersatz hergestellt werden soll, ermöglicht das digitale Modell bessere Materialien. Mehr noch: Das Material kann praktisch in Echtzeit mit Kollegen, Zahntechnikern, Kieferorthopäden und Chirurgen geteilt und diskutiert werden.

Digitale Abdrücke sind – wie ein Röntgenbild – personenbezogene Gesundheitsdaten. Bei vielen Intraoralscannern müssen diese Daten zur Verarbeitung via Internet auf unbekannte Server übertragen werden. In unserer Praxis verwenden wir einen Scanner, bei dem die Daten in der Praxis verarbeitet werden. Darin stecken große neue Behandlungschancen für den Patienten – und gleichzeitig bleibt das Arztgeheimnis sicher gewahrt, ein weiterer Vorteil der Digitaltechnik.

3D-Röntgengerät 

Das 3D-Röntgengerät liefert eine detailgenaue Darstellung des Gebisses. So können Befunde erhoben werden, die im zweidimensionalen Röntgen nicht darstellbar sind. Dazu gehören versteckte Wurzelkanäle, die Beziehung von Wurzeln zur Kieferhöhle und zu Nerven, die genaue Lage von Zysten, aber auch die genaue Stärke des Knochens vor Implantationen oder die Beurteilung des Zahnbetts vor aufwendigem Zahnersatz. Auch hier sind die gewonnenen Daten kollaborativ zum Wohle des Patienten nutzbar.

Einsatz von Oralscanner und 3D-Röntgengerät 

Foto: Jochen Deppe
Im Befund können wir einen Gebisszustand dreidimensional als Abbild des Gebisses und des tragenden Knochens darstellen. Somit ersparen wir dem Patienten weitere invasive Untersuchungen. Dieses virtuelle Modell ermöglicht ein noch besseres Verständnis der Befunde. Zum Beispiel kann in der Diagnostik in Zusammenarbeit mit dem Zahntechniker die gerade oft gegebene Wechselwirkung zwischen der Abnutzung der Zähne und Veränderungen der Kaufunktion besser beschrieben und nachhaltiger behandelt werden. Nehmen wir einen konkreten Fall: Im Röntgenbild sehen wir zum Beispiel Knochenabbau an den unteren Schneidezähnen ohne Entzündung.

Beim Scan können wir erkennen, dass es ein im Biss störender Backenzahn ist, der dafür sorgt, dass die Schneidezähne zu viel Druck bekommen und sich der Knochen deswegen zurückzieht. In der Therapie können Behandlungsmöglichkeiten simuliert werden. Damit sind sie für den Patienten besser verständlich, Behandlungsergebnisse sind transparenter und vorhersagbarer. Gleichzeitig sinken Risiko und Stress für den Patienten und das Behandlungsteam während der Ausführung. In der Versorgung mit Implantaten erlaubt die gemeinsame Nutzung beider Technologien weniger belastende Operationen und einfacher herzustellende Prothetik. Oft ist die gesamte Behandlungsdauer weitaus kürzer.

Transparenz-Disclaimer: Der Text ist in leicht veränderter Form zuerst hier erschienen. Jochen Deppe ist mein behandelnder Zahnarzt.

Donnerstag, 11. Juni 2015

Für EntscheiderInnen sind automatisierte Mail-Funktionen gleich Arbeiten 4.0?

Wie sieht der Arbeitsplatz der Zukunft aus? Für manche Entscheider ist es die automatisierte Mail-Funktionalität, für andere die Mitbestimmung am Arbeitsplatz. Deutet sich ein Konflikt zwischen Alt und Jung an?

Eine Firma (Kyocera), die die digitale Verarbeitung von Dokumenten im Bürobetrieb als ihr Kerngeschäft ansieht, lässt eine Studie über das Büro der Zukunft (2025) erstellen. Was anderes kann dabei herauskommen als dass erstens auch in 2025 Unternehmen nach wie vor mit der klaren Abgrenzung zwischen Außen und Innen arbeiten, dass zweitens die digitale Verarbeitung von Informationen zentrales Element des Arbeitnehmers werden wird und dass drittens skalierbare Dienst-Apps, die aber der Haptik von Konsumenten-Apps entsprechen, immer wichtiger werden...

Studie: Der Arbeitsplatz der Zukunft - Future Business World 2025
Ich könnte jetzt auch mit Bezug auf die Methodik kleinlich kritisieren, dass auf die Frage (für die Studie wurden 709 "Information Worker" je zur Hälfte Nachwuchskräfte und seniore Entscheidungskräfte befragt) "Welche Innovation werden sie in 10 Jahren bei ihrer Arbeit einsetzen?" die folgende Antwortmöglichkeit angeboten wurde: "Vertrauliche Unternehmensinformationen sind an unberechtigte, externe Personen in den vergangenen 12 Monaten gelangt". Ich finde es spannend, diese Art von Leaks als Innovation der Zukunft zu bezeichnen (Es scheint sich um einen Zuordnungsfehler zu handeln).

Des Weiteren könnte man kritisieren, dass der Fokus der Studie auf genau der betriebswirtschaftlichen Sichtweise liegt (Effizienz, Effizienz, Effizienz), deren Widersprüchlichkeit uns Gunter Dueck auf der #rp15 erst gerade ausführlich vorgetragen hatte (Optimierung vs. Maximierung).

Also mal abgesehen von diesen Petitessen.... finden sich auch interessante Aussagen in der Studie.

Zentrale Rahmenbedingungen für die Arbeit 2025 sind (so die Studie):
  • Arbeitsmodelle, die sich konsequent nach den Bedürfnissen der Arbeitnehmer richten,
  • eine Ausrichtung der IT-Anwendungen an den "Arbeitsstilen" der Arbeitnehmer,
  • flache Hierarchien und mehr Mitbestimmung,
  • eine Gestaltung des unmittelbaren Arbeitsplatzes, die sich nach den Bedürfnissen der Arbeitnehmer richten und
  • der Zugang zu den Unternehmensnetzwerken absolut unabhängig von Ort, Zeit, Endgerät oder System.
Es kann davon ausgegangen werden, dass in 2025 die relativ meisten Arbeitnehmer (die Studie unterscheidet hier leide nicht nach Branchen) von zuhause aus arbeiten werden. Aber auch das Arbeiten im Freien, in Co-Working-Spaces oder in Cafes wird signifikant zunehmen.

Jeder zweite Befragte ist der Meinung, dass das Suchen, Teilen und Bearbeiten von Informationen signifikant an Bedeutung gewinnen wird. Dass das bei den Sponsoren einer solchen Studie nicht überrascht, ist selbstredend. Dass dann aber ganz direkt festgestellt wird, dass "deutsche IT-Verantwortliche" gegenüber Cloud-Lösungen "ausgeschlossener werden" und "Vorbehalte" zurückgegangen sind, lässt mehr aus durchscheinen, welche Interessen hinter der Studie stehen; dadurch müssen viele Aussagen leider relativiert werden.

Erstaunlich ist auch, dass auf die Frage "Welche Innovationen werden sie in 10 Jahren bei ihrer Arbeit einsetzen?", die meisten Befragten antworten "Automatisierte Ablage- und Antwortfunktionen in der E-Mail-Kommunikation" (auch die weiteren Antworten beziehen sich nahezu ausschließlich auf die technische Ebene des Arbeitsplatzes). Ist das wirklich die Innovation, die sich Nachwuchskräfte in 10 Jahren am meisten wünschen? Das Bild, dass sich hier von den EntscheiderInnen in den Unternehmens dieses Landes zeigt, gibt an dieser Stelle deutlich Anlass zur Sorge.

Im weiteren Verlauf geht die Studie auf die Cloud- oder auch Click-Worker ein, unterscheidet aber nicht konsistent nach verschiedenen Arten des Angestellten- oder Selbständigen-Status. Hier wäre es interessant gewesen zu erfahren, wie denn gerade die senioren EntscheiderInnen die Rolle von Arbeitnehmern und Unternehmen in Zukunft sehen. Von der Idee fluider Unternehmensformen sind die EntscheiderInnen anscheinend nach wie vor weit entfernt.

Interessant ist im Weiteren der Hinweis der Autoren, dass es zu Konflikten zwischen den senioren EntscheiderInnen und den Nachwuchskräften in der Frage des Datenschutzes kommen könnte. Die Autoren unterstellen den Jüngeren einen toleranteren Umgang mit den persönlichen Daten und stellen die These auf, dass diese Idee in die Unternehmen hineingetragen werden würde.

Der Unternehmenskultur wird die entscheidende Bedeutung bei der Beförderung von Innovationen zugeschrieben. So stellt die Studie fest (und setzte damit die Interessen der Älteren mit der Unternehmenskultur vorschnell gleich): "Jedoch erfordert die Umsetzung (von Innovationen) das Aufbrechen etablierter Strukturen, denn etablierte ManagerInnen werden nicht einfach so ihren Einfluss und Machtbereich einbüßen wollen".

Abschließend empfiehlt die Studie daher:
  • den proaktiven Umgang mit der Veränderung des Arbeitsplatzes durch den Arbeitgeber,
  • die Bedürfnisse der Mitarbeiter in das Zentrum der Arbeitsplatzentwicklung zu stellen,
  • den Mitarbeitern endlich den effizienten Umgang mit Informationen in deren Sinne zu ermöglichen und
  • HR- und IT-Verantwortliche an einen Tisch zu holen.
Sieht man von den methodischen Defiziten ab, so betont auch diese Studie wieder die Rolle und Partizipation der ArbeitnehmerInnen in einem Unternehmen der Zukunft.

Oder um es mit Tobias Kollmann zu sagen:

Mittwoch, 20. Mai 2015

Auftakt-Workshop zum nächsten #D21DigitalIndex

Es ist ja immer wieder spannend und produktiv, wenn es Gelegenheiten gibt, zu denen man sich mit digital Interessierten und Engagierten austauschen kann. Solch eine Gelegenheit hatte ich vor einigen Tagen, als sich die Unterstützer des D21-Digital-Index 2015 auf Einladung der @InitiativeD21 (tolle Vorbereitung und Durchführung des Workshops!) in Berlin trafen, um den Fragebogen für die anstehende Datenerhebung zu besprechen.

Die digitale Agenda ist eine Berliner Baustelle
Die Ergebnisse der Erhebung werden im Herbst diesen Jahres veröffentlicht. Unabhängig von den im Einzelnen besprochenen Themen stellten sich einige Grundsatzfragen, die den Wandel im Umgang mit "diesem Netz" über die Jahre hinweg verdeutlichen:
  • "Digital" und "Internet" sind aufeinander angewiesen, jedoch nicht deckungsgleich. Wie kann man die außerhalb der Schnittmengen beider Themen liegenden Aspekte besser berücksichtigen?
  • Kann es in einer digitalisierten Welt so etwas wie eine digitale Souveränität - auf individueller, unternehmerischer oder staatlicher Ebene - geben?
  • Das Internet der Dinge führt momentan zu einer Vernetzung von Geräten, von denen der Nutzer im Zweifel gar nicht weiß, dass eine Verbindung zum Netz besteht. Sollten die Nutzer darüber nicht ausführlicher informiert werden?
  • Macht genrell in Studien eine Unterscheidung der Internetnutzung in mobil/Desktop, Home-/Tele-Office, dauerhaft/stundenweise überhaupt noch Sinn? Ist man inzwischen nicht irgendwie immer "on"?
  • Stichwort Datenbewusstein: Ist die Abwesenheit von negativen Erfahrungen mit datenbasierten Dienste oder die Erfahrung von Positivem ein Gütesiegel? Welche Art der Erfahrung beeinflusst Verbraucher in Zukunft eher?
  • Wie können all die verschiedenen Datenaspekte - öffentlich/privat, bewusste Freigabe vs. ungewollte Freigabe, lebensnotwendige Mindestfreigabe vs. Datentransparenz ggü Staat und Unternehmen - differenzierter betrachtet werden, ohne umgehend zu einer Expertendebatte zu werden ?
  • Die Zukunft der Arbeit wird immer wieder zu schnell mit der reinen Technisierung von Arbeit gleichgesetzt. Die Bedeutung interner Arbeitskulturen, der Wichtigkeit persönlicher Haltung und die Ablösung von einem bestimmten Ort des Arbeitens werden unzureichend betrachtet. Wie aber können kulturelle Faktoren gemessen werden?
Der Fragebogen wird in den nächsten Wochen angepasst und geht danach direkt ins "Feld". Ich denke, wir werden mit Blick auf Debatten zur Überwachung, zur Umsetzungsreife der digitalen Agenda, unseren eigenen Aktivitäten zu Arbeiten 4.0 oder zur Frage, wie gut Unternehmen in Deutschland digital aufgestellt sind, wieder spannende Ergebnisse rechtzeitig zum nächsten IT-Gipfel der Bundesregierung erhalten.

Sonntag, 17. Mai 2015

Wissensarbeiter in Unternehmen: Eine Frage der Technik oder eine Frage der Kultur?

Der New Worker fragt im Rahmen seiner aktuellen Blogparade nach der "idealen Arbeitsumgebung für Wissensarbeiter" und zielt damit implizit (aber nicht nur) auf die Infrastruktur im Büro oder im Unternehmen ab. Ich denke aber, man muss auch über Kulturen und Haltungen reden; eine offene Arbeitskultur kann nicht allein durch eine offene Architektur erreicht werden.

+Lars Hahn hatte sich erst vor kurzem mit der Frage beschäftigt, was denn einen Wissensarbeiter ausmache und gemeint, den Wissensarbeiter der Zukunft zeichne erstens das Teilen und weniger das Horten von Wissen und zweitens die heuristische Herangehensweise an komplexe Informationssituationen aus. Bevor wir uns also mit der Frage der Infrastruktur befassen, wäre es wichtig, sich auf eine solche Sichtweise zu einigen.

Ich finde seine Einschätzung wichtig und richtig, würde aber noch einige kleinere Ergänzungen vornehmen wollen.

"Wissen" kann jede Erkenntnis über einen Sinnzusammenhang, über eine Kausalität sein. Es geht dabei sowohl um akkumuliertes als auch Erfahrungswissen. Die Digitalisierung ermöglicht uns allen diesen Wissenserwerb unabhängig von formalen Zugangsbeschränkungen zu Bildungsinstitutionen. Damit aber ist auch der Lagerarbeiter im weiteren Sinne ein Wissensarbeiter, da auch er am Ort der Arbeit Erfahrungen sammelt und sich jederzeit Wissen über Logistik aneignen kann, ohne dafür eine weitere formale Ausbildung absolvieren zu müssen. Damit geht es mir darum, den Terminus "Wissensarbeiter" aus seinem Elfenbeinturm zu holen und an die digitale Gegenwart anzupassen. Sicher bestimmt der Anteil der routinemäßigen Arbeit den Grad der tatsächlichen Wissensarbeit.

In Anlehnung an die auch von Lars Hahn zitierte Wikipedia geht es beim Wissensarbeiter im Kern um einen Projektmanager, der vorhandene Informationen aufspürt, Muster erkennt, Zusammenhänge herstellt, Schlussfolgerungen zieht und nächste Schritte immer wieder auf Basis vorhandenen Wissens überprüft.

Mit der Digitalisierung, dem ständig verfügbaren Wissen und der sinkenden Bedeutung formal zertifizierter Kompetenzen lösen sich die Grenzen zwischen dem "Wissensarbeiter" und dem klassischen "Arbeiter" immer mehr auf. Die Frage der Blogparade wäre damit eigentlich etwas zu weit gefasst, da es letztlich um jede Art von Arbeit gehen müsste. Ich gehe daher jetzt implizit davon aus, dass es sich um Arbeitende handeln soll, die einen besonders hohen Anteil von nicht-routinemäßiger Arbeit zu bewältigen haben. Haben diese "Wissensarbeiter" aber eine realistische Chance, dass ihre Arbeit in einem Unternehmen Berücksichtigung finden? Ich bin da etwas skeptisch.

  1. Während die Vorstellung vom Wissensarbeiter etwas Edles anhaftet, da er idealerweise nach dem objektiv wichtigen und richtigen Kern der Arbeit sucht, sieht die Realität anders aus. In Unternehmen und den internen Entscheidungslogiken gilt die politische Wahrheit, nicht aber die objektiv richtige Wahrheit über einen Arbeitssachverhalt. Kann ein Wissensarbeiter vielleicht gar nicht innerhalb von Unternehmen arbeiten, da das System ihn nicht akzeptiert, da er selbiges irritieren könnte und Systeme zum Selbsterhalt streben?
  2. Der Wissensarbeiter könnte diesem Problem ausweichen, wenn in dem Unternehmen eine Kultur der Offenheit gegenüber den besten Ideen (Ideen schlagen Hierarchien) herrschen würde. Kann es aber ein auf Jahrzehnte hinaus bestehendes System (und die damit einhergehende Kultur) geben, dass immer wieder offen auf neue Entwicklungen von außen reagiert, sich anpasst und den eigenen Kurs daraufhin anpasst? Hier kommt man schnell zur Frage der zunehmend nachgefragten fluide Unternehmenstypen, bei denen die Grenze zwischen außen und innen erodiert und sich damit der Charakter der Verhältnisse der Unternehmen zu ihren Arbeitnehmern grundlegend verändert. Dass die Veränderung eine gänzlich neue Problematik der virtuellen globalen Wanderarbeiter mit sich bringen kann, hat +Johannes Kleske in seinem aktuellen #rp15-Beitrag dargelegt.
  3. Zuvorderst sollte sich Unternehmen demnach darüber Gedanken machen, wie sie ihre eigene und die Rolle des Wissensarbeiters im Unternehmen sehen, bevor sie sich Gedanken über die Infrastruktur machen. Sind Kultur und Grad der Fluidität tatsächlich so ausgestaltet, dass Wissensarbeiter grundsätzlich an dem Unternehmen interessiert sein könnten, so ist als nächstes sicher jede Vorgabe von Arbeitszeiten, Arbeitsorten (Büros, Ort), Hardware, Prozesslogiken oder Schnittstellen zu internen Stabsstellen problematisch. Erstens zählen Ergebnisse und nicht Arbeitszeiten, zweitens ist überall dort der Arbeitsort, wo gerade gearbeitet wird, drittens ist Hardware heute im höchsten Maße individualisiert und nicht mehr standardisiert, viertens sollte im Sinne des Arbeitsergebnisses Projektlogik über der internen Politik gehorchenden Abteilungs- und Stabsstellenlogik stehen. 

Ich glaube nicht, dass es in Deutschland Unternehmen gibt, in denen diese drei idealtypischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit von Wissensarbeitern zur gleichen Zeit vorliegen. Dennoch sollten sie vor Beantwortung rein operativer Fragen ein Stück weit durch die Unternehmensführung durchdacht worden sein. 

In dem vom New Worker geschilderten Ausgangsbeispiel ging es um dem Umzug eines Unternehmens und die damit einhergehende Frage nach der Ausgestaltung des Arbeitsplatzes. Diese sehr operative Frage sollte demnach immer mit Gegenfragen beantwortet werden:
  • Garantiert das Unternehmen eine Kultur der Offenheit? Hierzu sollte man am besten nicht die Vorstände oder die mittlere Managementebene sondern die "geführten" Mitarbeiter anonym befragen.
  • Wären die in dem Unternehmen beschäftigen Wissensarbeiter überhaupt bereit, eine eigene Haltung oder Position in der Außenkommunikation wahrzunehmen?
  • Gibt es eine eigene IT-Abteilung, deren Interessen Berücksichtigung finden müssen oder aber wäre es eventuell einfach, den Wissensarbeitern ein jährliches Hard- und Softwarebudget dezentral zur Verfügung zu stellen?
  • Gibt es in dem Unternehmen die Möglichkeit, temporär und themenbezogen Freelancer komplett in die internen Prozesse zu integrieren, um damit für den beständigen Zufluss neuer Ideen zu sorgen?
  • Wollen überhaupt alle in dem Unternehmen beschäftigten Wissensarbeiter im Büro arbeiten?
  • Welches ist das adäquate Gehalt für solche Wissensarbeiter? Während Vorstände inzwischen durch Algorithmen ersetzt werden können (s.a. wieder den Vortrag von J. Kleske), ist dies bei den dezidierten Wissensarbeiter ja eher nicht der Fall. Sollte sich dies nicht auch im Gehalt widerspiegeln?
Wie so oft bei digitalen Themen ist es auch hier wieder so, dass letztlich die anfangs gestellte eher auf die Technik fixierte Fragestellung am Ende die Fragen nach Kulturen und Veränderung von Entscheidungsprozessen und Rollen aufwirft. Es geht eben nicht nur um die Technik sondern die sozialen Implikationen der Technik. 


Freitag, 15. Mai 2015

#rp15 Rückblick (Teil 3 v. 3): Arbeiten 4.0 und Ausblick (Klassentreffen oder Sandkasten?)

Arbeiten 4.0

Sicher war der Input von Gunter Dueck unter dem Titel "Schwarmdummheit" einer meiner persönlichen Highlights unter den Vorträgen, die sich im Kern nicht nur um Netzpolitik drehten. Den Titel fand ich allerdings bezüglich des Buches nicht glücklich gewählt, da es den Offlinern suggeriert, dass das Reden über die Crowd und die Schwarmintelligenz tatsächlich nur ein Hirngespinst der digitalen Taliban in den letzten Jahren gewesen sei; dass aber ganz im Gegensatz dazu von der Schwarmdummheit gegenwärtiger Offline-Arbeitslogiken die Rede ist, wird dadurch leider nicht auf den ersten Blick deutlich.

Dueck beschrieb in seinem Vortrag, den die Veranstalter aus mir nicht erklärlichen Gründen auf eine halbe Stunde gekürzt hatten, den Übergang von den bestehenden Arbeitsprozessen in einer Offline-Welt zur eher smarten Arbeitsweise in einer digitalen Welt. Leider war die halbe Stunde definitiv zu kurz, um die Storyline tatsächlich in ihrem ganzen Umfang zu erzählen. Im Kern: Durch überlebte Rollenmodelle in den allseits bekannten Meetings sowie in der internen Führungsstruktur von Unternehmen dominiere am Ende auf allen Ebenen die Unzufriedenheit und der Durchschnitt.

Thorsten IsingStefan Pfeiffer und Gunnar Sohn boten Andreas Kaemmer und mir aber noch die Möglichkeit, uns gemeinsam im Hangout On Air des Bloggercamp TV über diese Fragen zu unterhalten (nochmals Danke an dieser Stelle!).

Meine Learnings aus dem Gespräch:
  1. Wir müssen gegen die Vorstellung der Traditionalisten argumentieren, die meinen, dass es sich bei den Folgen der Digitalisierung allein um eine Skalierung oder lineare Fortschreibung vorhandener Prozesse handeln würde.
  2. Es herrscht im Einklang damit ein relativ großes Unverständnis über die Bedeutung der digital ermöglichten Disruption und ihre Bedeutung für angestammte Tätigkeitsfelder eines Unternehmens oder auch einer Institution.
  3. Die Gesellschaft der 2 Geschwindigkeiten findet sich zunehmend auch innerhalb von Unternehmen. Die von Zuckerman beschriebene Systemkrise infolge von steigendem Misstrauen dürfte als Nächstes die Unternehmen treffen.
  4. Arbeiten 4.0 widerspricht systematisch (da dezentral, kreativ, flach, netzwerkbasiert, multikausal) dem in der deutschen Industrie sehr stark verankerten Ingenieurs-Denken. Dieser Widerspruch dürfte für Deutschland bald zum Problem werden.
  5. So wie der Wechsel auf digitale Plattformen die Macht der Kunden (Renzensionen, Transparenz, öffentlicher Druck) gegenüber den Konzernen gestärkt hat, wird Arbeiten 4.0 die Position der Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber verändern. Sind deutsche Unternehmen auf diesen Wandel vorbereitet?




Ausblick

Der zu SPRINGER übergetretene Christopher Lauer meinte in einem Meinungsbeitrag in der WELT vor der #rp15 , dass es doch schön sei, wenn sich auf dieser "Messe" "Staatssekretäre, Bürgermeister und Internetbeauftragte die Klinke in die Hand geben" würden.

Um es ganz klar zusagen: Ich bin ein großer Fan der #rp15 und werde nach Möglichkeit auch in 2016 wieder dabei sein. Nichtsdestotrotz muss man sich Gedanken über das Format machen können.

Die #rp15 scheint in einer Art Zwischenwelt angekommen zu sein. Auf der einen Seite ist sie tatsächlich, wie von Lauer angedeutet, in einem Teil des Mainstreams angekommen (das "Messe"-Feeling kann man mit dem Verbot der Unternehmens-Logos tatsächlich nur kaschieren), auf der anderen Seite bietet sie aber (Lauer pauschaliert in seinem Beitrag etwas unglücklich) über alle digitalen Themen hinweg) gerade noch beim Thema Netzpolitik mit Personen wie Jillian York und Cory Doctorow die internationalen VIPs an, die einen Benchmark für die Debatte über das Internet darstellen. Das Problem: Die dort vertretenen Staatssekretäre et al. sind ihrerseits in ihren Umgebungen die digitalen Sonderlinge, so dass nach wie vor keine Schnittstellen zur Mainstream-Politik besteht. Gleichzeitig aber vermag es der Modus der #rp15 nicht in der Breite in die Tiefe zu gehen (außer eben bei der Netzpolitik). Das ist schade.

Welche Frage könnte sich wohl ein externer Beobachter stellen, der in Sessions geraten ist, in der über die Jakobiner-Mütze als Stierhodensymbol, über die "Schuld" von Facebook am Aufkommen der #Pegida-Provinzialisten oder den Gegensatz der weiblichen Figur der französischen Revolution versus des männlichen Jesus gesprochen wurde. Nein, ich nenne hier keine konkreten Session-Namen, da es nicht um Bashing geht sondern um die Frage, ob das Reflektieren über die eigene vermeintliche politische Bedeutungslosigkeit nicht auch dazu führen sollte, die Programm- und Formatplanung vielleicht ein Stück weit weit fortzuentwickeln?

Vielleicht hat die #rp15 mit einer ähnlich gelagerten Herausforderung zu kämpfen, der sich jeder  Blogger und Journalist zu stellen hat: Schreibe ich für Klick-Zahlen oder für relevante Themen - wobei dann zugleich die Frage auftaucht, ob die Relevanz durch die Knickzahlen oder durch die eigene Beurteilung entsteht. Wenn dies der Fall wäre, hätte die #rp15 mit der Entscheidung zu kämpfen, ob sie ein buntes Blogger-Treffen mit all den Folgen für die Zielgruppenansprache (ungenauer), die Tiefe der Debatte (eher alles nur anreißen) oder die Besucher (Tendenz zum Mainstream) sein möchte. Oder ginge es eventuell im umgekehrten Fall darum, Schwerpunkt-Themen zu identifizieren? Auch diese Vorgehensweise hätte natürlich Folgen für die Organisation und die Veranstaltung (tendenziell weniger Besucher; Gefahr, das falsche Thema vorab zu identifizieren; weniger fachübergreifender Austausch). Sie böte aber den ungemein wichtigen Vorteil, in einem speziellen Themenfeld in den Folgemonaten eventuell politisch relevanter sein können.

Vielleicht täuscht mein subjektiver Eindruck, der mir sagt, dass die Sessions, die die ursprünglichen netzpolitischen Kernthemen der ersten RP widerspiegeln, deutlich schlechter besucht waren als die mehr operativ und auf Tagesthemen angelegten Sessions, in denen es um Community Building, Nutzung von YouTube oder Wearables ging.

Das "Klassentreffen" der Bloggergemeinde droht ein wenig, zum "Sandkasten" aus Sicht der tradierten politischen und wirtschaftlichen Akteure zu werden, bei denen man (die von Lauer beschriebenen Mainstream-VertreterInnen) den Kleinen beim Bauen von Sandburgen zuschaut, milde lächelt und dann zur wirklich wichtigen Tagesordnung übergeht.

Auf ein Neues in 2016
(Foto: Ole Wintermann)

Dienstag, 12. Mai 2015

#rp15 Rückblick (Teil 2 v. 3): Die digitale Karawane zieht weiter - an den Mäkelnden vorbei

Sollten wir noch auf Bedenkenträger hören?

Was haben wir digitale Enthusiasten uns den Mund fusselig geredet; Kommunikation macht Spaß, Digitales erleichtert die Arbeit, eBooks sind praktisch und helfen dem Verlagswesen aus der Krise, Open Gov ermöglicht mehr Partizipation, Open Data löst gesellschaftliche Probleme, soziale Medien bedeuten Empathie, die Online-Welt überwindet das anachronistische Meatspace-Modell nationaler Grenzen, usw. Allein: Was haben wir damit erreicht? Wir werden als "Taliban" und "Maoisten" diskreditiert.

Mein Vorschlag: Schenkt Denjenigen, die kein Interesse an neuen Sichtweisen haben und engagierte Innovatoren mit diesen menschenverachtenden Extremisten vergleichen, keine weitere Beachtung mehr. Wir sollten sie nicht zum Jagen tragen oder zum Glück zwingen. Zusammenarbeit und das Eintreten für eigene Positionen ist eine Frage der Haltung. Und eine Haltung kann man nicht erzwingen. Ich habe jedenfalls keine Lust, zum x-ten Male darüber zu diskutieren, ob Google oder Facebook Weltregierungen darstellen. Lasst uns nach vorn schauen und die grießgrämigen Kulturpessimisten weiter in ihren Totholzprodukten über den Untergang des Abendlandes räsonieren.

Alte Geschäftsmodelle: Ihr da draußen, wir hier drinnen
(Foto: Ole Wintermann)
Wie kann sich eine überwachte Zivilgesellschaft gegen Überwachung zur Wehr setzen?

M. C. McGrath hat in seinem Vortrag mit dem Titel "Watch the Watchers" mit einem einfachen Ansatz viel Bewunderung und Beifall bekommen. Er hat den Spieß der Überwachung umgedreht und eine Datenbank derjenigen Experten aufgebaut, die meinen, uns normale Durchschnittsbürger überwachen zu müssen. Sein Vortrag bestand aber nicht nur als LinkedIn-Profilfotos sondern auch aus etlichen anderen öffentlich verfügbaren, jedoch stark individualisierten Informationen. Das Tool kam insofern sehr gut an, weil in einfacher Weise der Überwachungsstaat ein Gesicht bekommt und fassbarer wird.

Darüber hinaus aber muss natürlich die Frage gestellt werden, wie sich Bürgerinnen in Demokratien dagegen wehren können, dass ihre Kommunikation und ihr Verhalten eventuell gleich durch mehrere Geheimdienste und Spähprogramme überwacht wird. Initiativen wie der #FakeDataDay oder Protestaktionen gegen die VDS und die umfassende Abschaffung der Netzneutralität zugunsten der Interessen einiger weniger großer Unternehmen sind ein guter Ansatz. Allein: es stellt sich die Frage, wieso diese Aktionen so dermaßen schlecht durch die agierenden politischen Akteure aufgenommen werden.

Aktuell informieren uns Teile der Medien gerade wieder darüber, dass Teile der deutschen Bundesregierung die deutsche Bevölkerung anscheinend über Monate hinweg angelogen hat. Ach liebe Politiker, und bei der nächsten Wahl fragt ihr euch, wieso wieder weniger Menschen zur Wahl gegangen sind. Really?

Wie können sich Bürger gegen Überwachung schützen?
(Foto: Ole Wintermann)

Die Botschaft vom Digitalen ist inzwischen alt. Wie aber sieht das Digitale in den Themenfeldern aus?

Die digitale Karawane zieht weiter, während die Führungsetagen der Unternehmen damit (vergeblich) glänzen wollen, das Digitale entdeckt zu haben. Im Übrigen ist es (unabhängig von der #rp15) schon spannend zu sehen, wie zentralisierte und hierarchische Führungskonzepte nicht mehr fähig sind, den aktuellsten Entwicklungen in ihren Branchen oder aber der digitalen Disruption und ihrer Auswirkung auf angestammten Absatzmärkte und Rollenverständnisse zu folgen. Das Digitale ist dezentral, hierarchieunabhängig, chaotisch, unkontrollierbar; alles Eigenschaften, die mit dem traditionellen "Führung"verständnis nicht mehr kompatibel sind (Stichwort weiter unten: #Arbeiten40).

Wie sieht es aber nun aus mit den anstehenden weiterführenden Fragen? Wenn Algorithmen und "Roboter" bis 2030 die Hälfte der menschlichen Jobs übernehmen, sollten wir uns vielleicht heute schon Gedanken über machen über ein technikkompatibles Steuersystem (Dank an @LSMueller für diesen Hinweis!) Wenn das Modell der Norm-Arbeitsverhältnisse in der digitalisierten Welt ausläuft; wie kann eine Arbeitslosenversicherung aussehen, die dem Rechnung trägt? Wie hoch sind die Einsparpotenziale, die durch Anwendung von digitaler Unterstützung in der Altenpflege (Achtung: Demographischer Wandel!) entstehen werden? Wie sieht eine intelligente Straßeninfrasstrukturplanung aus, die zunehmend Sensoren im Straßenbau einsetzen könnte? Wie muss unser Schulsystem und das System der Weiterbildung in einer Welt des globalisierten (Online-) Arbeitsmarktes ausgestaltet sein?

Die alte Welt möchte sichtbar bleiben
(Foto: Ole Wintermann)
Fortsetzung folgt....

Teil 1 des Rückblicks 

Sonntag, 10. Mai 2015

#rp15 Rückblick (Teil 1 v. 3): Systemkrise und Ideenklau

Leben in 2 Welten

Mein hauptsächlicher Eindruck zur aktuellen #rp15 lässt sich am besten umschreiben mit: Wir leben inzwischen in vielen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen in 2 unterschiedlichen Welten. Auf der einen Seite gibt es die alternde Offline-Gesellschaft (über Kulturpessimismus und Panikmache durch ehemals wichtige Medien wie den SPIEGEL haben schon viele andere kluge Leute ausreichend oft geschrieben), die sich hartnäckig (wir leben in der zweitältesten Gesellschaft der Welt) der digitalen Neuerung gegenüber verweigert (aus Angst um Statusverlust, vor unbekannten Dingen oder einfach Desinteresse), auf der anderen Seite gibt es den netzaffinen Teil der Gesellschaft, der begeistert von den Neuerungen berichtet, jedoch die Offliner nicht zu überzeugen vermag. In welchem Rahmen bewegen wir uns als digitale Bewegte (zukünftig); einem Klassentreffen oder einem Sandkasten (dazu später mehr).

Der Himmel über Berlin
(Foto: Ole Wintermann)
Nach meiner inzwischen 5. RP stellt sich mir erneut die Frage: Wie soll man die Eindrücke aus 3 Tagen, etlichen Gesprächen und Treffen und ein Programm mit 450 Vorträgen sinnvoll zusammenfassen? Vielleicht ist die Frage aber auch relativ Old-School und von der Schulausbildung eines älteren Semesters geprägt? (Achtung Aufsatz!). @DerLarsHahn hat in einem aktuellen Beitrag zur Wissensarbeit gerade gemeint, dass es sinnvoller wäre, sich von der manuellen und individuellen Ansammlung von Wissen zu verabschieden (das könnten Algorithmen sowieso besser) und sich den Heuristischen zuzuwenden. Recht hat. Daher folgt hier hetzt einfach mal eine heuristisch geprägte Übersicht.

Leben in der Systemkrise

Ethan Zuckerman ging in seiner Keynote "The System is Broken - and That is the Good News" auf diesen Aspekt ein. Die westlichen Demokratien erlebten, so Zuckerman, eine historisch einmalige Systemkrise durch ein breites in der Bevölkerung messbares Misstrauen gegenüber all den Institutionen, die die Gesellschaft im letzten Jahrhundert so geprägt hätten (Verbände, Unternehmen, Gewerkschaften, Parteien). Daran sei (so meine persönliche Interpretation) nicht das Digitale, die digital Affinen, die Technik, Facebook, Google oder die gesamte Welt Schuld (also immer die Anderen) sondern die Unfähigkeit der Offliner, mit dem Digitalen und seiner Auswirkung auf angestammte Themenfelder und Branchen umzugehen.

Er bezeichnete "Wahlen" als das Sakrileg der Demokratie, die man nicht kritisieren dürfe, die aber am Ende des Tages zu keinerlei politischer Änderung führten. Wenn sie dies täten, wären sie nicht erlaubt. Stattdessen würde die jüngere Generation in politischen Aktivismus und auf die Straße drängen. Dies zeige das hohe politische Engagement, habe jedoch das Problem, dass damit nur selten wirklich gesetzliche Änderungen einhergingen.

Zunehmend digital ermöglichte Transparenz über soziale und finanzielle Ungleichheiten sowie globale Herausforderungen wie dem Klimawandel und die Erfahrung der Egomanie großer Unternehmen im Umgang mit menschlichen Lebensbedingungen (wie z.B. der Deutschen Bank) ließen die Menschen in westlichen Demokratien an den wirtschaftlichen und politischen Akteuren mehr denn je zweifeln. Die Lösung bestünde in einer erhöhten Wirksamkeit der misstrauten Systeme, dem Monitoring der Aktivitäten dieser Systeme durch die Bürger und dem Aufbau dezentraler Systeme mit Hilfe der digitalen Tools (dies ist ein Punkt, auf den auch bereits Nafeez Ahmed hingewiesen hatte).

Passend dazu zeigte Gabriella Coleman in ihrem Vortrag "How Anonymous (narrowly) Evaded the Cyberterrorrism Rhetorical Machine" die versuchte Diskreditierung der Tätigkeiten der Anonymous-Aktivisten durch westlichen Geheimdienste auf. Es wurde sehr schön dargelegt, dass erst das Bekenntnis der polnischen Parlamentsangeordneten zur Guy Fawkes-Symbolik es vermocht habe, Anonymous aus der Ecke der Terrorristen heraus zu holen, in die die westlichen Geheimdienste sie absichtlich gedrängt hätten. Geheimdienstliche Diskreditierung als Reaktion auf Misstrauen gegenüber Institutionen; von dieser Kombination hören wir in Demokratien leider nicht zum ersten Mal.

Die überwachte Bevölkerung
(Foto: Ole Wintermann)
Wie sollen wir mit Ideenklau umgehen?

"Lasst euch nicht eure tollen Ideen von Männern mit viel Geld wegnehmen". Leider hatte ich mir nicht notiert, in welcher Session dies gesagt worden ist. Es zeigt aber ein Grundproblem der digitalen Euphorie auf: Die digitalen Enthusiasten und Innovatoren laufen vor, laufen immer wieder gegen Wände, holen sich eine blutige Nase, beuten sich selbst aus - und am Ende folgen die Ängstlichen (mit und ohne viel Geld), sammeln die Erfolge der Innovatoren ein und labeln das Aufgesammelte mit ihrem Namen (Dank an Thomas Herr für sein Bild der Pioniere mit den Kugeln in ihren Rücken). Die Aussage, dass Wissen der einzige Rohstoff sei, der mehr werde, wenn man ihn teile ist zugleich richtig und falsch. Richtig ist sie, weil erst Kommunikation und Kollaboration zu einem Erkenntnisfortschritt führt. Falsch ist sie, weil im Moment des Teilens bereits wieder Kräfte aktiv werden, die dieses Wissen abgreifen, begrenzen und horten wollen, um damit ihre Macht abzusichern.

Zwei prominente Innovatoren, Doc Searls und David Weinberger, beschreiben in ihren "New Clues" genau diese Problematik, indem sie u.a. mit dem Blick auf die risikoscheuen aber im System fest etablierten Nachahmer schreiben: "The Marauders understand the Internet all too well. They view it as theirs to plunder, extracting our data and money from it, thinking that we are the fools." Das Dumme ist; innovativ und neugierig zu sein, kann man nicht werden, wenn man nicht so denkt und man kann es nicht abstellen, wenn man es ist. In einer anderen Session über die zukünftige Rolle von Freelancer setze man genau an dieser Stelle an - temporäre Nutzung von Freelancern in Unternehmen, um Innovationen, die das Unternehmen nicht aus Sicht selbst heraus generieren kann, damit quasi "einzukaufen". Ob dieses Geschäftsmodell für beide Seiten lohnend ist, wird die Zukunft zeigen.

Die Auflösung der scharfen Grenze zwischen Innen und Außen, die Notwendigkeit fluider Unternehmen, die stringente Ausrichtung an Kundenwünschen als Voraussetzung zum Überleben im Digitalen und das von Zuckerman geschilderte breite Misstrauen gegenüber jeder Art von Institution lässt jedoch Zweifel an der Überlebensfähigkeit des Konstruktes "Unternehmen" aufkommen.

Fortsetzung folgt....

Mittwoch, 6. Mai 2015

Mit welchem Recht enthalten wir Menschen Bildungsinhalte vor?

Am Montag dieser Woche war ein schöner Tag für Open Educational Resources (#OER). In Rahmen eines großen Herausgeber-Teams um den Stifterverband der deutschen Wissenschaft, der Open Knowledge Foundation, der Mind Stiftung, der Technologie Stiftung Berlin, dem Internet und Gesellschaft Collaboratory sowie der Transferstelle OER (und uns selbst als Bertelsmann Stiftung) konnten wir zeitgleich zwei Studien zum Thema OER herausgeben. Beide Studien gemeinsam stellen eine erste grundsätzliche Bestandsaufnahme der offenen Bildungsinhalte in der Hochschule und dem Bereich der Weiterbildung in Deutschland dar und haben das Ziel, der Offenheit von Bildungsinhalten einen wesentlich größeren Raum zu geben.

Innerhalb weniger Wochen sind Dank des Autoren-Teams (Ingo BleesMarkus DeimannHedwig SeipelDoris HirschmannJan Neumann) um Jöran Muuß-Merholz und eines 12-köpfgigen Reviewer-Teams über 200 Seiten an Informationen und Analyse zum Thema zusammen gekommen. Im Zuge des gesamten Prozesses waren bis zu 30 (!) Menschen an der Erstellung der Studien beteiligt; Menschen, die sich größtenteils vorher nicht kannten, die jedoch ganz im Sinne Kollaboration Arbeitens gemeinsam für ein Ziel gearbeitet haben. Ich bin froh, dass wir damit nicht nur theoretisch über Teilen und Kollaboration geschrieben sondern dies auch ganz konkret gelebt haben.
Das Ziel des Teams war es, das Eintreten für offene Inhalte aus einer gewissen defensiven Grundhaltung heraus zu holen. Während man sich derzeit noch dafür fast entschuldigen muss, dass man Wissen und Dinge teilt (Artikel “Wenn Posten zur Manie wird…, rbb), sollte es vielmehr darum gehen, Teilen als default Option zu verstehen und zu fragen, wieso und mit welchem Recht Menschen von Bildungsinhalten ausgeschlossen und ferngehalten werden.
Demografie und sinkende finanzpolitische Spielräume, der existenzbedrohende Klimawandel, ein zunehmend globalisierter Arbeitsmarkt bei gleichzeitigem Fachkräftemangel in Deutschland und die Digitalisierung, welche eine immer schnellere Anpassung der vorhandenen Qualifikationen an nachgefragte Qualifikationen erfordert, sind Rahmenbedingungen zukünftiger Erwerbstätigkeit, die mehr als offensichtlich verdeutlichen, warum der offene Zugang zu Bildung gleichsam in den Rang eines Menschenrechts gehoben werden sollte.
Nur mit dem Teilen von elementaren Erkenntnissen, der Kollaborationen über nationale und kulturelle Grenzen hinweg und der Beteiligung emphatischer Menschen an dem Finden der so wichtigen Lösungen für globale Probleme können wir von der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft sprechen. Jede Schranke, die den Zugang zu Bildung und Erkenntnis verhindert, müsste gerechtfertigt werden und nicht die Forderung nach offenen Bildungsinhalten.
Speziell in Deutschland kämpfen die Befürworter offener Bildungsinhalte jedoch mit einem anachronistischem Leistungsschutzrecht, der Störerhaltung, mit unzureichender digitaler Infrastruktur und dem Fehlen konkreter erster Anwendungsfälle, die die Relevanz von OER mehr Lehrenden und Politikern vor Augen führen könnten.



Sketch von @ralfa unter CC 4.0 BY
Der international bekannte OER-Experte Dominic Orr betonte dann auch in seinem Beitrag die Relevanz von OER als Katalysator sozialer Innovationen, da gerade auch der Kollaboration Prozess der Erstellung der Inhalte eine neue Form der gemeinsamen Erkenntniserarbeitung sei. OER hätten zudem einen längeren Lebenszyklus, da sie beständig verbessert würden und damit auch den statischen Inhalten traditioneller Bildungsanbieter überlegen seien. Allerdings wies er auch auf die Tatsache hin, dass die Vertreter von OER mehr in der Sprache des Mainstreams reden und in der Problemlogik des Mainstreams denken müssen, um anschlussfähig zu sein. Ich sehe die Forderung nach der Anschlussfähigkeit an tradiertes Denken an dieser Stelle etwas kritisch. „Realpolitisch“ hat er aber natürlich vollkommen recht.


Foto: Ole Wintermann

In seinen aktuellen Analysen sei er zu dem Schluss gekommen, dass die folgenden Voraussetzungen unabhängig vom jeweils betrachteten Land zur stärkeren Nutzung von OER beitrügen:

  • generelle Förderung der Nutzung neuer Lernformen
  • Unterstützungsangebote für Lehrenden
  • Maßnahmen zur Sicherung von Qualität von Bildungsinhalten
  • tatsächlich gewollter breiterer Zugang zu Bildungsinhalten
  • Reduzierung der Hindernisse zu Lernmöglichkeiten wie beispielsweise soziale Herkunft
Darüber hinaus können Politik durch den Aufbau von Repisitorien (in der folgenden Debatte durchaus strittig diskutiert) und Netzwerken für Lehrende sowie die Initiierung erster systematischer Forschung zu OER die Verbreitung offener Bildungsinhalte voran bringen.
Jöran Muuß-Merholz, der vor der Herausforderung stand, als inhaltlicher Koordinator die zwei Studien in nur 15 Minuten vorzustellen, konzentrierte sich auf die Treiber für OER, die er im Zuge beider Studien ganz speziell in Deutschland identifiziert hatte. So würden sich positiv auf die Nutzung von OER auswirken:

  • ein rigides Copyright, das Lehrende zunehmend überlegen lasse, wie Inhalte unabhängig von Verlagen erstellt und bereitgestellt werden könnten
  • eine Kooperationen der Bildungsbereiche, die dem Erfahrungsaustausch über OER diene,
  • Qualitätskontrollen, die den Hauptkritikpunkt gegenüber OER aufnehmen würden,
  • eine Einigung auf einen Metadatenstandard, der den Austausch von Inhalten nachhaltig vereinfachen würde,
  • die Förderung von Leuchtturmprojekten, die Anwendungsfälle bekannter machen würden,
  • und die Umsetzung des Grundsatzes, dass “öffentlich finanziert“ auch zu “offen lizensiert“ führen würde.

 Foto: Ole Wintermann
Mein Fazit der Veranstaltung und der Arbeit für die OER-Studie zur Weiterbildung war:
  1. Wir sollten als Vertreter von offenen (Bildungs-) Inhalten offensiver auftreten und die VertreterInnen geschlossener Inhalte nach der Rechtfertigung fragen, wieso Menschen Bildung und Inhalte vorenthalten wird.
  2. Es müssen konkrete Anwendungsfälle beschrieben und beworben werben, um sie bei den Lehrenden bekannt zu machen.
  3. Man sollte nicht nur über die gemeinsame Erstellung von Inhalten reden sondern dies, wie dies bei beiden Studien auch gemacht wurde, auch vorleben.
Dieser Beitrag ist auch erschienen auf dem Weiterbildungs-Blog der Bertelsmann Stiftung.
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