.

.

Freitag, 20. Mai 2016

Digitalisierung: Ist die #ZukunftderArbeit auf dem Land zu finden?

In den 30 Jahren wurde in den deutschen Print- und TV-Medien ein Bild immer und immer wieder neu gezeichnet: "Das platte Land (wie wir in Nord-Deutschland zu sagen pflegen) stirbt aus und von daher ist es nur folgerichtig, in hippe Innenstädte zu ziehen und dort seinen Lebensabend zu verbringen."

Dass das Wiederholen und Pflegen dieses Bildes eventuell etwas damit zu tun haben könnte, dass Journalisten zu den Berufen mit der höchsten Kinderlosigkeit zählen und damit vielleicht eine Lebenswelt in den Texten verstetigt wurde, die so gar nicht der Lebensrealität der Mehrheit der Bevölkerung entspricht, hatte ich vor 3 Jahren hier mal weiter ausgeführt.

Das Bild hat nun einen weiteren Schönheitsfehler, der aber die gesamte Geschichte, die immer wieder bestärkt wurde und sich in den Köpfen der politischen Akteure inzwischen verselbständigt zu haben scheint, zunehmend in Frage stellt; es geht um das Aussterben der Innenstädte, das maßgeblich mit der fortschreitenden Digitalisierung der Lebens- und Einkaufswelten zu tun hat.

Waren Städte früher infolge der sogenannten Agglomerationsvorteile, der Vorteile an einem Ort zu wohnen, entstanden, so fallen diese Vorteile auch durch die Digitalisierung weiter weg. Schaut man sich Megastädte an, so muss auch inzwischen deutlich fragen, ob nicht die Agglomaretionsnachteile (Stress, Feinstaubbelastung, Lärm, soziale Ungleichheit, Mietkosten) die Vorteile inzwischen deutlich überwiegen.

Was uns in dieser Situation aber fehlt, ist eine konstruktive, positive Gegenperspektive. Obgleich die deutliche Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland nach wie vor nicht in großen Städten lebt, fehlt uns eine Perspektive davon, wie dieses Leben auf dem (digitalen) Lande in Zukunft aussehen könnte. Wir ahnen, dass sich etwas ändern wird und ändern muss. Es reicht keine x-te "Fressmeile" in einer beliebigen Fussgängerzone, um diese wieder zu beleben. Wir müssen das bestehende Konzept der Innenstadt in kleinen und mittleren Städten kritisch hinterfragen und gleichzeitig eine Alternative des Lebens auf dem (digitalen) Lande aufbauen. Gerade der Bereich der Arbeitswelt ist hierbei durch die Mobilisierung der Arbeitsmöglichkeiten im höchsten und im positiven Maße davon betroffen. Der überwiegende Teil der deutschen Wirtschaft ist inzwischen im Dienstleistungsbereich tätig. Hier gibt es kaum wirkliche Hürden für die Umsetzung digitalen Arbeitens. Müssen wir nicht die bisherige Trennung von Arbeiten und Leben aufheben, um beides auf dem Lande möglich zu machen?

Zur Skizzierung einer solchen positiven Perspektive hat sich vor einem Monat die Initiative "Digitale Region" des Internet und Gesellschaft Collaboratory und des Vereins "Unternehmen für die Region" in Berlin konstituiert. Gestern nun fand die erste Arbeitssitzung statt.

Foto: Ole Wintermann
Die Arbeitsgruppe "Arbeit, Wirtschaft, KMUs" hat sich nun das folgende Arbeitsprogramm mit den Themenschwerpunkten für die nächsten Monate gegeben:

1) Lebensqualität für Familien auf dem Land verbessern.
  • Schule auf dem Land digital an besser Eltern/Kinder anbinden 
  • mehr Zeit für Familie durch Einsparen von Pendlerzeiten
2) Leben auf dem Land als bewusste Abkehr von Stadt/Pendeln/Agglomarationsnachteile verstehen
  • Rahmenbedingungen für mobiles Arbeiten 
  • Pendlerströme verringern
  • Nachhaltigkeit, CO2
  • Spaltung der Arbeitswelt in digital Arbeitende und nicht digital Arbeitenden
  • Wer (Berufsgruppen) kann im ländlichen Bereich erfolgreich sein? Designer? 
  • Welche Berufsgruppen soll eine Region anlocken? 
  • Welches sind die betrieblichen Rahmenbedingungen, damit Menschen für die Arbeit auf das land ziehen?
  • Ist die Unternehmenskultur soweit, die Arbeitnehmer von der Leine zu lassen? (Präsenzpflicht, Der mündige Arbeitnehmer, Unternehmenskultur)
3) Versorgung der Landwirtschaft mit finanziellen Ressourcen und der Bevölkerung mit regionalen Nahrungsmitteln?
  • Infrastrukturbedingungen?
  • Änderung der ländlichen Lebensbedingungen durch digitale Plattformlogiken/modelle
In den nächsten Wochen werden - im Rahmen der o.g. AG (es gibt noch weitere AGn) auf Basis einer größeren Umfrage in KMUs und kommunalen Entscheidern Handlungsbedarfe und offene Fragen dieser Akteure identifiziert, um dann mit Unterstützung einer Schwerpunktstudie und den Mitgliedern der Initiative so etwas wie eine digitale Roadmap für das Leben und Arbeiten auf dem Land in Deutschland zu skizzieren. Im Rahmen der Initiative wurde eine enge Zusammenarbeit mit der Gemeinde Wennigsen in Niedersachen und dem Landkreis Augsburg vereinbart.

Vielleicht werden wir ja alle in Zukunft sehr viel mehr von Stadtflucht und nicht mehr von Landflucht sprechen...




Montag, 9. Mai 2016

Hört auf zu kommunizieren!

Vor kurzem schrieb ein Mensch, der auf unserem externen Mail-Verteiler zur Organisation eines kleines externen Events stand - augenscheinlich genervt von zu viel zwischenmenschlicher Kommunikation - wir sollten doch bitte unsere Kommunikation einschränken. Statt glücklich darüber zu sein, dass er über den Stand der Orga jederzeit informiert war (immerhin sollten wir beide gemeinsam auf einem Panel sitzen), schrieb er also ihm nicht bekannten Mitmenschen, sie sollten aufhören miteinander kommunizieren.

Und Panik ergriff die Arbeitswelt 1.0 angesichts der kommunikativen Sintflut.

Foto: Ole Wintermann
Es ist immer wieder spannend, wenn sich Menschen, die aus welchen Gründen auch immer für das Thema "Zukunft der Arbeit" zuständig sind, ohne dies auch im eigenen Arbeitsalltag zu leben, beim ersten Schritt hinein in digital basierte Kommunikation überfordert fühlen und ihren Mitmenschen sogleich die Schuld an ihrem Unvermögen, modern zu kommunizieren, in die Schuhe schieben wollen.

Gern wird dann ersatzweise auch versucht, die Schuld am eigenen Unvermögen dadurch zu kaschieren, dass nach der Wollmichsau gefragt wird; es muss doch, so diese Mitmenschen, einfach das eine Tool geben, dass all diese Kommunikation zusammenführe. Wenn es das nicht gebe, so seien es doch die Giganten aus dem Silicon Valley, die bestimmt nur wollten, dass man die Übersicht verlöre. Nein, ich möchte in diesen Momenten nicht schon wieder an die Geschichte von Google Wave erinnern...

In dieser fehlenden Anpassungsfähigkeit spiegelt sich anscheinend die Unfähigkeit, mit moderner und immer alltäglicher werdender Komplexität umzugehen. Komplexität aufgrund schnellerer, umfangreicherer, inhaltlich relevanterer und globalisierter Kommunikation und Verhaltensweisen der Menschen ist inzwischen ein gelebter Alltagszustand der Menschen, die beruflich mal ab und an außerhalb ihrer Branche, ihrer Stadt, ihrer Firma oder ihres gewohnten Horizonts tätig sein müssen.

Die Lösung wäre, wenn man sich denn auf die Digitalisierung der Arbeit einließe, denkbar einfach. Lernt endlich, eure Kommunikation zu organisieren. Nutzt verschiedene Plattformen, Filter, Alerts, Apps und Dialoglogiken, um bedarfs- und sachgerecht auf unterschiedliche Kommunikationsanforderungen reagieren zu können. Lernt Relevantes von Irrelevantem zu unterscheiden. Nur weil irgendein ein Redakteur einer Papierzeitung einen Kommentar zu einem Thema X verfasst, muss das Thema X noch lange nicht relevant sein. So hat jahrzehntelange die symbiotische Kommunikation zwischen medialen Gatekeepern und politischen Entscheidern in der Bonner Republik funktioniert; diese Zeiten haben wir aber lange hinter uns gelassen. Relevanz ergibt sich heute auf anderen Wegen.

Slack oder auch Google Groups für die Projektkommunikation, Twitter als Alert- und Schnellzugriffskanal, Gmail als Urlaubskommunikation, Facebook für den fachbezogenen Dialog, Newsletter (in die man sich grundsätzlich nur selbst einträgt!!) zur projektbezogenen einseitigen Information oder relevanzbezogene Filterplattformen für ein gezieltes Gespräch zu einem Thema sind Elemente moderner Kommunikation, denen man sich entweder stellt oder die man verweigert, weil man meint, mit Outlook und der gedruckten Tageszeitung im heutigen Arbeitsalltag der Wissensarbeiter noch ausreichend weit zu kommen.

Ehemalige "Experten", die gegen Ende der 1990er Jahre immer noch keine Mail-Adressen besaßen, endeten irgendwann in Irrelevanz. Geschichte wiederholt sich.

P.S. Ein erster Einstieg (und daher nach wie vor eine Leseempfehlung) in den Abschied von Outlook u.ä. bot bereits vor Jahren der Blog von Luis Suarez: "Life without eMail".

Montag, 18. April 2016

Von der Freude am Fahren zur Freude am Surfen

Foto: Ole Wintermann

Seien wir doch mal ehrlich: Autofahren ist öde, oder? Wer nicht nur privat sondern auch regelmäßig beruflich mit dem Kfz unterwegs ist, weiß, dass Autofahren heute in Deutschland wenig mit Freude (am Fahren) zu tun hat sondern vielmehr mit der schlichten Notwendigkeit, in einer bestimmten Zeit von A nach B zu kommen. Dazwischen liegen etliche ungewisse Autobahnkilometer, auf denen man nicht im Vorhinein weiß, ob man dieses Mal ohne Stau ans Ziel kommt. Ja, man ist manchmal auch selbst der Stau, den man fürchtet. Wenn man dann mal abends nach der langen Autofahrt aus Versehen (Stichwort "zielgruppenunscharfe Ansprache") Werbung für die Blechkarossen schaut, wundert man sich, dass selbst Städte in diesen Werbungen komplett menschenleer zu sein scheinen; Sinnbild für die sinnentleerte Werbung für überkommene Statusgüter?

Es gibt Dienstreisen, für die man beim besten Willen keinen Zug nutzen kann, da der Zeitaufwand signifikant höher ist als bei der Nutzung eines Kfz. Und dann sitzt man für Stunden in diesem Kfz, schaut auf den nassen Asphalt, versucht, ausreichend Abstand zur Vorderfrau zu halten, keinen Vorfahrtsfehler zu begehen, schaut auf die öden Wände von vorbeiziehenden Lkws und Häuserwänden in dicht besiedelten Gegenden des (tiefen) Westens.

Jahrzehntelang hat es die Autoindustrie geschafft uns einzureden, dass wir für diese Tätigkeit 1.000sende von Euro pro Jahr ausgeben und jede noch so kleine Anpassung einer Modellreihe als revolutionäre Innovation anzusehen. Noch ein paar Zentimeter längerer Radstand, blaues statt weißes Abblendlicht, ein noch lauteres Radio (im Preis inbegriffen!) und noch etwas mehr Brumm Brumm unter der Motorhaube. In den letzten Jahren sind dann elektronische Spielereien dazu gekommen, die aber nicht vom Nutzer aus gedacht sind sondern nur das Bedürfnis befriedigen, mehr Lichter blinken zu sehen als der Nachbar in seinem Auto.

Die deutsche Ingenieurskunst hat versucht, uns eine softwarebasierte Steuerung des Cockpits schmackhaft zu machen. In manchen Autos ist der Drehkopf größer, in anderen ist er kleiner. Egal aber, wie groß der Knopf ist, die Steuerung des Klangs des Autoradios ist in den Tiefen der Steuerung  und eines Menüs versteckt, das nach wie vor an das Nokia 6310 (stellvertretend) erinnert.

Die Kompliziertheit dieser Cockpitsteuerung erinnert an den verzweifelten Versuch von Nokia, die technisch zunehmende Vielfalt der Möglichkeiten der Smartphones in der klassischen Baumstruktur, wie sie beim 6310 benutzt wurde, unterzubringen. Inzwischen empfinde ich die Komplexität und offensichtliche Schrott-Anmutung des UI und der Nutzerführung angesichts dessen, was bei Smartphones möglich ist, geradezu als Beleidigung und Zumutung für die Autofahrer.

Es ist aber Rettung in Sicht. Wenn man ab und an an der rotem Ampel in die Nachbarautos schaut, fällt einem auf, dass die Wartezeiten (gleiches trifft für die Situation im Stau zu) immer öfters dafür genutzt werden, um auf dem Smartphone eine Nachricht abzusetzen, Nachrichten oder Mails zu lesen oder die Länge des Staus bei Google Maps abzuschätzen.

Diese Beobachtung ist für mich Indikator, dass etwas in den Köpfen der Autofahrerinnen geschieht: es erfolgt zur Zeit eine Verschiebung der Vorstellung dessen, was mit der eigenen Zeit angefangen werden sollte, wenn die Wahl zwischen Autofahren und "im Netz surfen" besteht. Die Fahrerinnen entscheiden sich immer häufiger und immer dort wo es möglich ist für das Smartphone. Grob vereinfacht gesagt: Freude am Fahren wird ersetzt durch Freude am Surfen.

Fahren wird damit zur Nebensache. Hätte man die Wahl, würde wahrscheinlich die gesamte Fahrtzeit für das Surfen im Netz verwendet werden. Autofahren wird immer häufiger als verschwendete Lebenszeit betrachtet. Damit aber würde perspektivisch auch der Status und das Erscheinungsbild des Autos nachrangig werden. Wenn man sich die Cockpitlandschaften anschaut, gibt es den grobpixeligen Retro-Look eines französischen Herstellers, die nervtötende Farbenverwirrung eines US-Hersteller oder die reduzierten öden Anmutungen in den deutschen Autos.

Foto: Ole Wintermann

Wer möchte angesichts dieser Unfähigkeit, eine nutzerfreundliche UI zu kreieren, lieber nicht auf die Oberflächen eines iPhones oder eines besseren Android-Handys zugreifen? Schaut man sich in den Autos die gegenwärtig immer öfter eingebauten Schnittstellen zu den Betriebssystemen der beiden Smartphonesysteme an, so wird irgendwann in nächster Zeit die allgemeine Erwartungshaltung entstehen, dass die hauseigenen Cockpitsysteme doch bitte auch auf diesen aktuellen Stand des Nutzererlebnisses darstellen sollten.

Ich glaube aber nicht, dass diese dazu fähig sein werden. Denkt man sich nun noch die Fähigkeit der Autos zur Selbststeuerung (nein, ich meine nicht die Möglichkeit, das Auto selbsttätig in die Garage fahren zu lassen…) dazu, so erhält man ein vollkommen neues Produkt und Nutzererlebnis vor Augen. Es handelt sich um einen angenehm zu bedienenden Computer auf 4 Rädern, der selbsttätig fahren kann und dessen PS-Daten mich sowenig interessieren wie die Gigahertz-Angabe bei einem iPad. Und mit dem man/frau die Welt sogar noch retten und nicht nur zerstören kann.

Dienstag, 12. April 2016

Podcast von detektor.fm: Fragmentierung moderner Kommunikation und mit KI gegen den Klimawandel

Letzte Woche haben sich der @isarmatrose, @alexa_scha und @ph_albrecht im #CurationTalk 012 auf detektor.fm über verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten der Künstlichen Intelligenz in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen unterhalten. Weitere Themen waren die Fragmentierung moderner Kommunikation (der @rebastion hatte dazu etwas bei den Netzpiloten geschrieben) und die aktuellen Landtagswahlen.

Es freut mich, dass in dem Kontext mein letzter Beitrag für die Netzpiloten zur Rolle künstliche Intelligenz bei der Bewältigung globaler Herausforderungen wie dem Klimawandel als Ausgangspunkt der Diskussion um die Ethik von Algorithmen diente.

Im Kern ging es mir um die Frage, wie wir gesellschaftlich damit umgehen, wenn der Algorithmus uns eines Tages sagt, dass unser Handeln nicht rational und "vernünftig" sei. Denn welches andere Lebewesen auf dieser Erde als der Mensch zerstört so geplant seine eigenen Lebensgrundlagen? Haben wir angesichts eines solch selbstzerstörerischen Treibens das Recht, die moralische Grundlage der Einschätzungen von Maschinen in Frage zu stellen?

Aber hört selbst (zu diesem Thema ab 18:33)