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Mittwoch, 20. Mai 2015

Auftakt-Workshop zum nächsten #D21DigitalIndex

Es ist ja immer wieder spannend und produktiv, wenn es Gelegenheiten gibt, zu denen man sich mit digital Interessierten und Engagierten austauschen kann. Solch eine Gelegenheit hatte ich vor einigen Tagen, als sich die Unterstützer des D21-Digital-Index 2015 auf Einladung der @InitiativeD21 (tolle Vorbereitung und Durchführung des Workshops!) in Berlin trafen, um den Fragebogen für die anstehende Datenerhebung zu besprechen.

Die digitale Agenda ist eine Berliner Baustelle
Die Ergebnisse der Erhebung werden im Herbst diesen Jahres veröffentlicht. Unabhängig von den im Einzelnen besprochenen Themen stellten sich einige Grundsatzfragen, die den Wandel im Umgang mit "diesem Netz" über die Jahre hinweg verdeutlichen:
  • "Digital" und "Internet" sind aufeinander angewiesen, jedoch nicht deckungsgleich. Wie kann man die außerhalb der Schnittmengen beider Themen liegenden Aspekte besser berücksichtigen?
  • Kann es in einer digitalisierten Welt so etwas wie eine digitale Souveränität - auf individueller, unternehmerischer oder staatlicher Ebene - geben?
  • Das Internet der Dinge führt momentan zu einer Vernetzung von Geräten, von denen der Nutzer im Zweifel gar nicht weiß, dass eine Verbindung zum Netz besteht. Sollten die Nutzer darüber nicht ausführlicher informiert werden?
  • Macht genrell in Studien eine Unterscheidung der Internetnutzung in mobil/Desktop, Home-/Tele-Office, dauerhaft/stundenweise überhaupt noch Sinn? Ist man inzwischen nicht irgendwie immer "on"?
  • Stichwort Datenbewusstein: Ist die Abwesenheit von negativen Erfahrungen mit datenbasierten Dienste oder die Erfahrung von Positivem ein Gütesiegel? Welche Art der Erfahrung beeinflusst Verbraucher in Zukunft eher?
  • Wie können all die verschiedenen Datenaspekte - öffentlich/privat, bewusste Freigabe vs. ungewollte Freigabe, lebensnotwendige Mindestfreigabe vs. Datentransparenz ggü Staat und Unternehmen - differenzierter betrachtet werden, ohne umgehend zu einer Expertendebatte zu werden ?
  • Die Zukunft der Arbeit wird immer wieder zu schnell mit der reinen Technisierung von Arbeit gleichgesetzt. Die Bedeutung interner Arbeitskulturen, der Wichtigkeit persönlicher Haltung und die Ablösung von einem bestimmten Ort des Arbeitens werden unzureichend betrachtet. Wie aber können kulturelle Faktoren gemessen werden?
Der Fragebogen wird in den nächsten Wochen angepasst und geht danach direkt ins "Feld". Ich denke, wir werden mit Blick auf Debatten zur Überwachung, zur Umsetzungsreife der digitalen Agenda, unseren eigenen Aktivitäten zu Arbeiten 4.0 oder zur Frage, wie gut Unternehmen in Deutschland digital aufgestellt sind, wieder spannende Ergebnisse rechtzeitig zum nächsten IT-Gipfel der Bundesregierung erhalten.

Sonntag, 17. Mai 2015

Wissensarbeiter in Unternehmen: Eine Frage der Technik oder eine Frage der Kultur?

Der New Worker fragt im Rahmen seiner aktuellen Blogparade nach der "idealen Arbeitsumgebung für Wissensarbeiter" und zielt damit implizit (aber nicht nur) auf die Infrastruktur im Büro oder im Unternehmen ab. Ich denke aber, man muss auch über Kulturen und Haltungen reden; eine offene Arbeitskultur kann nicht allein durch eine offene Architektur erreicht werden.

+Lars Hahn hatte sich erst vor kurzem mit der Frage beschäftigt, was denn einen Wissensarbeiter ausmache und gemeint, den Wissensarbeiter der Zukunft zeichne erstens das Teilen und weniger das Horten von Wissen und zweitens die heuristische Herangehensweise an komplexe Informationssituationen aus. Bevor wir uns also mit der Frage der Infrastruktur befassen, wäre es wichtig, sich auf eine solche Sichtweise zu einigen.

Ich finde seine Einschätzung wichtig und richtig, würde aber noch einige kleinere Ergänzungen vornehmen wollen.

"Wissen" kann jede Erkenntnis über einen Sinnzusammenhang, über eine Kausalität sein. Es geht dabei sowohl um akkumuliertes als auch Erfahrungswissen. Die Digitalisierung ermöglicht uns allen diesen Wissenserwerb unabhängig von formalen Zugangsbeschränkungen zu Bildungsinstitutionen. Damit aber ist auch der Lagerarbeiter im weiteren Sinne ein Wissensarbeiter, da auch er am Ort der Arbeit Erfahrungen sammelt und sich jederzeit Wissen über Logistik aneignen kann, ohne dafür eine weitere formale Ausbildung absolvieren zu müssen. Damit geht es mir darum, den Terminus "Wissensarbeiter" aus seinem Elfenbeinturm zu holen und an die digitale Gegenwart anzupassen. Sicher bestimmt der Anteil der routinemäßigen Arbeit den Grad der tatsächlichen Wissensarbeit.

In Anlehnung an die auch von Lars Hahn zitierte Wikipedia geht es beim Wissensarbeiter im Kern um einen Projektmanager, der vorhandene Informationen aufspürt, Muster erkennt, Zusammenhänge herstellt, Schlussfolgerungen zieht und nächste Schritte immer wieder auf Basis vorhandenen Wissens überprüft.

Mit der Digitalisierung, dem ständig verfügbaren Wissen und der sinkenden Bedeutung formal zertifizierter Kompetenzen lösen sich die Grenzen zwischen dem "Wissensarbeiter" und dem klassischen "Arbeiter" immer mehr auf. Die Frage der Blogparade wäre damit eigentlich etwas zu weit gefasst, da es letztlich um jede Art von Arbeit gehen müsste. Ich gehe daher jetzt implizit davon aus, dass es sich um Arbeitende handeln soll, die einen besonders hohen Anteil von nicht-routinemäßiger Arbeit zu bewältigen haben. Haben diese "Wissensarbeiter" aber eine realistische Chance, dass ihre Arbeit in einem Unternehmen Berücksichtigung finden? Ich bin da etwas skeptisch.

  1. Während die Vorstellung vom Wissensarbeiter etwas Edles anhaftet, da er idealerweise nach dem objektiv wichtigen und richtigen Kern der Arbeit sucht, sieht die Realität anders aus. In Unternehmen und den internen Entscheidungslogiken gilt die politische Wahrheit, nicht aber die objektiv richtige Wahrheit über einen Arbeitssachverhalt. Kann ein Wissensarbeiter vielleicht gar nicht innerhalb von Unternehmen arbeiten, da das System ihn nicht akzeptiert, da er selbiges irritieren könnte und Systeme zum Selbsterhalt streben?
  2. Der Wissensarbeiter könnte diesem Problem ausweichen, wenn in dem Unternehmen eine Kultur der Offenheit gegenüber den besten Ideen (Ideen schlagen Hierarchien) herrschen würde. Kann es aber ein auf Jahrzehnte hinaus bestehendes System (und die damit einhergehende Kultur) geben, dass immer wieder offen auf neue Entwicklungen von außen reagiert, sich anpasst und den eigenen Kurs daraufhin anpasst? Hier kommt man schnell zur Frage der zunehmend nachgefragten fluide Unternehmenstypen, bei denen die Grenze zwischen außen und innen erodiert und sich damit der Charakter der Verhältnisse der Unternehmen zu ihren Arbeitnehmern grundlegend verändert. Dass die Veränderung eine gänzlich neue Problematik der virtuellen globalen Wanderarbeiter mit sich bringen kann, hat +Johannes Kleske in seinem aktuellen #rp15-Beitrag dargelegt.
  3. Zuvorderst sollte sich Unternehmen demnach darüber Gedanken machen, wie sie ihre eigene und die Rolle des Wissensarbeiters im Unternehmen sehen, bevor sie sich Gedanken über die Infrastruktur machen. Sind Kultur und Grad der Fluidität tatsächlich so ausgestaltet, dass Wissensarbeiter grundsätzlich an dem Unternehmen interessiert sein könnten, so ist als nächstes sicher jede Vorgabe von Arbeitszeiten, Arbeitsorten (Büros, Ort), Hardware, Prozesslogiken oder Schnittstellen zu internen Stabsstellen problematisch. Erstens zählen Ergebnisse und nicht Arbeitszeiten, zweitens ist überall dort der Arbeitsort, wo gerade gearbeitet wird, drittens ist Hardware heute im höchsten Maße individualisiert und nicht mehr standardisiert, viertens sollte im Sinne des Arbeitsergebnisses Projektlogik über der internen Politik gehorchenden Abteilungs- und Stabsstellenlogik stehen. 

Ich glaube nicht, dass es in Deutschland Unternehmen gibt, in denen diese drei idealtypischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit von Wissensarbeitern zur gleichen Zeit vorliegen. Dennoch sollten sie vor Beantwortung rein operativer Fragen ein Stück weit durch die Unternehmensführung durchdacht worden sein. 

In dem vom New Worker geschilderten Ausgangsbeispiel ging es um dem Umzug eines Unternehmens und die damit einhergehende Frage nach der Ausgestaltung des Arbeitsplatzes. Diese sehr operative Frage sollte demnach immer mit Gegenfragen beantwortet werden:
  • Garantiert das Unternehmen eine Kultur der Offenheit? Hierzu sollte man am besten nicht die Vorstände oder die mittlere Managementebene sondern die "geführten" Mitarbeiter anonym befragen.
  • Wären die in dem Unternehmen beschäftigen Wissensarbeiter überhaupt bereit, eine eigene Haltung oder Position in der Außenkommunikation wahrzunehmen?
  • Gibt es eine eigene IT-Abteilung, deren Interessen Berücksichtigung finden müssen oder aber wäre es eventuell einfach, den Wissensarbeitern ein jährliches Hard- und Softwarebudget dezentral zur Verfügung zu stellen?
  • Gibt es in dem Unternehmen die Möglichkeit, temporär und themenbezogen Freelancer komplett in die internen Prozesse zu integrieren, um damit für den beständigen Zufluss neuer Ideen zu sorgen?
  • Wollen überhaupt alle in dem Unternehmen beschäftigten Wissensarbeiter im Büro arbeiten?
  • Welches ist das adäquate Gehalt für solche Wissensarbeiter? Während Vorstände inzwischen durch Algorithmen ersetzt werden können (s.a. wieder den Vortrag von J. Kleske), ist dies bei den dezidierten Wissensarbeiter ja eher nicht der Fall. Sollte sich dies nicht auch im Gehalt widerspiegeln?
Wie so oft bei digitalen Themen ist es auch hier wieder so, dass letztlich die anfangs gestellte eher auf die Technik fixierte Fragestellung am Ende die Fragen nach Kulturen und Veränderung von Entscheidungsprozessen und Rollen aufwirft. Es geht eben nicht nur um die Technik sondern die sozialen Implikationen der Technik. 


Freitag, 15. Mai 2015

#rp15 Rückblick (Teil 3 v. 3): Arbeiten 4.0 und Ausblick (Klassentreffen oder Sandkasten?)

Arbeiten 4.0

Sicher war der Input von Gunter Dueck unter dem Titel "Schwarmdummheit" einer meiner persönlichen Highlights unter den Vorträgen, die sich im Kern nicht nur um Netzpolitik drehten. Den Titel fand ich allerdings bezüglich des Buches nicht glücklich gewählt, da es den Offlinern suggeriert, dass das Reden über die Crowd und die Schwarmintelligenz tatsächlich nur ein Hirngespinst der digitalen Taliban in den letzten Jahren gewesen sei; dass aber ganz im Gegensatz dazu von der Schwarmdummheit gegenwärtiger Offline-Arbeitslogiken die Rede ist, wird dadurch leider nicht auf den ersten Blick deutlich.

Dueck beschrieb in seinem Vortrag, den die Veranstalter aus mir nicht erklärlichen Gründen auf eine halbe Stunde gekürzt hatten, den Übergang von den bestehenden Arbeitsprozessen in einer Offline-Welt zur eher smarten Arbeitsweise in einer digitalen Welt. Leider war die halbe Stunde definitiv zu kurz, um die Storyline tatsächlich in ihrem ganzen Umfang zu erzählen. Im Kern: Durch überlebte Rollenmodelle in den allseits bekannten Meetings sowie in der internen Führungsstruktur von Unternehmen dominiere am Ende auf allen Ebenen die Unzufriedenheit und der Durchschnitt.

Thorsten IsingStefan Pfeiffer und Gunnar Sohn boten Andreas Kaemmer und mir aber noch die Möglichkeit, uns gemeinsam im Hangout On Air des Bloggercamp TV über diese Fragen zu unterhalten (nochmals Danke an dieser Stelle!).

Meine Learnings aus dem Gespräch:
  1. Wir müssen gegen die Vorstellung der Traditionalisten argumentieren, die meinen, dass es sich bei den Folgen der Digitalisierung allein um eine Skalierung oder lineare Fortschreibung vorhandener Prozesse handeln würde.
  2. Es herrscht im Einklang damit ein relativ großes Unverständnis über die Bedeutung der digital ermöglichten Disruption und ihre Bedeutung für angestammte Tätigkeitsfelder eines Unternehmens oder auch einer Institution.
  3. Die Gesellschaft der 2 Geschwindigkeiten findet sich zunehmend auch innerhalb von Unternehmen. Die von Zuckerman beschriebene Systemkrise infolge von steigendem Misstrauen dürfte als Nächstes die Unternehmen treffen.
  4. Arbeiten 4.0 widerspricht systematisch (da dezentral, kreativ, flach, netzwerkbasiert, multikausal) dem in der deutschen Industrie sehr stark verankerten Ingenieurs-Denken. Dieser Widerspruch dürfte für Deutschland bald zum Problem werden.
  5. So wie der Wechsel auf digitale Plattformen die Macht der Kunden (Renzensionen, Transparenz, öffentlicher Druck) gegenüber den Konzernen gestärkt hat, wird Arbeiten 4.0 die Position der Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber verändern. Sind deutsche Unternehmen auf diesen Wandel vorbereitet?




Ausblick

Der zu SPRINGER übergetretene Christopher Lauer meinte in einem Meinungsbeitrag in der WELT vor der #rp15 , dass es doch schön sei, wenn sich auf dieser "Messe" "Staatssekretäre, Bürgermeister und Internetbeauftragte die Klinke in die Hand geben" würden.

Um es ganz klar zusagen: Ich bin ein großer Fan der #rp15 und werde nach Möglichkeit auch in 2016 wieder dabei sein. Nichtsdestotrotz muss man sich Gedanken über das Format machen können.

Die #rp15 scheint in einer Art Zwischenwelt angekommen zu sein. Auf der einen Seite ist sie tatsächlich, wie von Lauer angedeutet, in einem Teil des Mainstreams angekommen (das "Messe"-Feeling kann man mit dem Verbot der Unternehmens-Logos tatsächlich nur kaschieren), auf der anderen Seite bietet sie aber (Lauer pauschaliert in seinem Beitrag etwas unglücklich) über alle digitalen Themen hinweg) gerade noch beim Thema Netzpolitik mit Personen wie Jillian York und Cory Doctorow die internationalen VIPs an, die einen Benchmark für die Debatte über das Internet darstellen. Das Problem: Die dort vertretenen Staatssekretäre et al. sind ihrerseits in ihren Umgebungen die digitalen Sonderlinge, so dass nach wie vor keine Schnittstellen zur Mainstream-Politik besteht. Gleichzeitig aber vermag es der Modus der #rp15 nicht in der Breite in die Tiefe zu gehen (außer eben bei der Netzpolitik). Das ist schade.

Welche Frage könnte sich wohl ein externer Beobachter stellen, der in Sessions geraten ist, in der über die Jakobiner-Mütze als Stierhodensymbol, über die "Schuld" von Facebook am Aufkommen der #Pegida-Provinzialisten oder den Gegensatz der weiblichen Figur der französischen Revolution versus des männlichen Jesus gesprochen wurde. Nein, ich nenne hier keine konkreten Session-Namen, da es nicht um Bashing geht sondern um die Frage, ob das Reflektieren über die eigene vermeintliche politische Bedeutungslosigkeit nicht auch dazu führen sollte, die Programm- und Formatplanung vielleicht ein Stück weit weit fortzuentwickeln?

Vielleicht hat die #rp15 mit einer ähnlich gelagerten Herausforderung zu kämpfen, der sich jeder  Blogger und Journalist zu stellen hat: Schreibe ich für Klick-Zahlen oder für relevante Themen - wobei dann zugleich die Frage auftaucht, ob die Relevanz durch die Knickzahlen oder durch die eigene Beurteilung entsteht. Wenn dies der Fall wäre, hätte die #rp15 mit der Entscheidung zu kämpfen, ob sie ein buntes Blogger-Treffen mit all den Folgen für die Zielgruppenansprache (ungenauer), die Tiefe der Debatte (eher alles nur anreißen) oder die Besucher (Tendenz zum Mainstream) sein möchte. Oder ginge es eventuell im umgekehrten Fall darum, Schwerpunkt-Themen zu identifizieren? Auch diese Vorgehensweise hätte natürlich Folgen für die Organisation und die Veranstaltung (tendenziell weniger Besucher; Gefahr, das falsche Thema vorab zu identifizieren; weniger fachübergreifender Austausch). Sie böte aber den ungemein wichtigen Vorteil, in einem speziellen Themenfeld in den Folgemonaten eventuell politisch relevanter sein können.

Vielleicht täuscht mein subjektiver Eindruck, der mir sagt, dass die Sessions, die die ursprünglichen netzpolitischen Kernthemen der ersten RP widerspiegeln, deutlich schlechter besucht waren als die mehr operativ und auf Tagesthemen angelegten Sessions, in denen es um Community Building, Nutzung von YouTube oder Wearables ging.

Das "Klassentreffen" der Bloggergemeinde droht ein wenig, zum "Sandkasten" aus Sicht der tradierten politischen und wirtschaftlichen Akteure zu werden, bei denen man (die von Lauer beschriebenen Mainstream-VertreterInnen) den Kleinen beim Bauen von Sandburgen zuschaut, milde lächelt und dann zur wirklich wichtigen Tagesordnung übergeht.

Auf ein Neues in 2016
(Foto: Ole Wintermann)

Dienstag, 12. Mai 2015

#rp15 Rückblick (Teil 2 v. 3): Die digitale Karawane zieht weiter - an den Mäkelnden vorbei

Sollten wir noch auf Bedenkenträger hören?

Was haben wir digitale Enthusiasten uns den Mund fusselig geredet; Kommunikation macht Spaß, Digitales erleichtert die Arbeit, eBooks sind praktisch und helfen dem Verlagswesen aus der Krise, Open Gov ermöglicht mehr Partizipation, Open Data löst gesellschaftliche Probleme, soziale Medien bedeuten Empathie, die Online-Welt überwindet das anachronistische Meatspace-Modell nationaler Grenzen, usw. Allein: Was haben wir damit erreicht? Wir werden als "Taliban" und "Maoisten" diskreditiert.

Mein Vorschlag: Schenkt Denjenigen, die kein Interesse an neuen Sichtweisen haben und engagierte Innovatoren mit diesen menschenverachtenden Extremisten vergleichen, keine weitere Beachtung mehr. Wir sollten sie nicht zum Jagen tragen oder zum Glück zwingen. Zusammenarbeit und das Eintreten für eigene Positionen ist eine Frage der Haltung. Und eine Haltung kann man nicht erzwingen. Ich habe jedenfalls keine Lust, zum x-ten Male darüber zu diskutieren, ob Google oder Facebook Weltregierungen darstellen. Lasst uns nach vorn schauen und die grießgrämigen Kulturpessimisten weiter in ihren Totholzprodukten über den Untergang des Abendlandes räsonieren.

Alte Geschäftsmodelle: Ihr da draußen, wir hier drinnen
(Foto: Ole Wintermann)
Wie kann sich eine überwachte Zivilgesellschaft gegen Überwachung zur Wehr setzen?

M. C. McGrath hat in seinem Vortrag mit dem Titel "Watch the Watchers" mit einem einfachen Ansatz viel Bewunderung und Beifall bekommen. Er hat den Spieß der Überwachung umgedreht und eine Datenbank derjenigen Experten aufgebaut, die meinen, uns normale Durchschnittsbürger überwachen zu müssen. Sein Vortrag bestand aber nicht nur als LinkedIn-Profilfotos sondern auch aus etlichen anderen öffentlich verfügbaren, jedoch stark individualisierten Informationen. Das Tool kam insofern sehr gut an, weil in einfacher Weise der Überwachungsstaat ein Gesicht bekommt und fassbarer wird.

Darüber hinaus aber muss natürlich die Frage gestellt werden, wie sich Bürgerinnen in Demokratien dagegen wehren können, dass ihre Kommunikation und ihr Verhalten eventuell gleich durch mehrere Geheimdienste und Spähprogramme überwacht wird. Initiativen wie der #FakeDataDay oder Protestaktionen gegen die VDS und die umfassende Abschaffung der Netzneutralität zugunsten der Interessen einiger weniger großer Unternehmen sind ein guter Ansatz. Allein: es stellt sich die Frage, wieso diese Aktionen so dermaßen schlecht durch die agierenden politischen Akteure aufgenommen werden.

Aktuell informieren uns Teile der Medien gerade wieder darüber, dass Teile der deutschen Bundesregierung die deutsche Bevölkerung anscheinend über Monate hinweg angelogen hat. Ach liebe Politiker, und bei der nächsten Wahl fragt ihr euch, wieso wieder weniger Menschen zur Wahl gegangen sind. Really?

Wie können sich Bürger gegen Überwachung schützen?
(Foto: Ole Wintermann)

Die Botschaft vom Digitalen ist inzwischen alt. Wie aber sieht das Digitale in den Themenfeldern aus?

Die digitale Karawane zieht weiter, während die Führungsetagen der Unternehmen damit (vergeblich) glänzen wollen, das Digitale entdeckt zu haben. Im Übrigen ist es (unabhängig von der #rp15) schon spannend zu sehen, wie zentralisierte und hierarchische Führungskonzepte nicht mehr fähig sind, den aktuellsten Entwicklungen in ihren Branchen oder aber der digitalen Disruption und ihrer Auswirkung auf angestammten Absatzmärkte und Rollenverständnisse zu folgen. Das Digitale ist dezentral, hierarchieunabhängig, chaotisch, unkontrollierbar; alles Eigenschaften, die mit dem traditionellen "Führung"verständnis nicht mehr kompatibel sind (Stichwort weiter unten: #Arbeiten40).

Wie sieht es aber nun aus mit den anstehenden weiterführenden Fragen? Wenn Algorithmen und "Roboter" bis 2030 die Hälfte der menschlichen Jobs übernehmen, sollten wir uns vielleicht heute schon Gedanken über machen über ein technikkompatibles Steuersystem (Dank an @LSMueller für diesen Hinweis!) Wenn das Modell der Norm-Arbeitsverhältnisse in der digitalisierten Welt ausläuft; wie kann eine Arbeitslosenversicherung aussehen, die dem Rechnung trägt? Wie hoch sind die Einsparpotenziale, die durch Anwendung von digitaler Unterstützung in der Altenpflege (Achtung: Demographischer Wandel!) entstehen werden? Wie sieht eine intelligente Straßeninfrasstrukturplanung aus, die zunehmend Sensoren im Straßenbau einsetzen könnte? Wie muss unser Schulsystem und das System der Weiterbildung in einer Welt des globalisierten (Online-) Arbeitsmarktes ausgestaltet sein?

Die alte Welt möchte sichtbar bleiben
(Foto: Ole Wintermann)
Fortsetzung folgt....

Teil 1 des Rückblicks 

Sonntag, 10. Mai 2015

#rp15 Rückblick (Teil 1 v. 3): Systemkrise und Ideenklau

Leben in 2 Welten

Mein hauptsächlicher Eindruck zur aktuellen #rp15 lässt sich am besten umschreiben mit: Wir leben inzwischen in vielen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen in 2 unterschiedlichen Welten. Auf der einen Seite gibt es die alternde Offline-Gesellschaft (über Kulturpessimismus und Panikmache durch ehemals wichtige Medien wie den SPIEGEL haben schon viele andere kluge Leute ausreichend oft geschrieben), die sich hartnäckig (wir leben in der zweitältesten Gesellschaft der Welt) der digitalen Neuerung gegenüber verweigert (aus Angst um Statusverlust, vor unbekannten Dingen oder einfach Desinteresse), auf der anderen Seite gibt es den netzaffinen Teil der Gesellschaft, der begeistert von den Neuerungen berichtet, jedoch die Offliner nicht zu überzeugen vermag. In welchem Rahmen bewegen wir uns als digitale Bewegte (zukünftig); einem Klassentreffen oder einem Sandkasten (dazu später mehr).

Der Himmel über Berlin
(Foto: Ole Wintermann)
Nach meiner inzwischen 5. RP stellt sich mir erneut die Frage: Wie soll man die Eindrücke aus 3 Tagen, etlichen Gesprächen und Treffen und ein Programm mit 450 Vorträgen sinnvoll zusammenfassen? Vielleicht ist die Frage aber auch relativ Old-School und von der Schulausbildung eines älteren Semesters geprägt? (Achtung Aufsatz!). @DerLarsHahn hat in einem aktuellen Beitrag zur Wissensarbeit gerade gemeint, dass es sinnvoller wäre, sich von der manuellen und individuellen Ansammlung von Wissen zu verabschieden (das könnten Algorithmen sowieso besser) und sich den Heuristischen zuzuwenden. Recht hat. Daher folgt hier hetzt einfach mal eine heuristisch geprägte Übersicht.

Leben in der Systemkrise

Ethan Zuckerman ging in seiner Keynote "The System is Broken - and That is the Good News" auf diesen Aspekt ein. Die westlichen Demokratien erlebten, so Zuckerman, eine historisch einmalige Systemkrise durch ein breites in der Bevölkerung messbares Misstrauen gegenüber all den Institutionen, die die Gesellschaft im letzten Jahrhundert so geprägt hätten (Verbände, Unternehmen, Gewerkschaften, Parteien). Daran sei (so meine persönliche Interpretation) nicht das Digitale, die digital Affinen, die Technik, Facebook, Google oder die gesamte Welt Schuld (also immer die Anderen) sondern die Unfähigkeit der Offliner, mit dem Digitalen und seiner Auswirkung auf angestammte Themenfelder und Branchen umzugehen.

Er bezeichnete "Wahlen" als das Sakrileg der Demokratie, die man nicht kritisieren dürfe, die aber am Ende des Tages zu keinerlei politischer Änderung führten. Wenn sie dies täten, wären sie nicht erlaubt. Stattdessen würde die jüngere Generation in politischen Aktivismus und auf die Straße drängen. Dies zeige das hohe politische Engagement, habe jedoch das Problem, dass damit nur selten wirklich gesetzliche Änderungen einhergingen.

Zunehmend digital ermöglichte Transparenz über soziale und finanzielle Ungleichheiten sowie globale Herausforderungen wie dem Klimawandel und die Erfahrung der Egomanie großer Unternehmen im Umgang mit menschlichen Lebensbedingungen (wie z.B. der Deutschen Bank) ließen die Menschen in westlichen Demokratien an den wirtschaftlichen und politischen Akteuren mehr denn je zweifeln. Die Lösung bestünde in einer erhöhten Wirksamkeit der misstrauten Systeme, dem Monitoring der Aktivitäten dieser Systeme durch die Bürger und dem Aufbau dezentraler Systeme mit Hilfe der digitalen Tools (dies ist ein Punkt, auf den auch bereits Nafeez Ahmed hingewiesen hatte).

Passend dazu zeigte Gabriella Coleman in ihrem Vortrag "How Anonymous (narrowly) Evaded the Cyberterrorrism Rhetorical Machine" die versuchte Diskreditierung der Tätigkeiten der Anonymous-Aktivisten durch westlichen Geheimdienste auf. Es wurde sehr schön dargelegt, dass erst das Bekenntnis der polnischen Parlamentsangeordneten zur Guy Fawkes-Symbolik es vermocht habe, Anonymous aus der Ecke der Terrorristen heraus zu holen, in die die westlichen Geheimdienste sie absichtlich gedrängt hätten. Geheimdienstliche Diskreditierung als Reaktion auf Misstrauen gegenüber Institutionen; von dieser Kombination hören wir in Demokratien leider nicht zum ersten Mal.

Die überwachte Bevölkerung
(Foto: Ole Wintermann)
Wie sollen wir mit Ideenklau umgehen?

"Lasst euch nicht eure tollen Ideen von Männern mit viel Geld wegnehmen". Leider hatte ich mir nicht notiert, in welcher Session dies gesagt worden ist. Es zeigt aber ein Grundproblem der digitalen Euphorie auf: Die digitalen Enthusiasten und Innovatoren laufen vor, laufen immer wieder gegen Wände, holen sich eine blutige Nase, beuten sich selbst aus - und am Ende folgen die Ängstlichen (mit und ohne viel Geld), sammeln die Erfolge der Innovatoren ein und labeln das Aufgesammelte mit ihrem Namen (Dank an Thomas Herr für sein Bild der Pioniere mit den Kugeln in ihren Rücken). Die Aussage, dass Wissen der einzige Rohstoff sei, der mehr werde, wenn man ihn teile ist zugleich richtig und falsch. Richtig ist sie, weil erst Kommunikation und Kollaboration zu einem Erkenntnisfortschritt führt. Falsch ist sie, weil im Moment des Teilens bereits wieder Kräfte aktiv werden, die dieses Wissen abgreifen, begrenzen und horten wollen, um damit ihre Macht abzusichern.

Zwei prominente Innovatoren, Doc Searls und David Weinberger, beschreiben in ihren "New Clues" genau diese Problematik, indem sie u.a. mit dem Blick auf die risikoscheuen aber im System fest etablierten Nachahmer schreiben: "The Marauders understand the Internet all too well. They view it as theirs to plunder, extracting our data and money from it, thinking that we are the fools." Das Dumme ist; innovativ und neugierig zu sein, kann man nicht werden, wenn man nicht so denkt und man kann es nicht abstellen, wenn man es ist. In einer anderen Session über die zukünftige Rolle von Freelancer setze man genau an dieser Stelle an - temporäre Nutzung von Freelancern in Unternehmen, um Innovationen, die das Unternehmen nicht aus Sicht selbst heraus generieren kann, damit quasi "einzukaufen". Ob dieses Geschäftsmodell für beide Seiten lohnend ist, wird die Zukunft zeigen.

Die Auflösung der scharfen Grenze zwischen Innen und Außen, die Notwendigkeit fluider Unternehmen, die stringente Ausrichtung an Kundenwünschen als Voraussetzung zum Überleben im Digitalen und das von Zuckerman geschilderte breite Misstrauen gegenüber jeder Art von Institution lässt jedoch Zweifel an der Überlebensfähigkeit des Konstruktes "Unternehmen" aufkommen.

Fortsetzung folgt....

Mittwoch, 6. Mai 2015

Mit welchem Recht enthalten wir Menschen Bildungsinhalte vor?

Am Montag dieser Woche war ein schöner Tag für Open Educational Resources (#OER). In Rahmen eines großen Herausgeber-Teams um den Stifterverband der deutschen Wissenschaft, der Open Knowledge Foundation, der Mind Stiftung, der Technologie Stiftung Berlin, dem Internet und Gesellschaft Collaboratory sowie der Transferstelle OER (und uns selbst als Bertelsmann Stiftung) konnten wir zeitgleich zwei Studien zum Thema OER herausgeben. Beide Studien gemeinsam stellen eine erste grundsätzliche Bestandsaufnahme der offenen Bildungsinhalte in der Hochschule und dem Bereich der Weiterbildung in Deutschland dar und haben das Ziel, der Offenheit von Bildungsinhalten einen wesentlich größeren Raum zu geben.

Innerhalb weniger Wochen sind Dank des Autoren-Teams (Ingo BleesMarkus DeimannHedwig SeipelDoris HirschmannJan Neumann) um Jöran Muuß-Merholz und eines 12-köpfgigen Reviewer-Teams über 200 Seiten an Informationen und Analyse zum Thema zusammen gekommen. Im Zuge des gesamten Prozesses waren bis zu 30 (!) Menschen an der Erstellung der Studien beteiligt; Menschen, die sich größtenteils vorher nicht kannten, die jedoch ganz im Sinne Kollaboration Arbeitens gemeinsam für ein Ziel gearbeitet haben. Ich bin froh, dass wir damit nicht nur theoretisch über Teilen und Kollaboration geschrieben sondern dies auch ganz konkret gelebt haben.
Das Ziel des Teams war es, das Eintreten für offene Inhalte aus einer gewissen defensiven Grundhaltung heraus zu holen. Während man sich derzeit noch dafür fast entschuldigen muss, dass man Wissen und Dinge teilt (Artikel “Wenn Posten zur Manie wird…, rbb), sollte es vielmehr darum gehen, Teilen als default Option zu verstehen und zu fragen, wieso und mit welchem Recht Menschen von Bildungsinhalten ausgeschlossen und ferngehalten werden.
Demografie und sinkende finanzpolitische Spielräume, der existenzbedrohende Klimawandel, ein zunehmend globalisierter Arbeitsmarkt bei gleichzeitigem Fachkräftemangel in Deutschland und die Digitalisierung, welche eine immer schnellere Anpassung der vorhandenen Qualifikationen an nachgefragte Qualifikationen erfordert, sind Rahmenbedingungen zukünftiger Erwerbstätigkeit, die mehr als offensichtlich verdeutlichen, warum der offene Zugang zu Bildung gleichsam in den Rang eines Menschenrechts gehoben werden sollte.
Nur mit dem Teilen von elementaren Erkenntnissen, der Kollaborationen über nationale und kulturelle Grenzen hinweg und der Beteiligung emphatischer Menschen an dem Finden der so wichtigen Lösungen für globale Probleme können wir von der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft sprechen. Jede Schranke, die den Zugang zu Bildung und Erkenntnis verhindert, müsste gerechtfertigt werden und nicht die Forderung nach offenen Bildungsinhalten.
Speziell in Deutschland kämpfen die Befürworter offener Bildungsinhalte jedoch mit einem anachronistischem Leistungsschutzrecht, der Störerhaltung, mit unzureichender digitaler Infrastruktur und dem Fehlen konkreter erster Anwendungsfälle, die die Relevanz von OER mehr Lehrenden und Politikern vor Augen führen könnten.



Sketch von @ralfa unter CC 4.0 BY
Der international bekannte OER-Experte Dominic Orr betonte dann auch in seinem Beitrag die Relevanz von OER als Katalysator sozialer Innovationen, da gerade auch der Kollaboration Prozess der Erstellung der Inhalte eine neue Form der gemeinsamen Erkenntniserarbeitung sei. OER hätten zudem einen längeren Lebenszyklus, da sie beständig verbessert würden und damit auch den statischen Inhalten traditioneller Bildungsanbieter überlegen seien. Allerdings wies er auch auf die Tatsache hin, dass die Vertreter von OER mehr in der Sprache des Mainstreams reden und in der Problemlogik des Mainstreams denken müssen, um anschlussfähig zu sein. Ich sehe die Forderung nach der Anschlussfähigkeit an tradiertes Denken an dieser Stelle etwas kritisch. „Realpolitisch“ hat er aber natürlich vollkommen recht.


Foto: Ole Wintermann

In seinen aktuellen Analysen sei er zu dem Schluss gekommen, dass die folgenden Voraussetzungen unabhängig vom jeweils betrachteten Land zur stärkeren Nutzung von OER beitrügen:

  • generelle Förderung der Nutzung neuer Lernformen
  • Unterstützungsangebote für Lehrenden
  • Maßnahmen zur Sicherung von Qualität von Bildungsinhalten
  • tatsächlich gewollter breiterer Zugang zu Bildungsinhalten
  • Reduzierung der Hindernisse zu Lernmöglichkeiten wie beispielsweise soziale Herkunft
Darüber hinaus können Politik durch den Aufbau von Repisitorien (in der folgenden Debatte durchaus strittig diskutiert) und Netzwerken für Lehrende sowie die Initiierung erster systematischer Forschung zu OER die Verbreitung offener Bildungsinhalte voran bringen.
Jöran Muuß-Merholz, der vor der Herausforderung stand, als inhaltlicher Koordinator die zwei Studien in nur 15 Minuten vorzustellen, konzentrierte sich auf die Treiber für OER, die er im Zuge beider Studien ganz speziell in Deutschland identifiziert hatte. So würden sich positiv auf die Nutzung von OER auswirken:

  • ein rigides Copyright, das Lehrende zunehmend überlegen lasse, wie Inhalte unabhängig von Verlagen erstellt und bereitgestellt werden könnten
  • eine Kooperationen der Bildungsbereiche, die dem Erfahrungsaustausch über OER diene,
  • Qualitätskontrollen, die den Hauptkritikpunkt gegenüber OER aufnehmen würden,
  • eine Einigung auf einen Metadatenstandard, der den Austausch von Inhalten nachhaltig vereinfachen würde,
  • die Förderung von Leuchtturmprojekten, die Anwendungsfälle bekannter machen würden,
  • und die Umsetzung des Grundsatzes, dass “öffentlich finanziert“ auch zu “offen lizensiert“ führen würde.

 Foto: Ole Wintermann
Mein Fazit der Veranstaltung und der Arbeit für die OER-Studie zur Weiterbildung war:
  1. Wir sollten als Vertreter von offenen (Bildungs-) Inhalten offensiver auftreten und die VertreterInnen geschlossener Inhalte nach der Rechtfertigung fragen, wieso Menschen Bildung und Inhalte vorenthalten wird.
  2. Es müssen konkrete Anwendungsfälle beschrieben und beworben werben, um sie bei den Lehrenden bekannt zu machen.
  3. Man sollte nicht nur über die gemeinsame Erstellung von Inhalten reden sondern dies, wie dies bei beiden Studien auch gemacht wurde, auch vorleben.
Dieser Beitrag ist auch erschienen auf dem Weiterbildungs-Blog der Bertelsmann Stiftung.

Montag, 27. April 2015

Das Ende der Fußgängerzonen

Benötigen wir Fußgängerzonen?

Brauchen wir heute noch Fußgängerzonen und Innenstädte (in mittelgroßen deutschen Städten), in denen man einkaufen kann? Wer kennt sie nicht, die Bücher, die beim Buchhändler gerade nicht verfügbar sind, die Öffnungszeiten des Kaufhauses, die sich mal wieder geändert hatten, der schlechte Kaffee des Bäckers, der zuviel Laufkundschaft hat, um sich über Qualität Gedanken machen zu müssen, die Parkplatzsuche beim Arztbesuch. Und wieder hat man sich umsonst auf den Weg "in die Stadt" gemacht. Friseure, Bäcker, Drogerien und Supermärkte befinden sich sowieso (auch) außerhalb der Innenstädte. Banken, Bibliotheken, Stadtverwaltungen und teilweise auch schon Lebensmittelgeschäfte können online genutzt werden.

Gunnar Sohn schreibt in seinem aktuellen Debattenbeitrag über die "auswechselbaren Fußgängerzonen mit dem Charme bepisster Blumenkübel" und hinterfragt kritisch das Vorgehen von Siggi Gabriel und der EU Kommission mit Blick auf die kartellrechtlichen Debatten um die mögliche Zerschlagung von Google. Der Text von Gunnar hat mich dazu gebracht, einmal mit offenen Augen durch die Fußgängerzone (oder politisch korrekt: Zu-Fuß-Gehende-Zone) der Stadt, in der ich wohne (Gütersloh), zu gehen.

Altlasten werden abgebaut - neuer Investor auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände ist ein Abbruchunternehmen
Foto: Ole Wintermann
Denn wir kennen es alle, das Schlagwort von der "Attraktivität der Innenstädte". Wir vernehmen regelmäßig das Anpreisen der Fußgängerzonen dieser Republik - "Lebensqualität", "Abkehr von der grünen Wiese", "kurze Wege" - durch die Politik, die Stadtverwaltungen, den Einzelhandel und die Baby Boomer in den Kulturredaktionen der großen Zeitungen. Auf der anderen Seite steht aber die Lebensrealität der meisten anderen Menschen.

Stadtplanung und Digitalisierung?

Vor kurzem wurde in der (Innen-) Stadt (von) Gütersloh nach langen Jahren der politischen Debatte eine neue Einzelhandelspassage eröffnet. Sie entspricht den Vorstellungen des Einzelhandels der 1990er Jahre davon, wie Menschen einzukaufen haben. Man begebe ich in dunkle Ladengeschäfte, die versucht wurden, mit der üblichen Mischung aus Stahl und Glas luftiger erscheinen zu lassen. Aufgrund der örtlichen Begebenheit wurde ein Sporteinzelhandelsgeschäft zentral in der Passage platziert. Dort kann man kaufen: Skier, Tenniszubehör, Laufschuhe, Fußbälle. Alles dies kann ich aber auch bei Amazon (oder auch Otto) erwerben. Meine Prognose ist, dass dieses Geschäft die nächsten 10 Jahre nicht überstehen wird.

Denn: Worin besteht der Mehrwert für den Konsumenten (in Gütersloh wie auch jeder anderen mittelgroßen deutschen Stadt) bzw. sich für den täglichen Konsum in die geografische Mitte einer Stadt zu begeben, in der:

  • der Verkehr nervtötend ist,
  • der Stresspegel angesichts der vielen Menschen regelmäßig ansteigt, 
  • die Auswahl an Artikeln sehr beschränkt ist,
  • diese Auswahl zudem zumeist teurer als im Netz ist und in der

am Ende sehr viel mehr Zeit darauf verwendet wird, einen Warenkorb zusammenzustellen als dies bei einer Shopping-Tour auf dem Sofa zuhause der Fall gewesen wäre.

Grüne Wiese vor der Stadt? Mitnichten: Unmittelbare Innenstadt von Gütersloh
Foto: Ole Wintermann
Vor kurzem hat in derselben Stadt ein Apple-Fachgeschäft mitten in der Stadt die Pforten geschlossen. Offizielle Begründung des Inhabers: Aufgrund der naheliegenden Baustelle habe sich der Umfang der Laufkundschaft verringert. Nun wäre es für einen PC-Händler eigentlich naheliegend gewesen, sich nicht auf die Laufkundschaft zu verlassen sondern auch im Netz zu expandieren. Stattdessen aber wurde in der örtlichen Papierzeitung darüber räsoniert, was getan werden könne, um die "Innenstadt attraktiver zu machen".

Amazon als neuer "örtlicher" Einzelhändler?

Das Örtlichkeitsprinzip einer Fußgängerzone ist eine Erfindung der 1950er Jahre und hat mit dem Konsumverhalten der heutigen Menschen nicht mehr allzuviel gemein. Der Ort des Kaufaktes wird immer unwichtiger. Stadtverwaltungen und örtliche Einzelhändler täten gut daran, im Zuge der Stadt- und Flächennutzungsplanungen in neuen Szenarien zu denken. Regionale Wirtschaftsförderung könnte verstärkt den Einzelhändlern zugute kommen, die mit Hilfe des Online-Handels die eigenen Absatzmärkte über die Grenzen der eigenen Kommune hinaus erweitern wollen. Regionalisierung bezöge sich dann weniger auf den Absatzmarkt als vielmehr auf den Ort der Produktion.

Hier kommen nun wieder Google, Amazon und andere ins Spiel. Zum einen erzeugen diese Unternehmen den Druck auf örtliche Einzelhändler, sich neuen Kaufgewohnheiten der Konsumenten anzupassen und zugleich bieten sie aber auch die Tools an, mit denen diese neuen Gewohnheiten bedient werden können. Das Fordern der Zerschlagung dieser Daten-Unternehmen würde demnach implizit auch das Festhalten der Traditionalisten an alten Gewohnheiten in Städten wie Gütersloh befördern.

Daran können wir Bürger und Konsumenten kein Interesse haben. Und nein, liebe Einzelhändler, nicht Google und Amazon sind Schuld an eurer häufig problematischen Situation, sondern eure in weiten Teilen immer wieder zu beobachtenden Innovationsdefizite.

Dienstag, 21. April 2015

Datenschutz reloaded: Teilen statt Darwinismus?

Der Beitrag ist zuerst auf der Seite der Netzpiloten erschienen und basiert auf einem Treffen von Experten im Zuge des Foresight-Prozesses “Future Agenda” zu dem übergeordneten Thema “Zukunft der Arbeit/Datennutzung” im April diesen Jahres.

Die Debatte um Datenschutz lässt verschiedene gesellschaftliche Meta-Aspekte im Umgang mit Daten außer Acht.
Sharing instead of Darwinism (Image: Ole Wintermann)
Foto: Ole Wintermann
Statt über das einfache Pro und Contra des Sammeln von Daten zu diskutieren, sollten wir vielleicht auch fragen, in welchem gesellschaftlichen Zusammenhang welche Positionen vertreten werden. Datenschutz und die Debatte über die Verwendung von Daten wird seit Jahren unter den immerselben (und überaus wichtigen) Gesichtspunkten geführt:
  1. Datenschutz und Privatsphäre: Welcher Umfang an Datenschutz ist gewünscht und realistisch?
  2. Daten als Machtinstrument: Was wissen Unternehmen und der Staat über mich? 
  3. Ungleichheit der Datenanhäufung zwischen privaten und öffentlichen Akteuren: Dürfen Unternehmen mehr über die Einwohner eines Landes wissen als deren eigene Regierung? 
  4. Connected Data: Wo ergeben sich Muster in den Datenströmen, die zu Erkentnisgewinnen führen? 
  5. Entscheidungsmacht von Algorithmen: Ist eine von Menschen getroffene Entscheidung richtig, auch wenn der Algorithmus das anders sieht? 
  6. Kompetenz im Umgang mit Daten: Gehört das Fach Informatik in die Schule und Datenjournalismus als zukünftiges Berufsfeld? 
  7. Globalisierung des Sammelns von Daten: Wie passen auf Dauer nationalstaatliche Regelungen zum globalen Netz? 
  8. Open Public Data: Wie sehen konkrete Beispiele für #DataforGood aus?
Hinter all diesen ganz pragmatischen operativen Fragen stehen aber stets einige Meta-Fragen oder -Diskurse, die nicht offen angesprochen werden.

Verlust tradierter Deutungshoheiten?

Umso wichtiger jede Art von Daten für die Entscheidungen von Unternehmen, Politik und privaten Nutzer sowie den Bürger wird, desto wichtiger wird die Frage nach der “richtigen” Interpretation dieser Daten. Die Daten entheben zunehmend die althergebrachten EntscheiderInnen ihrer selbst zugeschriebenen Kernkompetenz: dem Entscheiden. Immer weniger werden es sich Politiker und Unternehmenslenker erlauben können, für die Bürger und Kunden suboptimale Entscheidungen zu treffen, die zwar deren eigene Machtinteressen bedienen, am Ende des Tages aber an den Wünschen von Bürgern und Kunden vorbeigehen. Daten aus Skandinavien haben beispielsweise rechtzeitig auf den gesellschaftliche und volkswirtschaftlichen Schaden hingewiesen, die die Herdprämie in Schweden verursacht hat. Somit wurde die Entscheidung pro-Herdprämie hierzulande rechtzeitig als rein parteipolitisch motivierte Entscheidung erkannt und ihrer Legitimation beim Wähler entzogen.

Damit deutet sich an, dass Deutungshoheiten schwinden werden, umso transparenter Interpretationen erfolgen werden. Entscheidungen können sehr viel stärker als früher auf den öffentlichen Prüfstand gestellt und hinterfragt werden. Damit können die Entscheider immer seltener individuell motivierte Entscheidungen treffen. Sie müssen vielmehr die Reaktion des Kunden und des Bürgers vorab antizipieren, wenn sie nicht wollen, dass die Entscheidung sie selbst in ihrer Funktion sogleich in Frage stellt.

Wie könnte eine Ethik der Algorithmen aussehen?

Wie kann eine Ethik der Algorithmen aussehen? Nicht zuletzt mit der Einführung der ersten selbstfahrenden Autos muss diese Frage speziell für diesen Bereich beantwortet werden. Hinter der Erstellung dieser Algorithmen stehen normative Vorstellungen der Menschen, die sie programmieren. Eine Health-App kann zwar entscheiden, dass mehr als 4.000 Schritte am Tag gesund sind. Wie sieht es aber schon mit dem nächsten Schritt der Bewertung aus? Ab wann ist ein Cholesterin-Wert nicht mehr vertretbar? Welche Studien schlagen welche Grenzwerte vor? Durch die selbstlernenden Bewertungsmechanismen und das Erkennen von Mustern in Connected Data wird sicherlich irgendwann der Algorithmus entscheiden, welcher Wert empfehlenswert ist.

Wenn aber diese Logik auf andere Bereiche übertragen wird, stellt sich die Frage, wie wir mit dieser uns selbst optimierenden Lebensweise umgehen. Was ist, und diese Frage hatte nicht zuletzt Stephen Hawking gestellt, wenn die Algorithmen erkennen, dass unsere Lebensweise und damit auch die Menschen an sich nicht “optimal” agieren?

Foto: Ole Wintermann
Open Data vs. Cyber Warfare?

Könnte es sein, dass die gerade zu beobachtende zunehmend Offenheit der westlichen Gesellschaften in Bezug auf öffentliche Daten potenziell im Zuge von Cyber-Warfare ausgenutzt wird? Würde dem so sein und käme es zu größeren Zwischenfällen als die zuletzt beim französischen Sender TV5 beobachteten, so muss damit gerechnet werden, dass sowohl das Streben nach mehr Open Governance als auch die freie Nutzung öffentlicher Daten erneut eingeschränkt und die Skepsis der Bürger und Nutzer gegenüber dem Sammeln von Daten wieder ansteigen könnte. Dies wäre aber – eben gerade unter dem Gesichtspunkt des “Data for Good” – leider sehr kontraproduktiv für die Gesellschaft und das Erreichen einer nachhaltigen Lebensweise.

Ob sich unter diesen Bedingungen jemals eine globale Governance und eine Regulierung des Umgangs mit jeder Form von Daten ergeben werden, darf bezweifelt werden. Daten und das Sammeln von Daten geschieht global. Die Regulierung erfolgt regional. Es bestünde damit eigentlich die Notwendigkeit des Aufstellens global gültiger Regeln im Umgang mit nutzerbezogenen Daten – angesichts von drohenden Cyber Warfare Szenarien erscheint dies schwerer denn je zu erreichen sein.
Daten für mehr Nachhaltigkeit?

Der vielleicht wichtigste übergeordnete Verwendungszweck von Daten ist die Erreichung einer gesellschaftlich wie auch individuell nachhaltigen Lebensweise. Stichwort: “Data for Good“. Momentan steht dem allerdings noch entgegen, dass personenbezogene Nutzerdaten nur durch die Unternehmen genutzt werden können, die diese sammeln und das öffentlich zugängliche anonymisierte Daten noch nicht wirklich einer flächendeckende Verwendung zugeführt werden konnten. In Zukunft deutet sich ein kulturell basierter Konflikt zwischen den verschiedenen Weltregionen um das Sammeln personenbezogener Daten an. Es kann angesichts des wachsenden Bewusstseins über die Datensammelproblematik optimistisch davon ausgegangen werden, dass sich in der Zukunft die europäische Sichtweise bei den Nutzern internetbezogener Dienste weltweit durchsetzen könnte.

Angesichts von Megatrends, die die Menschheit in ihrer Existenz bedrohen, wäre es wünschenswert, wenn die Verwendung von Daten für die Bewältigung von Klimawandel, sozialen Ungleichheiten oder die Stärkung von Bürgerrechten genutzt werden würden. So zeigen uns schon heute entsprechend aufbereitete und in diesem Maße bisher nicht gekannte Visualisierungen die zunehmende soziale Segregation in europäischen Großstädten, die drastische Erwärmung der Meere in den arktischen Regionen, die weltweiten Flüchtlingsströme oder die Ungleichgewichte auf den globalen Finanzmärkten. Damit aber kann das Bewusstsein für die Globalisierung der Risiken und Herausforderungen sowie für die Verbreitung von geeigneten Lösungen vorangetrieben werden.

Wer definiert den “richtigen” kulturellen Umgang mit Daten?

Die Interpretation von Datenschutz, Privatssphäre, Marktpotenzialen oder Relevanz ist höchst kulturell dominiert. Wir glauben hierzulande – in einer alternden, schrumpfenden und technikaversen Kultur – dass unser Maßstab im Umgang mit Daten das Maß aller Dinge sei. Dem ist natürlich nicht so. Nicht einmal innerhalb Deutschlands gibt es einheitlich Vorstellungen darüber. So diskutieren Juristen, Ökonomen, Psychologen oder Pädagogen auf vollkommen unterschiedlichen Ebenen miteinander oder auch nebeneinander dieses Thema.

Nicht umsonst hatte Gunter Dueck schon auf der #RP13 zum Meta-Diskurs aufgerufen, um das Verständnis über das gegenseitige Nicht-Verständnis zu verbessern. Auch in diesem Kontext sollte wieder gefragt werden, ob nicht der Nutzer und/oder der Bürger irgendwann einfach selbst darüber entscheiden wird, wie der Umgang mit seinen Daten aussehen sollte, in dem er ganz einfach mit seinem Verhalten darüber abstimmt.
Teilen für eine bessere Welt?

Kollaborativ erarbeitete Lösungen für gesellschaftlich relevante Probleme wie auch für betriebliche Herausforderungen bedeuten immer ein Teilen von Wissen, Daten und Erkenntnis. Unternehmen sind aber nicht auf das Prinzip des Teilens eingestellt. Es ist nicht vorgesehen, dass der Angestellte einen unmittelbaren und individuellen Nutzen vom Teilen seines Wissens mit anderen Kollegen hat. Dass aber das einseitig erwartete Geben durch den Angestellten vom Arbeitgeber implizit erwartet wird, führt zu dramatischen Effizienzverlusten für die Unternehmen.

Der allseits unter dem Buzzword “Share-Economy” diskutierte Wandel der Produktions- und Konsumgewohnheiten reicht viel weiter als es diese rein betriebswirtschaftliche Sichtweise vermuten ließe. Die Demokratisierung der Energieversorgung, die steigende Bedeutung der Crowd bei der Sammlung von Investitionsmitteln für Startups und Unternehmen, die Regionalisierung der Lebensmittelversorgung oder die Einrichtung virtueller Tauschbörsen für Dienste und Güter sind Ausdruck des Bedürfnisses der Menschen nach einem sozial relevanten Teilen mit fremden Menschen und des Wunsches nach einer Zurückeroberung souveränen Handeln im eigenen Umfeld. Vermarktungsinteressen der Unternehmen, ständige Hacker-Angriffe auf heimische PCs und die Überwachungsaktivitäten der Regierung gegenüber der eigenen Bevölkerung oder anachronistische Vorschriften beim Agieren im Internet (Stichwort Störerhaftung) stehen diesem Wunsch der Menschen entgegen.

Wie geht es weiter?

Die Erfahrungen im persönlichen Umfeld zeigen eines: die Rücksichtslosigkeit staatlicher Akteure und wirtschaftlicher Entscheider im Umgang mit personenbezogenen Daten führt schon jetzt zu einem restriktiveren Umgang der Bürger und Nutzer – unabhängig von Internetaffinität und Bildungsstand – mit ihrer eigenen Kommunikation und den von ihnen verwendeten Inhalten. Verschlüsselungen und der Hinweis auf Telefonate statt des Mail-Austauschs sind Tendenzen im täglichen Miteinander, die ich eigentlich noch von Kontakten in die damalige DDR kenne. Damit aber werden demokratische Regierungen und übergriffige Internet-Firmen genau für ihr Verhalten langfristig bestraft, da sie schwieriger als zuvor an den von ihnen gesuchten Rohstoff – Daten – kommen. Vielleicht führt dies ja zu einem Umdenken. Mit Blick auf die oben beschriebenen Chancen, die der Einsatz von Daten für mehr Nachhaltigkeit eigentlich böte, wäre dies sehr zu begrüßen.

Dienstag, 14. April 2015

Der Gipfel der 7 nicht führenden Industrienationen

Die Qualitätsmedien, die einen solch hohen Anspruch an Qualität vorzugeben pflegen, überraschen doch immer wieder mit einer erstaunlich unreflektierten Übernahme politisch verzerrter Semantiken. So wird angesichts des aktuellen G7-Gipfels in Deutschland (Außenminister in Lübeck) immer wieder und nach wie vor von den "7 führenden Industrienationen" gesprochen.

Diese Bezeichnung ist sachlich falsch.

Die Mitglieder des G7-Gipfels gemäß des politischen und medialen Selbstverständnisses sind:
  1. USA
  2. Japan
  3. Deutschland
  4. Italien
  5. Frankreich
  6. Kanada
  7. UK


Die 7 führenden Industrienationen sind aber in absoluten Zahlen (BIP):
  1. USA
  2. China
  3. Japan
  4. Deutschland
  5. Frankreich
  6. UK
  7. Brasilien


Brasilien und China und damit 1,6 Mrd. Menschen werden demnach aus nicht näher genannten Gründen aus dem 7er-Club ausgeschlossen.

Die 7 führenden Industrienationen nach der pro-Kopf-Wirtschaftsleistung sind (IWF-Daten):
  1. Luxemburg
  2. Norwegen
  3. Katar
  4. Schweiz
  5. Australien
  6. Dänemark
  7. Schweden

Es wird demnach sowohl für die Medien als auch einige westliche Länder Zeit, sich von der egozentrischen Sichtweise zu verabschieden, dass die Wirtschaftskraft nach wie vor in den G7-Ländern am höchsten sei. Dies ist in der Vergangenheit durchaus so gewesen und hat dem entsprechend anfänglich die G7-Logik begründet. Die im G7-Gremium vertretenen Ländern täten aber gut daran, zu erkennen, dass sich in Zukunft die wirtschaftliche und damit geopolitische Schwerkraft von Westen nach Osten und damit nach Asien bewegen wird.

Sonntag, 5. April 2015

Kontrollwut und Selbstüberschätzung: Nicht nur ein Management- sondern auch ein politisches Problem?

Globalen Herausforderungen mit neuen Formen der digitalen Zusammenarbeit begegnen?

Das Millennium Project stellte vor kurzem erneut und mit Nachdruck fest: Globale Herausforderungen stehen uns bevor. Klimawandel, soziale Ungleichheiten, die Zerstörung der Biosphere und die Bevölkerungsentwicklung können nur gemeinsam bewältigt werden. Wer zum älteren Semester gehört, kann sich noch an die Erkenntnis der deutschen Umweltpolitik erinnern, als in den 1970er Jahren den Menschen bewusst wurde, dass die damalige Verschmutzung der Flüsse in Deutschland nur gemeinsam mit den Nachbarländern angegangen werden kann. Damals eine horizonterweiternde Erkenntnis, heute profanes Alltagswissen. An diesem Punkt stehen wir nun heute erneut - nur geht es jetzt darum, in einem globalen Kontext zu denken.

Gleichzeitig stehen uns weltweit und über Grenzen hinweg neue Formen der Zusammenarbeit zur Verfügung, die allgemein unter #Arbeiten 4.0 wie auch die Industrie 4.0 (wir vergessen an dieser Stelle mal einfach die Buzzword-Welle) zusammen gefasst werden. Neue Formen der Kollaboration, der gemeinsamen Suche nach Lösungen für wichtige Probleme, die Möglichkeit, die Digitalisierung für das Erreichen von mehr Nachhaltigkeit zu nutzen, das erkennbare Potenzial von BigData for Good, die Erfahrung gemeinsamer basaler menschlicher Werte mit Hilfe der (größtenteils) grenzenlosen sozialen Medien sind eigentlich ideale Voraussetzungen, um just in dem Moment der Globalisierung existenzieller durch den Menschen verursachter Probleme die Werkzeuge zu nutzen, die uns das Netz bietet, um all diese Herausforderungen anzugehen.

Chancen der Zusammenarbeit werden durch Stakeholder vergangener Werte bedroht

Das einzige, was uns im Wege steht, um diese Möglichkeiten auch wirklich zu nutzen, ist die Angst mancher (!) Akteure in Wirtschaft und Politik, ihren Status, ihre Macht, ihren Einfluss durch diese neue digitale Welt zu verlieren. Digitalisierung bedeutet den Verlust der Form von Macht, wie wir sie in der Vergangenheit kannten. Die Ausübung von Macht war im letzten Jahrtausend geprägt durch das Gegenteil von Zusammenarbeit und Sharing: Informationsfilter, formale Hierarchien, Erhalt tradierten Status´, Androhung von Gewalt, das Ausspielen von Menschen gegeneinander, Bildungsvorsprung, elitäre Netzwerke, das Aufstellen von einengenden Regeln oder Regulierungen.

Foto: Ole Wintermann
Psychopathische Charaktere, Narzissmus und Manien gelten als "gute" Voraussetzungen dafür, diese Macht gegenüber den Mitmenschen in Hierarchien auszunutzen. +Dr. Nico Rose verweist hier auf die "dunkle Triade" von Narzissmus, Psychopathie und Machtinstinkt, die erst zusammen kommen müsse, um damit ein Anflug von Psychopathie innerhalb einer Hierarchie tatsächlich ihre Wirkung entfalten könne. Thomas Sattelberger spricht beim Blick auf die Führungsetagen in Unternehmen von der "Schule der Intrigen". Über den Anteil der Führenden, die die Voraussetzungen mitbringen, gibt es unterschiedliche Angaben. Eine der am häufig zitierten Quellen spricht davon, dass der Anteil der Psychopathen in den Führungsetagen sechsmal höher als in der Gesamtbevölkerung liegt. (Es geht demnach mitnichten darum, dass Führung in jedem Fall einhergeht mit diesen psychischen Auffälligkeiten. Das sei an dieser Stelle nochmals und ausdrücklich betont!)

Bisher wird diese Form bzw. dieser Antrieb zur Machtausübung v.a. in der HR-Community diskutiert und hat wohl, so eine erste kurze Recherche, nicht den Weg in beispielsweise vergleichende Politikwissenschaften oder internationale Konfliktforschung gefunden. Es gibt daher nur erste grobe Schätzungen darüber, welchen betriebswirtschaftlichen und damit letztlich auch volkswirtschaftlichen Schaden diese Status- und Machtmissbräuche verursachen. Sollten wir aber nicht das Handeln mächtiger politischer und wirtschaftlicher Akteure im globalen Kontext nicht auch danach bewerten, auf welcher psychologischen Basis manche (!) dieser Akteure heraus handeln? Wenn dieses Problem in der HR-Community diskutiert wird; warum übertragen wir dieselben Fragen nicht auch auf die politische Sphäre? In Zeiten globalisierter Herausforderungen und Zusammenarbeit wäre es essenziell wichtig, dass die Menschen wüssten, mit welchen Staatenlenkern sie zu tun haben.

Wie sieht die persönliche Motivationslage mancher Staatenlenker konkret aus?

Könnte es eventuell sein, dass der Kampf der tradierten Energie-Unternehmen gegen die Energiewende, der Meinungskampf der konservativen US-Politik gegen die Darstellung des Klimawandels, das hartnäckige Verweigern der neuen digitalen Realität hierzulande, (ich höre schon die Stimmen, die darauf verweisen, man dürfe das alles nicht in einen Topf werfen...) oder der Kampf Israels gegen jede Form eines palästinensischen Staates im Kern immer die Unfähigkeit handelnder Entscheider beinhaltet, mit Wandel umzugehen, weil dieser Wandel eventuell ihre ökonomische oder politische Machtbasis gefährden könnte?

Ist es nicht interessant zu beobachten, dass, während in der HR-Community zunehmend sogar offen über die Demokratisierung von Unternehmenssteuerung nachgedacht wird (weil man erkannt hat, dass diese Crowd ja irgendwie doch etwas beitragen kann), gleichzeitig im politischen Bereich der Versuch der stärkeren und umfassenderen Kontrolle aller Bürger erfolgt?

Wie ist es zu erklären, dass sowohl der US-Präsident als auch der UK-Premierminister gegen jede Form des investigativen Journalismus, der politisches Handeln in diesen Ländern im kritischen Licht darstellen könnte, so radikal vorgehen, dass Journalisten im Beisein des Geheimdienstes die Festplatten, auf denen ihre Arbeit gespeichert ist, zerstören müssen und jede Form des Hacktivism als potenziell die nationale Sicherheit der USA gefährdend dargestellt wird? Wie ist es möglich, dass ein wichtiger Politiker aus einer westlichen Demokratie allen ernstes fordert, den gesamten Mail-Verkehr und die Telefonate der kompletten eigenen Bevölkerung überwachen zu können? Welch Maßlosigkeit hat sich inzwischen in diesen Debatten zu Lasten der Bevölkerung breit gemacht und was ist der Grund für diese Maßlosigkeit, die schon lange jeder sachlichen Kausalität entbehrt?



Kontrollwut als Managementproblem - Kontrollwut auch ein politisches Problem?

Die @Bock_Sabine hat in einem sehr schönen Übersichtsartikel mal die staatliche Verfolgung von Whistleblowern der letzten Jahre zusammengestellt und damit gezeigt, wie sich die Schlinge der staatlichen Repressalien immer enger um die Menschen zieht, die sich erhoffen, durch den Leak von internen Informationen über Missstände innerhalb einer Demokratie und des Unternehmens, in dem sie arbeiten, eben diesen einen Gefallen zu tun. Die Verfolgung von Whistleblowern wird zum Selbstzweck, ohne dass überhaupt noch auf die Zielsetzung der Leaks geachtet wird. Welches jurstische Maß wurde schon längst überschritten, dass inzwischen darüber nachgedacht wird, Filesharern in Frankreich die Nutzung von Flugzeugen zu verbieten? Andere Staatenlenker reagieren schon verschnupft, wenn Nutzer von Twitter auf interessante offensichtliche Kontexte hinweisen, die dann aber ihren eigenen Status gefährden könnten.

In der HR-Community werden betriebliche Entscheidungen, die offensichtlich Folge von Herrschsucht und Kontrollwahn sind, schon längst kritisch unter ihrem Kostenaspekt für das Unternehmen betrachtet. Das Spannende wäre nun, wenn diese Erfahrungen von HR auf die Politik übertragen und im Kontext der o.g. globalen Herausforderungen gestellt würden. Dies hat DIE ZEIT versucht, indem sie in einem umfangreichen Themenartikel den Psychiater Nasser Ghaemi mit Blick auf politische Entscheider mit den Worten zitiert: "In guten Zeiten behandeln wir sie, in schlechten regieren sie uns". An anderer Stelle zitiert DIE ZEIT den Psychologen Nils Birbaumer mit den Worten: "Ich bin sicher, dass ein erheblicher Teil der Topmanager erfolgreiche Psychopathen sind, aber ich kann es nicht beweisen". 

Was kostet uns (politische) Kontrollwut und Selbstüberschätzung?

Was es bedeutet, wenn sich zu sehr auf die eigene Unfehlbarkeit verlassen wird, zeigt ein Zitat von  Winfried Felser von der Competence Site in einem aktuellen Beitrag von +Gunnar Sohn: "Wir denken alle noch materiell und in alten Produktkategorien, sogar Mister Zetsche, wenn er sein altes Auto nicht durch Apple bedroht sieht". In der Wirtschaft ist also beispielsweise Selbstüberschätzung als Problem - gerade in Zeiten der disruptiv wirkenden Digitalisierung - durchaus schon thematisiert worden.

Was wäre, wenn man diese kritische Sicht auf manche (!) wirtschaftliche Top-Entscheider auf politische Entscheider und Entscheidungen (Selbstüberschätzung, Kontrollwahn, fehlende Regeneration) übertragen würde und nach den politischen und volkswirtschaftlichen Kosten offensichtlich falscher Entscheidungen fragen würde? So spricht +Gunnar Sohn ja im betrieblichen Kontext davon, dass "als Ergebnis (interner Kontrollsucht) ein Zahlen-Fantasie-Regime wie bei der Erfüllung der Fünfjahres-Pläne in der Sowjetunion" entstünde. Was anderes ist der Anspruch mancher (!) westlicher Politiker, sämtliche Kommunikation aller Wähler mitlesen können zu dürfen?

Und was bedeutet diese Erkenntnis für das Streben der Menschen, keinen Krieg gegeneinander zu führen sondern die globalen Menschheitsprobleme gemeinsam lösen zu wollen? Sollten wir nicht das Scheitern des nächsten Klimagipfels mal unter gänzlich anderen als den politischen Aspekten betrachten? Zivilgesellschaftliche Initiativen, die das Ziel haben, sich grenzüberschreitend von eigenwilligen politischen Entscheidern loszusagen, gab oder gibt es bereits. Diese machen Hoffnung, dass sie zukünftig vielleicht eine bedeutendere Rolle abseits eingetretener Governance-Pfade spielen könnten. Angesichts von Klimawandel und Bevölkerungswachstum wäre es jedenfalls erfreulich, wenn der Alltag von Millionen Menschen nicht nur am fernen Konferenztisch von politischen Alpha-Menschen entschieden würde.

Disclaimer: Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass nur ein kleiner Teil der wirtschaftlichen und politischen Entscheider von diesen Charaktereigenschaften betroffen sind. Jedoch werden auch von diesem kleinen Teil wichtige Entscheidungen getroffen, die uns alle betreffen. Von daher müssen wir als Regierte auch dieses Problem ansprechen können.





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