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Freitag, 28. August 2015

#OpenGov wie es sein sollte - Gemeinsam das BMAS-Grünbuch #Arbeiten40 kommentieren und ergänzen

Unser Team Arbeiten 4.0 lädt dazu ein, am virtuellen Konsultationsprozess des Internet & Gesellschaft Collaboratory (CoLab) zum Grünbuch Arbeiten 4.0 des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) teilzunehmen. Die virtuelle Konsultation wird in Kooperation mit Xing, Google und Capgemini durchgeführt.


Das Grünbuch - ein richtiges Buch
Foto: @JWiesche

Hier der Aufruf der Kooperationspartner zur Mitarbeit:

Unter dem Leitbegriff Arbeiten 4.0 möchte das BMAS einen breiten Dialog darüber anstoßen, wie wir in Zukunft arbeiten wollen und welche Gestaltungsmöglichkeiten es diesbezüglich für Unternehmen, Beschäftigte, Sozialpartner und Politik gibt. Das Grünbuch Arbeiten 4.0 umfasst bestimmende Trends, wichtige Handlungsfelder sowie zentrale gesellschaftliche Anliegen und bildet den Ausgangspunkt des BMAS im Dialogprozess. Dieser soll Ende 2016 in einem Weißbuch Arbeiten 4.0 münden, in dem sich die Erkenntnisse des öffentlichen Diskurses wiederfinden. Und genau hier ist eure Meinung gefragt. Nutzt die Gelegenheit und gestaltet die Zukunft der Arbeit aktiv mit!

Hinterfragt Passagen des Grünbuchs, formuliert eure Anliegen und tauscht euch mit anderen Teilnehmern hierzu aus. Hierbei möchte das CoLab euch unterstützen. Und zwar so: Auf einer Online-Plattform könnt ihr nach eurer Anmeldung das Grünbuch im September kommentieren. Den genauen Starttermin teilt das CoLab rechtzeitig mit. Begleitet wird dieser Prozess durch drei stattfindende Online-Sessions, bei denen Hintergründe und Zusammenhänge des Grünbuchs vorgestellt werden. Im Anschluss an die Online-Phase werden eure Beiträge im Oktober kuratiert in einem Dokument zusammengeführt und auf einer öffentlichen Veranstaltung von dem Demokratieforscher und Publizist Wolfgang Gründinger präsentiert.

Meldet euch jetzt an: Nach eurer Anmeldung erhaltet ihr weitere Informationen zum Grünbuch Arbeit 4.0, zum organisatorischen und technischen Ablauf als auch die genauen Termine der digitalen Info-Sessions.”

Über CoLab: Das Internet & Gesellschaft Collaboratory („CoLab“) ist eine unabhängige Plattform in Deutschland für Fragestellungen des digitalen Wandels. Als netzpolitisches Labor und Multi- Stakeholder ThinkTank bietet das CoLab Akteuren aus allen gesellschaftlichen Bereichen die Möglichkeit, Chancen und Risiken dieses Wandels zu erkennen, Debatten zu führen und Lösungsansätze zu produzieren – praxisnah, überparteilich und multiperspektivisch.

Donnerstag, 20. August 2015

#OpenGovernment und Transparenz: Keine Stärke der SPD (in Gütersloh)?

Das "ideologische Dach der Bürgergesellschaft" sei ein "Smoothie" aus "Transparenz, Digitalisierung und Beteiligung", so ein Parteienvertreter aus den Reihen der Jusos in der ostwestfälischen Provinz zu der Frage der unabhängigen parteilosen Bürgermeisterkandidatin in Gütersloh @nowanda1 (Anke Knopp) in ihrem Blog, in welcher Weise der Wahlkampfeinsatz der Landesmutter Kraft in Gütersloh (und anderen Orten) denn eigentlich organisiert worden sei. Damit reagierte Knopp auf einen Bericht des Kölner Express, der diese Frage vorab bereits schon sehr viel pointierter gestellt hatte.

Solche unangenehmen Fragen scheinen aber nicht sehr beliebt zu sein. Wie anders ist die Antwort des Jusos zu interpretieren, der sich mit seiner Partei im Rücken stark genug gegenüber einer parteilosen Wahlkämpferin zu fühlen scheint. So schreibt er, man dürfe Knopp "nicht jeden Unsinn durchgehen lassen". Sein Verständnis von einem durch Parteien durchstrukturierten und dominierten Regierungssystem wird offensichtlich in der Anmerkung, "das Amt der Bürgermeisterin / des Bürgermeisters ist keine Position die man als Einzelperson erreicht". Weiter fährt er fort: "Wenn man nicht nur Schaupolitik (wie sie?) betreiben möchte, sondern wirklich bereit ist etwas politisch zu verändern, dann benötigt man Organisationen." Und: "Seien Sie zumindest in einem Punkt ehrlich: auch Ihre Politikideen funktionieren nicht ohne Parteien." Sie solle sich nicht in die "Liste zwielichtiger Personen einreihen" durch das, was sie dort von sich gebe. Mit Blick auf die Piraten schreibt er am Ende: "Leider ist der Vollkontakt mit der Realität dann doch nicht so schön, wie der Ruf nach Partizipation in Blogeinträgen und Sonntagsreden."

Bürgermeister-Wahlkampf in Gütersloh: Kein gutes Pflaster für parteilose Frauen
Halten wir also fest: Der Juso-Vorsitzende der SPD-Gütersloh ist - so interpretiere ich seine Äußerungen - der Meinung, man solle sich als Einzelperson erst gar nicht zur Wahl stellen lassen, da nur die Parteien fähig seien, Politik zu gestalten. Damit hat er anscheinend auch kein Problem damit, die zivilgesellschaftliche Debatte der letzten Jahre über die Weiterentwicklung der digitalen Demokratie (wie sie durch die Digital-Enquete des Deutschen Bundestages sowie die Einrichtung des ständigen digitalen Ausschusses im Deutschen Bundestag ihren Widerhall fand) geflissentlich zu ignorieren.

Dass dies ausgerechnet von einem Vertreter der Partei, die lange Zeit für mehr Volksbefragungen stand, in den letzten Monaten aber beständig versucht hat, die Stimmung zu Gunsten der Einführung einer kommunalen 3%-Hürde zu drehen, geäußert wurde, überrascht inzwischen nicht mehr sonderlich. Nachdem sich eine informelle Koalition aus Grünen, SPD und CDU zur Einführung dieser Klausel zu Ungunsten der Piraten und anderer kleiner Parteien gefunden hat, wird nun anscheinend auch Stimmung gemacht gegen parteilose Kandidaten.

Das Muster der Abwehrhaltung, das wir hier beobachten können, kennen wir aus vielen Bereichen der Gesellschaft und Wirtschaft, in denen die digitale Disruption die etablierten Stakeholder alter Interessen in ihrem Status gefährdet. Emotionale Gegenreaktion und Versuche der Regulierung und Beschränkung der digital gegebenen neuen Handlungmöglichkeiten sind stets die Folge.

Aus diesem Grund hatte sich bereits vor Jahren der AK Open Government Partnership sowie das Government 2.0 Netzwerk Deutschland etabliert, um gegenüber der Bundesregierung für den Beitritt zur internationalen Transparenzinitiative zu werben und damit der Zivilgesellschaft neben den Parteien eine Stimme zu geben (Mitglied sind bspw. die Open Knowledge Foundation und Wikimedia Deutschland). Obgleich das Beitrittsansinnen zur Initiative sogar Teil des Koalitionsvertrags der Großen Koalition geworden ist, hat sich bis heute nichts getan.

Kommentare wir die oben genannten aus Reihen der fest im Sattel sitzenden Parteienvertreter machen deutlich, dass Transparenz fälschlich als "Ideologie" etikettiert wird, um auch ja nicht parteilosen Menschen den Zutritt zum Innersten der politischen Macht zu gewähren.

Wenn das kein Grund ist, für mehr Offenheit in der Politik zu werben.

Freitag, 14. August 2015

Was wäre Marktwirtschaft ohne das Prinzip #Macht: @luebbermann zeigt wie es geht

Während #Unternehmensdemokratie von Kritikern des Umbaus von Unternehmen in agilere Firmen immer noch gern als nicht-innovative und wirklichkeitsferne Utopie kritisiert wird, zeigt @Luebbermann von @premiumcola bei der TEDxLüneburg, wie es geht.

Das Beispiel von @premiumcola ist gleich in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Grundsätzlich geht es um die Aufbau eines wirtschaftlichen Öko-Systems, dass innerhalb des übergeordneten marktwirtschaftlichen Rahmens von Profit und Macht eine Alternative anbietet. Vieles an der Darstellung von @premiumcola erinnert mich an den Beitrag von Nafeez Ahmed zum Wandel der Marktwirtschaft in Folge der Digitalisierung.

Der Geschäftsbetrieb von @premiumcola ist gekennzeichnet durch komplett andere Wertvorstellungen und Logiken:

  • Es gilt der Handschlag und die mündliche Übereinkunft mit über 1.000 Partnern statt des Aufbaus umfänglicher Vertragswerke.
  • Die Kunden sind im weitesten Sinne "Miteigentümer" der Marke und werden auch als solche behandelt. 
  • Werbung wird abgelehnt, da gute Qualität und nicht nerviges "Belästigen" mit Werbebotschaften überzeugen soll.
  • Hierarchien und unterschiedliche Entlohnung werden abgelehnt, da jeder Mensch moralisch gesehen grundsätzlich gleich viel wert ist.
  • Die in der kleinen Firma fest Angestellten sind mehr "Enabler" und keinesfalls des Herstellungs- und Vertriebsprozesses. 
  • Niemand (Kunde, Kernbelegschaft, Partner) und auch keine andere Firma "besitzt" Teile der Firma oder des Produktionsprozesses.
  • Statt Macht gegenüber Kunden oder Handelspartnern auszuüben, werden alle Beteiligten im weitesten Sinne als gleichwertig betrachtet. Entscheidungen sind daher nicht Folge von Machtgefälle sondern von Konsens.
  • Gewinn zu machen, wird abgelehnt. Wofür sollte Gewinn gemacht werden (zumal ja eben die Belegschaft eine Enabler-Funktion übernimmt?)
  • @luebbermann als ursprünglicher Initiator versteht sich als Moderator des Produktions- und Vertriebsprozesses; als Gleicher unter Gleichen.

Damit gibt es im Ergebnis nicht mehr die von der Außenwelt abgegrenzte Firma, die irgendwann nur noch als System darauf bedacht ist, Gewinn zu generieren, ohne zu fragen, ob der Zweck des Produkts oder der Zweck des Gewinns überhaupt gegeben ist. Das Prinzip der Freiwilligkeit führt dazu, dass Macht nicht entstehen und auch nicht missbraucht werden kann.

Was wohl Vorstände von DAX-Unternehmen dazu sagen würden?





Sonntag, 9. August 2015

Kann man Disruption durch Hierarchien und Regulierung „domestizieren“?

Der @bosbachmobi hatte am 3.6. an unserem BarCamp zu Arbeiten 4.0 teilgenommen, so dass wir schnell auf seinen Blog über die Zukunft der Arbeit zu sprechen kamen. Guido stellt in loser Abfolge Menschen, die mit dem Thema unterwegs sind, einige Fragen, die einen Bezug zur Zukunft der Arbeit haben und sammelt diese kompakten Statements auf seinem Blog.


Der @bosbachmobi hat mir Fragen gestellt
Foto: Guido Bosbach

Auch mir hat er einige Frage gestellt, die ich im Folgenden beantwortet habe. Worauf es mir vor allem ankam: Digitalisierung ist eine riesige Chance, wenn sie rechtzeitig und mit offenen Armen angegangen wird.


Guido: 

Welche 3 Begriffe fallen Dir spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?

Antwort:

Disruption - neue Horizonte - fallende Grenzen


Guido:

Was verbindest Du mit diesen Begriffen?

Antwort:

Disruption: Immer wieder wird von der disruptiven Dynamik des Digitalen gesprochen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass EntscheiderInnen, die sich nicht sehr stark im Digitalen engagieren, immer wieder meinen, sie könnten das Disruptive - und damit die Menschen dahinter - durch Hierarchien und Regulierung „domestizieren“. Nach wie vor und in Zeiten des Digitalen gilt aber nach wie vor die Maxime: Die Gedanken sind frei.

Neue Horizonte: Durch die Anwendung immer neuer Tools, die alle Menschen miteinander verbinden, durch Algorithmen, die immer mehr menschliche Entscheidungen ersetzen und durch die Erosion von willkürlicher Macht durch Informationsvorsprünge dürfte uns in Zukunft eine Arbeitswelt erwarten, deren Horizonte wir derzeit nur erahnen können.

Fallende Grenzen: Grenzen sind ein Konstrukt des Meatspace und in einer digitalen welt anachronistisch. Derzeit beobachten wir, wie die Stakeholder des Meatspaces versuchen, ihr Konzept der Grenzen auch im Digitalen mehr und mehr durchzusetzen. Ich glaube aber, dass man den Menschen auf Dauer keine Grenzen setzen kann. Grenzen sind ein Herrschaftsinstrument und digital nicht kompatibel.


Guido:

Was denkst Du, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten?

Antwort:

Es ist immer schwer, darauf eine Antwort zu geben, wenn man bedenkt, wie unterschiedlich Tätigkeiten von Menschen ausgestaltet sind, so dass eine Antwort immer stark verallgemeinert. An der Spitze der Entwicklung hin zum digitalen Arbeiten stehen sicher die Wissensarbeiter. Unabhängigkeit von binnenpolitischen Zwängen, zeitliche und thematische Flexibilität, eine gegenüber Journalisten deutlich gestiegene Bedeutung bei der Interpretation von gesellschaftlichen Analysen und der ständige Kampf gegen Einschränkungen, die durch alte Stakeholder vorangebracht werden, sind sicher die Rahmenbedingungen des Wissensarbeiters in 10 Jahren.


Guido:

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Kannst Du ein paar Beispiele nennen?

Antwort:

Die Formalisierung von externer Kommunikation ist stark zurückgegangen. Formale Anreden in Mails, gestelzte Sprache, lange Fristen für Reaktionen auf Mails und Telefonate gehören im Digitalen der Vergangenheit an. Während vor 10 Jahren Telefonate Kern der Außenkommunikation waren, werden sie heute in vielen Bereichen als hinderlich, zeitaufwändig und ineffizient betrachtet.

In der Folge haben sich Online- wie auch Offline-Biotope gebildet. Die Art der Kommunikation bestimmt die Zugehörigkeit zum Biotop. Das hat gerade im zivilgesellschaftlichen und politischen Themenfeld starke Auswirkungen auf das Outcome der Arbeit und sollte in Zukunft mal stärker untersucht werden.


Guido: 

Warum ist das so?

Antwort:

Technik ist eben nicht nur eine technische Frage. Immer wieder wird die soziale Komponente der Technik übersehen und unterschätzt. Tools ändern aber auch Kommunikationsverhalten und damit auch Rollen und Selbstverständnisse. Menschen, die das Digitale für sich angenommen haben, kommen mit dem digitalen Wandel dieser Rollen sehr viel besser zurecht.


Guido:

Was wünscht Du Dir persönlich für 2025 in Bezug auf Deine Arbeit?

Antwort:

… dass ich die Gelegenheit haben werde, diesen erwarteten Wandel der Arbeitswelt entsprechend begleiten zu können. Spannende Zeiten warten auf uns.

Freitag, 24. Juli 2015

Mit Datenvisualisierungen kurzsichtige Politik entlarven

Politik in Deutschland gerät angesichts globaler Herausforderungen an ihre Grenzen. Wie können Daten und Datenvisualisierungen tradierte Governance-Ansätze reformieren helfen? 

Schaut man sich die gegenwärtige Bundespolitik an, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass nationale Governance-Systeme angesichts der globalen Probleme komplett überfordert sind. Später in Rente zu gehen, ein ElterngeldPlus einzuführen, eine provinziell wirkende Autobahn-Maut zu erheben oder die einheimische Braunkohlewirtschaft zu schonen, können nicht mehr die Antworten auf Klimawandel, weltweite Ungleichheiten, oder interkontinentale Migrationsströme sein. In welcher Weise könnten Daten und Datenvisualisierungen vielleicht dazu beitragen, den Blick für internationale Interdependenzen zu schärfen und Politik damit zu professionalisieren?

Foto: Ole Wintermann

Datenvisualisierung gegen politische Provinzialität?


Wenn man ausschließlich die Traditionsmedien dieses Landes – egal ob Print oder “Rundfunk” – konsumieren würde, könnte leicht der Eindruck entstehen, die globalen Problemlagen bestünden allein aus islamistischen Anschlägen, Grexit, dieser gefährlichen Digitalisierung, syrischen Flüchtlingen und der Frage nach der nächsten Rentenerhöhung.
Geht man aber einen Schritt weiter und versucht beispielsweise, das ganze Elend und die Kausalität der Flüchtlingsthematik zu erfassen, so geraten die Medien schnell an die Grenze der Darstellungsmöglichkeiten. Es wird zwar ein Kontext zur syrischen Diktatur und dem Südsudan hergestellt; dass allerdings Terror eine Folge der sozialen Ungleichheit ist, dass klimabedingte Migration zur kriegsbedingten Migration hinzukommen wird, dass westliche Staaten wie Griechenland angesichts kommender globaler Herausforderungen bereits jetzt an der Grenze der finanzpolitischen Handlungsfähigkeit angelangt sind, die Zuwanderung eine Chance für das vergreisende Mitteleuropa sein könnte, die Digitalisierung der Wirtschaft und die Technisierung der Altenpflege einen Ausweg aus der deutschen Demografie bieten könnte – all dies wird nicht erzählt und nicht dargestellt.
Der Grund hierfür könnte sein, dass es einerseits die deutschen Medien bisher nicht geschafft haben, einen sinnvollen Weg zu finden, Datenvisualisierungen zu kreieren und in ihre Geschichten einzubetten. Andererseits gibt es aber anscheinend auch von politischer Seite keine “Abnehmer” solcher Visualisierungen und komplexen Geschichten, da diese nicht der tradierten Fokussierung auf den eigenen Wahlkreis entsprechen? Schnell wird gefragt, was Flüchtlingspolitik, Demographie, Klimawandel oder gar die Globalisierung mit dem eigenen kleinen Wahlkreis zu tun haben. Vielleicht wären die Nutzung von öffentlich verfügbaren Daten sowie deren leserorientierte Visualisierung ja eine geeignete Möglichkeit, um den Blick für internationale Kontexte des eigenen Wirkens zu öffnen?

Globale Megatrends in Kleinkleckersdorf?


Das in Traditionsmedien und Politik beliebte Kritisieren von Entscheidungen der Brüsseler Politik zeigt angesichts der vor der Tür stehenden globalen Megatrends eine gefährliche Provinzialität. Statt sich in das nationalstaatliche Schneckenhaus zu verkriechen, wäre es wichtig, ein Bewusstsein für die größeren Kontexte zu bekommen. Die Digitalisierung, der Klimawandel, die Megrationsströme, die Globalisierung hat auch Auswirkungen auf die Menschen in Kleinkleckersdorf. Wie können diese Kontexte aber erkannt und dargestellt werden?

Das Millennium Project hat in einer aktuellen Vorankündigung einer kommenden Studie (basierend auf einem umfassenden Delphi-Verfahren) beispielsweise auf die Umwälzungen hingewiesen, die die Technologisierung der Arbeitsmärkte und der Produktionsweisen in den industralisierten westlichen Ländern mit sich bringen wird. Die befragten Experten gehen von einer extrem hohen Arbeitslosenquote im Jahr 2050 in Folge der Technisierung bisheriger Produktionsweisen aus. Gleichzeitig verweisen sie aber darauf, dass dies nur ein Problem darstelle, wenn man an überholten Konzepten von “Arbeit” festhielte. “Arbeit” müsse anders gedacht und eingeordnet werden: “The concept of ‘unemployment’ will become obsolete replaced by freedom to create, to dream or to study, freed from the necessity of working for a living.” Eigentlich müssten wir auf Basis dieser Erwartungen längst an alternativen Konzepten für die Finanzierungsbasis der Sozialversicherungen im Jahre 2050 arbeiten. Stattdessen aber versuchen wir, die tradierten Arbeitsbegriffe und Prozesse des Arbeitsmarktes in die gewohnte Regulierungschemate zu pressen.

Die BBC berichtete im Juli über eine aktuelle Studie, in der vor der Übersäuerung der Ozeane und dem Verlust maritimen Lebens in naher Zukunft gewarnt wird. Die Verbrennung fossiler Brennstoffe, so die Wissenschaftler, würde die Chemie der Meere mehr ändern als alle katastrophalen Naturereignisse der letzten 250 Millionen Jahre. Die Ozeane hätte zudem seit den 1970ern bereits 90% der Wärme aufgenommen, die durch die industriellen Prozesse entstanden sei. Die Veränderung der Ozeane werde Folgen für den Küstenschutz, die Fischerei, Aqua-Kulturen, Tourismus und die menschliche Gesundheit haben. Die Forscher stellten fest: “They say the oceans are at parlous risk from the combination of threats related to CO2.”

Eine im Guardian vorgestellte aktuelle Studie ist auf Basis ökonomischer bewährter Modelle und durch die Zusammenschau von Dynamiken des Klimawandels und der ökonomischen Logik bei der Gewinnung fossiler Energieträger zu der einfachen Schlussfolgerung gelangt: Zur Erreichung der Mindestziele des Klimaschutzes dürften 82% der weltweit vorhandenen Kohlereserven, 49% der Gasreserven und 33% der Ölreserven nie angetastet werden; sie müssten stattdessen im Boden verbleiben. Damit werden Kontexte hergestellt, deren Tragweite Länder wie Russland und Kanada, die mit der Förderung von fossilen Energieträgern in den nächsten Jahren – im russischen Fall – Geopolitik betreiben wollten, im Kern treffen werden.

Wie reagieren die Stakeholder tradierter Wirtschafts- und Energieinteressen auf all diese Erkenntisse? Entweder reagieren sie selbst auf direkte Ansprache über die sozialen Medien (PR-Kanäle) gar nicht….
… oder sie verlassen sich beispielsweise auf die Wahrung ihrer Interessen durch Parteien wie die SPD: Die deutsche Braunkohlwirtschaft, der die SPD eng verbunden ist, muss nach dem aktuellen Koalitionsbeschluss zur Energiewende gerade mal CO2-Emission in einem Umfang einsparen, die 1,3% der deutschen Gesamt-Emisisonen entspricht. In den USA, die lange Zeit den Klimawandel politisch geleugnet hatten, ordnete vor kurzem das Weiße Haus die nachgeordneten Bundesbehörden an, in den Budgetplanungen der nächsten Jahre bereits die Folgekosten des Klimawandels explizit auszuweisen, um damit eine verlässliche Planungsgrundlage zu erhalten. Es ist erstaunlich, welch unterschiedliche “Reife” Politik im internationalen Vergleich inzwischen zu haben scheint.

Damit finden wir eine Situation vor, in der politische und wirtschaftliche Stakeholder wider besserer wissenschaftlicher Erkenntnisse gegen die Interessen der Menschheit agieren, da sie entweder nur kurzfristig ihren eigenen Nutzen (Profit) maximieren wollen oder aber die Einbettung ihrer eigenen Entscheidungen in den komplexen Gesamtkontext gar nicht erkennen.

Denken in Kontexten nicht etabliert


Die genannten – aber natürlich auch andere Studien bekannter Institutionen – verweisen auf markante Merkmale der globalisierten Problemlagen: Die Zusammenschau und die tatsächlich vorhandene Interdependenz der globalen Megatrends führt zu einer vollkommen neuen Qualität von Risiken, die sich zudem auch noch sehr viel dynamischer als in der Vergangenheit entwickeln.
Es fehlte bisher aber an geeigneten Mitteln zur quantitativen Erfassung von Kontexten (Klimawandel – Demografie: Zahl der Hitzetoten in Abhängigkeit der Altersstruktur und Konsumdynamik einer jüngeren Gesellschaft) und an geeigneten Tools zur Darstellung dieser Kontexte, die über die Monokausalität und -direktionalität des eingeübten politischen Denkens (Ältere Gesellschaft = länger arbeiten) hinausgehen.

Mit Blick auf den anstehenden Klimagipfel in Paris haben gerade erst wieder Klimaforscher darauf hingewiesen, dass die Herangehensweise an globale Herausforderungen eben nicht nur eine technische Seite habe, sondern auch durch eine Neuausrichtung der Handlungmuster von Akteuren in Politik und Wirtschaft begleitet werden müsste. Bereits beim COP 15 in Kopenhagen war deutlich geworden, dass der Klimawandel vor allem auch Ausdruck des Versagens tradierter Politik- und Governance-Prozesse ist.

Was läge näher als die globalen Interdependenzen als Grundlage politischer Entscheidungen sowie das Versagen der überholten Governance-Mechanismen (hierbei kann das Wirken der Sunlight-Foundation gar nicht hoch genug eingeschätzt werden) zu visualisieren, um auf diese Weise den Blick für Kontexte zu erlernen?

Mit digitalen Tools Muster offenbaren und Kontexte darstellen?


Dass dabei die Mustererkennung in Datenströmen, die den globalen Herausforderungen zugeordnet werden können, nicht das “Warum” ersetzen und dies als Beschränkung zu verstehen, wäre dabei aus meiner Sicht etwas zu kurz gesprungen, geht es doch zuvorderst erstmal nur um das Erkennen von Mustern per se, deren Kausalität dann Gegenstand einer weitergehenden Analyse sein könnte.
Das von IBM gestartete Smarter Planet Projekt geht durchaus in diese Richtung; der Name des Projektes führt aber etwas in die Irre, leider fokussiert sich IBM allein auf Unternehmen. Auch die von Google initiierten Sidewalk Labs zeigen auf, welche Bedeutung der Erfassung von Kontexten und deren Visualisierung als Grundlage politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen (in diesem Fall auf kommunaler Ebene) in Zukunft zukommen könnte.

Wie dies aber bezüglich globaler und primär nicht-ökonomischer Problemlagen aussehen könnte, zeigen uns ausgerechnet die (Rück-) Versicherer und das eher konservative World Economic Forum in ihren aktuellen Studien. Dass die drögen (Rück-) Versicherer diejenigen Institutionen sind, die einen Weg aufzeigen können, überrascht nur auf den ersten Blick. Gerade Versicherungen mit ihrer Notwendigkeit der Quantifizierung von Risiken und bei den Rückversicherern die Notwendigkeit zur Vorausschau haben inzwischen dazu geführt, dass diese inzwischen mit spannenden Darstellungsweisen und Mustererkennungen aufwarten.

So beschreibt eine aktuelle Lloyds-Studie ausführlich den Zusammenhang zwischen politischer Instabilität, Terrorismus, Klimawandel, Wasserknappheit und Globalisierung sowie der Veränderung von Essgewohnheiten. Interessanter Weise verweist Lloyds in dieser Studie auf die Unsicherheit des dargestellten Szenarios aufgrund von Datenunsicherheit bezüglich der ökonomischen Interdependenzen und der klimatischen Veränderungen und nicht etwa in Folge unterschiedlicher Interpretationsansätze. Wenn man die gezeigten Kontexte von wärmerem Klima, mehr Schädlingsbefall, mehr Pestiziden und der darauf folgenden chemischen Verseuchung der Landstriche, die mehr Pestizide anwenden und gleichzeitig mehr Überschwemmungen zu ertragen haben, wird nachvollziehbar, was es bedeutet in Kontexten zu denken. Die Studie schliesst mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit umfassender Datensammlungen: “Further research should seek to quantify the impacts of a systemic shock to the food system to insurers’ portfolios, so that estimations of loss can begin to be made.”
Im aktuellen Global Risk Report des World Economic Forums finden sich erneut einige methodische und inhaltliche Ansätze, die über die monothematische Ausrichtung eines großen Teils sonstiger Globalisierungs-Studien hinausgehen. Die interdisziplinäre Sicht auf globale Megatrends ist mit Sicherheit keine Erfindung des WEF. Es ist jedoch bemerkenswert, wenn diese Sichtweise im Entscheider-Mainstream angekommen zu sein scheint, bei den Entscheidungen aber letztlich dann doch keine wichtige Rolle zu spielen scheint.

Anhand der Info-Graphiken des Reports kann man schnell erkennen, dass 2007 zu Beginn der Erstellung des Indizes ökonomischen Risiken und Trends eindeutig die Agenda der befragten Entscheider bestimmt haben, wohingegen heute Fragen der sozialen Ungleichheit, des Klimawandels und der Versorgung mit Trinkwasser die dominierenden Trends zu sein scheinen. Durch weitere Darstellungen ist eine Analyse der regionalen Besonderheiten, der Veränderungen im Zeitverlauf und der wichtigsten Treiber möglicher sozialer und zwischenstaatlicher Konflikte erkennbar, ohne dass der gesamte Bericht gelesen werden müsste. Insbesondere wird durch die Visualisierung der Interdependenzen sehr schnell deutlich, dass soziale Ungleichheiten und das Versagen tradierter Governance-Mechanismen im Zentrum der Aufmerksamkeit politischer Akteure stehen müsste. Bei einer Trendbetrachtung tritt zudem der Kimawandel als extrem weitreichender themenübergreifender Trend hervor. Die dargestellten “Karten der Interkonnektivitäten” und Datenvisualisierungen gehen weit über die bekannten Excel-Balken-Diagramme hinaus und ermöglichen auf einen Blick die Erfassung der globalen Komplexitäten. Allein: Nutzt die deutsche Politik solche Visualisierungen oder die Erkenntnisse dieser interdisziplinären Perspektiven?

Leider wird der ganzheitliche Ansatz des WEF etwas getrübt, wenn es Nutzern trotz mehrmaliger Ansprache über die soziale Medien keine Erlaubnis erteilt, die im Report vorliegenden Info-Graphiken zu nutzen. Dies steht dann im deutlichen Widerspruch zum eigenen Anspruch, mit dem Report die Welt ein Stück weit zu verbessern.
Einen einfach umzusetzenden Ansatz, durch populäre und einfache Datenvisualisierungen ein gewisses Bewusstsein bei Entscheidern und der Bevölkerung für globale Herausforderungen zu schaffen, hat Conrad Hackett vom Pew Research Center mit seinem bereits mit Auszeichnungen versehenen Twitter-Account gewählt:
Speziell auf den Klimawandel fokussiert ist “Climate Central”, eine unabhängige Vereinigung von Journalisten und Wissenschaftlern, die es sich zum Ziel gesetzt haben: “Communicate the science and effects of climate change to the public and decision-makers.”

Die NGO veröffentlicht auf ihrer Plattform in regelmäßiger Abfolge Karten und Info-Graphiken, die den Klimawandel und seine Auswirkungen in einen für den Bürger und Konsumenten nachvollziehbaren Kontext stellen und damit diesen globalen Trend erfahrbar machen. Leider wird auch dieses Ansinnen unverständlicher Weise durch eine restriktive Weiterverwendung der Karten ein Stück weit konterkariert.

Big Data und Visualisierungen im Kampf gegen globale Herausforderungen


Die aufgezeigten Beispiele haben deutlich gemacht, dass wir längst in einer globalisierten Realität leben, die nicht mehr zu unseren nationalstaatlich beschränkten Sicht auf die Gesellschaft und Politik passen. Oder umgekehrt: Wir agieren in einem thematisch reduzierten politischen Raum, der uns vorgaukelt, wir könnten den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts mit dem politischen Verständnis des 20. Jahrhunderts begegnen.

Ausgewählte wissenschaftliche Institute, einzelne Wissenschaftler und Journalisten zeigen uns mit ihrer Arbeit methodisch und inhaltlich den Weg, den unsere Politik eigentlich schon heute nehmen müsste. Die Digitalisierung unseres Lebens stellt in diesem Kontext eine außergewöhnliche Chance dar, gerade in dem Moment einen Blick für globale Problemlagen zu bekommen, in dem diese das erste Mal mit voller Wucht auf uns zukommen.

Wir sollten uns diese Chance nicht durch unnötiges Copyright wissenschaftlicher Forschung, eigennutzorientierte (und zu Lasten der Menschheit agierende) Konzerne, provinziell denkende Entscheider oder durch politische Entscheidungen, die immer noch nationalstaatliches über internationales Interesse stellen, verbauen lassen.

Dieser Beitrag ist zuerst bei den Netzpiloten erschienen.

Montag, 13. Juli 2015

Social Media und Politik: Schweigen ist Silber, Reden wäre Gold

tl;dr Die sozialen Medien bieten so viele Möglichkeiten der Kommunikation, Partizipation und Collaboration. Politische Akteure hierzulande sind aber nach wie vor nicht bereit (fähig?), diese in der Breite und authentisch einzusetzen. 

Foto mit freundlicher Erlaubnis von George Couros

Politikverdrossenheit - liegt die Ursache vielleicht beim Wähler?

Anfang der 1990er Jahre machte das Wort von der Politikverdrossenheit die Runde und wurde 1992 sogar zum Wort des Jahres gekürt. Später wurde versucht, die Thematik durch die Verwendung von Parteienverdrossenheit etwas zu spezifizieren. Nach einige Jahren waren sich aber die medialen Vertreter und Politiker einig, dass dies nicht weiter relevant sei, so dass das Wort in den Vor-Social-Media-Zeiten dann wieder in der Versenkung verschwand. Die Wähler hatten einfach keine Möglichkeit, ihren Verdruss und ihre Kritik in skalierbare Form zu äußern. Sie hatten zwischen den Wahlterminen ganz einfach keine Stimme.

Was nicht nachgelassen hat, ist das regelmäßige Wehklagen nach den Wahlen über die so geringe Wahlbeteiligung. Fast meint man als Wähler, ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, da der politische und mediale Schulmeister einen beim Schwänzen der Wahl ertappt habe. Da werden dann mal schnell Kausalitäten umgedreht, um sich keine Gedanken darüber machen zu müssen, in welcher Weise Partizipation vielleicht zeitgemäßer weiter entwickelt werden könnte.

Soziale Medien legen politische Inkonsistenzen offen

Die gegenwärtig stattfindenden Verhandlungen zur Krise in Griechenland stehen in den sozialen Medien im Fokus sowohl von politisch linker (Vorwurf: Kürzungen sind Teil einer neoliberale Kampagne) als auch rechter (Vorwurf: Griechenland gehört nicht zum Euro) Seite im Fokus. Was Rechts und Links eint, ist der Verdruss über die handelnden Akteure auf deutscher Seite. Schaut man sich manche Tweets an, so liegt der Kern daher vielleicht gar nicht in der ideologisch geprägten Debatte über Griechenland und den Euro sondern in im Verdruss über die beobachteten politischen Prozesse und die Glaubwürdigkeit der Akteure:
Jetzt könnte man wie im folgenden Tweet als politischer Akteur natürlich einwenden, dass die sozialen Medien nicht den Durchschnitt der Meinung der Bevölkerung widerspiegelten...
... oder man könnte die sozialen Medien als gesellschaftliches Fieberthermometer nutzen, anhand dessen Stimmungen abzulesen sind.

Es ist erstaunlich, dass dieser Vorwurf der mangelnden Repräsentanz von Kritikern von politischer Seite in den Vor-Internet-Zeiten so nicht auch gegenüber dem Handeln der Traditionsmedien und ihrer Chef-Redakteure geäußert worden war. Sind denn die Redaktionsbüros der wenigen großen Zeitungen in Deutschland nicht auch immer schon eine Parallelwelt gewesen? Und: Ist es gegenüber der Vergangenheit nicht ein gewaltiger Fortschritt, dass auf Facebook und Twitter ein sehr großer Teil der Bevölkerung fähig ist, sich überhaupt politisch zu äußern?

Politische Beteiligung nur, wenn sie kontrolliert werden kann?

Wenn man die wirtschaftliche Führung- und Arbeiten 4.0- Debatte und die Tendenz großer Unternehmen, Kunden in die Produktplanung mit einzubeziehen, mal auf die Politik überträgt, wäre die logische Konsequenz der Politik, Menschen und die Ideen von Menschen zunehmend mit ihr Handeln einzubeziehen. Stattdessen wird von politischer Seite aber beständig versucht (Beispiele: Bürgerhaushalt Gütersloh, Sperrklausel NRW) Gründe zu finden, wieso diese Bürger besser nicht eingebunden werden sollen. Statt die Registrierung von 3.300 Menschen auf der Plattform im Zuge der Digitalen Enquete des Bundestages als ein Mehr an Beteiligung zu interpretieren, wird darauf hingewiesen, dass sich 81 Mio. Menschen nicht angemeldet hätten. Innerhalb ein uns desselben Interviews wird dann auch gern mal die Sperrklausel auf kommunaler Ebene gefordert, während gleichzeitig Wahlmüdigkeit beklagt wird. In gedruckten Zeitungen wird auch gern zur Debatte über "linke Politik" aufgerufen, während dieselben Autoren dann online nicht auf kritische Rückmeldungen reagieren.

Finden gegenwärtig wie im Fall der SPD (Pseudo-) Beteiligungsprozesse statt, weil Beteiligung via online gerade "angesagt" ist, so führen diese verzweifelten Versuche, ein abgeschlossenes (Partei-) System als offen darzustellen, eher noch zum gegenteiligen Effekt. Denn: Die Logik einer durch Mitgliedschaften abgeschlossenen Partei erlaubt es ganz einfach nicht, dass am Ende ein Text oder ein Programm steht, das von "außen" vorgegeben oder maßgeblich beeinflusst wurde und bei dem die Väter und Mütter der Partei nicht noch einmal ihr Häckchen gesetzt haben. Warum sollte man sich also beteiligen? Welchen Nutzen habe ich als aktiver Wähler von dieser Beteiligung.

Liebe PolitikerInnen, bevor ihr diese Frage nicht beantwortet, werdet ihr keine gelebte Beteiligung erhalten. Aber vielleicht wollt ihr das eigentlich auch gar nicht?

Dass die SPD dann auch noch kurz zuvor für die anlasslose Massenüberwachung gestimmt hat und der Parteivorsitzende dabei den Justizminister bloßgestellt hatte, lässt die Glaubwürdigkeit einer solchen Alibi-Beteiligungsaktion noch weiter absinken.
Ich glaube, dass die in den 1990ern diskutierte Politikverdrossenheit nie abgenommen hat sondern erst jetzt durch Twitter und Co. eine Möglichkeit hat, sich jenseits der medialen Gatekeeper zu in dem Maße zu zeigen. Traditionsmedien und viele politische Akteure reagieren unabhängig vom politischen Thema in schöner Eintracht und werfen den sozialen Medien vor, die Demokratie zu gefährden. Das wäre, um im Bild zu bleiben, dasselbe als wenn die Unternehmen den sozialen Medien vorwerfen würden, die Marktwirtschaft zu gefährden.

Die Lösung, liebe PolitikerInnen, ist ganz einfach: Kommunikation und Wertschätzung.

Glaubt ihr denn wirklich, die Menschen, die zum größten Teil heute jeden Tag vor dem Bildschirm sitzen, sich bei LoL, WoW oder anderen Spielen aktiv einbringen, die bei ihrer Arbeit gemeinsam über Google an Inhalten arbeiten, die ihre Vereinsarbeit mit Doodle und Co. organisieren, die über Facebook ehemalige MitschülerInnen treffen, die ihr Privatleben mit WhatsApp organisieren und die über Flickr ihre Urlaubsmomente teilen, schütteln nicht verständnislos den Kopf, wenn ihr all diese Tools verteufelt und sie gleichzeitig auffordert, alle 4 Jahre mit dem Bleistift ein Kreuz auf einer Liste auf Papier, auf deren Zusammenstellung sie keinen Einfluss haben, zu machen. Ein Bleistift und ein Stück Papier als Ausdruck von maximaler Beteiligung?

Schaut man sich die Twitter-Accounts der wenigen Regierungsmitglieder an, die dort aktiv sind, so fällt auf, dass es sich ganz überwiegend nur um Verlautbarungs-Accounts handelt (eine wohltuende Ausnahme stellt die sehr interaktiv ausgerichtete Twitter-Aktivität von Peter Altmaier dar). Während man auf internationaler Ebene lässt verstanden hat, dass man über soziale Medien Politik betreiben kann, beschränkt man sich hierzulande auf Fake-Accounts, die bis zum Tag der Wahl "aktiv" sind und dann nicht mehr bedient werden. Wertschätzung von Wählern und Bürgern sieht anders aus.

Und was die Kommunikation und die Nutzung von technischen Tools zur verstärkten (echten) Beteiligung von Bürgern angeht, empfehle ich einen Blick in die auf die Unternehmen bezogenen Leadership-Debatte, die das oben gezeigte Foto so schön auf den Punkt bringt. George Couros beschreibt dazu in seinem Blog die folgende Situation:

"Recently in a workshop, I asked the group how many people thought Twitter was “stupid”, to which had seen several hands raised. I followed up with the question, “How many of you think it is beneficial to learn from other teachers?” This has 100% of hands up in the air. So, if we think that learning from other teachers is beneficial, and we can use Twitter to do that, it seems like a no-brainer."

Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

Kommunikation oder das Verständnis dafür ist keine "Rocket Science", liebe PolitikerInnen. Twitter und Co. sind nicht nur Technik-Spielzeuge. Da draußen sitzen Menschen, denen die Zukunft Europas und der Umwelt am Herzen liegt und die sich produktiv und konstruktiv in die Politik - abseits tradierter Parteien - einbringen wollen. Es geht, wie es auch Couros schreibt, um eure Fähigkeit, Menschen wert zu schätzen und mit diesen zu reden, um all diese Ideen und das Engagement in eure Entscheidungen mit einzubeziehen. Es geht darum, Beziehungen zu einem Netzwerk außerhalb der Parteien aufzubauen, tradierte Kulturen zu überwinden, Politik in einen Kontext zu setzen und Institutionen reaktionsfähiger zu machen.

Ist doch ganz einfach, oder?

Disclaimer: Dieser Text arbeitet mit gewissen Pauschalisierungen, um das Problem auf den Punkt zu bringen. Und: Ich war 17 Jahre Mitglied einer der genannten Volksparteien.

Montag, 29. Juni 2015

Arbeiten 4.0: "Was treibt dich an?" statt beruflicher Einheitskost

Deutscher Konzern trifft internationales StartUp

Unter der Überschrift "The future of technology and jobs" hatte letzte Woche der "The Economist" in Berlin in die Kulturbrauerei eingeladen, um vor allem mit einem jüngeren Nachwuchspublikum zu diskutieren, welche beruflichen Tätigkeiten denn angesichts der Digitalisierung in Zukunft wohl nachgefragt werden könnten.

Der Economist bietet sich neuen Zielgruppen an
Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet der britische Economist die Frage stellt, inwiefern die Studierenden auf die Jobs der Zukunft vorbereitet sind, wenn man sich bewusst macht, dass die Debatte um die Digitalisierung in Deutschland ganz klar zwischen arbeitsmarktspezifischen und bildungspolitischen Ebenen unterscheidet und diese Verbindung bisher so nicht hergestellt wird. Der Grund hierfür dürfte in der Tatsache begründet sein, dass die akademische Ausbildung in UK sehr viel stärker auf die spätere Vermarktung ausgerichtet ist und daher keine vom Arbeitsmarkt losgelösten bildungspolitischen Grundsatzdebatten denkbar sind.

Andrea Morgan-Schönwetter von der Deutschen Telekom, Cornelia Daheim von Future Impact, Marten Blankensteijn von Blendle, Claude Ritter von Book a Tiger und Ralf Hünecke von BMW stellten die ganze Bandbreite der beruflichen Perspektiven vom StartUp auf der einen bis zum Mainstream-Konzern auf der anderen Seite dar.

"Wir suchen auch nach kreativen Köpfen"

Während die Heads of HR/Recruitment/Personal die Bedeutung des CVs und damit die Passgenauigkeit der Ausbildung (Relativierendes Zitat: "Wir suchen auch nach kreativen Köpfen" #ihrwisstschon) betonten (Zitat: "Man kann heute auch zwischen Fachabteilungen wechseln!"), stellten die StartUp-Vertreter eher die Rolle der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Antriebs heraus. So würden die Bewerber bei den StartUps Videos produzieren, in denen sie ihre Hobbys anschaulich darstellten oder aber konkrete kleine Werkstücke produzieren, in denen ihr Antrieb und ihre Kreativität deutlich würden.

Cornelia Daheim verwies auf die ständig sich ändernden Erwartungen und Ausformungen von Jobs als Folge der digitalen Entwicklung. Wir dürften uns nicht so sehr auf aktuelle berufliche Strukturen konzentrieren sowie den Verlust von Jobs fürchten, sondern sollten uns eher damit befassen, wie wir die Menschen - und den Nachwuchs - auf den digitalen Wandel vorbereiteten.

Eine einfache Wahl....
Nachdem der Moderator daraufhin erneut das Negative hervorhob indem er fragte, in welcher Weise diese digitalen Berufe überhaupt geeignet seien, eine stabile Lebensführung zu ermöglichen, antwortete ihm Marten Blankensteijn, dass die digitalen Tools sehr viel besser als früher sehr vielen Menschen ermöglichten, eine eigene Karriere aufzubauen oder eine eigene Dienstleistung via Internet anzubieten.

Bezeichnend fand ich des Weiteren, dass die Vertreterin der Deutschen Telekom betonte, dass sie Bewerber - bezogen auf das Netz - nur auf Xing und LinkedIn suche. "Leute im Netz zu scannen und zu stalken", sei nicht ihre Sache. Stattdessen führe man nach wie vor Assessment Center durch. Assessment Center, um innovativen Nachwuchs für einen Telekommunikationsanbieter zu finden?

Erneut erwiderte Marten Blankensteijn, dass man zunehmend Bewerber aus den klassischen Unternehmen wie beispielsweise McKinsey habe, bei denen es aber angesichts ihrer beruflichen Ausgangslage besonders wichtig sei zu wissen, ob sie für eine Tätigkeit oder den neuen Arbeitgeber wirklich brennen würden oder dies nur als Pflicht-"CSR"-Tätigkeit im CV ansehen würden.

"Was mache ich denn jetzt mit meinen Zeugnissen?"

Angesichts des versammelten Nachwuchses aus den Studiengängen Business et al. zeigte bereits die erste Nachfrage aus dem Publikum die ganze Problematik mehr als deutlich auf: "Ich habe so viel in meine internationale Ausbildung investiert. Jetzt sagen sie, dass formale Nachweise unwichtig seien. Was soll ich machen?"

Es zeigte sich im Verlaufe des gesamten Abends: Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer teilt der kulturelle Graben: Was treibt dich an vs. Welches sind deine Noten? Dieser Graben scheint unüberbrückbar und vielleicht sollte er das auch gar nicht sein? Während man zu meiner Studienzeit - ich habe nebenher Nordistik studiert - verurteilt wurde, weil man ein "Neigungsfach" studierte, scheint sich diese pauschale Verurteilung nun dahingehend zu ändern, dass auch Absolventen von Neigungsfächern, bedingt durch die Digitalisierung der Arbeitswelt, eher eine berufliche Heimat geboten werden kann.

Eine weitere Frage bestätigte diesen kulturellen Graben: "Ich habe viele Praktika geleistet; wird mir das jetzt als Nachteil angerechnet?" Während Marten Blankensteijn daraufhin meinte, dass Pratika gut seien, wenn sie zeigten, dass man seine Neigung suche, kennen wir die Standardeinschätzung aus den Konzern-HR-Abteilungen dieses Landes.... ("Wissen Sie nicht, was mal machen wollen?")

Neue Perspektiven statt austauschbare Karriereleiter finden

Am Ende wurde ein kurzes Fazit gezogen (bzw. konnte gezogen werden), dass sicherlich nicht nur für Berufsanfänger relevant ist:
  1. Der Besuch einer Uni und das Fixieren auf Zertifikate macht nur Sinn, wenn man in traditionellen Unternehmen die klassischen Karriereleiter erklimmen möchte. Alternativ sollte man eher auf das achten, was einen selbst antreibt.
  2. Der Wandel der Berufe vollzieht sich unglaublich kurzfristig. Man kann heute nicht mehr auf das Ausüben eines bestimmten Berufes im Studium hinarbeiten sondern muss flexibel auf alle zukünftigen Änderungen reagieren können. 
  3. Das heutige Schulsystem ist nicht fähig, den Nachwuchs auf die digitalen Anforderungen vorzubereiten.
Also: Vielleicht lag die Volksbank mit ihrer Werbung nicht so ganz daneben....

Bei vielen Teilnehmern hinterließ der Abend eine große Leere

Donnerstag, 25. Juni 2015

eBook sowie Studie zur Arbeitsumgebung von Wissensarbeitern und OER in der Weiterbildung erschienen

eBook zu New Work/Arbeiten 4.0

Wie schnell in digitalen Zeiten Wissen, Erfahrungen und Anwendungsbeispiele durch ein agiles Netzwerk von Menschen, die sich größtenteils gar nicht kennen, zusammengetragen werden kann - und damit jede/n EinzelkämpferIn in den Schatten stellt - hat mal wieder der Bastian Wilkat vom New Work Blog unter Beweis gestellt.

Bastian hatte vor einigen Wochen zur Blogparade unter der Überschrift "Die perfekte Arbeitsumgebung für Wissensarbeiter" aufgerufen, 20 Menschen sowie ich selbst folgten seinem Aufruf und haben ihre Beiträge zum Thema verfasst. Herausgekommen ist eine vielfältige Sammlung von verschiedenen Sichtweisen - persönliche, unternehmensspezifische, emotionale, sachliche, betroffene - die einen guten Überblick über den Stand der neuen digitalen Arbeitskultur bieten. Die Sammlung ist so bunt wie die Menschen, die die zusammengetragen ist. Diese Vielfalt ist wahrscheinlich die größte Herausforderung, die sich HR-Personal in den Unternehmen gegenüber stehen sieht. Die Menschen wollen nicht mehr nur 16h am Tag Teil einer demokratischen Zivilgesellschaft sein, sondern diese Demokratie ein Stück weit in den 8 Arbeitsstunden leben.

Wie können Unternehmen am besten mit diesen gestiegenen Anforderungen der Menschen in einer Demokratie umgehen und den Partizipationswillen auch für sich nutzen? Die eine oder andere Antwort findet sich im eBook, das Bastian aus den Beiträgen kurzerhand kreiert hat.


Hier gehts es zum Download

Open Educational Resources (OER) in der Weiterbildung

Im letzten Jahr hatte ich Gelegenheit, gemeinsam mit meiner Kollegin @pragmaticfix einige kleine Projekte zum Thema OER voran zu bringen. Offene Bildungsressourcen sind als Konzept die konsequente Fortführung der Idee des Teilens von Wissens via Internet. Während die Idee des Teilens von Vertretern alter Geschäftsmodelle jedweder Branche gern als Ruin des eigenen Geschäftsmodells angesehen wird und in der Öffentlichkeit daher von diesen gern diskreditiert wird, stellt es sich im Bildungsbereich etwas anders dar. Wissen zu teilen, den Zugang und die Verbreitung von Wissen zu fördern, gemeinsam via Netz zu lernen hat jeweils auch einen moralischen Aspekt, der es schwerer macht, ökonomisch gegen das Teilen zu argumentieren. Unser Ziel war es daher, der Idee des Teilens von Bildungsinhalten mehr Öffentlichkeit in Deutschland zu verschaffen.

Aus diesem Grund haben wir mit Blick auf die Entwicklung der Weiterbildungsplattform wb.web gemeinsam mit der Universität Tübingen und dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung in Bonn Lehrkräfte zu ihren Erwartungen bezüglich einer Weiterbildungsplattform befragt.

Aus dem Vorwort:

"Gute Weiterbildung fängt bei der Gestaltung von Lernangeboten an. Denn die pädagogische Qualität der Angebote ist aus Sicht der erwachsenen Lernenden der zentrale Qualitätsausweis eines Anbieters. Allerdings waren bisherige Ansätze, die Qualität der Weiterbildung zu erhöhen, fast ausschließlich auf die Ebene der Organisation beschränkt. Auch existiert in der Erwachsenenbildung derzeit kein übergreifendes Konzept für die Qualifizierung sowie die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften. Um diese Lücke zu schließen, wollen das DIE und die Bertelsmann Stiftung ein unabhängiges und nicht kommerzielles Informations-, Vernetzungs- und Lernportal „wb-web“ entwickeln, das auf die Kompetenzentwicklung aller Lehrkräfte in der Weiterbildung abzielt. Um sicherzustellen, dass das geplante Onlineportal auf die Bedürfnisse und Erwartungen seiner Adressaten Bezug nimmt, wurde im Frühjahr 2014 eine Zielmarktstudie mit eigener Bedarfserhebung anhand eines Online-Fragebogens durchgeführt. Die Ergebnisse der Studie werden in dieser Ausgabe vorgestellt."

Besonders positiv überrascht waren wir von dem starken Wunsch der Lehrkräfte nach OER. Wenngleich dieser Wunsch mit Blick auf das manchmal sehr prekäre Beschäftigungsmodell der Lehrkräfte nicht unbedingt verwundert, ist es doch trotzdem eins artiges Plädoyer für OER.

"Die Befragten äußern einen hohen Bedarf an theoretischem Wissen zur didaktischen Konzeption und methodisch-medialen Umsetzung von Bildungsangeboten sowie über Lernprozesse und Lernbarrieren von Lernenden. Aus Sicht der Befragten besteht dabei nicht nur Bedarf an Wissen zu den genannten Themen, vielmehr sind konkrete Handlungshilfen – möglichst in Form von Open Educational Resources (OER) – besonders begehrt." (S. 11)





Erst vor kurzem hatten wir gemeinsam mit verschiedenen anderen Institutionen zudem ein Whitepaper zu OER in der Weiterbildung herausgegeben, das von Jöran Muuß-Merholz und einem Autorenkollektiv erarbeitet worden war. Ziel des Papiers war die Erstellung einer Landkarte der OER-Verwendung in Deutschland sowie eine Beantwortung der Frage, wie OER weiter voran gebracht werden können. Welche grundsätzliche Bedeutung OER zukommt, kann zudem im Positionspapier des Bündnisses Freie Bildung nachgelesen werden.








Montag, 15. Juni 2015

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens: Lasst uns konkret werden

Digitalisierung in einer Zahnarzt-Praxis: Ein Fallbeispiel

Wenn über die Chancen und die Risiken des Datensammelns in der Medizin geschrieben und diskutiert wird, mangelt es häufig an konkreten Anwendungsbeispielen, die diese Debatte um die Chancen und Risiken etwas nachvollziehbarer werden lassen. Wenn es um die Fähigkeit von Patienten geht, diese Aspekte der Digitalisierung des Gesundheitswesens kritisch und/der wohlwollend zu begleiten, kann klarer Nachholbedarf festgestellt werden.

Wir alle stehen in der Digitalisierung des Gesundheitswesens vollkommen am Anfang, wenn es darum geht zu analysieren und zu bewerten, welche Daten in welcher Form von wem an wen und mit welchem Verwendungszweck weitergegeben werden. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, im folgenden einen eher ungewöhnliches Weg zu gehen und  mal ein solch konkretes Beispiel ausführlicher von Jochen Deppe schildern zu lassen. Jochen ist Zahnarzt in Gütersloh, hat hier an dieser Stelle schon häufiger über die Implikationen der Digitalisierung des Gesundheitswesens für die Arzt-Patienten-Beziehung geschrieben und bringt die Kompetenz mit, sich als Arzt zugleich auch Gedanken über die digitalen Aspekt seiner Arbeit zu machen.

Was uns interessiert: Ist der überwiegend positiv geschilderte Prozess der Digitalisierung des Gesundheitszustandes der Patienten abschreckend, interessant oder/und spannend? Überwiegt die Neugier, wenn man sich überlegt, welche Potenziale in dieser digitalisierten Form der Behandlung liegen oder aber der Schrecken beim Gedanken an die Möglichkeit des Verlustes der Kontrolle der personenbezogenen Daten?

Was meint ihr?


Die digitale Zahnarztpraxis - effizienter, kollaborativer und transparenter.

Digitale Technik bestimmt zunehmend den Arbeitsalltag moderner Zahnarztpraxen. In Gütersloh ist die digitale Zahnmedizin in meiner Praxis ein Erfolgsmodell. Wir setzen in unserer Praxis einen intraoralen Scanner ein, um digitale Gebissabdrücke anzufertigen. Diese digitale Technologie wird durch ein 3D-Röntgengerät ergänzt.

Oralscanner

Foto: Jochen Deppe
Das Scannen des Gebisses hat erhebliche Vorteile gegenüber einem analogen Abdruck, dessen Lebensdauer begrenzt ist. Ein digitaler Abdruck kann verlustfrei beliebig lange verwahrt werden. Kein Patient muss während des Abdrucks mehr würgen – auch das Warten auf das Abbinden und das nachfolgende Versäubern sind durch den modernen Oralscanner Vergangenheit. Das gewonnene digitale Modell des Gebisses ist farbig und gibt detailliert die Mundsituation wieder. Wenn Zahnersatz hergestellt werden soll, ermöglicht das digitale Modell bessere Materialien. Mehr noch: Das Material kann praktisch in Echtzeit mit Kollegen, Zahntechnikern, Kieferorthopäden und Chirurgen geteilt und diskutiert werden.

Digitale Abdrücke sind – wie ein Röntgenbild – personenbezogene Gesundheitsdaten. Bei vielen Intraoralscannern müssen diese Daten zur Verarbeitung via Internet auf unbekannte Server übertragen werden. In unserer Praxis verwenden wir einen Scanner, bei dem die Daten in der Praxis verarbeitet werden. Darin stecken große neue Behandlungschancen für den Patienten – und gleichzeitig bleibt das Arztgeheimnis sicher gewahrt, ein weiterer Vorteil der Digitaltechnik.

3D-Röntgengerät 

Das 3D-Röntgengerät liefert eine detailgenaue Darstellung des Gebisses. So können Befunde erhoben werden, die im zweidimensionalen Röntgen nicht darstellbar sind. Dazu gehören versteckte Wurzelkanäle, die Beziehung von Wurzeln zur Kieferhöhle und zu Nerven, die genaue Lage von Zysten, aber auch die genaue Stärke des Knochens vor Implantationen oder die Beurteilung des Zahnbetts vor aufwendigem Zahnersatz. Auch hier sind die gewonnenen Daten kollaborativ zum Wohle des Patienten nutzbar.

Einsatz von Oralscanner und 3D-Röntgengerät 

Foto: Jochen Deppe
Im Befund können wir einen Gebisszustand dreidimensional als Abbild des Gebisses und des tragenden Knochens darstellen. Somit ersparen wir dem Patienten weitere invasive Untersuchungen. Dieses virtuelle Modell ermöglicht ein noch besseres Verständnis der Befunde. Zum Beispiel kann in der Diagnostik in Zusammenarbeit mit dem Zahntechniker die gerade oft gegebene Wechselwirkung zwischen der Abnutzung der Zähne und Veränderungen der Kaufunktion besser beschrieben und nachhaltiger behandelt werden. Nehmen wir einen konkreten Fall: Im Röntgenbild sehen wir zum Beispiel Knochenabbau an den unteren Schneidezähnen ohne Entzündung.

Beim Scan können wir erkennen, dass es ein im Biss störender Backenzahn ist, der dafür sorgt, dass die Schneidezähne zu viel Druck bekommen und sich der Knochen deswegen zurückzieht. In der Therapie können Behandlungsmöglichkeiten simuliert werden. Damit sind sie für den Patienten besser verständlich, Behandlungsergebnisse sind transparenter und vorhersagbarer. Gleichzeitig sinken Risiko und Stress für den Patienten und das Behandlungsteam während der Ausführung. In der Versorgung mit Implantaten erlaubt die gemeinsame Nutzung beider Technologien weniger belastende Operationen und einfacher herzustellende Prothetik. Oft ist die gesamte Behandlungsdauer weitaus kürzer.

Transparenz-Disclaimer: Der Text ist in leicht veränderter Form zuerst hier erschienen. Jochen Deppe ist mein behandelnder Zahnarzt.

Donnerstag, 11. Juni 2015

Für EntscheiderInnen sind automatisierte Mail-Funktionen gleich Arbeiten 4.0?

Wie sieht der Arbeitsplatz der Zukunft aus? Für manche Entscheider ist es die automatisierte Mail-Funktionalität, für andere die Mitbestimmung am Arbeitsplatz. Deutet sich ein Konflikt zwischen Alt und Jung an?

Eine Firma (Kyocera), die die digitale Verarbeitung von Dokumenten im Bürobetrieb als ihr Kerngeschäft ansieht, lässt eine Studie über das Büro der Zukunft (2025) erstellen. Was anderes kann dabei herauskommen als dass erstens auch in 2025 Unternehmen nach wie vor mit der klaren Abgrenzung zwischen Außen und Innen arbeiten, dass zweitens die digitale Verarbeitung von Informationen zentrales Element des Arbeitnehmers werden wird und dass drittens skalierbare Dienst-Apps, die aber der Haptik von Konsumenten-Apps entsprechen, immer wichtiger werden...

Studie: Der Arbeitsplatz der Zukunft - Future Business World 2025
Ich könnte jetzt auch mit Bezug auf die Methodik kleinlich kritisieren, dass auf die Frage (für die Studie wurden 709 "Information Worker" je zur Hälfte Nachwuchskräfte und seniore Entscheidungskräfte befragt) "Welche Innovation werden sie in 10 Jahren bei ihrer Arbeit einsetzen?" die folgende Antwortmöglichkeit angeboten wurde: "Vertrauliche Unternehmensinformationen sind an unberechtigte, externe Personen in den vergangenen 12 Monaten gelangt". Ich finde es spannend, diese Art von Leaks als Innovation der Zukunft zu bezeichnen (Es scheint sich um einen Zuordnungsfehler zu handeln).

Des Weiteren könnte man kritisieren, dass der Fokus der Studie auf genau der betriebswirtschaftlichen Sichtweise liegt (Effizienz, Effizienz, Effizienz), deren Widersprüchlichkeit uns Gunter Dueck auf der #rp15 erst gerade ausführlich vorgetragen hatte (Optimierung vs. Maximierung).

Also mal abgesehen von diesen Petitessen.... finden sich auch interessante Aussagen in der Studie.

Zentrale Rahmenbedingungen für die Arbeit 2025 sind (so die Studie):
  • Arbeitsmodelle, die sich konsequent nach den Bedürfnissen der Arbeitnehmer richten,
  • eine Ausrichtung der IT-Anwendungen an den "Arbeitsstilen" der Arbeitnehmer,
  • flache Hierarchien und mehr Mitbestimmung,
  • eine Gestaltung des unmittelbaren Arbeitsplatzes, die sich nach den Bedürfnissen der Arbeitnehmer richten und
  • der Zugang zu den Unternehmensnetzwerken absolut unabhängig von Ort, Zeit, Endgerät oder System.
Es kann davon ausgegangen werden, dass in 2025 die relativ meisten Arbeitnehmer (die Studie unterscheidet hier leide nicht nach Branchen) von zuhause aus arbeiten werden. Aber auch das Arbeiten im Freien, in Co-Working-Spaces oder in Cafes wird signifikant zunehmen.

Jeder zweite Befragte ist der Meinung, dass das Suchen, Teilen und Bearbeiten von Informationen signifikant an Bedeutung gewinnen wird. Dass das bei den Sponsoren einer solchen Studie nicht überrascht, ist selbstredend. Dass dann aber ganz direkt festgestellt wird, dass "deutsche IT-Verantwortliche" gegenüber Cloud-Lösungen "ausgeschlossener werden" und "Vorbehalte" zurückgegangen sind, lässt mehr aus durchscheinen, welche Interessen hinter der Studie stehen; dadurch müssen viele Aussagen leider relativiert werden.

Erstaunlich ist auch, dass auf die Frage "Welche Innovationen werden sie in 10 Jahren bei ihrer Arbeit einsetzen?", die meisten Befragten antworten "Automatisierte Ablage- und Antwortfunktionen in der E-Mail-Kommunikation" (auch die weiteren Antworten beziehen sich nahezu ausschließlich auf die technische Ebene des Arbeitsplatzes). Ist das wirklich die Innovation, die sich Nachwuchskräfte in 10 Jahren am meisten wünschen? Das Bild, dass sich hier von den EntscheiderInnen in den Unternehmens dieses Landes zeigt, gibt an dieser Stelle deutlich Anlass zur Sorge.

Im weiteren Verlauf geht die Studie auf die Cloud- oder auch Click-Worker ein, unterscheidet aber nicht konsistent nach verschiedenen Arten des Angestellten- oder Selbständigen-Status. Hier wäre es interessant gewesen zu erfahren, wie denn gerade die senioren EntscheiderInnen die Rolle von Arbeitnehmern und Unternehmen in Zukunft sehen. Von der Idee fluider Unternehmensformen sind die EntscheiderInnen anscheinend nach wie vor weit entfernt.

Interessant ist im Weiteren der Hinweis der Autoren, dass es zu Konflikten zwischen den senioren EntscheiderInnen und den Nachwuchskräften in der Frage des Datenschutzes kommen könnte. Die Autoren unterstellen den Jüngeren einen toleranteren Umgang mit den persönlichen Daten und stellen die These auf, dass diese Idee in die Unternehmen hineingetragen werden würde.

Der Unternehmenskultur wird die entscheidende Bedeutung bei der Beförderung von Innovationen zugeschrieben. So stellt die Studie fest (und setzte damit die Interessen der Älteren mit der Unternehmenskultur vorschnell gleich): "Jedoch erfordert die Umsetzung (von Innovationen) das Aufbrechen etablierter Strukturen, denn etablierte ManagerInnen werden nicht einfach so ihren Einfluss und Machtbereich einbüßen wollen".

Abschließend empfiehlt die Studie daher:
  • den proaktiven Umgang mit der Veränderung des Arbeitsplatzes durch den Arbeitgeber,
  • die Bedürfnisse der Mitarbeiter in das Zentrum der Arbeitsplatzentwicklung zu stellen,
  • den Mitarbeitern endlich den effizienten Umgang mit Informationen in deren Sinne zu ermöglichen und
  • HR- und IT-Verantwortliche an einen Tisch zu holen.
Sieht man von den methodischen Defiziten ab, so betont auch diese Studie wieder die Rolle und Partizipation der ArbeitnehmerInnen in einem Unternehmen der Zukunft.

Oder um es mit Tobias Kollmann zu sagen:
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