Dienstag, 22. April 2014

Empfehlung: Alexander Bard - "Wie das Internet die Welt retten kann"

Mit großem Interesse habe ich auf Basis dieser Überschrift den TEDx-Vortrag des schwedischen Künstlers und Vordenkers Alexander Bard angeschaut. Allzuhäufig leidet die netzpolitische Debatte unter einer gewissen Praxisferne, die sich immer dann offenbart, wenn netzfernen Menschen die übergeordnete Bedeutung des Netzes für die Zukunft der Menschheit erklärt werden soll. Datenschutz, Netzneutralität und Überwachung sind zu abstrakte Terme, um die Relevanz des Netzes für die Menschen zu verdeutlichen. Es fehlt nach wie vor eine Idee davon, wie Politik, Wirtschaft und Internet zukünftig systemisch miteinander in Verbindung stehen und warum wir angesichts der Netzdynamik über vollkommen neue Formen der Politik und der Wirtschaft reden müssen. Bard ist es zu verdanken, dass er sich genau über diesen Aspekt bei seinem Vortrag Gedanken macht. Warum ist dieses Internet eigentlich für die Menschheit so relevant?



Das "Ich" ist der Gott

Ausgehend vom Zitat "Ich denke also bin ich“ des französischen Philosophen Rene Descartes beschreibt er den Beginn der individualistischen Weltsicht, die durch Immanuel Kant und Albert Einstein in die politischen Philosophien und die Physik Eingang gefunden haben. So stellten nach Bard Sozialismus, Liberalismus und Kapitalismus stets den (atomisierten) Mensch in den Mittelpunkt.

Dem zugrunde liege der Glaube an die Einzigartigkeit sowie die Relevanz des eigenen Ichs. Das „Ich“ sei der Gott der Neuzeit. Die Neurowissenschaften hätten nun aber in den letzten Jahren diese Sichtweise vom Kopf auf die Füße gestellt. Das (körperliche) Sein bestimme das Handeln und nicht umgekehrt. Damit sei der Individualismus tot.

War Nietzsche der erste Netzwerk-Theoretiker?

Ersetzt werde diese tradierte Sichtweise nun durch den bereits durch Friedrich Nietzsche angedachten Relativismus, der aber nach wie vor die Beziehung des Individuums zum anderen Individuum in den Mittelpunkt stelle. Anstelle dessen müsse man daher nun inzwischen eher vom „Relativismus“ sprechen; nicht mehr die Individuen, die im Netzwerk durch Nodes ersetzt würden, spielten eine Rolle sondern es sind vielmehr die Beziehungen, die im Zentrum der Betrachtung von Gesellschaft stünden. Es gebe keine Individuum mehr sondern es existiere nur noch die Gesellschaft aus Ausdruck von unendlich vielen Beziehungen. Das Ich werde durch das Soziale ersetzt, so Bard.

Hier komme nun das Internet ins Spiel: Es sei die erste Möglichkeit, globale Netzwerke und Bewusstsein herzustellen. Es relativiere die eigene Bedeutung und damit die individuelle Sichtweise auf die Welt. Es manifestiere den Relationismus.

Im Gegensatz zum Hyper-Kapitalismus und zum Hyper-Individualismus, die erst die Voraussetzungen für die Umsetzung der selbstzerstörerischen Agenda der Marktwirtschaft geschaffen hätten, träten nun die Netzwerk-Bewegungen beispielsweise der Piraten und der Grünen. Die Grünen und die Piraten seien zwei Seiten ein und derselben Netzwerk-Medallie. Das Problem sei aber, dass sie das noch nicht erkannt hätten und auch nicht miteinander reden würden.

Leider endet der Vortrag an eben dieser Stelle und lässt einige große Fragen unausgesprochen im Raum stehen.

Wie verhalten sich Netzwerke und Politik zueinander?

Er geht in seiner Konzeption an dieser Stelle, bei der es um die Eigenschaft der Netzwerke geht, nicht weit genug bzw. schränkt die Analyse leider auf die parteipolitischen Bewegungen ein. Netzwerke, wie sie durch das Internet zunehmend ermöglicht werden, bringen die Relativierung der eigenen Bedeutung mit sich, sie lassen Hierarchien erodieren, sie hinterfragen die Einzigartigkeit und Richtigkeit kultureller Eigenschaften einer sozialen Gruppe, sie atomisieren das Individuum und seine vormalige Interpretationshoheit über politische und soziale Missstände. 

Die Auswirkungen dieser Netzwerk-Eigenschaften auf die globalisierte politische Willensbildung und Entscheidungsfindung sowie die globalisierte Wirtschaftsweise führt Bard leider nicht aus. Dies täte aber eigentlich Not, denn hier würde sich der argumentative Kreis schließen, der beispielsweise ausführen könnte, warum eben Netzneutralität so elementar wichtig ist, da es eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren dieser neuen Netzwerke ist. Auch könnte er anführen, dass die Machteliten kein Interesse an diesen Netzwerken haben und damit begründen, warum derzeit ein Cyberwar auf vielen Ebenen gegen die Interessen der Bevölkerung sowohl in demokratischen wie autokratischen Staaten geführt wird. 

Die alte Offline-Welt huldigt dem Individualismus, die neue Online-Welt den Netzwerken 

Schließlich könnte er dann auch die Frage beantworten, warum das Aufeinandertreffen von Offline- und Online-Welt stets in allen politischen Systemen solche Konflikte auslöst: Es ist der Gegensatz von individualistisch geprägter Offline-Welt und Offline-Perspektive auf der einen und die netzwerkbasierte Sichtweise der Online-Welt, die sich an dieser Stelle systemisch und kategorisch widersprechen und Friktionen verursachen.

Zudem scheint er im kulturpessimistischen Sinne die Individualität generell abzulehnen und beraubt sich damit unnötiger Weise eines Stücks der Überzeugungskraft seiner Argumentationskette. Er verneint die Gleichzeitigkeit von Individualismus und temporäre Mitgliedschaft in diesen Netzwerken, denen man sich anschließen kann, um vorübergehend das Ziel des Netzwerkes zu unterstützen. Diese Wechselwirkung zwischen individueller Entscheidung und dem Aufgehen im Netzwerk hätte ebenfalls eine genauere Analyse verdient.

Alles in allem aber ist bewundernswert, seit wie vielen Jahren Bard bereits die philosophische Debatte um das Internet auf internationaler Ebene prägt und voran bringt. Insofern ist auch dieser Beitrag wieder sehr horizonterweiternd und empfehlenswert.

Wie provinziell wirkt vor dem Hintergrund dieses Vortrags - sowohl in methodischer wie auch inhaltlicher Sicht - unsere rein innerdeutsche aufgebauschte Debatte um die vermeintliche "Digitale Demenz", vorgetragen von einem gewissen Herrn Spitzer. Peinlich.

Donnerstag, 10. April 2014

Lehre aus TTIP: Partizipation in Zeiten des Internets ist Pflicht



Bald ist es wieder soweit; das Klassentreffen der Gleichgesinnten, die das ganze Jahr über in einem eigenen Kosmos zu leben scheinen, findet Anfang Mai wieder als re:publica 14. Dieses große nationale wie auch internationale Treffen der Blogosphäre bietet einmal im Jahr auch Interessierten "vom flachen Land" die Möglichkeit, an einem zentralen Ort zusammen zu kommen und sich mit den Menschen auszutauschen, die man bis dato nur online gekannt hat.

Toleranz, Vielfalt, entspannter Umgang miteinander und die Erweiterung des eigenen beständig zu engen Horizontes sind die Mehrwerte, wegen derer es sich lohnt, volle 3 Tage in Berlin aufzuhalten, um danach einen Teil dieser inneren Haltung wieder aus der Stadt mit herauszunehmen.

Unsere internationale Blogger-Plattform www.futurechallenges.org (gegründet von der Bertelsmann Stiftung) wird gemeinsam mit dem Internet und Gesellschaft Collaboratory auf dieser #RP14 eine spezielle Session zum geplanten Freihandelsabkommen TTIP anbieten. Dabei wird es nicht darum gehen, einzelne Regelungen zum Gen-Mais oder Chlorhühnchen zu analysieren, sondern mit Blick auf die #RP14 als Veranstaltung die Frage zu stellen, warum bei einem Freihandelsabkommen bisher Aspekte der Partizipation, der Transparenz, der Neu-Definition von globalem Handel und der Wünsche der Menschen zu kurz gekommen sind.

Wieso wird bei einem Abkommen, das das Internet teils zum Gegenstand der Verhandlungen hat, nicht eben jenes Internet genutzt, um die Menschen an den Verhandlungen, die sie unmittelbar betreffen werden, beteiligt?

Basis der Überlegungen sind durch beide Kooperationspartner zur Jahreswende herausgegebenen Publikation zu TTIP (Zusammenfassung in der Slideshare-Präsi), die sich mit eben jenen Fragen beschäftigen. Es geht dabei mitnichten um die Ablehnung von Freihandel; es geht vielmehr um die Frage, wie eine moderne, den Online-Realitäten Rechnung tragende, Definition von Freihandel gemeinsam mit nahezu 1 Mrd. Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks umgesetzt werden kann.



Wir werden am 6. Mai auf unserem Podium begrüßen können (die endgültige Session-Beschreibung werden wir in den nächsten Tagen auf der #RP14 einstellen):

Glyn Moody, Journalist (Keynote)
Kara Sutton, Bertelsmann Foundation DC
Bruno Gert Kramm, Piratenpartei
Solana Larson, Global Voices Online

Wir wünschen uns eine offene, tolerante aber auch kritische Debatte zum umstrittenen Freihandelsabkommen TTIP und laden alle Interessierten ein, daran teilzunehmen.

Samstag, 5. April 2014

Zukunftsthema Globale Interdependenzen: NASA sagt gesellschaftlichen Zusammenbruch voraus

Vor kurzem erregte eine aktuelle NASA Studie erst in englischsprachigen Medien und dann nach über einer Woche endlich auch in den deutschsprachigen Medien für Aufmerksamkeit. Der Guardian, der wie so oft in den letzten Jahren, als führendes Medium für solch spannende Zukunftsfragen aufgetreten ist, titelte: "Nasa-funded study: industrial civilisation headed for 'irreversible collapse‘? Einige Tage später legte Nafeez Ahmed vom Guardian, bestärkt durch die - im Gegensatz zur hierzulande - immense Leserresonanz nach und titelte: "The global Transition tipping point has arrived - vive la revolution".

Die Wichtigkeit und letztlich auch Relevanz dieser Studie kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Allein: die politischen und wirtschaftlichen Entscheider werden dies so nicht erkennen.

Worum ging es in der Studie?

Im Gegensatz zu den üblicher Weise genutzten Ansätzen des Scenario Building, das zumeist versucht zukünftige Kontexte anhand von holistischen, vernunftbetonten Einsichten in gesellschaftliche Kontexte zu beschreiben, basierte die Studie, so Ahmed, auf einem mathematischen Szenario-Modell, das sich u.a. aus historischen Daten speist. Angelehnt an die schon in „Collapse“ von Jared Diamond verwendete Idee vom zyklischen Aufstieg und Fall von Gesellschaften (wenngleich natürlich auch Diamond diese Idee aufgebracht hatte), stellt die NASA Studien diesen Zyklus in einen empirischen gegenwartsbezogenen Kontext.

Es extrahiert als bestimmende negative Determinanten des Falls von Gesellschaften die Bevölkerungsentwicklung, den Klimawandel, den Zugang zu Trinkwasser, den Zustand der Landwirtschaft und die Verfügbarkeit von Energie. Wenn diese Faktoren mit der Überbeanspruchung der natürlichen Ressourcen einerseits und der (dauerhaften) sozialen Teilung der Gesellschaft zusammentreffen, ergeben sich, so die Studie, Entwicklungen, die unausweichlich zum Kollaps der Gesellschaft führen. Technik kann, so die Studie weiter, keine Lösung für das Problem darstellen, da es tendenziell und langfristig in der Folge der Anwendung immer zu höheren Ressourcenverbrauch führt.

Das Interessante an der Studie ist aber am Ende, dass nicht der Ressourcenverbrauch die primäre Ursache des gesellschaftlichen Zusammenbruchs darstellt, sondern vielmehr die soziale Teilung der Gesellschaft. Da die Eliten zu lange in einer eigenen Lebens-Filterblase leben, erkennen sie nicht rechtzeitig die weiten gesellschaftlichen Implikationen ihres elitären Tuns und werden durch den Zusammenbruch am Ende überrascht.

Ahmed betont: „What we are seeing are (…) interconnected symptoms of the unsustainability of the global system in its current form.“

Steigende Lebensmittelpreise, die Konzentration des weltweiten Vermögens in den Händen weniger „Super-Unternehmen“, die Landnahme weiter Flächen armer Länder durch moderne Landlords und Unternehmen, explodierende Preise fossiler Energieträger und die weitere Bevölkerungsexplosion bei Beibehaltung eines gesellschaftlichen Elitensansatzes sind die Faktoren, so der Autor, die im Moment  durch ihre gegenseitige Wechselwirkung einen Kollaps sehr wahrscheinlich erscheinen lassen.

Er stellt am Ende fest: "Faced with the overwhelming scale of the multiplicity of global challenges we now face, a sense of disempowerment is understandable."

Dass dann ausgerechnet ein Brite bei der Frage nach Lösungsansätzen auf den weitreichenden systemischen Ansatz der deutschen Energiewende hinweisen muss, während wir hierzulande erst mit der Atomlobby und seit der Groko mit der Kohle-Lobby zu kämpfen haben, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Die mit der Energiewende verbundenen Änderungen der Paradigmen der ausbeuterischen Energiegewinnung, der Verschmutzung der Lebensgrundlagen und der zentralistischen und oligopolischen Struktur der Industrie hin zu einer Demokratisierung der Energiebereitstellung und der CO2-freien Emission besitzen vor dem Hintergrund der NASA Studie eben systemändernden Charakter.

Können, wollen, müssen Entscheider nicht systematisch denken?

Nun kann man sich fragen, wieso dies hierzulande durch die Entscheider nicht erkannt wird (was diese selbst natürlich mit Entrüstung von sich weisen würden)? Auch wir hatten vor ca. 2 Jahren eine thematisch ähnliche - wenngleich methodisch im Vergleich zur NASA-Studie nicht so high sophisticated - Studie herausgegeben, die sich mit der Interdependenzen der Megatrends befasst hat. Nicht zuletzt hatte unser Projekt www.futurechallenges.org, aus dem unsere Studie auch stammte, ursprünglich das Ziel, genau diese ganzheitliche Sichtweise auf globaler Verbindungen zu befördern.

Der Autor des Guardian geht an dieser Stelle diesen letzten Schritt der Frage nach der Vermittlung der Ergebnisse nicht. Meine Thesen auf Basis der eigenen Erfahrungen mit der Vermittlung dieses komplexen Themas im Zuge der damaligen Studie sind daher:
  • Die Hybris vieler Entscheider, die vermeintliche „Wahrheit“ zu kennen und die zu Entscheidungen Berufenen zu sein, verhindert ein Erlernen neuer Paradigmen und eines neuen Framings. Das Biotop der Entscheider enthält quasi keine Mechanismen zum Zwang zur Anpassung an veränderte Entscheidungsrahmen.
  • Interdisziplinäre Sichtweise sind nach wie vor kein Standardbestandteil der Vermittlung in den meisten Fächern der Universitäten. Im Gegenteil wird Interdisziplinarität allzu häufig mit einem negativ konotierten Generalismus gleichgesetzt. Problematisch wird diese extreme Fachlichkeit zunehmend, da mit dem Internet die Informationsgrundlage dafür vorliegt, dass fachlich vermeintlich richtige Entscheidungen schneller als früher durch fachfremdes Wissen von außerhalb des eigenen Forschungsbereichs als falsch erkannt werden kann oder in seinem Wahrheitsanspruch relativiert werden muss.
  • Politik und Wirtschaft haben nach wie vor keinen Weg gefunden, die mit dem Internet und dem Internet der Dinge anfallenden Big Data Umfänge sachgerecht zu verarbeiten. Politik und Wirtschaft sind in keiner Weise auf die Entscheidungswelt 2.0 vorbereitet. Während im Bereich der Programmierung und des Social Media Campainging nicht umsonst das Beta-Denken das handlungsleitende Paradigma darstellt, meint man in den traditionell denkenden und handelnden Hierarchien klassischer Unternehmen und Politik nach wie vor, stets eine „endgültige“ und „Einzig wahre“ Entscheidung treffen zu können und zu müssen. 

Worin könnte die Lösung liegen?

Eine eindeutige Antwort auf diese Frage käme der Hybris gleich, für jedes Problem auch zeitnah eine Lösung zu haben oder diese zumindest schnell erreichen zu können.

Sollte es daher nicht vielmehr erst mal darum gehen, die miteinander verbundenen globalen Wechselwirkungen ansatzweise zu erkennen und zu verstehen? Während die Klimaforschung sich genau auf diesem Weg befindet, ist bspw. die ökonomische Forschung nach wie vor der Meinung, die Welt mit ihren Modellen bereits abbilden zu können. Vielleicht sollte es der erste Schritt, diesen Modelltheoretikern in der Wissenschaft, den Alpha-Gestalten in der Wirtschaft beizubringen, dass sie genau auf dem Weg der Elite sind, die die NASA Studie als Voraussetzung für das Scheitern der Gesellschaft beschreibt.

Freitag, 4. April 2014

Leben auf dem Land hat Zukunft!

Update, 5.4.2014

27. NPO Blogparade

Die aktuelle NPO Blogparade befasst sich mit der interessanten Wechselwirkung von Demografie, Internet und der Bildung von Netzwerken (im ländlichen Raum):

"Netzwerke im demographischen Wandel aufbauen - Chancen und Hindernisse?"

Die Organisatoren der Blogparade fragen nach Input und Blogbeiträgen unter besonderer Berücksichtigung der folgenden Gesichtspunkte:

Wie man lokale Netzwerke erfolgreich aufbaut.
Welche Hindernisse zu überwinden sind.
Welche Online-Tools sich in lokalen Vernetzungsprozessen bewähren.
Was örtliche Initiativen von digitalen Aktionsnetzwerken lernen können.
Welche Chancen, aber auch Probleme, die Netzwerkstrukturen mit sich bringen.
Wie man Jung und Alt zum Mitmachen motiviert.
Welche Rolle Netzwerke für den Wissenstransfer spielen.

Die Themenstellung finde ich äußerst interessant, da die Frage des Netzwerkens und der digitalen Infrastruktur hier nicht als Selbstzweck gesehen sondern in einen inhaltlichen Kontext gestellt wird. Von daher habe ich mir mal erlaubt, meinen nicht mehr tagesaktuellen Post, in dem ich mich vor einiger Zeit mal mit den Wechselwirkungen befasst hatte, nochmals zu verlinken.


Die Stadt aus Sicht der Toskana-Fraktion

Städte sind hip, man geht zum Altern zurück in die Stadt, Latte Macchiato nach dem Theaterbesuch schlürfen und wohnen in altersgemischten Quartieren ist die Art von Alterung, die sich die Baby-Boomer in Funk, Fernsehen und Printmedien selbst zurechtschreiben. Da hat die nette Oma von nebenan nichts anderes im Sinn und zu tun als regelmäßig auf die Kinder des Doppelverdienerehepaars aus der Nachbarschaft aufzupassen. Sind die Kinder dann älter, bringen sie dann natürlich auch gern den Müll der Omas und Opas aus der Nachbarschaft mit vor die Haustür, so die realitätsfernen Vorstellungen der Berufsgruppe mit dem höchsten Anteil an Kinderlosen.


Ich glaube, dass deren relativ pauschal vorgetragene These, dass der demographische Wandel quasi automatisch zu einer Rückkehr in die Innenstädte führen wird, so zukünftig nicht mehr zu halten sein wird. Bei den bisherigen Überlegungen zu den Auswirkungen des demographischen Wandels ist die Rolle und die stark steigende und in Zukunft sogar noch elementarere Bedeutung von Internetinfrastrukturen nicht berücksichtigt worden.

Sonntag, 30. März 2014

Tritt der Daten-Journalismus auf der Stelle?

Daten-Journalismus im Jahre 2010

"Einerseits werden Daten nicht allein dadurch sinnvoll und verwendbar, dass sie sehr schön und flexibel aufbereitet werden; andererseits sollte man nicht unbedingt programmieren können, um die Daten für seine Arbeit zu verwenden“, so hatte ich vor 3 1/2 Jahren in einem Blogpost die Herausforderung beschrieben, vor der der Daten-Journalismus stand.

Daten-Journalismus im Jahre 2014

Auf QZ.com titelt nun ganz aktuell Allison SchragerThe problem with data journalism“ und stellt fest: "But they can’t just hire graphic designers to make pretty pictures. Making sense out of raw data requires more analytic firepower and more willingness to do independent research than journalists have traditionally been comfortable with“.

Hat sich der Daten-Journalismus die letzten 3 Jahre wirklich nicht weiterentwickelt?

Ein sehr anschauliches Beispiel dafür, was dabei herauskommt, wenn tolle Graphiker mit der Erstellung einer schön anzusehenden Infographik beauftragt werden, liefert diese aktuelle Übersicht über Migrationsströme zwischen verschiedenen Weltregionen in vier 5-Jahres-Perioden. Am Ende werde ich aber mit der Frage allein gelassen: Was sagen mir die bunten Flächen und Pfeile außer der Tatsache, dass sich Menschen bewegt haben?

Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital
CC BY-NC 3.0
Haben Programmierer sowie Wissenschaftler auf der einen und Journalisten auf der anderen Seite nach wie vor nicht den Weg zueinander gefunden?

Auf der vor kurzem veranstalteten #SMWHH hatte es auf dem entsprechenden Podium den Hinweis gegeben, dass in den Redaktionen der traditionellen Medien nach wie vor "zu viele Germanisten“ aktiv seien. 

Wenngleich diese Sichtweise auf der einen Seite sicherlich eine übertriebene Pauschalierung darstellt und auf der anderen Seite auch Programmierer lernen müssen, im Sinne der Konsumenten ihrer Graphiken zu denken, beschreibt dies doch das weiter bestehende Dilemma des Daten-Journalismus.

Schrager identifiziert insgesamt mehrere Defizite (ja, es gibt natürlich auch Gegenbeispiele):
  • Daten geben sowohl dem Leser als auch dem Journalisten ein falsches Bild von fachlicher Autorität. Das Beschreiben von Daten sei etwas anderes als deren inneren Kontext zu verstehen (stimmt!)
  • Daten würden zu sehr zum Bestätigen der eigenen vorgefassten Meinung genutzt statt die eigene Beurteilung mit Hilfe neuer Daten zu hinterfragen.
  • Journalisten sind nicht speziell darin geschult, Daten wissenschaftlich korrekt in ihre Recherche einzubinden (These aufstellen, Datenkontext herstellen, These hinterfragen, Datenrelevanz beurteilen) und daraus eine "Storyline" zu entwickeln 
  • Journalisten sind nicht darin geschult, die „Richtigkeit“ und Konsistenz der genutzten Daten zu überprüfen.
  • Es besteht nach wie vor die Meinung, dass einfache Kausalitäten für einen Beitrag zu „langweilig“ seien. In der Wissenschaft sei man nicht so sehr von dieser Hybris bezüglich der Interpretationsfähigkeit komplexer Datensätze geprägt.
Schrager liegt aus meiner Sicht mit ihrer Analyse und dem Hinweis auf die Wichtigkeit des Daten-Journalismus vollkommen richtig.

Datenjournalismus im Jahre 2018?

Mal sehen, ob sich die Erkenntnis in den nächsten 4 Jahren weiter verbreitet. Es sei solchen Pionieren der deutschen datenjournalistischen Szene wie dem Open Data City-Team und Marco Maas gegönnt, dass sie mit ihren am Leser orientierten Infographiken, die es zudem sehr prima verstehen, eine interessante Geschichte, einen Plot, systematisch und konsistent aus den Daten abzuleiten, von den Medien ausreichend Beachtung zugesprochen bekommen. Die Durchsicht ihrer mit etlichen Preisen ausgezeichneten Infographiken und Plattformen sei jedem Journalisten ans Herz gelegt. Da ist sicher ein großes Lernpotenzial vorhanden, sofern man nicht gerade damit beschäftigt ist, vom hohen Ross herab auf den #Hoodie_Journalismus zu schauen. Team-Arbeit im Sinne von Arbeitsteilung ist das Erfolgsgeheimnis, das eigentlich keines ist, aber eine entscheidende Änderung der individualistischen Arbeitskultur bedingen würde.

Hierzulande besteht aber ja im Qualitäts-Journalismus nach wie vor nicht der große Anpassungsdruck in der Anwendung neuer Methoden wie im englischsprachigen Ausland sowie in Skandinavien. Noch nicht.

Donnerstag, 20. März 2014

Gehackte Herzschrittmacher, die isländische Finanzkrise und ein Paket für Assange

In den letzten Wochen gab es wieder einige interessante Aktivitäten rund um die Problematik der flächendeckenden Schnüffelei gegen unschuldige Bürger weltweit, über die in den tradierten Massenmedien wie so oft nicht berichtet wird, die aber gerade im Falle des Vortrags von @Doctorow einen pragmatischen Ansatz böten, die Problematik der NSA endlich auch den technikfernen "braven" Bürger näher zu bringen. Herzschrittmacher können nicht nur Gutes bewirken... (s.u.)

Delivery for Mr. Assange - Video Art Projekt der Bitnik-Mediengruppe

In diesem Video Art Projekt ging es um ein Paket, das mit einer ständig aufnehmenden Foto-Kamera im Innern ausgerüstet, Schnappschüsse der Umgebung während seiner Reise von der Paketannahme bis zu Julian Assange in der Botschaft des Landes Ecuador in London machte. Die Zusammenstellung der Darstellung des Weges der Kamera mit den schriftlichen Kommentaren und der Ton-Gestaltung erzeugt eine beklemmende Atmosphäre, in der "Licht" und "Offenheit" plötzlich eine größere Bedeutung erlangen.



Icelandic Modern Media Initiative und Finanzkrise: Wie passt das zusammen? (sehr gut)

Die Filmemacherin Paula Lázaro hat einen interessanten Film über die International/Icelandic Modern Media Initiative (bzw. das aus der Initiative hervorgegangene Institut) gedreht. Der Film reiht in nüchtern analysierender Abfolge Interviews von Aktivisten aus Island aneinander, die in verschiedenen Funktionen an der Bewältigung der isländischen Finanzkrise beteiligt waren. Darunter befindet sich, und das freut uns als Blogger-Projekt Futurechallenges.org natürlich umso mehr, @BirgittaJ, die in den letzten Jahren das eine oder andere Mal Rednerin auf unseren Veranstaltungen gewesen ist.



Die demokratische Funktion eines Datenfreihafens

Die IMMI ist als Antwort und Erfahrung aus der Finanzkrise, die auch Island vor einigen Jahren erfasst hatte, zu verstehen. Es beschreibt sein Ziel wie folgt:

The International Modern Media Institute is an Iceland-based foundation working towards rethinking media regulation, securing free speech and defining new operating principles for the global media in the digital age. We want to help better protect freedom of the press the world over by researching best practices in law and promoting their widespread adoption. IMMI, the institute, aims to further drive the implementation of this legal framework as well as help scholars, activists and lawmakers achieve similar legislative change in their own countries.

Während in der Folgezeit die Finanzkrisen in einzelnen südeuropäischen Staaten stets nur als isolierte volkswirtschaftlich und finanzpolitische singuläre exogene Erscheinungen gesehen wurden und man sich damit nicht mal näherungsweise den eigentlichen gesellschaftlichen Ursachen der Krisen genähert hat, hatte man in Island von vornherein erkannt, dass diese Finanzkrise das Ergebnis einer nicht funktionierenden Medienlandschaft, Intransparenz in der Politik und der Machtansammlung in einzelnen Bereichen der Wirtschaft gewesen ist.

Von daher war es nur mehr als folgerichtig, dass als Lehre aus der Finanzkrise nicht nur Bänker Gefängnisstrafen antreten mussten und der Finanzsektor strenger reglementiert wurde; v.a. die IMMI wurde zu einer wichtigen Voraussetzung dafür, dass nicht erneut wirtschaftliche und politische Macht infolge von Intransparenz soweit angehäuft werden kann (s.a. Ukraine), dass der Staat zu implodieren droht. Wie es @BirgittaJ auch anmerkt: Ohne ausreichenden Zugang zu Informationen, können keine guten Entscheidungen durch die Menschen getroffen werden.

"Everytime a story (in the net) is taken down its a modern type of book burning"

Die Doku geht auf verschiedene Aspekte der Debatte um den Schutz der Privatssphäre, den Informantenschutz, die Vorratsdatenspeicherung, die Nutzung des Copyrights zu politischen Zwecken, die Pressefreiheit ein. Empfohlen sei die Doku für Alle, die sich einen Überblick über die aktuelle internationale Debatte zu den genannten Aspekten verschaffen wollen.

Dass allerdings die Tragweite eines international sicheren Datenhafens für das Funktionieren einer Demokratie auch nur in Ansätzen durch relevante Entscheider außerhalb der Szene erfasst wird, bezweifle ich.

Here is how we take back the internet - E. #Snowden bei TED

Snowden formuliert gleich am Anfang seines Vortrags vor der TED-Community, worum es ihm grundsätzlich mit der Veröffentlichung der Dokumente geht:
  • Welche Art der Regierungsweise wollen wir uns zukünftig geben?
  • Welche Art des Internets wollen wir nutzen?
  • Welche Rolle spielt der Einzelne dabei?



Es geschehen Dinge bei den Geheimdiensten, ohne dass darüber öffentlicher Konsens besteht und ohne Kontrolle durch die Öffentlichkeit, ja nicht einmal durch die Politik, 

Die Aktivitäten der Geheimdienste sind bis dato in den (post)demokratischen Staaten nie diskutiert, geschweige denn gut geheißen oder kontrolliert worden. Diese Debatte soll, so Snowden, durch die Veröffentlichung der Dokumente angeregt werden. Hier treffen sich Snowden und Jonsdottir in ihrer Argumentation: Transparenz ist die Voraussetzung für Kontroll- und Entscheidungsfähigkeit.

Eine andere Art der Kontrolle der Geheimdienste und der Entscheidungen ist zur Zeit nicht möglich, da alle Entscheidungen im Geheimen getroffen werden und durch die nicht nachvollziehbare Tätigkeit von Geheimgerichten begleitet werden.

Er begegnet der Frage, wieso man etwas geheimhalten solle, wenn man ein unbescholtener Bürger sei, mit dem Hinweis, dass man seine Rechte aufgibt; die Rechte bzw. das Bestehen auf diesen können dann irgendwann in der Zukunft relevant werden. Darüber hinaus sollen Menschen in einer freien Gesellschaft ganz einfach das Recht auf geschützte Kommunikation haben.

Er stellt des Weiteren eine feine Unterscheidung zwischen der internen US-Debatte und der Außenwirkung der Schnüffelei an, die so nach wie vor nicht in der US-Debatte angelangt ist: Man muss zwischen dem öffentlichen und nationalen Interessen unterscheiden. Die US Politik, so Snowden, ist nicht fähig, die negative Relevanz ihrer zerstörerischen Agitation und Überwachung mit Blick auf die globalen Beziehungen der Menschen und Ländern zu erfassen. Nationales Interesse ist es nicht, einen Krieg im Irak zu führen sondern die Beziehungen der USA auf globaler Ebene zu anderen Ländern zu pflegen; die Überwachung widerspricht daher dieser Art von nationalen Interessen.

Interessant ist, dass er dabei auch explizit auf die Schnüffeltätigkeiten der NSA im Berliner Regierungsviertel hinweist. Dass die Frage der Aussenwirkung der Schnüffelei dem Moderator an dieser und anderen Stellen des Vortrags entgeht, stellt aber nach Betrachtung der US-Bauchhabelschau auch weiter Teile der nordamerikanischen Bürgerrechtler keine wirkliche Überraschung mehr dar.

Am Ende des Vortrags verweist er darauf, dass es in einer Demokratie nicht das Problem sein darf, die Wahrheit zu sagen sondern dass es undemokratisch ist, Bürgerrechtler und Journalisten ohne jede juristische Grundlage in der Öffentlichkeit zu kriminalisieren und sogar deren Hinrichtung zu fordern.

How to break the Internet, destroy democracy and enslave the human race (or not)

Dass Cory Doctorow tatsächlich mal Keynote-Redner bei der Verbraucherzentrale sein würde, hätte ich vorab so nicht vermutet. Es ist aber schön, wenn einem doch ab und an solch positive Überraschungen begegnen. Ich kann jedenfalls der @VZBV nur zu diesem großartigen Redner und dem Vortrag gratulieren. 


Der Ansatz von @Doctorow, das Thema Überwachung den Menschen durch Alltagsbeispiele näher zu bringen, ist erstaunlicher Weise techniknäher und zugleich mehr am Verbraucher orientiert. Mit seinen Beispiel aus dem Alltag des Durchschnittskonsumenten wie den Backdoors in den Routern ist er fähig, die Problematik der unbegrenzten Schnüffelei den Menschen näher zu bringen. Speziell das Beispiel der gehackten Herzschrittmacher, mit denen die Träger selbst oder aber Dritte hingerichtet werden können, ist geeignet, auch dem technikfernsten Verbraucher die Dramatik der Überwachung vor Augen zu führen.

Devices, deren Mikros und Kameras potenziell immer on sind, Hörgeräte, Computer zur Steuerung von großen Gebäuden, Autos, Flugzeuge sind alles potenzielle Ansatzpunkte für die Übernahme einer Steuerung durch einen Hack und damit der Verursachung eines immensen persönlichen oder gesellschaftlichen Schadens.

Hintertüren, die die Firmen verpflichtet sind, in ihren Geräte einzubauen, können auch für privat-kriminelle Aktivitäten genutzt werden. Dazu zitiert er das allseits bekannte Bonmot: "Insecurity is a feature and not a bug“

Da die eigenen Geräte in einem epidemisch unsicheren Netzwerk arbeiten, hat der einzelne Anwender, so Doctorow, keinerlei Chance, seine Geräte gegen Überwachung abzusichern.

Neben der individuellen Risiken und Verwundbarkeit spielen aber eben in der Summe dieser individuellen Betroffenheiten die daraus resultierende Risiken für das Funktionen der technikbasierten Gesellschaft eine Rolle.

Was bleibt?

Bisher schien es eigentlich, so zumindest der Tenor auf den großen Blogger- und Hackertreffen wie der #RPxx und dem 30C3 - dass Verschlüsselung und damit auch die Nutzung von TOR in Kombination mit VPNs einen gewissen Schutz vor all diesen Schnüffeleien böten, die die Geheimdienste gegen ihre eigenen Bürger anstrengten und die von Jonsdottir, Snowden und Doctorow immer wieder zu Recht als Gefahr für die Demokratie (s.o.) genannt werden.

Seit der letzten Enthüllung von Snowden sind wir aber wieder ein Stück weit desillusioniert. Nicht nur die Meta-Daten von VPN-Verbindungen sondern auch die Inhalte der Kommunikation selbst können also von entsprechenden Programmen „entschlüsselt“ werden.

Wie wird sich die Erkenntnis des Bürgers, dass er dem Staat gegenüber vollkommen schutzlos ausgeliefert ist, dessen konstituierendes Element er selbst ja eigentlich darstellt, auf das Wesen unserer Demokratie auswirken?

Donnerstag, 13. März 2014

#AnalogeAgendaDE

Update März 2014


Kein Zugang zum Netz - deutsche ICEs
Foto: Ole Wintermann

Die Wiederkehr des Notizzettels

Jetzt sitze ich hier 2 Jahre nach meinem ersten Text (s.u.) über die miserable Internetverbindung in deutschen Zügen im ICE ganz klassisch vor einem digitalen Notizzettel. Vor 15 Jahren hatte dieser Zettel noch analoge Gestalt, heute kommt er in digitaler Gestalt - aber offline auf dem PC - daher. Auf diesen Zettel schreibe ich all den Ärger, der sich ergibt, wenn man jahrelang versucht, in deutschen Zügen online tätig zu sein, und die Versorgung letztlich schlechter ist als in Überlandbussen der Türkei oder inzwischen auch in Fernbussen in Deutschland. Der absolut frustierende Versuch, aus einem ICE Richtung Berlin heraus mit einem UMTS-Stick in das Internet zu kommen, wurde inzwischen in seiner Hoffnungslosigkeit abgelöst durch den Versuch, durch bordeigene Hotspots der DTAG im Zug das Netz nutzen zu können. Erst zahlt man, dann funktioniert die Anbindung an den Router oder das Wlan nicht, weil wahrscheinlich zu viele Mitreisende das Netz ebenfalls nutzen wollen.


Analoge Agenda Deutschland?

Da stellen sich in diesen Tagen die politischen Führungskräfte Merkel und Dobrindt vor die Kameras des linearen Analog-TV u.a. auf der Ingenieur lastigen Cebit Veranstaltung, das in seiner öffentlich-rechtlichen Berichterstattung den Flair der magentafarbenen T-Com-Aktien-Werbung der 1990er Jahre versprüht, und verkünden, wie wichtig dieses Internet und die entsprechende Infrastruktur in den nächsten Jahren sei.

Welche Regierung hat denn die international miserable Infrastruktur zu verantworten? Wie oft haben in den Jahren der gelb-schwarzen Koalition die Marktapologeten der FDP in den entsprechenden Gremien und Enquete-Kommissionen immer wieder erst darauf hingewiesen, dass dieses Defizit der Infrastruktur der Markt lösen müsse (in den USA wartet die Straßeninfrastruktur seit 50 Jahren auf die Einlösung dieses marktlastigen Heilversprechens) und als dies nicht in Erfüllung ging, dann darauf verwiesen, dass LTE die Lösung aller Versorgungsprobleme sein werde.


Die Pioniere haben die Kugeln immer im Rücken

So beschrieb es mal einer unserer Projektpartner. Sieht man sich die Netzpolitiker der großen Parteien an, so fällt auf, dass an den entsprechenden Schaltstellen der Fachministerien jetzt eben nicht die langjährig aktiven Netzpolitiker sondern konservative Themenopportunisten sitzen, die versuchen, das Thema zu kapern, um sich damit zu profilieren, die aber nicht im geringsten eine Netzvergangenheit besitzen und daher wenig thematische Glaubwürdigkeit - eine Währung des Netzes - besitzen. Kein Wunder, dass aus dieser Position heraus Versprechen getätigt werden, deren technische Umsetzung und Finanzierung vollkommen ungeklärt ist. Aber eines muss man ihnen lassen: Sie können sich medial besser verkaufen als diese so nerdigen sachorientierten Netzpolitiker.


Es wird die gewohnte Beschwichtigung einsetzen

Und? Wird man fragen. Wo ist das Problem, wenn dieses Thema jetzt von vollkommen fachfremden Menschen endlich vorangebracht wird? Muss man nicht vielmehr dafür dankbar sein, dass das Establishment endlich die Relevanz des Themas erkennt und sich darauf stürzt? Ja, man könnte dieser Meinung sein. Man könnte aber auch hinterfragen, wie Prozesse der Innovation in einer alternden Gesellschaft ablaufen. Eine wie die deutsche stark alternde Gesellschaft ist auf Innovationen junger Menschen angewiesen, denen dann auch die Mittel in die Hand gegeben werden müssen, um diese Innovationen alltagstauglich umzusetzen.


Welches Signal sendet also dieser politische Opportunismus?

Ist es nicht vielmehr das Signal, dass im Silicon Valley (Seht euch den Kai Diekmann an) die Chancen der Umsetzung größer sind, dass sich eine alternde Gesellschaft gegen jede neue technische Innovation sperrt und stattdessen dem Buchdruck huldigt, dass die politische Ökonomie dieser Gesellschaft Rentenerhöhungen vor Bildung und technische Inventionen stellt? Dass der vertraute VW Golf wichtiger als dieses Netz mit seinen Facebook-Partys ist?


Blogpost aus Februar 2012

Die Argumente sind alle ausgetauscht. Mit einer buddhistisch inspirierten Ruhe verweist die FDP in der Frage des Breitbandausbaus in Deutschland immer wieder auf den Markt. So war im Rahmen des netzpolitischen parlamentarischen Abends von dem Vertreter der FDP gar zu hören, ein weiterer kabelgebundener Ausbau sei nicht notwendig, da der neue LTE-Standard eine leichtere Umsetzung des Ziels einer umfangreichen Breitbandversorgung garantiere. Dass dies in der Pauschalität nicht haltbar ist, ist selbstredend nachvollziehbar.

Wie sieht aber die Realität aus? 

Der Software-Entwickler Matthias Bauer (alias @Moeffju) hatte in seiner Aktion "Wir sind Einzelfall" zur Klärung der O2-Verbindungsprobleme ausdrücklich auf die Probleme in den Städten hingewiesen. Bis heute ist in den deutschen Großstädten keine flächendeckende Versorgung mit UMTS erreicht worden; vor dem Hintergrund dieser Praxiserfahrungen ist der Hinweis der FDP auf den Markt und den LTE-Standard schon kurios.

Ich war in den letzten Tagen 5 Stunden in ICEs zwischen deutschen Großstädten unterwegs. In den 5 Stunden hatte ich ca. eine halbe Stunde einen solchen Empfang, der zumindest das Aufrufen von Seiten wie SPON ermöglicht hat. Ansonsten war zumeist gar kein Empfang bzw. ein Empfang im GRPS-Standard erreichbar, der aber allenfalls zum Austausch von SMS ausreichend ist. Bei meinem Aufenthalt in der Berliner Innenstadt war direkt am Fenster des Hotels ebenfalls nur GPRS-Empfang möglich. Der Internetzugang für 1 Tag kostete vor Ort - auch das eine Besonderheit in deutschen Hotels - 15 Euro.

Auf dem Rückweg aus der großen Stadt in das flache Land hinein musste ich dann einem verdutzten Schweden erklären, dass es in Deutschland quasi keinem ICE mit wlan-Empfang gibt (nachdem die Schaffnerin mit Unverständnis auf seine Frage nach Internetzugang reagiert hatte). Wie soll vor dem Hintergrund einer solchen Realität ein Hinweis auf die Marktkräfte ernst genommen werden? Wieso bieten Städte in Schweden öffentliches wlan an? Wieso kann selbst in türkischen Überland-Bussen wlan-Empfang gesichert werden? Und wieso kann dies in Deutschland nicht umgesetzt werden? Die Lücke Das riesengroße Loch in der Internetversorgung im deutschen Bahnverkehr wird langsam zu einem Ärgernis und wahrscheinlich auch zu einem Standortnachteil. Es reicht dabei nicht das Fokussieren auf die inneren Innenstädte, die ja demnächst mit LTE versorgt werden sollen. Denn das ist allein Marketing der Telekomunternehmen, die Rosinenpicken mit Blick auf die Rendite an diesen Standorten betreiben. Eine Grundversorgung mit einem ausreichenden und tatsächlich flächendeckenden Internetzugang kann nicht allein mit Marktmechanismen erreicht werden; diese Erkenntnis gehört zum Grundstudium eines jeden angehenden Volkswirtes.
Die typische Antwort eines Marktradikalen wäre, dass der Markt aufgrund von Politikversagen nicht funktionieren kann. Diese Vorhersehbarkeit ist so langweilig.

Mittwoch, 5. März 2014

#TTIP: Geht es um Menschen oder Märkte?

Es soll ja Politiker, Aktivisten und sonstige Menschen geben, die sich jeder Art von Austausch verweigern, nur weil die "Gegenseite" in einem politisch interessanten Themenbereich vielleicht gänzlich anderer Meinung ist.

Das geplante Freihandelsabkommen #TTIP ist solch ein Beispiel, dass viel Konflikt- und Diskussionspotenzial für stark divergierende Ansichten zu einem und demselben Theme bietet, da Lebensbereiche betroffen sind, die stark durch Werte und Emotionen (Stichworte: Genmais und Chlorhünchen) bestimmt sind. Trotz dieser Emotionen muss es aber möglich sein, miteinander zu reden und zu versuchen, die Sichtweise des jeweils anderen zu verstehen.

Aus diesem Grund habe ich gern das Angebot der Jungen Transatlantiker angenommen, auf deren Blog, der sich recht offensichtlich pro TTIP positioniert, einen gegenüber TTIP eher sehr kritischen Artikel zu posten.

#TTIP: Geht es um Menschen oder Märkte?

Mitte 2013 haben sich das Projekt Futurechallenges.org der Bertelsmann Stiftung, dasInternet und Gesellschaft Collaboratory sowie das Berlin Forum on Global PoliticsGedanken darüber gemacht, in welcher Weise und in welche Richtung die bis dato relativ einseitige Debatte um das Transatlantic Trade and Investment Partnership (kurz: TTIP) zwischen der EU und den USA um weitere Perspektiven ergänzt werden könnte. Ergebnis unserer Überlegungen waren ein Magazin-Sprint und ein wissenschaftlich ausgerichteter Call for Papers (CfP). „Globalisierung im Schatten der Überwachung“ lautete schließlich der Titel des Magazins. „The Transatlantic Colussus“ ist der Titel der Publikation mit internationalen Beiträgen aus dem CfP, welche sich dezidiert mit dem TTIP-Abkommen aus vielerlei verschiedenen Blickwinkeln befasst. Beide Publikationen sind unter CC-Lizenz frei verfügbar.


Samstag, 1. März 2014

Das #Bombergate der Piraten: Kleinteiliger Aktionismus statt weitsichtiger Politik 2.0 in einer alternden Gesellschaft

Die Piraten als Gegenkonstrukt einer alternden Gesellschaft?

Die Piraten sind gerade damit beschäftigt, sich selbst zu zerstören. Nachdem es in der Vergangenheit schon eine ausreichende Zahl von "#gates" gegeben hat, die immer wieder Anlass zur innerparteilichen Debatte waren, ist das aktuelle #Bombergate sehr "gut" dafür geeignet, eine nachhaltige Schädigung der Partei nach sich zu ziehen.

Warum aber sollten innerparteiliche Debatten einer Partei, in der man noch nicht einmal Mitglied ist, von Interesse für Nicht-Mitglieder sein?

Weil die Piraten gerade dabei sind, hoffnungsvolle Ansätze einer neuen Art der politischen Willensbildung und Entscheidungsfindung, die wir in der stark alternden Gesellschaft dringend bräuchten, zu diskreditieren (vielleicht sollte man nicht gleich von einem Kollateralschaden innerparteilicher Debatten sprechen). Es gibt zur Zeit keine tradierten oder (FDGO) Splitterparteien, die in ähnlicher Weise das Zustandekommen von Politik in den Mittelpunkt ihrer eigenen Arbeit stellen.

Piraten: In interne Gespräche vertieft
CC BY-NC-SA 2.0

http://www.flickr.com/photos/zam_pano/3913644621/sizes/l/in/photostream
Digital Awareness Gap?

Als die Piratenpartei 2006 zu Anfang in Schweden und später dann auch in Deutschland gegründet wurde, verstanden sich die ersten Mitglieder als eine Antwort der Onliner-Generation auf die unzulängliche Befassung der älteren Offliner-Generation mit dem Netz sowie den netzpolitischen Auswirkungen des Internets, die Bedeutung für alle unsere Lebensbereiche haben (FRA-Gesetzgebung, Pirate Bay). Wer kennt als netzpolitisch Aktiver oder technisch/internet Affiner nicht die genervten Blicke der Zeitgenossen, die sich immer wieder darüber wundern, warum sich diese Nerds/Geeks/Hipster denn immer wieder mit den technischen Tools und Fragen beschäftigen; leicht wird dies als Technikfixiertheit missverstanden, da vielen Offlinern die sozialen und gesellschaftspolitischen Implikationen der Technik und des Internets aufgrund fehlender eigener Anwendungserfahrungen bis heute nach wie vor nicht mal in Ansätzen bewusst sind. Dieses fehlende Bewusstsein über die realen Auswirkungen der Digitalisierung ist nach wie vor eine der größten Hürden für den dauerhaften Ausbruch der Piraten aus der Wähler-Filter-Bubble. Vergleiche zu den anfangs als "grüne Spinner" titulierten Umweltaktivisten der 1970er Jahre drängen sich mehr als auf.

Die Piraten hätten "Zukunft" in die alternde Gesellschaft einbringen können

Es handelt sich aber eben um die sozialen und realen Auswirkungen der Technik, die letztlich zum Gegenstand von Netzpolitik geworden sind. Darum ist Netzpolitik keine Nischenpolitik von autistischen und allein vor den PCs sitzenden Nerds - so das nach wie vor beliebte Vorurteil - sondern vielmehr das Zukunftsfeld von Politik.

Nun ist es aber so, dass Zukunft in einer Gesellschaft, die inzwischen zu den ältesten weltweit gehört, auf der Liste drängender politischer Gestaltungsnotwendigkeiten nicht unbedingt ganz oben steht. Ganz oben auf der Agenda einer stark alternden Gesellschaft stehen Mütterrente und Rente mit 63 für einen Personenkreis, der bereits heute der vermögendste der gesamten Bevölkerung ist.

Investitionen in Bereiche, die für die junge Generation ihren zukünftigen Alltag bestimmen werden, sind in einer solchen politischen Ökonomie nicht willkommen; Bildung, Klimawandel, digitale Infrastruktur - alles keine wirklich relevanten Themen in einer überalterten Gesellschaft. Allenfalls "Investitionen in die Straßeninfrastruktur haben Chancen auf Umsetzung, geht es dabei doch darum, die vielen neuen Autos, die v.a. von den Älteren gekauft werden (können), sanft über neue Straßen fahren zu lassen.

Wohlwollend begleitet und orchestriert wird diese politische Ökonomie durch viele Totholzpublikationen in Form von Tageszeitungen sowie zwangsfinanzierten dem Wettbewerb um Zuschauer nicht ausgesetzten öffentlich-rechtlichen TV-Sendern, die in schöner Regelmäßigkeit auf die Gefahren von Cyber-Mobbing, Facebook-Partys, Cyberwar, Online-Kriminalität hinweisen und damit die Offenheit der mittleren bis älteren Bevölkerungsteile gegenüber dem neuen Medium regelrecht zerstören und damit die Ausgangslage der jungen Generation nachhaltig verschlechtern.

In dieser nicht-nachhaltig agierenden Gesellschaft und Politik hätte es eines systemirritierenden Moments gebraucht, der dazu geeignet gewesen wäre, die unheilvolle Allianz von eingefahrener auf Renten fixierter Klientelpolitik, internetfernen Traditionsmedien und der Logik politischer Akteure, die ausschließlich auf ältere Wähler (50+) fixiert sind, aufzubrechen. Eine zeitlang konnten die Piraten diese systemirritierende Rolle spielen.

Die Selbstbefassung der Piraten, die aus meiner Sicht mit dem Aufbrechen nicht enden wollender kleinteiliger subkultureller Gender-Debatten und politisch korrekten Sprachgebrauch begann, ist damit nicht nur für die Partei selbst ein Problem, sondern indirekt auch für die Politik in diesem Lande insgesamt.

Aktuell: Bauchnabelschau statt gesellschaftspolitischer Weitsicht

Bei Durchsicht vieler Blogbeiträge, die aktuell von Piratenmitgliedern verfasst worden sind, wird mehr als deutlich, dass diese gerade stattfindende Debatte absolut selbstreferenziell ist. Man verweist aufeinander, nimmt Bezug auf Personen, Namen, Tweets, die alle miteinander vernetzt scheinen. Ab und und zu hat man den Eindruck, sich wieder auf dem Schulhof seiner Jugendzeit zu befinden, auf dem nach einem kritischen Vorfall jeder auf den anderen zeigt und sich in der Gesamtheit alle nur um sich selbst drehen. Ähnlich wie auf dem Schulhof wird dabei der gesellschaftliche Kontext, in den die Debatte ja eigentlich eingebettet ist, zumeist gar nicht beachtet. Interne Debatten sind wichtig; sie sollten aber - wie am ehesten noch im Beitrag von @Impertinenzija - auch einen Bezug zur externen Politik haben:

@Fabio_Reinhardt: It´s about framing - ein (Er-) Klärungsversuch
Asemann.de: #Bomberbate reframed
@KompaLaw: Piratenpartei leitet die Selbstzerstörung ein
@Kopf_zu_Tisch: #Bombergate - eine Inszenierungsposse?
@netnrd: #PiratLinksLiberal - eine Positionierung
Rebellen ohne Markt: Die Nackte, der Knipser und die Lügen und Die hoaxige Femen-Demonstration in Dresden
@Impertinenzija: Ich bin nicht Anne

Währenddessen rückt die Europa-Wahl näher. Gesellschaftlich relevante Themen wie TTIP kommen in Sicht und Piraten wie +Bruno Kram oder @ankeD werden mit ihrer Sacharbeit sowohl innerhalb der Piratenpartei als auch durch die Mainstream-Medien anscheinend überhaupt nicht wahrgenommen.

Wird die Netzpolitik durch den Mainstream vereinnahmt aufgegriffen?

Nachdem die netzpolitische Community bereits seit Jahren immer wieder hervorhebt, wie Deutschland heute bereits dem Ausbau der digitalen Infrastruktur im internationalen Vergleich hinterher hinkt, ist dieses Thema mit der #GroKo nun eventuell ganz oben an der Spitze der deutschen politischen Entscheider-Pyramide angekommen. So hat die Bundeskanzlerin bei ihrem Besuch in London vor einigen Tagen endlich zur im internationalen Vergleich schlechten digitalen Infrastruktur in Deutschland Stellung genommen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich eher um eine politische-strategische Vereinnahmung als weniger um einen nachhaltigen Kurswechsel handelt. Die Offenlegung dieser offensichtlichen Taktik - auch hier sind wieder Vergleiche zu den Versuchen der damaligen SPD, die Umweltpolitik zu vereinnahmen, offensichtlich - wäre eine strategische Chance der Piraten.

Denn kann es sich ein Land, das dermaßen auf Exporte und die eigenen Wissensressourcen angewiesen ist, in Zukunft noch leisten, jahrelang die Hinweise einer jüngeren Generation auf Defizite in einem Zukunftsfeld allein deshalb zu ignorieren, weil die ältere Generationen in einer persönlich auch immer wieder erlebten Mischung aus Ignoranz, Arroganz oder Fehleinschätzung nicht fähig ist, die Relevanz eines Zukunftsthemas zu erkennen, geschweige denn zu akzeptieren und für sich anzunehmen?

An dieser Stelle könnten die Piraten eine wichtige zukünftige Rolle in der deutschen Politik spielen. Methoden und Formate, die bei den Piraten mehr oder auch weniger Anwendung finden - Piratenpads, Mumble, Wikis, LQFB, die ständige Mitgliederversammlung, Twitter, usw - sind - und da kommt wieder die soziale Dimension der Technik ins Spiel, eine ideale Möglichkeit, um das festgefahrene politische System zu irritieren. Diese technikbasierten Tools bringen eingefahrene Prozesse ins Wanken, können Hierarchien auflösen, bringen sehr viel innovativere Ideen hervor als klassischen Verfahren, können in kürzester Zeit große Umfänge an wichtigen Content erzeugen, befördern die Kommunikation.

Stattdessen erleben wir aber gegenwärtig als externe Beobachter bei den Piraten, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, Genderismus, Femen-Geschrei, Nazi-Unterstellungen (alles Nazis außer Mutti), Unisex-Toiletten, gegenseitige Drohungen verschiedenster Art.

Wer nicht für uns (Linke) ist, ist gegen uns (und ein Nazi)

Aber nicht nur das: Lange Zeit hatten in den Medien auftretende Piraten zu Anfang der medialen Wahrnehmung immer wieder betont (zu recht wie ich finde), dass der Ansatz der Partei nicht in ein Rechts-Links-Schema gepresst werden können und es keine eindeutigen in einem klassischen Parteienschema verortenbare Positionen in der Politik mehr geben könne. Nun hat ausgerechnet #Bombergate den Anlass dafür gegeben, dass Flügelkämpfe zwischen Links und Liberal offenbar geworden sind und ausgerechnet der linke Flügel eine eindeutige Verortung im klassischen Parteienschema fordert - und damit in eine vollkommen tradierte klassische Politik 1.0 zurückfällt (sinnbildlich für die von linker Seite beförderte strikt gewollte Bipolarität der Positionen - auch aus externer Sicht - auf Ephemera nachzulesen). Dies muss umso bedenklicher erscheinen, als dass die gedankliche und ideologische Logik - seid ihr nicht für uns, so seid ihr mit unseren Gegnern gegen uns - Schwarz-Weiß-Denken nahezu in den Fokus des Handelns stellt und Schattierungen von Meinungen nicht mehr zulässt (sinnbildlich nochmals hier zu sehen).

Piraten müssen sich entscheiden: Wollen sie eine Politik 2.0?

Neben den demographischen Herausforderungen, vor denen Politik heute in Deutschland steht, gibt es aber eben auch die systematische Herausforderung der zunehmenden Dynamiken globaler Komplexitätten, die durch das Internet eine weitere Steigerung erfahren haben. Entscheidungen in Politik und Wirtschaft können nur noch Beta-Charakter haben da sie im Moment des Treffens bereits wieder veraltet sind; das Internet ermöglicht in unmittelbarer zeitlicher Folge sofort wieder die Ansammlung weiteren Wissens und Akteure, die offenbar werden lassen, dass die soeben getroffene Entscheidung schon wieder obsolet geworden ist.

Von daher ist ein Rückzug auf feste, eindeutige Positionen, wie gerade vom linken Flügel eingefordert, absolut nicht mehr zeitgemäß. Wenngleich diese Anpassungsfähigkeit politischer Positionen gern als Opportunismus oder Beliebigkeit in Misskredit gebracht wird, käme alles andere einer Hybris gleich (@bildesheim und ich hatten mal etwas zur Chimäre eindeutiger politischer Wahrheiten als ein typisches Kennzeichen von Politik 1.0 geschrieben).

Piraten, die sich der Begrenztheit solcher ideologischen Grabenkämpfe bewusst sind und eher als sachrationale Akteure wahrgenommen werden (wollen/sollen), müssten von den entsprechenden BuVos und LaVos stärker kommunikativ nach vorn gebracht und damit gefördert werden. Dem ideologischen, aktionistischen und kurzatmigen #Aufschrei zu verschiedensten Themen sollte man sich bewusst in den Weg stellen. Eigene Positionen zu haben, ohne diese nicht als thematische Festung zu betrachten, sondern den sich ändernden Gegebenheiten der politischen Debatte sachrational anzupassen, bedeutet weder, in seiner Position eingemauert zu sein (s.a. linker Flügel) noch sich als traditioneller Opportunist in den Medien gegenüber dem Wähler darstellen (lassen zu müssen).

Vielleicht kann man an dieser Stelle tatsächlich von der tradierten Politik lernen: auf lange Sicht sind insbesondere die politischen Akteure erfolgreich gewesen, denen man in der Summe eine "flexible Standfestigkeit" zuschreiben konnte. Meint: Weder Ideologen noch wachsweise Opportunisten haben auf auf Dauer eine Chance auf Akzeptanz beim Wähler.

Was würde @Falkvinge tun?

Dabei widersprechen sich der Crowd-Ansatz der Netz-Community und die Übernahme einer inhaltlichen Verantwortlichkeit und Vorausdenken Einzelner nicht im geringsten. Ohne Ideen aus der Crowd können Themenverantwortliche keine neue Ideen entwickeln, ohne eine gewisse Orientierung im Sinne einer politischen Strategie mündet absolute Führungslosigkeit im Sinne einer strategischen Beliebigkeit in der Selbstbeschäftigung, wie wir im Moment bei den Piraten beobachten können.

Interessanter Weise hatte ja gerade erst der Gründer der ersten Piratenpartei weltweit, der Schwede Rick Falkvinge, in seinem Buch (ein Buch!) ausführlich das Organisations- und Aufbauprinzip der schwedischen Piraten dargelegt. Ich empfehle den politischen Strategen der hiesigen Piraten mal einen Blick in das Buch zu werfen, um endlich die Frage beantworten zu können, in welcher Weise (temporäre) Hierarchie und der Crowd-Ansatz des Netzes miteinander in einer Parteiorganisation verbunden werden können. Kurz gesagt: Strukturen, Spielregeln, Organisationsgrundsätze sollten vorgegeben werden, damit die Crowd in ihren Aktivitäten eindeutige Orientierungspunkte hat. Die Definition der letztlich vertretenen Postionen sowie die erforderlichen Inhalte zur Darstellung der Positionen müssen hingegen vollkommen (organisations-) dezentral erfolgen.

Es ist daher nicht nur der Piratenpartei und den darin Aktiven sondern auch der Bundespolitik als Ganzes zu wünschen, dass aus der Idee der Politik 2.0-Partei am Ende noch ein Erfolg wird. Oder anders ausgedrückt: Liebe Piraten, lasst uns in dieser demographischen Situation nicht allein.

Disclaimer: Ich bin kein Mitglied der Piratenpartei. Zudem habe ich im Text durchweg die männliche Form benutzt, da mich Genderdingens nicht tangiert.

Freitag, 21. Februar 2014

OpenGov und OpenData auf der Social Media Week Hamburg

#SMWHH2014

Wie ist es um #OpenGov und #OpenData bestellt? Auf diese Kurzformel könnte man die verschiedenen Sessions bringen, die sich am Donnerstag den beiden Themenkomplexen im Zuge der Social Media Week (#SMWHH) widmeten. Die vielen Diskussionsbeiträge des Tages habe ich mal im Folgenden versucht, einiger Maßen sinnvoll zusammen zu fassen.

#SMWHH2014: Es fehlte Kaffee
(Foto: Anke Knopp)
#OpenGov

Nachdem in den letzten Jahren die Forderung nach der offenen Regierungsweise langsam sogar zum Mainstream der veröffentlichten Debatten in den Totholzpublikationen geworden ist, scheint das Thema damit langsam erwachsen geworden zu sein. Leider kehrt daher auch ein Stück weit Ernüchterung in die Debatte ein. Die Euphorie des Anfangs ist verflogen; Begriffe wir Kosten und Nutzen treten an die Stelle der Idee vom Bürgerengagement.

Nach wie vor gibt es immer wieder die Frage nach dem Sinn und der Zweckmäßigkeit sowie der offenen Regierungsweise als auch der Anschlussfähigkeit offener Daten. Verwaltungen sind gemäß ihrer rechtlichen Basierung natürlich verpflichtet, nach der sinnvollen Verwendung öffentlicher Gelder zu fragen. Daraus kann man keinen Vorwurf konstruieren. Dies führt aber eben im Umkehrschluss dazu, dass jeder einzelne Klick und Nutzer einer Partizipationsplattform als Argument für oder gegen mehr Partizipation in der Politik genutzt werden kann und auch wird. Dass dabei aber Qualität vor Quantität gehen sollte, ist in Verwaltungsvorschriften leider nicht vorgesehen. 12.000 registrierte Nutzer der Plattform der Internet-Enquete des Deutschen Bundestages können so angesichts von 81 Mio. Einwohnern leicht als Misserfolg gedeutet werden, wohingegen jeder Betreiber einer sozialen Plattform weiß, dass 12.000 Nutzer bei einem solch schwierigen Thema schon als Erfolg angesehen werden könnten.

Vereinzelte Ansätze, die diese Sinnhaftigkeit in ökonomischen Dimensionen auszudrücken vermögen, sind vorhanden, jedoch noch rar gesäht. Die demokratietheoretische Fundierung offener Daten als Argument per se zählt leider im politischen Alltag nicht allzuviel. Dabei haben erste Studien ergeben, dass der demokratietheoretische Mehrwert zumeist darin liegt, dass der Bürger allein die Option der Beteiligung hat, ohne diese Option im Einzelfall unbedingt nutzen zu müssen.

Aktivisten haben zudem immer wieder mit dem Problem zu kämpfen, dass die Kultur der Offenheit in den Verwaltungen und teils auch in der Politik noch nicht wirklich akzeptiert ist. So wird häufig von den Verwaltungen auf Basis rechtlicher Winkelzüge versucht, Ansätze zur Offenheit durch nicht nachvollziehbare Lizensierungen zu unterlaufen, die Verbreitung offener Daten auf diesem Wege zu verhindern.

Der nunmehr vereinbarte Beitritt Deutschlands zur internationalen Open Government Partnership sollte daher kritisch aber wohlwollend begleitet werden. Ob Offenheit wirklich Top-Down anzuordnen ist, sollte einerseits angezweifelt werden. Andererseits könnte die #GroKo unter Beweis stellen, dass sie tatsächlich nicht den gläsernen Bürger sondern lieber den gläsernen Staat befördern möchte.

#OpenData, #Dataviz, #DataJournalism

Die Visualisierung offener Daten ist zwar inzwischen in Teilen der Medien angekommen; aber nach wir vor gehört die Datenrecherche sowie die journalistische Auswertung der Daten nicht zum Mainsteam der Arbeit von Journalisten. Datenjournalismus gehört noch längst nicht zum tägliche genutzten Werkzeugen für die eigene Arbeit. Allzuhäufig scheinen Visualisierungen nach wie vor nur ein interessanter spielerischer Ansatz zu sein, der punktuell zwar hohe Klickzahlen erzeugen kann, jedoch noch nicht wirklich in den journalistischen Arbeitsprozess als Standardprocerede angekommen ist.



Daten-Journalismus hat noch mit sehr vielen Herausforderungen zu kämpfen; so gibt es keine Implementierung des Umgangs mit Daten in den journalistischen Ausbildungen, keine Fürsprecher in den Redaktionen der traditionellen Medien, keine Teamorientierung, dafür aber umso mehr Technikabneigung bei den vielen Journalisten, die (leider nur) einen germanistischen Hintergrund haben. Viele Journalisten haben die Erwartungshaltung, dass aus den zur Verfügung stehenden Daten in einfacher Weise Geschichten entstehen, ohne dass sie lernen müssen, in Daten Muster und Geschichten zu erkennen.

#Zukunft

Die Diskussion um #OpenGov ist durch Ernüchterung gekennzeichnet. Aktivisten müssen erkennen, dass Verwaltungen und Politikberater nicht zwangsläufig ein altruistisches Interesse an mehr Offenheit gegenüber dem Bürger haben müssen. Nachvollziehbare Praxisbeispiele scheinen nach wie vor zu fehlen. Daten-Journalismus ist nach wie vor erst in Ansätzen erkennbar. Es gibt hier interessanten Ansätze, die aber nach wie vor nicht deutlich machen können, worin der spezielle Mehrwert der Nutzung offener Daten für den Journalismus liegen könnte. Dies spricht aber natürlich nicht gegen die Nutzung von Daten während einer Recherche und des Verfassens einer Storyline; es spricht vielmehr dafür, dass der journalistische Beruf vor tiefgreifenden Umwälzungen steht.



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