Mittwoch, 22. Mai 2013

Energy Hack in Berlin

"Hacken": Ist das nicht etwas Kriminelles? Sind das die Menschen, die sich in Systeme hacken (oder das System hacken) ? Sind das nicht die Akteure des Cyberwars?, so das weite verbreitete Bild des Hackers, dass fleißig und regelmäßig von SPON und anderen Medien reproduziert wird. Nein, so pauschal kann man das natürlich nicht sagen (eine Übersicht der verschiedenen Hacker-Typen gibt es hier).

Dass "Hacken" eine sehr wichtige und zukunftsweisende Tätigkeit sein kann, stellen beim kommenden Energy-Hack engagierte Programmierer und Open Data (Nein, Open Data bedeutet nicht die kriminelle Offenlegung von personenbezogenen sensiblen Daten) Leute in Berlin unter Beweis. Dem Motto folgend, dass allgemein zugängliche öffentliche Daten den Menschen gehören, die mit Steuern, Gebühren oder Preisen für diese vorab gezahlt haben, wird am 15. Juni darüber nachgedacht (und umgesetzt), wie Daten des Berliner Stromnetzbetreibers dazu genutzt werden können, um bspw. Energiespareffekte zu erzielen. 

Ein Blick auf die dortigen Flachbildschirme könnte das Verständnis für die Logik und das Ziel dieses Hackens einer breiteren Öffentlichkeit gegenüber vermitteln. Ich wünsche den Organisatoren von der OKFN et al. viel Erfolg für ihre Veranstaltung!




Einladung zum Energie-Hackday
Berlin, 21. Mai 2013. Apps für die Energie der Zukunft – unter diesem Titel laden dieOpen Knowledge Foundation Deutschland, gemeinsam mit Stromnetz Berlin, der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Forschung und Technologie und Open Cities zum Energie-Hackday ein.
 

Sonntag, 19. Mai 2013

Loslassen können: Offenheit ist eine Chance

Führung 2.0: Wer entscheidet am Ende wirklich?
Kennen die “Älteren” unter uns noch diese Situation aus einem scheinbar anderen Zeitalter? Der Chef einer Belegschaft, die aus einigen Handvoll Angestellten besteht, guckt morgens immer in die Post (Briefe) der Angestellten. Er verfolgt dabei zwei Ziele: a) er will sich (ja nur) einen Überblick über die Arbeitssituationen verschaffen (nur so kann er steuern) und b) er will eigentlich aber Informationen auf seinem Schreibtisch anhäufen, mit denen er seine Machtspielchen auf dem Rücken der Belegschaft durchführen kann. Da erschien es nur logisch und konsequent, dass der Umfang der Leitz-Ordner, in denen Informationen (nicht Wissen) für alle Zeiten gesammelt wurde, im Chef-Zimmer am größten war. Die Belegschaft fand dieses Verhalten – damals vor 20 Jahren – durchaus normal. Der- oder diejenige, die den Laden steuerte, musste ja auch die entsprechend breite Informationsbasis besitzen, um die sach- und machtpolitisch richtigen Entscheidungen zu treffen – so das damalige Verständnis von “Führung”. Es war zudem ein nicht hinterfragtes ungeschriebenes Gesetz.

Die Zeiten haben sich geändert, aber die Verhaltensweisen kommen nicht unbedingt im gleichen Ausmaß hinterher. Es ist vollkommen egal, in welche Institutionen man hineinschaut: Universitäten, Unternehmen, Parteien. Nach wie vor herrscht häufig das Grundverständnis, dass Informationsvorsprung (nicht Wissen) dazu dient, “bessere” Entscheidungen zu treffen. Gunter Dueck hat dies gerade erst in seinem tollen Vortrag auf der re:publica 13 den Pflicht-Schuld-Wertekreis genannt. Der- oder diejenige (Gender ist vollkommen irrelevant) kommt am weitesten, der das System der Abwägung von Pflichten und Schuld gegenüber dem System am besten beherrscht. Also der oder die, die am besten in das System hineinpassen. Hierarchien, Ämter, Privilegien, “die-da-oben” und “die-da-unten” sind die Kennzeichen dieser Logik, so Dueck.

Donnerstag, 16. Mai 2013

re:publica 13: Positives, Verbesserungspotenziale und sich abzeichnende Trends

Das Bühnenbild war jetzt nicht SO aufregend
(Alle Fotos: Ole Wintermann)
Die diesjährige RP13 war die insgesamt vierte RP, an der ich teilnehmen konnte. Wenngleich vier Jahre nur einen Abschnitt der Entwicklung der RP insgesamt darstellen, kann man doch einige Entwicklungen erkennen, die positiv, kritisch oder einfach neutral zu bewerten sind und aus denen sich mögliche Verbesserungspotenziale (einer sowieso schon spannenden Veranstaltung) ergeben.

Mein Dank gilt vorab aber dem engagierten Team der #RP13 und den vielen ehrenamtlichen Helfern, die es vermocht haben, dass man sich trotz der 4.000 Teilnehmer und der komplexen Agenda nie verloren gefühlt hat.

Unser Projekt www.futurechallenges.org hatte sich gemeinsam mit der ZBW in Hamburg mit dem Projekt "Open Solution" (Idee: crowd-basierte Erarbeitung von Lösungen für Globalisierungsprobleme) um eine Session beworben. Nachdem wir im letzten Jahr schon die Möglichkeit hatten, eine Session anzubieten, waren wir dieses Jahr leider nicht zum Zug gekommen. Mal sehen, ob sich nächstes Jahr wieder die Möglichkeit bietet, aktiv Inhalte anzubieten.

Was ist positiv zu sehen?
  1. Der Umzug vom Friedrichstadtpalast in die Station-Berlin ist aus meiner Sicht überwiegend positiv zu bewerten. Der zusätzliche Raum bietet Entwicklungsmöglichkeiten für die Teilnehmerzahl. Zudem passt die Örtlichkeit (bis auf die viel zu knapp bemessenen Toilettenkapazitäten) atmosphärisch sehr gut zu den Themen des Events. Angesichts dieser positiven Aspekte fällt die größere Innenstadtentfernung weniger ins Gewicht.
  2. Die Teilnehmer der RP13 sind grundsätzlich von positiver Motivation, Engagement, Offenheit, Kollaboration, Wertschätzung geprägt. Die positive Grundstimmung der RP finde ich auf keiner anderen Veranstaltung und Konferenz vergleichbarer Größe (Man stelle sich vor, der IT-Gipfel würde etwas von dieser Energie ausstrahlen; nun ja, das ist aber ein anderes Thema...)
  3. Neben den vielen BarCamps im Laufe eines Kalenderjahres bietet für mich nach wie vor nur die RP das authentische Erlebnis, das Gefühl zu haben, bezüglich netzpolitischer Themen am Puls der Zeit zu sein. 
  4. Die Redner- und Themenliste der RP ist bunt, ohne dass dies ins Belanglose umzukippen droht. Die Balance zwischen Tiefe und Breite der Vorträge ist aus meiner subjektiven Warte heraus sehr gut erreicht worden. Man hat nicht den Eindruck, passiver Teilnehmer einer Veranstaltung von geklonten Interessenvertretern zu sein. Von Cyborgs, Hacker-Punk über Verwaltungsdaten bis hin zu Umweltaktivisten finden sich alle Themen, deren gemeinsames Oberthema das Netz darstellt. 
  5. Man merkt dem Charakter der RP insgesamt an, dass auf den Bühnen keine Funktionsträger und Vertreter von Institutionen stehen, sondern ganz eigene Persönlichkeiten, die eine Botschaft transportieren. Es zählen damit die persönlichen Botschaften und Geschichten deutlich mehr als die gesichtslosen Botschaften von Funktionsträgern.
  6. Die Balance zwischen Vorträgen auf der einen und Kaffee-Talk auf der anderen Seite ist immer gegeben. Man ist weder von belanglosen Vorträgen noch Fokussierung allein auf das Kaffeetrinken gelangweilt.
  7. Die konsequente Öffnung für englischsprachige Sessions hat der Bandbreite der Inhalte gutgetan.
  8. Die Auswahl des Essens und Trinkens lässt keine Wünsche offen. Die Gerichte werden immer nahezu frisch zubereitet und sind im Umfang genau auf einen solchen Event abgestimmt.
Nicht jeder Sponsor wurde mit offenen Armen empfangen

Was könnte man kritisch sehen?
  1. Die Räume scheinen häufig entweder zu groß (Stage 1) oder aber generell zu klein (bspw. Stage 3) zu sein. Es gab nur wenige Räumlichkeiten, die einiger Maßen gut zur Zahl der Sessionteilnehmer passten. Folge waren entweder leere Stühle oder überfüllte Räume mit teils schlechter Belüftung.  
  2. Die Größe der Veranstaltung bringt es unter Kostengesichtspunkten anscheinend mit sich, dass zunehmend auch größere und im Allgemeinen bei den Teilnehmern nicht so beliebte Sponsoren mit dabei sind. Die Veranstalter sollte darauf achten, dass der Charakter sich nicht hin zu einer Verkaufsveranstaltung entwickelt. Wenngleich dieses Risiko relativ gering erscheint, sollte es doch stark im Interesse der Veranstalter liegen, dass der Markenkern der RP (die Gemeinde trifft sich zu netzpolitischen Themen) nicht durch die großen externen Marken verwässert wird.
  3. Das System der Qualitätssicherung der Vorträge sollte transparenter und stringenter erfolgen. Die qualitative Bandbreite sowohl der Inhalte als auch der Vortragsmethode ist doch sehr groß. Man muss heute keinen Beitrag mehr ohne Folien, Struktur und jeglichen netzpolitischen Bezug im Rahmen der Veranstaltung halten (Bsp. Allmendinger). Positivbeispiele wie die Vorträge von Dueck, Kleske und Schleicher könnten die Kriterien für die Auswahl im nächsten Jahr liefern.
  4. Der RP-Blog im Netz dient nicht wirklich als digitaler Kompass für die Inhalte der Vorträge sowie die Social Media-Aktivitäten der Teilnehmer. 
Offline-Variante von Facebook und Google+

Vorschläge zur Verbesserung
  1. Die auf Papier ausgedruckte und als Wall platzierte Agenda der RP12 war eine schöne Möglichkeit, mit Leuten ins Gespräch zu kommen und ohne im PC oder dem Faltplan extra nachschauen zu müssen einen guten Gesamtüberblick über die Veranstaltung zu erhalten. 
  2. Erhöhung der Toilettenkapazitäten.
  3. Transparente Vorgabe von Anforderungen bezüglich der Qualität/Neuigkeitswert/Vortragsart bei der Ausschreibung der Sessions.
  4. Zeitnaher Release der Vortrags-Videos (nach welchen Kriterien werden Videoaufnahmen gemacht?).
  5. Umfangreichere technische Möglichkeiten zur Verlinkung und Vernetzung der Inhalte des eigenen Blogs mit dem RP-Blog sowie zentrale Inhalte-Pools (bspw. für Bilder hier muss ich mich korrigieren. Der Fotostream befindet sich nun hier) anbieten.
  6. Kooperationen mit ausländischen Medienpartnern anstreben, um die nach wie vor starke Fokussierung auf Deutschland etwas aufzuweichen.
Ideale Rahmenbedingungen

Welche Trends waren in den Vorträgen erkennbar?
  1. Globalisierung ist inzwischen deutlich mehr als der Austausch von Gütern über tradierte staatliche Grenzen hinweg. Jeder einzelne Internetnutzer kann inzwischen Produkte unter seinem Namen herstellen lassen, Designer in Indien konkurrieren mit Designern in Europa, staatliche Konstrukte werden nur noch als Hemmnis des Austauschs von Gütern und Informationen zwischen Menschen weltweit betrachtet, das Wissen über miserable Produktionsbedingungen kann durch keine Greenwashing-Kampagne mehr unter Kontrolle gehalten werden. Haben wir die Antworten auf die Frage, wie auf diese totale Globalisierung reagiert werden könnte? Wie verhalten sich reglementierte nationalstaatliche Systeme zur Freiheit der Globalisierung?
  2. Gleich mehrere Vorträge haben sich dem Thema "Cyborg" aus technischer wie ethischer Perspektive genähert. Wenngleich die Vorträge teils etwas abwegig erschienen, deuten sie doch an, wohin die technisch mögliche Reise gehen könnte. Implantierte Chips, Kameras oder sonstige Sensoren geben eine Ahnung davon wieder, in welcher Weise die Menschen zukünftig ihre Sinne erweitern könnten.
  3. Die Nachricht, dass Google Palästina anerkannt hat, hat vor kurzem die Frage aufkommen lassen, welche Art von Institution (Staat oder Netzunternehmen) für den Alltag der Menschen inzwischen relevanter geworden ist. Nur im Netz ist jeder Mensch gleich. Staaten und Regulierungen werden zunehmend als Verursacher für Konflikte, Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten wahrgenommen. Die Menschen wenden sich zunehmend von Staaten und traditionellen Institutionen ab und wenden sich gleichzeitig den Menschen mit gleichem Interessenhorizont im Netz zu. Global Governance erhält damit gleich eine vollkommen andere Konnotation.
  4. Sollen sich Onliner dem traditionellen Politikbetrieb zuwenden, um ihre Interessen im Offline-System abzusichern? Diese Frage wurde nicht nur in der Piratenpartei diskutiert sondern auf der RP13 auch von Dueck und Lobo gestellt. Die Gefahr der Aufgabe der digitalen Identität muss abgewogen werden mit der Chance, Online-Interessen im Offline-System abzusichern. Eine Antwort auf diese Frage ist nicht in Sicht.
  5. Coding ist DIE zukünftig nachgefragte Kompetenz, die aber gleichzeitig auch absolut unabhängig vom Ort der Erstellung ist und damit die aktiven Coder einem hohen Wettbewerbsdruck aussetzt. Wenn Roboter und Algorithmen zunehmend Menschen ersetzen, sollte es das Ziel sein, Programmierer genau jeder Roboter und Automatismen zu sein.
  6. Krypto-Partys, VDS, BDA, VPN und TOR sind Begrifflichkeiten, mit denen man sich in Zukunft vielleicht im eigenen Interesse noch besser beschäftigen sollte. Schien die Warnung von @ioerror auf der #RP12 zu Facebook als dem ersten weltweiten Überwachungsinstrument noch sehr fatalistisch, rücken diese Themen nun langsam in das Blickfeld der normalen User. Man sollte sich also langsam auf den Weg begeben, um sich in diesen Fragen fortzubilden.
  7. Nach dem Vortrag von Gunter Dueck, der dort als Einzelperson/persönlichkeit vor ca. 2.000 Teilnehmern gesprochen hatte, wurde für den Redepart direkt im Anschluss der Direktor eines bekannten IT-Forschungsinstitutes mit einem Millionenbudget angekündigt. Von den 2.000 Zuhörern verblieben schätzungsweise 50 im Saal, um dem Direktor zu lauschen. Besser als dieser Gegensatz des Umfangs der Zuhörerschaft kann der Wandel in der öffentlichen Relevanz hin zum Social Trademark nicht verdeutlicht werden. Die Menschen wollten Dueck, der keinerlei öffentliche Funktionen ausübt, zuhören, sie waren jedoch nicht an den Ausführungen des Funktionsträgers interessiert. Zu Ohren kam mir in diesem Kontext die Anekdote eines Vorstandes, der sich fragte, wer er eigentlich sei, wenn er keine Vorstandsfunktion mehr innehabe.
Man könnte auch fragen: Wofür stehst du? Was treibt dich an? Wer bist du? Warum sollte ich dir zuhören?

Es kann nicht schaden, sich diese Frage ab und an selbst zu stellen.


Quo Vadis Netzpolitik




Mittwoch, 15. Mai 2013

MacDonald: "If the states watches us we should watch the state"

Ausgangspunkt des sehr gut strukturierten Vortrags von Raegan MacDonald (Access Now) mit klaren Botschaften war die These, dass die technologische Entwicklung in Bezug auf das Internet immer mehr an Fahrt gewinnt, die Politik bzw. die Gesetzgebung aber immer mehr den Anschluss an die Online-Realität verlieren. Damit weitet sich der GAP zwischen Online- und Offline-Realität, der dann zu Offline-Entscheidungen führt, die auf sachlich falschen Verständnissen beruhen.

Technik eilt der Politik voraus

Big Data, Cloud Computing und das Internet der Dinge sind die aktuellen Buzzwords in der Szene. Die Europäische Union als politische Institution ist aber, so MacDonald, auch auf einem guten Weg, gesetzliche Lücken in der privaten Datensicherheit zu schließen. Es sind jedoch sowohl mit Blick auf die Technik als auch mit Blick auf die Gesetzgebung im Design der Hard- und Software gewollte Lücken angelegt, mit denen langfristig die private Datensicherheit gefährdet sein könnte.

Problematisch ist daran, dass die technische Entwicklung der politischen vorauseilt und Politik immer nur reagieren, nicht aber proaktiv agieren kann. Dabei können eigentlich Datenschutz und Datensicherheit schon mit wenig Aufwand proaktiv in Programme, Produktionsprozesse und in die Gesetzgebung eingebaut werden. MacDonald entblößte dieses Vorgehen, indem sie betonte, dass die Werbung "Jetzt noch mehr Sicherheit" nicht etwa Ausdruck kundenfreundlicher Datenschutzpolitik ist. Vielmehr stellen diese Aussagen ein Armutszeugnis dar, da man vorher die Vorstellung gehabt hätte, dass man dem Kunden viele Daten abnehmen könne (Aktuelles Beispiel Microsoft via Skype).

Wer überwacht wen aus welchem Grund?
(Foto: Ole Wintermann)

Montag, 13. Mai 2013

Allmendinger, @SchleicherEDU und @jkleske zu Arbeit, Globalisierung und Bildung auf der #RP13

Das "Ende der Arbeit" interessierte etliche Teilnehmer
(Foto: Ole Wintermann)

Wie unterschiedlich man Vorträge zum Thema "Arbeitsmarkt" gestalten kann, konnte man sehr schön den Vorträgen von Jutta Allmendinger, Andreas Schleicher und Johannes Kleske beobachten. Alle drei Vortragende stehen für unterschiedliche Generationen und Herangehensweisen an das Thema Arbeit/Bildung. 

Jutta Allmendinger - Zeit, Geld, Familie

Jutta Allmendinger rief in gewohnter Weise Stereotypen ab ("die Frauen", "die Männer"), ohne dies irgendwie mit Daten und Folien zu begleiten. Der übliche Hinweis bezog sich auf "die Studien, die wir durchgeführt haben". Andere soziodemografische Merkmale wie Alter, soziale Herkunft, Migrationshintergrund, Bildung, Stadt/Land blieben gänzlich unerwähnt. Das ist wenig wegweisend. Die Welt schien im Vortrag von Jutta Allmendinger nur aus stereotypischen Männern/Frauen und ihren Problemen, die sie miteinander in der Haushaltsaufteilung haben, zu bestehen:
  • Frauen wollen mehr Arbeit UND mehr Zeit fuer Familie.
  • Stereotype in der Verteilung der Arbeit sind zusammengebrochen (Frage: Wieso arbeiten die Studien dann mit diesen Stereotypen?)
  • Familienpolitik ist Frauenpolitik
  • In den Gender Pay Gap dürfen Strukturmerkmale wie bspw. Arbeitszeiten nicht mit einbezogen werden (deren Berücksichtigung würde ja auch zu gänzlich anderen Zahlen führen), da dies nur die bestehende Logik des Arbeitsmarktes verstärken würden
Die Ausführungen sind nicht neu und stehen in der Tradition ihres festen Weltbildes. So hat sie bereits vor Jahren für die (traditionelle) Hausmännerehe geworben mit dem Hinweis, dass Männer ja sowieso schlechter qualifiziert seien. Die Dominanz dieses festen Weltbildes ist bei ihr auch bei diesem konventionell vorgetragenen Beitrag wieder deutlich geworden. Schade, langsam wird es langweilig.

Die Frage, wie Männer UND Frauen den Widerspruch zwischen mehr Karriere auf der einen und mehr Kindern und Familie auf der anderen Seite auflösen können, "beantwortete" Allmendinger im allerletzten Satz ihres Vortrags mit dem Hinweis, man müssen "die Marktwirtschaft neu ordnen". Nun ja...

Johannes Kleske - Das Ende der Arbeit

Gänzlich anders gestaltete sich der Vortrag von Johannes Kleske, der er vermochte, die Zuhörer durch die Kombination einer reduktionistischen Foliengestaltung, der Verbindung von historischen Analysen mit geschichtlichen Bildern und des Fokus auf ein höchst brisantes und alle Arbeitenden interessierenden Themas wahrlich in seinen Bann zu ziehen. Der Vortrag dauerte eine ganze Stunde; dennoch leerte sich der Saal nicht sondern zog ganz im Gegenteil immer mehr Zuhörer, wie auf dem obigen Bild erkennbar ist, in seinen Bann.

Kleske meint, dass wir allzu häufig nur die negativen Bilder von Robotern im Kopf haben. Dabei gibt es gerade in der Pflege viele Bereiche, in denen Roboter Dienste ergänzen und verbessern können. Beispiele für weitere Automationen sind Google Car und der Einsatz von Drohnen. Nun denkt jeder bei Drohnen sicherlich zuerst an deren bedenklichen militärischen Einsatz. Kleske meinte hierbei jedoch eher den Einsatz von Drohnen zum Sammeln von bspw. Verkehrsdaten.

Zudem sind Roboter, und dies war für mich ein neues Verständnis von "Roboter", nicht nur physikalisch zu betrachten. Auch Algorithmen stellen eine Art von Robotern dar.


Foto: Ole Wintermann
Kleske verdeutlichte anschaulich am Beispiel von Ärzten und Juristen, wie die Automation von Tätigkeiten inzwischen selbst in Bereiche vorgedrungen sei, in denen man nie vermutet hätte, dass jemals eine menschliche Tätigkeit durch Roboter ersetzt werden könnten. So können Mustererkennungen in der Fall-Diagnose und der Recherche der Rahmenbedingungen sowohl bei Juristen als auch Ärzten eingesetzt werden. Sport- und Wirtschaftsjournalisten werden in den USA teilweise schon durch Algorithmen ersetzt.

Der nächste Schritt in der Dezentralisierung von Produktion und des Einsatzes von Robotern wird der Einsatz von 3D-Druckern sein.

Die quantitative Analyse der Entwicklung zeigt nach Kleske, dass vor allem im mittleren Einkommensbereich Jobs wegfallen. Zudem steigert der technische Fortschritt die Geschwindigkeit des Verscwindens von Jobs gegenüber der Entstehung neuer Jobs. Die Zeit nach der Finanzkrise ist nach Kleske bzgl. der Arbeitsmarktdaten in den USA davon geprägt, dass sich das Wirtschaftswachstum schon seit Monaten von der Beschäftigungsentwicklung abgekoppelt hat.

Er zeigte zwei mögliche Zukunfts-Szenarien dieser Entwicklung auf; in der Dystopie übernehmen Maschinen die Kontrolle und die Entscheidungen, die eigentlich nur die Menschen betreffen. In der positiven utopischen Variante übernehmen Maschinen unsere Arbeit und geben uns damit - ebenso wie das bedingungslose Grundeinkommen - erst die Freiheit zur Selbstverwirklichung. 

Den abschließenden Vorschlag, mit dieser Herausforderung hierzulande umzugehen, fand ich innovativ, da so noch nicht gehört: Wir sollen das Dichter und Denker-Selbstverständnis nicht nutzen, um GEGEN Internet und Robotik zu agieren, sondern um die gegenwärtigen Debatten intellektuell tiefer zu durchdringen, als dies bei den Erik Schmidts dieser Welt geschieht. 

Andreas Schleicher - 21. Century Skills

Das dritte Beispiel eines Vortrags zu den Themen "Arbeitsmarkt/Bildung" war die Keynote von "Mr. Pisa", Andreas Schleicher, von der OECD. Dem Vortrag, der mit einer zum Glück technisch nicht überbordenden Prezi-Präsentation unterstützt wurde, zeigte sehr schön - und dies im Gegensatz gerade zum Allmendinger-Vortrag - wie man umfangreiche Daten in kurzen und prägnanten Ergebnissen erläutern kann. Man merkte Schleicher seine jahrelange Erfahrung in diesem Themenfeld und dem proaktiven Umgang mit den üblichen Gegenargumenten an. Aus meiner persönlichen Sicht war dies neben dem Vortrag von Dueck der produktivste Vortrag, dem ich auf der #RP13 beiwohnen konnte.



Da der Vortrag aufgezeichnet wurde und zudem so informationsdicht ist, dass der Versuch der vollständigen Wiedergabe scheitern muss, habe ich mal im Folgenden die aus meiner Sicht wichtigsten Aussagen aufgeführt:
  • Grundsätzlich ist zu erkennen, dass gute Bildung mit späterer Lebenszufriedenheit und Vertrauen in die Institutionen einhergeht. 
  • Oft zählen die Zertifikate und nicht das, was man kann. 
  • Der Umfang von manuellen Routinearbeiten nimmt stark ab. Das was leicht unterrichtet und überprüft werden kann, wird immer wichtiger, nimmt aber auch in der aktuellen Wertigkeit stark ab (Halbwertszeit des Wissens).
  • Die Fähigkeit zu Analyse und Interaktion, und nicht etwa das Bespielen der "Festplatte", ist die wichtigste Zukunftskompetenz. Demnach sind Kommunikation und Kollaboration sowie die Kenntnis der Technologie, die diesem Zweck dient, dabei elementare Bestandteile der Skills. Gerade aber diese Kompetenzen haben geringe Halbwertszeiten und werden an den Schulen kaum gelehrt.
  • Schülern darf nicht von Beginn an vermittelt werden, dass sie etwas nicht brauchen oder können.  Sie müssen auch gefordert werden können, um Zutrauen in eigene Fähigkeiten entwickeln zu können.
Souveräner Auftritt
(Foto: Ole Wintermann)
  • Lernen ist ein sozialer und gemeinschaftlicher Prozess. Klingt simpel; ein Blick in deutsche Klassenzimmer zeigt, wie schwierig die Umsetzung ist.
  • Es müssen Verbindungen zwischen den Fächern hergestellt werden. Aber: welcher Lehrer soll dies können müssen?
  • Heute zählt eher die Fähigkeit, bei Bedarf zielgerichtet Spezialist zu werden.
  • In Finnland ist der Lehrerberuf sehr beliebt, da dort das Verständnis vorherrscht, dass es um Empowerment geht. Dies ist etwas anderes als das industrielle Fließband-Lernen.
  • Kreativität muss gestärkt werden. Lernen mit offenem Ende ist immer wichtiger. 
  • Die Lehrer müssen hinter den Inhalten und Methoden stehen, die sie vermitteln. Es besteht Bedarf eines Feedback-Verfahrens für Lehrer. 
  • Technik muss zur Unterstützung des Unterrichts eingesetzt werden können.
Alle drei Vorträge waren nicht nur bezüglich ihrer Inhalte sondern mit Blick auf die verwendeten Methoden der Darstellung der Inhalte aufschlussreich. Es hat mir mal wieder gezeigt, dass lebendige Vorträge keine Frage des Alters sind, dass die Technik sehr wohl strukturierend und unterstützend eingesetzt werden kann, dass Daten auch spannend dargestellt werden können und dass die Vorträge die langweiligsten Vorträge sind, in denen es um die Bestätigung des eigenen Weltbildes sind.

Sonntag, 12. Mai 2013

Werdet (nicht) politisch!

Sascha Lobo folgte in seinem Vortrag, der in einen politischen und in einen technischen Teil aufgeteilt war, der Argumentation, die er schon vor kurzem in seinem Blogpost zum #LSR vorgebracht hatte: die Netzgemeinde muss sich fragen lassen, ob sie nicht endlich mal etwas politischer und allgemein verständlicher für die eigenen Belange eintreten will.

Mit dieser Aufforderung fordert Lobo nichts weniger, als dass die Netzgemeinde sich auf politische Logiken und Spiele einlässt und sich in "das System" integriert. Schon Dueck hatte in seinem Vortrag u.a. die einfache Botschaft transportiert, dass man sich über seine Wertekreise hinweg unterhalten können muss. Die Piraten gehen auf dem gegenwärtig stattfindenden Bundesparteitag anscheinend denselben Weg, indem sie auf langanhaltende Forderungen der durch die Medien verstärkten Auffassung eingehen, Positionen zu beziehen. Es scheint sich also gegenwärtig nach den vielen Erfahrungen mit fehlgeschlagener Kommunikation zwischen Netzgemeinde und Politik ein Wandel anzudeuten. Dieses "Sich-Einlassen" auf das politische Spiel dürfte schon schmerzhaft genug werden; es werden sich mit Sicherheit nicht alle Beteiligten - vielleicht noch nicht einmal die Mehrheit - auf den Weg zum System der Offliner begeben. Zur Zeit scheint dies aber die einzige Möglichkeit darzustellen, die Rahmenbedingungen für ein freies und schnelles Internet in Deutschland auch nur einiger Maßen mitbestimmen zu wollen.



LSR, VDS, BDA, Drosselkom, Netzneutralität, Funkzellenabfrage sind alles Themen, die die gegenwärtige Regierung zu verantworten hat oder aber hätte. Dies entlässt aber, so Lobo, die Netzgemeinde nicht aus der Pflicht, endlich politischer aufzutreten (Seitenhiebe auf die Piraten durften nicht fehlen und wurden demonstrativ mit Applaus unterstützt) und sich die Sprache, Sichtweise und Argumentation der Politik anzueignen. Im Kern, so Lobo, läuft dies auf die Frage hinaus: Was könnte Merkel interessieren?


Ein Logo für das Internet?
(Foto: Ole Wintermann)

Freitag, 10. Mai 2013

"Iceland could have been innovative: Participatory democracy"

Birgitta JonsdottirCo-Produzentin des Collateral-Murder-Videos und Mitglied des isländischen Parlaments, ist seit Jahren Aktivistin für eine offenere Regierungsweise. Erst vor kurzem wieder war sie u.a. zur Unterstützung von Bradley Manning in den USA unterwegs, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen; dass dies nicht ganz ungefährlich ist, musste sie im Vorwege der Reise erfahren, als die Gefahr bestand, dass sie bei Betreten der USA verhaftet hätte werden können.

Der Titel ihres Vortrages deutete es schon an; dieser Eindruck wurde dann bestätigt. Das Parlament auf Island hat die von den Bürgern mit viel Elan auf den Weg gebrachte Verfassungsreform verschleppt.

Foto: Ole Wintermann
Von daher verwunderte auch eine relativ deutlich vernehmbare Enttäuschung von Jonsdottir nicht: "Verfassungen sind ein sozialer Vertrag der Gesellschaft, der nicht durch die Politik dominiert werden sollte." Mit dieser Positionierung begann Birgitta ihren Vortrag über die Reform der Verfassung in Island. Das nächste starke Zitat lautete: "Demokratien sind eine spezielle Art von Diktatur. Man darf alle vier Jahre unter den selben Personen auswählen." Jonsdottir begann, die Vorgeschichte der Reform darzulegen: Finanzkrise, Bankenkrise, Staatskrise. Dieser Dreiklang der Probleme führte schließlich zur Verfassungskrise und der Notwendigkeit die Verfassung neu zu schreiben. Man war sich infolge der Staatskrise einig, dass die Regeln des Zusammenlebens und die Spielregeln für Wirtschaft und Politik neu geschrieben werden müssten. Hierbei waren Offenheit, Transparenz, und Partizipation die zentralen Elemente des Reformprozesses selbst wie auch Ziel des Prozesses.

In der Folge haben dann 500 Bürger Islands an der Reform der Verfassung mitgearbeitet. Der Prozess wurde insgesamt sehr kollaborativ ausgestaltet; noch heute kann man die wichtigsten Meilensteine in der entsprechenden Facebook-Gruppe nachverfolgen. Die Dynamik des Prozesses ging erst in dem Moment verloren, als der Entwurf der Reform dem Parlament übergeben wurde (eine ausführliche Schilderung der Verschleppungstaktik findet sich hier).

Hinzu kam, dass die traditionellen Medien kein Interesse mehr an der Reform zeigten, da sie sich nun überwiegend auf die traditionell parteinahen Themen im Vorfeld der Wahlen konzentrierten. Wie so oft kann man beobachten, dass die Institutionalisierung eines solchen Prozesses den Prozess selbst abwürgen kann. Die Mitarbeit der Crowd, die sich inzwischen gerade bei textlastigen Recherchen häufig als wertvoll erwiesen hat, wurde damit nicht wertgeschätzt. Dies ist negativ zu beurteilen, da die Crowd durchaus als Seismograph für gesellschaftliche Krisen fungieren könnte, wenn sie von der Politik als solcher ernst genommen würde.

Jonsdottir ging - sicher auch ein Stück weit in ihrer Enttäuschung begründet - am Ende des Vortrages soweit, Parteien mit der Scientology-Sekte zu vergleichen; beide Institutionen bilden sehr abgeschlossene Zirkel, die dazu führen, dass ein Austritt aus diesen Zirkeln nicht ohne Folgen bleibt. Die Willensbildung erfolgt innerhalb dieser geschlossenen Zirkel und es ist sehr schwierig, von außen neue Ideen hinein zu transferieren.

Die Piratenpartei von Island hat bei der vor einem Monat stattgefundenen Parlamentswahl 3 Sitze erlangt. Es bleibt spannend zu beobachten, inwiefern Jonsdottir ihr Engagement in diesem Rahmen für das Thema nutzen kann. Vielleicht sollte sich die deutschen Piraten, die im Moment zwischen Bauchnabelschau und Genderwahn hin und her oszillieren, mal von Jonsdottir beraten lassen, um zu erkennen, wie man den auch von Sascha Lobo geforderten Pathos für die wirklich großen Ziele nutzen kann?


Mittwoch, 8. Mai 2013

Finden Off- und Onliner zueinander?

Foto: Ole Wintermann
Die diesjährige re:publica begann fuer mich mit dem Vortrag von Gunter Dueck, der in gewohnt launiger Art und Weise dem Teilnehmern der Veranstaltung positiv und erfrischend gegenüber trat, gleichzeitig aber auch die Leviten las. Hauptbotschaft seines Vortrages war: Tretet ein Stück zurück, betrachtet die politischen Debatten im TV und im Netz von der Meta-Ebene aus und fragt danach, worüber eigentlich wirklich diskutiert wird.

Update vom 10.5.; nun ist der Vortrag auch auf Youtube erfügbar


Sprechen wir über das Netz oder sprechen wir über Menschenbilder?

In den Talkshows des deutschen Fernsehens kann man ermüdende binäre Diskussion beobachten (schwarz/weiß-Positionen), was fehlt ist hingegen der differenzierende Diskurs (Bereitschaft zum in Frage stellen der eigenen Position). Die fehlende Fähigkeit zum Diskurs verortete Dueck in der mangelnden Empathie als Folge eines kulturellen Ethnozentrismus. Diese Aussage kommt einem bei gewisser Kenntnis der systemischen Theorie nicht ganz unbekannt vor. Wie auch bei Sascha Lobos Vortrag am Abend gilt aber, dass beide Redner die Gabe besitzen, das zu formulieren, zu strukturieren und auszusprechen, was die meisten Onliner wahrscheinlich als unbestimmtes Gefühl mit sich herumtragen.

Halten wir andere Meinungen aus?

So definierte Dueck in seinem Vortrag verschiedene Arten kultureller Wertekreise, innerhalb derer die meisten Menschen (parteipolitisch) verortet werden können. Dabei ist wichtig zu betonen, dass Dueck jede Wertung vermieden hat. Ihm ging es vor allem darum, dass sich Teilnehmer eines Diskurses gewahr werden, Mitglied welchen Kreises sie sind und zu erkennen, mit welchen Begriffen und Wertungen die Mitglieder anderer Wertekreise kommunizieren. Wichtig ist das Erkennen der möglichen anderen Lebenswelt des Gegenübers. Nicht der Diskurs mit Gleichgesinnten führt zu Erkenntnisgewinn sondern der Diskurs mit Andersdenkenden.

Donnerstag, 2. Mai 2013

Nutzung von Twitter in der schwedischen und deutschen Regierung: Partizipation der Bürger in Schweden deutlich höher

Neben den sehr weitreichenden Möglichkeiten, Open Government als direkte Einflussnahme bzw. Partizipation am politischen Entscheidungsprozess durch Debatten- oder Daten-Transparenz teilzunehmen zu verstehen, gibt es natürlich noch andere Abstufungen. Hierzu gehören die in Deutschland im politischen Bereich nach wie vor nicht sehr populären Blogs (Ausnahme Thema Netzpolitik) und Facebook. Während politische Themenblogs hierzulande nach wie vor ein Schattendasein fristen, haben sich die Facebook-Accounts der politischen Akteurinnen inzwischen zu reinen PR-Abspielplattformen entwickelt. Waren die ersten politischen Pionierinnen auf Facebook noch häufiger an einer politischen Debatte interessiert, hat die Entwicklung von Facebook zur Mainstream-Plattform zu einer Verwässerung des inhaltlichen Austausches geführt. Inzwischen ist es schwierig, einen politischen Account zu finden, der nicht dem beständigen Wahlkampf dient.

Damit rückt aber langsam Twitter in den Fokus der direkten politischen Kommunikation. Schnelligkeit, Unmittelbarkeit, Prägnanz und die Notwendigkeit zur Authentizität prägen den Auftritt und die persönliche Aktivität auf Twitter. Hier kann nicht so stark mit Hochglanzseiten die Wahrnehmung der Leserinnen beeinflusst werden, politische PR fällt sehr stark negativ auf. Für die twitternden Politikerinnen ergibt sich - wie auch für Konzernlenkerinnen - die Möglichkeit der direkten Abfrage von Informationen, die im eigenen Alltag für Entscheidungen oder das Auffangen von Stimmungen nützlich sein können. Risiken liegen in der unbedachten Äußerung von kritischen Beiträgen und der darauf folgenden Gefahr des Shitstorms.

Vor diesem Hintergrund habe ich mal die Twitter-Aktivitäten der schwedischen und der deutschen Regierungen miteinander vergleichen, um zu sehen, ob man daraus irgendwelche Schlussfolgerungen ziehen kann. Das Hauptergebnis ist, dass das Potenzial von Twitter als Element der politischen Kommunikation in Deutschland noch nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft, geschweige denn angebrochen wurde.
Zahl der Follower auf Twitter (Stand: April 2013)

In Schweden twittern 13 Mitglieder des Kabinetts (entspricht 52%), in Deutschland twittern 4 Ministerinnen (der Account von Rösler wird eher zu reinen PR-Zwecken genutzt) des Kabinetts (25%).

Der prominenteste schwedische Twitterer in der Regierung, Carl Bildt, hat einen sehr hohen Klout-Wert von 84, während der auf Twitter prominenteste deutsche Minister, Peter Altmaier, einen Klout-Wert von 70 aufweist (Barack Obama 99).


Verzeichnis der twitternden Minister auf der schwedischen Regierungsseite

Die schwedischen Regierungsmitglieder haben bei einer Gesamtbevölkerung von 9 Mio. Menschen insgesamt 291.000 Follower (3,2% der Bevölkerung). Den deutschen Regierungsmitgliedern folgen insgesamt 90.000 Menschen (0,1% der Bevölkerung).

Da bis auf den schwedischen Außenminister Bildt in beiden Ländern nahezu ohne Ausnahme in der eigenen Sprache getwittert wird, müsste diese Quote relativ genau der landesspezifischen Beteiligung am politischen Geschehen der aktiven Twitterinnen entsprechen. Damit ist die politische Beteiligung über Twitter in Schweden in etwa um den Faktor 30 höher als in Deutschland.

In Deutschland haben diejenigen Regierungsmitglieder eine hohe Follower-Zahl, die bezüglich ihres Alters eher zu den jüngeren Kabinettsmitgliedern (Bahr, Schröder) zählen oder aber thematisch mit Internetthemen befasst sind (Leuthheusser-Schnarrenberger) oder waren (Altmaier).

Ein großer Teil der schwedischen Regierung schreibt aber auch auf persönlich gehaltenen Blogs. Darüber hinaus gibt es sogar - wie im Falle des Außenministeriums - eigene Blogs der Verwaltung. Neben der großen Zahl an twitternden schwedischen Regierungsmitgliedern gibt es auch mehrere Twitter-Accounts von Verwaltungen der Ministerinnen, die nicht persönlich twittern.

Wie kann es bloß sein, dass die schwedischen Ministerinnen so viel Zeit haben? (Ironie)

Sonntag, 28. April 2013

"Reporting Without Borders - Cybersecurity durch Kooperation und Informationsaustausch"

Anschläge wie die in Boston in Kombination mit einer dabei häufig zu beobachtenden Islamophobie sowie regelmäßige brutale Überfälle in S/U-Bahnen werden immer wieder gern zum Anlass genommen, für die flächendeckende Daten- und Video-Überwachung zu werben. Der durchschnittliche Internetuser und Wähler fragt sich dann immer wieder, wieso eine solche Überwachung denn kritisch gesehen werden sollte. Fragen der Grenzziehung, der Willkür, der Übernahme quasi-staatlicher Überwachungsfunktionen durch Unternehmen sind Stichworte, für deren Brisanz eigentlich nach wie vor durch den Journalismus geworben werden sollte. Die aktuelle wichtige Debatte um die weitreichende Bestandsdatenauskunft trifft aber allzu häufig auf eine journalistische Unkenntnis, die in dieser Woche erst wieder im #ARDMoMa im Zitat einer Moderatorin kulminierte, die davon sprach, im Internet herrsche eine "All-you-can-eat-Kultur". Wie soll unter diesen Umständen der traditionelle Journalismus eine kritische Beobachterposition gegenüber Fragen der Cyber-Security einnahmen können?




Wie alternative und die Bürgerrechte besser schützende Maßnahmen aussehen könnten, soll auf einer demnächst folgenden Veranstaltung, zu der u.a. Prof. Kleinwächter und die Global Internet Governance Ohu des Internet & Gesellschaft Co:llaboratory während der RePublica 13 einlädt, besprochen werden.

"Cybersecurity-Experte und Fraud Specialist Dean Ceulic referiert zum Thema - Reporting Without Borders - Cybersecurity durch Kooperation und Informationsaustausch. Gegenstand des Vortrags sind alternative Cyber-Security Report-Maßnahmen, die durch internationale Kooperationsnetzwerke effizient und punktuell eingesetzt werden. Im Anschluss an den Vortrag folgen Berichterstattungen zum Stand der Gespräche in internationalen Gremien des Bereichs Internet Governance.
Der Vortrag mit anschließender Diskussion findet am 06.05.2013 von 17 bis 19h in den Räumlichkeiten der Hauptstadtrepräsentanz von Telefónica, Pariser Platz 6a (Adresse in Google-Maps).


Aufgrund der sehr begrenzten Sitzplätze wird um verbindliche Anmeldung bei lorena@collaboratory.de bis zum 3.5. gebeten

Danke für den Veranstaltungshinweis an @Rebastion.
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