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Sonntag, 22. März 2015

Health Apps - Eine gesunde Entwicklung?

Gastbeitrag von Jochen Deppe

Der Artikel meines Kollegen Eric J. Topol in der Huffington Post zur Bedeutung von Smartphones und Health-Apps für die medizinische Versorgung zeigt, welche großartigen Möglichkeiten in der diskreten individuellen Sammlung biometrischer Daten stecken. Die Lebensqualität vieler chronisch Kranker ließe sich erheblich verbessern und gleichzeitig entstünde ein hochsensibles System zur Früherkennung von Krankheiten.

Gleichzeitig lässt er für mich, der sich bereits seit einiger Zeit aus ärztlicher Sicht mit der Digitalisierung der Medizin beschäftigt, ein paar Fragen offen, über die nachgedacht werden muss. Denn um unsere Gesundheit Apps anzuvertrauen, braucht es vor allem eines - Vertrauen.


Foto: Jochen Deppe


1) Sind die Apps/die mit Ihnen gewonnenen Daten evidenzbasiert valide?

Medizinische Maßnahmen müssen ob ihrer Wirkung validiert, evidenzbasiert, also durch überprüfte Studien abgesichert sein. Das gilt auch für Health-Apps. Wie präzise sind die in den Smartphones verbauten Sensoren? Sind die von ihnen gelieferten Daten zuverlässig und die Algorithmen, die damit gefüttert werden, aussagekräftig genug und in medizinischen Studien auf ihre Zuverlässigkeit hin abgesichert? Wie kann das Risiko falsch positiver Ergebnisse minimiert werden? Wie können wir sicher sein, dass wir den Empfehlungen der Apps vertrauen können?


2) Sind die Mediziner kompetent im Umgang mit den Daten/Apps?

Sind die Leistungserbringer, die die Verantwortung für die Befundung, Diagnose und Therapie haben müssen, sicher im Umgang mit den von den Apps generierten Daten? Nicht ganz unwichtig dürfte auch die Frage der Dokumentation und Haftung sein: Sind diese Daten medizinische Aufzeichnungen? Wer hat sie zu verwahren, sind sie vor nachträglicher Manipulation geschützt? Beispielsweise könnten die ähnlichen Bestimmungen der Röntgenverordnung oder die Musterberufsordnung der deutschen Ärztinnen und Ärzte (§10) Anwendung finden.


3) Bleibt das Arztgeheimnis gewahrt?

Die Daten, da hat Topol Recht, gehören dem Anwender, nicht dem Anbieter der App oder dem auswertenden Arzt. Es muss sichergestellt sein, dass er volle Kontrolle darüber hat, mit wem er diese teilt. Personenbezogene Gesundheitsdaten sind besonders wertvoll und deshalb besonders diebstahlgefährdet. Vertrauen braucht Diskretion und Sicherheit.


4) Wer zahlt dafür?

Bei einem wie in Deutschland solidarisch finanzierten Gesundheitswesen stellt sich immer auch die Frage nach der Finanzierung und der Honorierung der erbrachten Leistungen. Alle Seiten werden finanzielle Anreize brauchen.


5) Bedeutet das - wie Topol meint - die Demokratisierung der Medizin?

Wenn sicher wäre, dass die Daten unter voller Kontrolle des Anwenders blieben, dann wäre dies möglicherweise ein Beitrag zur Individualisierung der Gesundheitsverantwortung. Wenn gleichzeitig aber diese Daten dazu dienen sollten, mehr Daten zu generieren und damit Algorithmen zu füttern und im Sinne einer Kohortenstudiezu optimieren, an der teilzunehmen der Anwender unfreiwillig gezwungen wäre, dann wäre dies eine Algorithmisierung, unter Umständen losgelöst von Ethik und Individualität, also Technokratie, nicht aber Demokratisierung. Eine unbedingt lesenswerte Betrachtung über Algorithmen und die mit ihnen verbundenen Missverständnisse hat Michael Seemann hier geschrieben. Auch hier dürfte das übermächtige Interesse Dritter, nun der Industrie, dazu führen, dass es zu einer Kommerzialisierung der gewonnenen Daten kommt.

Wir brauchen eine breitere, leidenschaftlich geführte Diskussion über die Implikationen dieser Health-Apps und nicht nur blinde Begeisterung über die Features des neuesten Gadgets.

Donnerstag, 12. März 2015

Das Digitale als Abkehr von nicht-nachhaltigen marktwirtschaftlichen Werten? (Teil 3/3)

Letzter Teil der Posts zur Frage, was Digitalisierung und Nachhaltigkeit miteinander zu tun haben könnten. Die Teile 1 und 2 finden sich hier und hier.


Rauchende Schlote und Eisenbahn - Industrieromantik des letzten Jahrtausends
Foto: Ole Wintermann

Offene Frage: Verändern die Werte der Online-Welt die Werte im Meatspace?

An dieser Stelle könnte nun wieder auf Alexander Bard hingewiesen werden, der im Grunde genommen für die Werterevolution, von der Ahmed spricht, den technischen Backbone anbietet, indem er davon spricht, dass die Technik es zum ersten Mal ermögliche, dass Menschen ein globales Wir erlebten. Auch er verweist dabei auf die Gegensätzlichkeit von Werten in der Offline- und der Online-Welt. Es sei der Gegensatz von individualistisch geprägter Offline-Welt und Offline-Perspektive auf der einen und die netzwerkbasierte Sichtweise der Online-Welt, die sich an dieser Stelle systemisch und kategorisch widersprechen und Friktionen verursachen. Es ist an dieser Stelle bemerkenswert, wie ähnlich Bard und Ahmed hier argumentieren.

Diese Wirkung auf tradierte Werte stellt gerade die gesellschaftliche Dimension der Digitalisierung dar, die aber nach wie vor von den traditionellen Akteuren in Wirtschaft und Politik zumeist nicht erkannt wird.

Offene Frage: Könnte AI die menschliche Lebensweise als nicht-nachhaltig klassifizieren?

Es deuten sich offene Fragen um Netzneutralität, Überwachung, Algorithmen (so auch der aktuelle Beitrag von +Michael Seemann zum Thema Algorithmen) und #AI an, die eigentlich im öffentlichen und veröffentlichten Diskurs - auch und besonders außerhalb der Netz-Community - thematisiert werden müssten. Der Zugang zu Netzen, die ungefilterte Kommunikation von Menschen weltweit, die freie Meinungsäußerung, die Übernahme menschlicher Verantwortung und beruflicher Kompetenz durch Algorithmen (Mediziner, Juristen, Vorstände) und die Frage, wie eine künstliche Intelligence das selbstzerstörerische Verhalten der Menschen in Zukunft einordnen wird, sind Fragen von höchster ethischer und menschlicher Relevanz.

So meint Jeremy Rifkin in einem Interview zu seinem neuen Buch: "Even lawyers, accountants or radiologists are afraid of the prospect of losing their job to a machine or algorithm."

Victoria Turk und Stephen Hawking sehen diese Frage dann nicht mehr nur im Kontext des Arbeitsmarktes sondern gehen einen Schritt weiter. Sie führen in entsprechenden Onlinemedien die Debatte, inwiefern künstliche Intelligenz in Zukunft dem Menschen insgesamt gefährlich werden könne, wenn diese ersteinmal der „irrationalen“ menschlichen Lebensweise gewahr würde. So verweisen die Kritiker der Entwicklung von AI vor dem Hintergrund der Nicht-Nachhaltigkeit der menschlichen Produktions- und Lebensweise darauf das:

"Success in creating AI would be the biggest event in human history. Unfortunately, it might also be the last."

Was hindere, so die Autoren, Maschinen daran, immer intelligentere AI zu entwickeln, die irgendwann auch die menschlichen Initiatoren nicht mehr verstünden? Kurzfristig würde sich die Frage stellen, wer diese AI beherrsche; langfristig müssen man fragen, wer diese AI überhaupt kontrollieren könne.

Offene Frage: Führt sprachliche Hegemonie im Netz zu kultureller Hegemonie im Meatspace?

Einen anderen Weg zur Vorhersage der Entwicklung der von Ahmed Neefaz beschriebenen ethischen Revolution gehen Cesar Hidalgo et al. vom MIT. Sie haben die Bedeutung von Sprache und Fremdsprachvermögen in der globalsierten Online-Gemeinschaft für die Existenz hegemonialer Diskurse untersucht. Aktuelle Relevanz erhält diese Frage durch die Machenschaften britischer und russischer Geheimdienste, durch entsprechende fremdsprachliche Online-Aktivitäten entweder Menschen mit anderen Meinungen zu diskreditieren oder aber die Stimmung in der „gegnerischen“ Bevölkerung in die für die eigene Politik günstigere Richtung zu lenken. Die MIT-Experten stellen fest, was eigentlich auch zu vermuten gewesen wäre. Fremdsprachenkompetenz oder aber die Dominanz der eigenen Muttersprache im Netz bedeutet kulturelle Dominanz. Als mehrsprachiger Multiplikator kann man als Gatekeeper oder aber Brückenbauer zwischen unterschiedlichen nationalen und/oder kulturellen Diskursen fungieren. Auf der Makro-Ebene bedeutet die Dominanz der eigenen Muttersprache wiederum die Dominanz der eigenen Kultur auf den jeweiligen Plattformen.

Damit ergibt sich beispielsweise, dass Wikipedia relativ stark durch Deutsch geprägt ist, wohingegen Twitter eher englischsprachig dominiert ist; nur 17 von gescannten 280 Millionen Twitter-Nutzern nutzen mehr als eine Sprache zum Twittern. Da die englischsprachige Bevölkerung für ihre außerordentlich geringe mehrsprachige Kompetenz bekannt ist (70% der Bevölkerung von UK sprechen keine einzige Fremdsprache; damit belegt UK neben Ungarn europaweit den letzten Platz), ergibt sich demnach eine englischsprachige und damit kulturelle Hegemonie auf diesen Plattformen.

Leider gehen die Forscher des MIT nicht den folgerichtigen nächsten Schritt und fragen demnach nicht, was diese kulturell basierte Diskurshegemonie für das Finden globaler Lösungen für globale Konflikte und zukünftige Herausforderungen bedeutet. Damit wird aber der kulturell verzerrte globale politische Diskurs zu wichtigen Fragen wie Migration, Klimawandel, Internet oder Globalisierung nicht hinterfragt. Lösungsansätze aus dem nicht-englischsprachigen Regionen, die bei weitem die Mehrheit bilden, haben damit keine Chance, gehört zu werden.

Offene Frage: Wird die Bedeutung offener Daten rechtzeitig erkannt werden?

Der Zugang zu Informationen sowie die freie Verwendung von verfügbaren offenen Daten ist ein weiterer perspektivischer Entwicklungspfad, dessen Richtung bisher nicht geklärt ist. Nicht umsonst hat aktuell die für die Förderung des Zugangs zu offenen Daten bekannte Sunlight Foundation dazu aufgerufen, Beispiele dafür zu sammeln, wie die Verwendung offener Daten gesellschaftliche, politische oder kommunale Probleme lösen könnte. Dabei fällt auf, dass die Foundation das Ziel der Offenheit allein schon dadurch glaubwürdig unterstreicht, dass sie für die Sammlung ein offenes Google Doc in die eigene Seite implementiert hat. Die Sammlung hat das Ziel: „We're seeking evidence on how open data and technology help to influence governance and improve lives, both directly and indirectly“. Damit aber wird genau die Kombination von Werten wie Offenheit, Verbesserung des persönlichen Umfelds und verstärkte Partizipation beworben, von der Nafeez in seinem Beitrag gesprochen hatte.

Bemerkenswert ist weiterhin, dass sie sich der Notwendigkeit zur neuen Sichtweise auf komplexe Kausalitäten bewusst sind und eine Abkehr von der linearen Ursache-Wirkungs-Welt einfordern (auch hier hatte Nafeez davon gesprochen, dass sich das Newtonsche Weltbild überlebt habe):

"Their impact cannot be described through linear “cause and effect” relationships. Open data and digital transparency initiatives mostly achieve changes through contributing to a complex ecosystem of stakeholders, such as journalists, think tanks, civil society organizations, app developers, government officials and voters."

In welcher Weise ganz konkret offene Daten helfen können, globalen Herausforderungen zu begegnen, beschriebt @digiphile ins seinem Post. Er beschreibt die Initiative der US-Regierung, durch das Sammeln von verfügbaren offenen Daten zum Klima weltweit Softwareentwicklern die Möglichkeit zu bieten, diese Daten in Applikationen zu verwenden, um den Klimawandel in das tägliche Bewusstsein der Menschen zu bringen. Der Zustand der Erde soll den Menschen als Art permanentes Monitoring nähergebracht werden. Das Ziel sei:

"The online publication of vast amounts of data collected by the US federal government about the Earth's climate, for humanity to use to understand how the planet is changing.“ 

Auch hier zeigt sich wieder die Evidenz der Thesen von Nafeez, der ja davon sprach, dass die bestehende Paradigmen zu einer Entkopplung des Menschen von seiner sie umgebenden Umwelt mit sich gebracht habe.

Deshalb ist uns das Netz so wichtig

Wenn nun aber offensichtlich ist, dass der freie Zugang zu offenen Informationen, die Garantie von Netzneutralität, die Absicherung der Möglichkeit zur freien Meinungsäußerungen, die Nutzung von Partizipation und offenen Daten zur Lösung globaler Probleme des Meatspaces essenziell wichtig ist, wird ersichtlich, worum es geht: Die Digitalisierung impliziert eine Revolution der Wertesysteme und der Methoden der politischen Steuerung, mit der die Nachhaltigkeit unserer Lebensweise voraussichtlich eher erreicht werden könnte als mit den überlebten Mechanismen und Paradigmen der bestehenden Marktwirtschaft.

Sonntag, 8. März 2015

Das Digitale als Abkehr von nicht-nachhaltigen marktwirtschaftlichen Werten? (Teil 2/3)

Fortsetzung des 1. Teils

Freie Informationen vs. Grenzen

Nafeez Ahmed beschreibt in seinem Beitrag die 5 Revolutionen, die diesen Wechsel des Paradigmas begleiten. Erstens ist dies die Informationsrevolution, die eine Dezentralisierung der Kommunikation, eine Überwindung des Denkens in Offline-Nationalgrenzen und den relativ freien Zugang zu Informationen mit sich bringt. Die Verknappung von Informationen, der erschwerte Zugang zu anderen Menschen und Massenüberwachung sind die Versuche, den Machtvorsprung der Eliten, unabhängig ob in westlichen Demokratien oder Diktaturen, gegenüber der Bevölkerung abzusichern.

Öl-Konzerne vs. demokratische Sonnenenergie

Zweitens können wir bei der Energie-Revolution genau dasselbe beobachten; eine dramatische Erosion des Modells der zentralisierten kostenaufwändigen Energieversorgung mit fossilen Brennstoffen, bei denen Energieoligopole den Kunden aufgrund ihrer Gatekeeper-Funktion ihre Preisvorstellungen diktieren können. Die dezentrale Versorgung in lokalen Versorgergemeinschaften mit alternativer Energie hat deshalb auch eine Demokratie-Dimension, die häufig in der Weise nicht erkannt wird.

Aktuell zeigt die chinesische Doku der Journalistin Chai Jing "Under the Dome – Investigating China’s Smog" sowohl inhaltlich als auch mit Blick auf chinesische Zensur, dass Energieaspekte zuvorderst auch demokratische Dimensionen betreffen; das eine Mal lassen sie die chinesische Regierung zum Gegenschlag ausholen, das andere Mal versuchen westliche Energiekonzerne mit großem finanziellen Aufwand über Jahrzehnte hinweg, ihre nicht gewollte Kernenergie an Politik und Kunden zu verkaufen. Dass das Video nach 100 Mio. Views dann gesperrt worden ist verwundert nicht weiter. Hierzulande ist das Video auch gesperrt - wegen unklarer Verwertungsfragen zwischen Google und der GEMA - welch Ironie des Schicksals. Über VPN o.ä. kann das Video natürlich dennoch geschaut werden.


Die Erosion der Energieoligopole erreicht zur Zeit dramatische Umfänge, da die Kosten der Gewinnung von Solar-Energie zur Zeit eklatant fallen, während hoch verschuldete Öl- und Gas-Förderfirmen mit ihren Geschäften und ihrer Infrastruktur in kostenintensiven Förderungen dreckiger fossiler Rohstoffe gefangen sind.

Industrielle Nahrungsmittel vs. lokale Spezialitäten

Drittens ist auch die Nahrungsmittelrevolution m Gange, mit der sich ebenfalls lokale Versorgergemeinschaften von der industriellen, anonymen, chemischen und nicht-nachhaltigen Produktionsweise verabschieden werden. Gleichzeitig erreicht auch die Produktivitätssteigerung der industriellen Lebensmittelherstellung und des Anbaus von Nahrungsmitteln ihre Grenzen, da die Böden zunehmend ausgelaugt sind. Diese Regionalisieren der Nahrungsmittelherstellung hat ganz nebenbei auch immense Einsparungen bei der Verwendung fossiler Brennstoffe für die Transporte zur Folge.

Geld als Machtinstrument vs. digitale Währung 

Die Revolution des Finanzsektors als 4. Revolution basiert ebenfalls auf Dezentralisierung, Entmachtung der Gatekeeper des Zugangs zu Finanzen, der Regionalisieren der Versorgung mit Finanzmitteln und dem Aufbau einer finanziellen digitalen Währungsalternative. Das Erschaffen digitaler Währungen, das Zusammenführen von Geldgebern und Kreditnehmern auf entsprechenden Plattformen (Peer2Peer-Lending), das Crowd-Sourcing von finanziellen Ressourcen und die Einführung von digitalen Börsen zur Verwaltung der eigenen Gelder sind die Elemente, die die angestammten Bestandswahrer auf den Finanzmärkte in ihrer Existenz bedrohen werden.

Zentralisierte Massenproduktion vs. lokalisierte Einzelproduktion

Aus meiner Sicht hätte Ahmed auch die industriell-digitale Revolution erwähnen sollen. Die zunehmende Verbreitung von 3-D-Druck, die Möglichkeit selbst für einzelne Personen, Produktionskapazitäten in Fabriken anzumieten, um eigene Produkte herzustellen, die Entmachtung der Hard- durch die sehr viel agilere Software-„Industrie“ und der disruptive Charakter der Digitalisierung und die damit einhergehende Infragestellung angestammter Sektoren und „Zuständigkeiten“ angestammter Hersteller für bestimmte Produkte (z.B. Autos) bedingen dieselben Veränderungen des Produktionsparadigmas wie die anderen 5 vorgenannten Revolutionen.

Kontrolle vs. Empathie

Als die allen diesen Revolutionen begleitende 5. Dimension identifiziert Ahmed die ethische Revolution. Zentralismus, Kontrolle, Hierarchie, Führung, Eigennutz und Egozentrismus seien, so Ahmed, Werte und Paradigmen, die sich nicht mit dem Verständnis von der Logik des Netzes und der sozialen Medien vertrügen.

"This value system is actually dislocated from human nature, our biophysical environment, and the relationship between them."

Stattdessen werde in all diesen Revolutionen wird deutlich, dass ein verändertes Wertesystem bzw. die Möglichkeit, zum ersten Mal in der Menschenheitsgeschichte Empathie, Demokratie oder Gemeinschaft auf ein globales Niveau zu heben, automatisch einhergeht mit einer stärkeren Nachhaltigkeit menschlicher Lebensweise. Es muss also nicht mehr nach dem ökonomischen Korrekturfaktor gesucht werden, der der nicht-nachhaltigen Marktwirtschaft einen Hauch von Nachhaltigkeit gibt.

"This has the revolutionary implication that ethics, often viewed as ‘subjective’, in fact have a perfectly objective and utilitarian function in the fundamental evolutionary goal of species survival."


Der 3. und letzte Teil des Beitrags folgt in wenigen Tagen.

Donnerstag, 5. März 2015

Das Digitale als Abkehr von nicht-nachhaltigen marktwirtschaftlichen Werten? (Teil 1/3)

Die Volkswirtschaftslehre ist auf dem Nachhaltigkeits-Auge blind

Eigentlich ist es ganz simpel. Die unten dargestellten Entwicklungen zentraler Variablen, die mit unserer klassischen Produktionsweise auf der Welt in einem Zusammenhang stehen, zeigen ein offensichtliches Nachhaltigkeits-Problem, dass jeder Schüler des Erdkunde-Anfänger-Kurses in der Grundschule anhand der Kurvenverläufe beschreiben könnte.

Allein: Die klassische Volkswirtschaftslehre, die die Basis für wirtschaftspolitische Politikberatung weltweit ist, vermag eben dies nicht zu leisten, da sie sich zu einer theoretisierenden Modell-Dogmatik entwickelt hat, deren jeglicher Sinn für empirische Evidenzen bezüglich realer Kausalität weitestgehend abhanden gekommen ist.

Key trends in resources and environmental exploitation. Coal consumption: BP Statistical Review of World Energy [tonnes], Oil consumption [barrels]: BP Statistical Review of World Energy; Iron ore extraction [tonnes]: Bureau of Mines Minerals Yearbook, USGS Minerals Information; Water consumption [m3]: Water withdrawal and consumption, UNEP/GRID-Arendal; CO2 emission from FF burning [tonnes]: Global Fossil-Fuel CO2 Emissions, CDIAC, BP Statistical Review of World Energy; Species extinction rate: Rachel Carson Endangered Species, USGS; Number of low-oxygen dead zones: Global Biodiversity Outlook 3, UNEP Convention on Biological Diversity.Quelle: http://www.skepticalscience.com/print.php?n=2446 CC 3.0 BY

Diese Debatte ist natürlich alles andere als neu und hat ihren Widerhall in den letzten Jahren in verschiedenen Kontexten gefunden. Aktuell betitelt die FAZ das Problem erneut mit: "VWL - nicht gesellschaftstauglich". Diese Debatten wiederholen sich zumindest seit meinem Volkswirtschafts-Studium (VWL) in den 1980er Jahren. Und nach wie vor haben VWL-Experten Mühe, ihre Modelle in einen lebensnahen Kontext zu stellen. So werden von vereinzelten Mutigen Verhaltensweisen und Glücksfragen in die Modelle implementiert, ohne aber bisher jemals die Chance gehabt zu haben, Eingang in den VWL-Mainstream zu finden. Es ist bisher umgekehrt; schaffen es, Experten aus anderen Themenfeldern wie dem Klimawandel, ökonomische Dimensionen zu berücksichtigen, so werden sie dann auch von Politik und Wirtschaft als vollwertige Wissenschaften akzeptiert.

Der Stern-Report als Fanal der klassischen Volkswirtschaftslehre?

So verwundert es natürlich nicht, dass der Klimawandel erst dann von eben diesen Akteuren ernst genommen wurde, als der Stern-Report zum ersten Mal die ökonomisch negativen Auswirkungen der Erderwärmung hervorhob; als wenn sich die Rettung des Erdklimas erst dann lohnen würde, wenn die Rettung in den Bilanzen einen Netto-Gewinn ergibt. Verzweifelte und seit Jahrzehnten andauernde sowie erfolglose Versuche, die negativen Externalitäten nicht-nachhaltiger Produktionsweisen zu erfassen und zu bewerten, verdeutlichen, dass es anscheinend eines komplett anderes Paradigmas als das der nur in Quantitäten denkenden VWL und klassischen Marktwirtschaft bedarf, um die vollkommen neue Qualität der Erdzerstörung überhaupt erfassen zu können. Nachhaltigkeit als Konzept zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen muss solange ein frommer Wunsch bleiben, wie es nicht möglich ist, eine Kongruenz zwischen dem Wertesystem einer idealen nachhaltigen Lebensweise und der nachhaltigen Produktionsweise herzustellen.

Nafeez Ahmed: Das Ende des endlosen Wachstums

Der von mir sehr geschätzte Journalist und Blogger Nafeez Ahmed hat in zwei neuen Artikeln bei Motherboard hierzu einige Gedanken formuliert, die in diese Richtung gehen. Er schreibt: "The economic crisis is symptomatic of a deeper crisis of industrial civilization’s relationship with nature" und eröffnet damit einen neuen Blickwinkel auf die ökonomischen Krisen der letzten Jahre. Für ihn stellt sich die Frage, ob wir uns als Weltgemeinschaft nicht vielmehr gewahr werden sollten, dass wir vielleicht an der Schwelle zu einer Zeit stehen, in der "Gesellschaft", "Gemeinschaft", "Zivilisation" gänzlich anders als in der Vergangenheit funktionieren werden (Ähnlichkeiten zu Alexander Bard sind hier erkennbar). Im Kern ginge es, so Ahmed, um die Abkehr von der Kapitalakkumulation einiger Weniger hin zur Erfüllung der grundsätzlichen Bedürfnisse der Vielen.

Die klassischen VWL verstünde einfach nicht, dass "Endless growth on a finite planet is simply biophysically impossible".

Mit Hinweis auf den italienischen Ökonomen Mauro Bonaiuti fragt er, ob die Abnahme des ökonomischen Wachstums nicht eher Folge des Zusammentreffen von verschiedenen Limitierungen der natürlichen Ressourcen und physikalischen Aufnahmekapazitäten, Klimaerwärmung, zunehmenden sozialen Komplexitäten, Bürokratierungen und Reduzierungen von Innovationen und Produktivität sein könnte. Die Zunahme der Depressionen und anderer psychischer Erkrankungen - trotz quantitativer Wohlstandsmehrung bei Bewohnern von entwickelten Ländern - ist für ihn das Indiz eines Nicht-Funktionierens von Marktwirtschaft und Gemeinwohl- wie auch Individualwohlorientierung.

Stellt die Digitalisierung marktwirtschaftliche Paradigmen in Frage?

Die Abkehr vom marktwirtschaftlichen Wertesystem der letzten Jahrhunderte - Wettbewerb, Egozentrismus, Vernichtung, Zentralisierung, Hierarchie, Eigennutz, Konflikt - erkennt er auf der einen Seite in den Krisen der Energieversorgung, der Banken, des quantitativen Wirtschaftswachstums und des herausfordernden Umgangs mit der digitalen Transformation. Auf der anderen Seite würden sich Revolutionen im Internet, der Energieversorgung, der Lebensmittelproduktion, des Finanzsektors und der Ethik andeuten, die allesamt die Prinzipien der Machtaufteilung, der Dezentralisierung, der Empathie, der Vergemeinschaftung und der offenen Steuerung als Anti-These der alten marktwirtschaftlichen Werte mit sich brächten. Damit aber, so die neue Sichtweise, würde mehr Nachhaltigkeit zugleich und zum ersten Mal mit grundsätzlich anderen gesellschaftlichen und produktionstechnischen Werten einhergehen, ohne das "Nachhaltigkeit" künstlich dem bestehenden System übergestülpt werden müsse.

Was genau haben diese Revolutionen mit der Digitalisierung zu tun?

Teil 2 folgt in den nächsten Tagen...

Sonntag, 1. März 2015

Digitalisierung: Weiterbildung und der Wandel der Arbeitswelt

Das Internet gibt es auch außerhalb von Berlin. Diese Erkenntnis mag für manche Berliner schmerzhaft sein (#Ironie!). Es gibt jedoch in vielen Regionen Deutschlands interessante Initiativen, die sich zur Zeit mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf verschiedene Lebens- und Arbeitsbereiche beschäftigen. Eine dieser umtriebigen Initiativen ist der eBusinessLotse Ostwestfalen-Lippe (OWL). Zu den 22. Internet Days in Paderborn (erinnert sei hier an den starken Auftritt der Region bei der #cnight der CDU in Berlin) hatten Stefan Freise von code-x GmbH, Thorsten Ising vom Social Media OWL e.V. et al. in die Räume der Lotsen eingeladen.

Wir hatten Spaß
Foto: eBusinessLotse OWL 
OWL ist eine sehr mittelständisch geprägten wirtschaftsstarke Region mit sehr geringer Arbeitslosigkeit und mit einigen interessanten IT-Clustern. Daher fand ich es prima, bei den 22. Internet Days die Möglichkeit angeboten bekommen zu haben, (neben den Vorträgen von Thomas Werning zum Identitätsdiebstahl im Netz und Stefan Freise zum Einstieg in das SCRUM-Verfahren) ein paar Worte zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf die (Weiter-) Bildung und einzelne Bereiche des Arbeitsmarktes sagen zu können.


Digitalisierung: Wandel der Bildungssysteme und der Arbeitswelt from Ole Wintermann

Die Digitalisierung der Bildungsinhalte und der Didaktik geht mit einer Neupositionierung der bildungspolitischen Akteure und Institutionen einher. Wofür benötigen wir noch Institutionen - im Sinne von gemauerten Gebäuden - wenn Bildung jederzeit und überall online zu beziehen ist? Ist die so sehr auf Zertifikate fokussierte HR-Logik deutscher Unternehmen angesichts des globalen Wandels in der Anerkennung von informellen Kompetenzen überhaupt zukunftstauglich? Und: Für welche Tätigkeiten soll eigentlich noch ausgebildet werden, wenn sich auf einem globalisierten atomisierten Arbeitsmarkt die Anforderungen an die Qualifizierungen ständig und kurzfristig verändern?

Es wäre höchste Zeit, sich hierzulande diesen Fragen offen und offensiv zu stellen.

Samstag, 21. Februar 2015

"Gewerkschaft GDL und Deutsche Bahn wollen Tarifverhandlungen im Netz streamen"

Diese Meldung würde, wenn sie denn existieren würde, mit Sicherheit auf offene Ohren treffen und ein Staunen wie auch Respektbekundungen nach sich ziehen. Man hätte Respekt vor dem Mut der Tarifpartnerinnen, aus jahrzehntelangen Ritualen auszubrechen, das Vergangene hinter sich zu lassen und #Neuland zu betreten.

Foto: Ole Wintermann
Stattdessen aber sitze ich, während ich dies schreibe, in einem dieser verrotteten und veralteten IC-Züge der Deutschen Bahn. Der planmäßige ICE war mal wieder kurzfristig ausgefallen, so dass einer dieser alten aus den 1970er Jahren stammenden ICs reaktiviert wurde. Ob ich auf der Rückfahrt den gebuchten Zug nutzen kann, weiß ich noch nicht, da Herr Weselsky und die Deutsche Bahn mir wie auch anderen Millionen Bahnkunden meinen, etwas Unruhe darüber, ob das Ziel der eigenen Reise erreicht wird, zumuten zu können. 

Ich bekenne: Ich bringen kein Verständnis für diese Art von Streik auf.

Foto: Ole Wintermann
Die Deutsche Bahn und die Gewerkschaft GDL tragen hier einen, wenn man den Mainstream-Medien Glauben schenken darf, persönlichen Konflikt auf dem Rücken der Millionen Bahnkunden aus, die tagtäglich darauf angewiesen sind, pünktlich mit deren Verkehrsmittel ans Ziel zu kommen.

Liebe Tarifpartnerinnen, haben Sie eigentlich auch nur ansatzweise eine Ahnung davon, wie viel Leid, Stress, Ärger und beruflichen Druck sie durch ihre eigennützige Vorgehensweise bei den Millionen Menschen verursachen - vom finanziellen Schaden durch kurzfristige Umbuchungen, Mehrnutzungen von Autos und Mietwagen sowie zeitlichen Aufwänden durch die Nutzung der Fernbusse ganz zu schweigen?

Foto: Ole Wintermann
Ich habe selbst Jahre bei einer Gewerkschaft gearbeitet und weiß: Tarifverhandlungen sind - von beiden Seiten betrieben - Rituale einer längst überlebten Industriegesellschaft, in der es berechtigter Weise (ursprünglich) darum ging, die Zersplitterung der Interessen der Arbeitnehmer gegenüber übermächtigen Arbeitgebern zu verhindern.

Aber ich weiß auch: Die Vorschläge für die Entwicklung der Löhne und Gehälter sind nicht wirklich so sachlich begründet, wie dies in den Medien immer unreflektiert dargestellt wird - und dies gilt für beide Tarifpartnerinnen. Ist es auf der einen Seite der Wille zum vielzitierten „Schluck aus der Pulle“ (allein diese Begrifflichkeit) ist es auf der anderen Seite die pauschal „begründete" Absicht „Kosten zu sparen“, die am Ende in eine Tarifvorstellung bis auf die zweite Stelle nach dem Komma münden. Mit diesen Zahlen wird ein Wissen über Marktentwicklungen vorgegeben, dass in der Form gar nicht existiert. Aufgrund der Flächentarifverträge sind zudem stets landes- oder bundesweite Kennziffern Ausgangspunkt der Tarifvorstellungen beider Seiten. Mit den Zuständen und Arbeitsbedingungen im jeweiligen Betrieb - also vor Ort - haben diese nichts zu tun.

Foto: Ole Wintermann
Und diese ist der Punkt, an dem mir auch das Verständnis für ein über den täglichen vitalen Interessen der Kunden der Deutschen Bahn stehendes Vorgehen fehlt. Ich als Kunde habe ersteinmal rein gar nichts davon, dass sich entweder die Deutsche Bahn als Arbeitgeber durchsetzt oder die Gewerkschaft GDL als Arbeitnehmervertreter. 

Ich sitze dienstlich und privat bedingt seit Jahren in vergammelten Zügen, die über die Zeit betrachtet immer unpünktlicher zu werden scheinen, in denen es nach wie vor keine gastronomische Versorgung gibt, die über abgestandenen Kaffee und überteuerte Baguette hinausreicht, in denen es nach wie vor keine verlässliche Versorgung mit Wlan gibt, in denen man, wenn man Pech hat, stundenlang auf dem Boden sitzen muss, weil das Zugmanagement versagt hat, in denen man im Sommer bei ständig ausfallenden Klimaanlagen mit einem Kreislaufkollaps und im Winter mit Erkältungen rechnen muss und für die man immer wieder über der Inflationsrate liegende Preissteigerungen hinnehmen muss, da es bis vor kurzem keine wirklich Konkurrenz für den Quasi-Monopolisten auf der Langstrecke gab.

Foto: Ole Wintermann
Liebe Tarifpartnerinnen, legt doch euren geheimen Tarifverhandlungen ganz einfach offen und streamt diese ins Netz. Das Interesse von Millionen Kunden zu erfahren, wohin morgen ihre Reise geht, dürfte Grund genug dafür sein, dass solche aus der Industriegesellschaft kommenden Geheimverhandlungen endlich transparenter werden. Es geht nicht darum, Tarifverhandlungen als solche in Frage zu stellen; es geht aber darum, den bisherigen anachronistischen und auf 2 Köpfe fixierten Mechanismus der Lohnfindung in Frage zu stellen. Es geht natürlich auf beiden Seiten um Macht. Und von dieser kann nur schwer gelassen werden. Leidtragende sind eure Kunden.

Macht doch mal etwas ganz Schräges und kommuniziert direkt mit den Kunden da draußen über euer Anliegen. Seid mutig, seid transparent.

Foto: Ole Wintermann

Dienstag, 17. Februar 2015

Politik 1.0 und Medien 1.0 verlieren den Blick für globale Risiken

tl;dr 

Q: Matthew Yglesias

"Do you think the media sometimes overstates the level of alarm people should have about terrorism ... as opposed to a longer-term problem of climate change and epidemic disease?"


A: Barack Obama

"Absolutely."



#Pegida: Wenn Bauchgefühl Politik dominiert

Politik folgt nach wie vor den Logiken einer Politik 1.0, in der es eindeutige Ursachen für scheinbar eindeutig zu lösende Probleme gibt. Es wird gemeinhin in der politikwissenschaftlichen Literatur Pluralismus genannt, ist in der Realität aber natürlich der fallweise Zugang zu Politik mit Hilfe der Schilderung von Problemlagen, wie sie von schmierigen Massenblättern oder aber Lobby-Verbänden an die Politik kommuniziert wird. Angesichts der Informationsflut in Richtung der politischen Akteure ist ihnen dabei durchaus überhaupt kein Vorwurf zu machen, müssen sie doch irgendeine Art von Filter nutzen, um auf Basis von aktuellen "Informationen" Entscheidungen überhaupt treffen zu können.

Wie gefährlich diese einseitige Wahrnehmung von scheinbaren Problemlagen sein kann, hat sich in den letzten Wochen ja leider bei den sogenannten #Pegida Demonstrationen gezeigt. Schnell waren die Traditionsmedien auf den fahrenden Zug, der erhöhte Klickzahlen in Aussicht stellte, aufgesprungen, schon gewann das gesamte Thema nochmals an Fahrt bis es am Ende die quantitative Analyse einiger Soziologen die Chimäre von der Massenbewegung in sich zusammen fallen ließ.

Eigentlich wäre es an dieser Stelle an der Zeit, sich endlich über die Schritte in Richtung einer Politik 2.0 Gedanken zu machen. Wer sich theoretisch oder praktisch mit der Initiierung von politischen Initiativen beschäftigt, ist häufig immer wieder verwundert, in welch umfangreicher Weise Zufall und Glück dabei behilflich sind, dass es zu einem politischen Beschluss kommt, der dann in ein Gesetz gegossen wird. Es sind eben gerade nicht die vielen wissenschaftlichen Studien, auf Basis derer dann in rationaler Weise - so die nach wie vor weit verbreitete Vorstellung - ein Gesetz verabschiedet wird. Dass ein Thema zum politischen Thema wird, ist zumeist das Ergebnis einer erratisch verlaufenden Entwicklung vorab. Wäre es stattdessen nicht an der Zeit, Gesetzgebungsverfahren nicht ein klein wenig systematischer ablaufen zu lassen und sich dabei an wirklich existenziellen Risiken globaler Relevanz zu orientieren?

Gibt man die Begriffe "Bedrohungsgefühl, Bevölkerung, Umfrage, Deutschland" in entsprechende Suchmaschinen ein, so ergeben sich zuhauf Fundstellen, die sich mit der Wahrnehmung des Islam und der Migrantendebatte durch unbestimmte Bevölkerungsanteile beschäftigen. Dies ist das Ergebnis der langanhaltenden Mediendebatte der letzten 2 Jahre, ob der Islam eine Bedrohung für Deutschland sei. Gesellt sich zu der inzwischen international bekannten deutschen Google-Phobie nun auch noch die Islam-Phobie? Wenn dem so wäre, müssten Gesetze, die unter dem Eindruck dieser Phobien zustandegekommen sind, eigentlich kritisch hinterfragt werden, da sie nicht auf einer objektiven Analyse beruhen sondern Ergebnis einer temporären und sehr national geprägten Stimmungslage gewesen sind.

Mein Haus - Mein Auto - Mein Risiko

Schaut man sich längerfristig angelegte Studien zur Risikoeinschätzung auf nationaler wie auch internationaler Ebene an, so ergibt sich auch ein gänzlich anderes Stimmungsbild in der hiesigen Bevölkerung. Nach Angaben einer aktuellen Telekom-Studie, die 23 persönliche Risikolagen in der Bevölkerung abgefragt hat, sind es in erster Linie nationale und individuelle Risikolagen, die die Menschen bewegen. Zuoberst sind es die Angst vor der eigenen Pflegebedürftigkeit, Altersarmut, Einkommensverlust, Krebs, Inflation und Nahrungsmittelskandale, die bis zu 50% der Befragten ängstigen.

Foto: Ole Wintermann
Gesamtgesellschaftliche Risiken hingegen wie Arbeitslosigkeit (23%), Naturkatastrophen (22%), Massenüberwachung durch Geheimdienste (19%), Krieg (18%), Terroranschläge (17%), globale Pandemien (12%) oder Zusammenbruch der Energieversorgung (6%) werden signifikant geringer risikobehaftet eingeschätzt. Beim Blick in die Zukunft ängstigen sich die Menschen vor allem um die Sicherheit und die Massenüberwachung bei der Nutzung des Internets. Auch hier werden - mit Ausnahme der Naturkatatrophen - gesamtgesellschaftliche Risiken deutlich weniger gefürchtet.

Welche Ängste oder Risiken sollten nun aber aus Sicht der politischen Akteure ernster genommen werden? Welche Risiken sind nicht nur subjektiv sondern auch objektiv als real einzuschätzen? Welche Einstellung basiert auf kurz-, welche auf langfristigen Trends? Wie könnten gesetzgeberische Instrumente identifiziert werden, die eine Lösung der wahrgenommenen Probleme wahrscheinlicher werden lassen? Gibt es blinde Flecken in der Risikowahrnehmung?

Experten sind sich einig: Auf die Menschheit kommen existenzielle Gefahren zu

Beim Blick auf internationale Risikoanalysen ergibt sich ein gänzlich anderes Bild der Risikoeinschätzung in der Weise, dass erstens Experten und nicht Bürger befragt werden/wurden und zweitens die internationale Dimension der Betrachtung sehr viel realistischer in den Blick genommen wird als bei den rein auf Deutschland fokussierten Studien. Dass solch eine Einschätzung nun seit Jahren ausgerechnet vom World Economic Forum abgegeben wird, nachdem im letzten Jahr bekannt geworden war, dass das letzte WEF 2014 1.100 zusätzliche klimaschädigende Flugbewegungen verursacht habe, soll an dieser Stelle mal vernachlässigt werden.

Bei der Frage der globalen Risiken mit der potenziell stärksten Schädigung menschlichen (Zusammen-) Lebens auf dem Planeten ergab sich folgende Reihung:
  1. Zugang zu sauberem Wasser
  2. Infektionskrankheiten
  3. Massenvernichtungswaffen
  4. Zwischenstaatliche Konflikte
  5. Versagen der Klimapolitik
  6. Energiepreisschocks
  7. Zusammenbruch der kritischen Infrastruktur
  8. Fiskalische Krisen
  9. Arbeitslosigkeit
  10. Kollaps des Ökosystems
Wenn stattdessen nach der Wahrscheinlichkeit des Eintritts des Schadensfalls gefragt wird, ergibt sich eine andere Reihung:
  1. Zwischenstaatliche Konflikte
  2. Extreme Wetterereignisse
  3. Versagen nationaler Regierungsweisen
  4. Staatlicher Kollaps
  5. Arbeitslosigkeit
  6. Naturkatastrophen
  7. Versagen der Klimapolitik
  8. Zugang zu sauberem Wasser
  9. Datenmissbrauch
  10. Cyberattacken
Eigentlich würde erst ein Produkt aus beiden Fragen eine sinnvolle Aussage über die politische Relevanz des Themas ergeben. Leider wird ein solcher Index aber nicht berechnet. Weitere Schlüsse können aus der Betrachtung des zeitlichen Ablaufs der Risikoanalysen gezogen werden. Insgesamt wurden bisher 9 Jahre lang Risiken und die Wahrscheinlichkeiten ihres Eintretens abgefragt. Damit ergeben sich 18 Datenpunkte. 

Das Thema Klimawandel verdrängt zunehmend das Thema Finanzmärkte

In 14 der 18 Fälle wurden mit dem Finanzmarkt zusammenhängende Fragen (Fiskalkrise, Versagen der Finanzmärkte, Einkommensungleichheit, Vermögensschmelze) als die wichtigsten Risiken der Menschheit genannt. Der Klimawandel hat jedoch in den letzten 4 Studien stetig an Bedeutung gewonnen. Schaut man sich zudem noch die Projektion der Befürchtungen in die Zukunft der nächsten 10 Jahre in der Studie an, so dominieren plötzlich die existenziellen Risiken: Extreme Wetterereignisse, Versagen der Klimapolitik, Wasserkrisen, Lebensmittelkrisen, Kollaps des Ökosystems, menschgemachte Katastrophen, Missbrauch der Technologie. 

Dieser Übergang von Fragen des Finanzmarktes und der Globalisierung in Richtung existenzieller Risiken ist beeindruckend konsistent und eindeutig. Allen Finanzmarktrisiken, der Datensicherheit sowie der Entwicklung der Arbeitslosigkeit werden in Zukunft eine geringere Bedeutung zugeschrieben. Dies gilt im Übrigen auch für Terror-Risiken. Zugleich wird den menschlichen Lösungskapazitäten bei der Bewältigung der existenziellen Risiken zur Zeit, im Vergleich zu allen anderen Risikoklassen, am wenigsten zugetraut. 

Auf den Punkt gebracht heißt das: Die tatsächlich die Menschheit bedrohenden Risiken sind die Risiken, die in den nächsten 10 Jahren am wahrscheinlichsten auf uns alle warten werden und für die die Menschheit bisher keine Möglichkeiten der Bewältigung ersonnen hat.

Zurück zu #Pegida, Mütterrente, Pflegebedürftigkeit, Altersarmut, Nahrungsmittelskandalen und den o.g. Fragen: Um welche Themen sollte sich Politik zuerst kümmern? Welche Themen sind für uns wirklich relevant? Sind es meine "kleinen" persönlichen Risiken, die landesspezifische Politik in den Blick nehmen sollte oder sind es eher systematische und globale Risiken? Wäre es nicht dringend angebracht, dass die deutschen Traditionsmedien ihren "Bildungsauftrag" ernst nehmen, sich etwas stärker auf die internationale Debatte- und Themenebene begeben und uns sorgfältig recherchierte Geschichten mit einer internationalen Relevanz liefern, wie dies The Guardian oder Journalisten wie Nafeez Ahmed bereits seit längerem machen? Nur dann bestünde die Chance, dass sich Politik hierzulande thematisch weiterentwickelt und deutlich internationaler wird.

Vielleicht entwickelt sich die Technologie aber auch in einer Weise weiter, wie dies der Global Risk Report des WEF auf Seite 40 darstellt, so dass sich die Menschheit letztlich gänzlich substanzielleren Fragen stellen muss:

"If smarter-than-human AIs (Artificial Intelligence) are built with goal specifications that subtly differ from what their inventors intended, it is not clear that it will be possible to stop those AIs from using all available resources to pursue those goals, any more than chimpanzees can stop humans from doing what they want."

Samstag, 14. Februar 2015

David Weinberger and Doc Searls: The Internet has liberated an ancient force — the gravity drawing us together (v. @cluetrain)

Foto: Ole Wintermann
Das in Online-Kreisen zumeist bekannte aber schon etwas in die Internet-Jahre gekommene Cluetrain-Manifest hat vor kurzem eine Aktualisierung u.a. durch den ursprünglichen Autor, David Weinberger sowie Doc Searls, erhalten.

Während die erste Version, so Weinberger und sein Co-Autor, vor allem für diejenigen Akteure gedacht gewesen sei, die nicht gewusst hätten, dass sie das Netz nicht verstanden hatten (und sich dies eigentlich bis heute nicht wirklich in Teilen der politischen Entscheider-Elite geändert hat), habe die Fortschreibung eher das Ziel, die frühen Netz-Innovatoren und die kritischen Geister mit Blick auf Massenüberwachung, Aufweichung der Netzneutralität und des Datenschutzes wach zu rütteln, weil:

"The Marauders understand the Internet all too well. They view it as theirs to plunder, extracting our data and money from it, thinking that we are the fools. But most dangerous of all is the third horde: Us."


Bezogen auf die Akteure, die das Netz für ihre Zwecke der Einengung, der Zensur, der Überwachung und der Kapitalisierung missbrauchen wollen, meint er:

"An organ-by-organ body snatch of the Internet is already well underway. Make no mistake: with a stroke of a pen, a covert handshake, or by allowing memes to drown out the cries of the afflicted we can lose the Internet we love."


Damit spielt er auf die Erkenntnis an, dass es Offliner gebe, die die Mechanismen des Netz sehr gut verstanden hätten und versuchen würden, die juristischen und ökonomischen Regeln des Meatspaces in ihrem Sinne auf das Netz zu übertragen.

Es geht um Macht, Kontrolle und Deutungshoheit. Die Offline-Elite fühle sich zunehmend in ihrem Status bedroht. 

Das Netz sei(en) hingegen:
  • wir und nicht die Anhäufung von Glasfaser oder Technik,
  • nicht etwas und habe auch keine vorbestimmten Zweck,
  • kein Inhalt,
  • kein Medium (wir sind das Medium),
  • auf Unbeschränktheit und Grenzenlosigkeit aufgebaut
Damit macht er deutlich, dass es auf Dauer keinen Gegensatz zwischen dem Netz und dem Meatspace geben könne, da die Menschen es mit ihren Interaktionen, Wertvorstellungen und Aktionen erst zum Leben erweckten. Das Netz sei nicht böse, manche Menschen seien aggressiv und nutzten das Netz für ihre Zwecke. Statt aber das Netz zu regulieren, müsse diesen aggressiven Menschen mit derselben Konsequenz begegnet werden, wie dies auch im täglichen Offline-Leben vonstatten gehen würde. Das Netz dürfe nicht dazu missbraucht werden, dieselben Mechanismen des "Stammesdenken" zu verstärken. Da man im Netz täglich mit unbekannten Menschen unbekannter Kulturen zusammentreffe, sei dies die Chance, einander besser verstehen zu können, ohne dass von vornherein "Stammeszugehörigkeiten" noch eine Rolle spielten. 

Im Verhältnis der Wirtschaft zum Netz gehe die Nutzung des Begriffs "Konsumenten" hingegen nach wie vor von dem alten herrschaftlichen Denken des Melkens der passiv konsumierenden Cash-Cow aus. Die sogenannte "Personalisierung" von Diensten sei in Wahrheit die Entmenschlichung der Personen, die vor dem PC sitzen, da der Mensch nur anhand seiner Tracking-Daten beschrieben würde, ohne aber überhaupt zum Kern des Menschlichen vordringen zu können. Tracking und Native Ads seien Ausdruck der Missachtung des Menschlichen und damit des Ursprünglichen, für das das Netz am Anfang mal stand.

"Web pages are about connecting. Apps are about control. In the Kingdom of Apps, we are users, not makers. Every new page makes the Web bigger. Every new link makes the Web richer. Every new app gives us something else to do on the bus."

Apps unterteilten, so Weinberger, die Menschen in Nutzergruppen, schotteten sie voneinander ab und erschwerten damit den freien Austausch der Menschen und ihrer Meinungen und Wertvorstellungen untereinander. Apps schaffen damit kleine "Reiche", in denen dann die Unternehmen so schalten und walten können, wie es ihnen beliebt. Apps führen somit zur Vermachtung des Netzes.

Die antiquierte Vorstellung des Meatspaces, dass es die "richtigen" Seiten gebe, auf denen man in einem Konflikt stünde, dass es "die" Wahrheiten gebe, dass es nach wie die Zweiteilung der Welt in "Gut" und "Böse" gebe, adressiert er, indem er fragt:

"Ok, government, you win. You've got our data. Now, what can we do to make sure you use it against Them and not against Us? In fact, can you tell the difference?"

Zum Angehen dieser anstehenden Aufgaben, das Netz auch weiterhin einiger Maßen frei zu belassen schlägt er vor:
  • Politiker zu fragen, welche Position sie einnehmen,
  • bestehende Gesetze an die Sharing-Logik anzupassen,
  • gemeinsam und konsequent gegen Hass und Trolls vorzugehen,
  • die Welt der Apps abzulehnen,
  • konsequent den Mut zum Fragen zu haben, 
  • und das Fehlen konkreter Antworten auszuhalten.
Das alles klingt zu wenig spezifisch und nach der Wahrheit? Willkommen in den Zeiten des Netzes, oder wie Weinberger meint:

"Internet naysayers keep us honest. We just like'em better when they aren't ingrates."

Dienstag, 10. Februar 2015

Hallo Auto-Industrie: PS-Boliden sind so langweilig

Langweilt ihr euch nicht auch, wenn ihr die dumpfen Auto-Werbespots bzw. -Anzeigen auf Facebook, Twitter, im linearen TV oder YouTube zu sehen bekommt? Noch mehr PS, noch schneller, protziger, noch mehr Blech und Plastik sowie Ressourcenverbrauch.

Brumm, Brumm, Brumm.

Menschen in Afrika und Latein-Amerika müssen in Minen für seltene Erden schuften und ihr Leben riskieren, damit im Rest der Welt entweder durch den Kauf teurer Karossen persönliche Eitelkeiten bedient werden oder aber der Nachfrage nach Autos nachgekommen werden kann, weil sich Politik und Gesellschaft lange Zeit zuwenig Gedanken darüber gemacht haben, wie ein Leben ohne Autos möglich ist. 

Vor einiger Zeit hatte ich mir daher mal angeschaut, welche Firmen im Netz die Debatte zur Zukunft des Autos bzw. zum Zukunft-Auto bestimmen und welche persönliche Wertschätzung diese fahrenden aber zugleich dummen, da nicht vernetzten und modifizierbaren, Blechkarossen der traditionellen Autofirmen in Zukunft erfahren könnten. Das Internet und Gesellschaft Collaboratory hat diesen Beitrag jetzt in die neue Ausgabe des "Digitalen Wandels" aufgenommen (S. 50). 

Dank an dieser Stelle an Sebastian und Janina sowie die anderen an der Erstellung der neuen Ausgabe Beteiligten für eure tolle Arbeit!


Sonntag, 8. Februar 2015

Cyberwaffen für den Krieg im Meatspace

How the CIA made Google

Dass die veröffentliche Debatte in den letzten Monaten für Google nicht zum besten stand, konnte man den entsprechenden Traditionsmedien ja zur Genüge entnehmen. Während aber dieser Kritik leicht mit dem Hinweis begegnet werden konnte, dass geschäftliche Interessen im Hintergrund dieser Kritik standen, sind die Erkenntnisse, die Nafeez Ahmed für seinen Artikel "How the CIA made Google" zusammen getragen hat, schon deutlich fundierter. Man könnte auch anders herum formulieren; Google muss seine Vergangenheit aufarbeiten, wenn das Unternehmen nicht ständig an den Geburtsfehler, von der CIA finanziert worden zu sein, erinnert werden möchte.

"... this joint CIA-NSA program partly funded Sergey Brin to develop the core of Google, through a grant to Stanford managed by Brin’s supervisor Prof. Jeffrey D. Ullman"

Die Reaktionen auf den Artikel haben nicht lange auf sich warten lassen und zeigen, in welch guter Weise Ahmed recherchiert zu haben scheint. Ein Blick auf seinen umfangreichen Artikel und die Updates lohnt auf jeden Fall.

Da passt es leider gut ins Bild, dass Google erst jetzt bekannt gegeben hat, den Mail-Verkehr von Sarah Harrison und einigen anderen WikiLeaks-Mitarbeitern bereits 2012 an das FBI übergeben zu haben, wie der Guardian aktuell berichtet. Die Luft für Google wird zunehmend dünn und erschwert zunehmend den Blick der Konsumenten auf die nach wie vor interessanten und vielseitigen Dienste des Unternehmens. Sowohl gegen Print-Traditionalisten als auch Aktivisten bestehen zu müssen, stellt kommunikationstechnisch sicher eine große Herausforderung für die Verantwortlichen dar. Man darf gespannt sein, wann das Unternehmen darauf reagiert.

Skype als Waffe im Meatspace-Krieg

Microsoft muss sich zum wiederholten Male fragen lassen, warum Skype nicht nur für eine Massenüberwachung friedlicher Bürger genutzt wird sondern auch als Waffe gegen regimekritische Aktivisten in Syrien missbraucht werden kann. Anita Gohdes hatte auf dem #31c3 bereits ausführlich auf die Nutzung des Netzes durch das Assad-Regime, um Kritiker zu identifizieren und hinzurichten, hingewiesen. Der Vortrag mit dem Titel "Information Control and Strategic Violence" ist empfehlenswert als kleiner Nachhilfeunterricht für Offliner, die meinen, man dürfe nur mit Klarnamen im Netz unterwegs sein.


Nun sind auf Techworld.com nähere Angaben zum Umfang der Überwachung mit Hilfe von Skype gemacht worden. Techworld.com hatte bereits vor 2 Jahren auf die Gefahr hingewiesen, die die Arbeit der Kämpfer gegen das Assad-Regime mit Hilfe von Skype eingingen. Bei dem jetzt bekannt gewordenen Angriff der Regime-Vertreter sind über 12.000 Kontakte, 200.000 Nachrichten und 31.000 Konversationen von Assad-Kritikern geleakt worden. Informationen, die, wie Anita Ghodes deutlich gemacht hatte, genutzt werden, um Kritiker gezielt hinzurichten. 

Welche Verantwortung ergeben sich daraus zwangsläufig für westlichen Firmen, die Soft- und Hardware nicht ausreichend gegen solchen Missbrauch schützen bzw., die mit ihren Produkten sogar noch dabei helfen, politische Kritiker in solchen Regimen zu exekutieren? 

Die deutsche Ausgabe von Wired.com stellt in einem Artikel über die Aktivität deutscher "Sicherheitsfirmen" im Kontext der Lieferung von Überwachungssoftware in autoritäre Regime fest: 

"Die Firma hat offenbar kein Problem damit, dem Regime Werkzeuge zur Verfolgung von Dissidenten und Homosexuellen zu liefern. (...) Die Bundesregierung griff der Branche lange Zeit bereitwillig unter die Arme."


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