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Mittwoch, 3. Februar 2016

Offene Bildungsprozesse (#OEP) als Voraussetzung für Offenheit am Arbeitsplatz unabdingbar

Es wird in diesen Wochen sehr viel über die Zukunft der Arbeit gesprochen. Diese Digitalisierung wirft alte Paradigmen über den Haufen. Arbeitsmarkt werden ohne Rücksicht auf nationale Modelle der Tarifbindung globalisiert, Firmen kommen ihre jahrezahntealten Geschäftsmodelle abhanden und der einzelne Arbeitnehmer sieht sich vollkommen neuen Herausforderungen bezüglich des lebenslangen Lernens gegenüber.

Wie der Dominik Osterholt von Google (Achtung Weltverschwörung!) in der letzten Woche in einem spannenden Vortrag schon sehr anschaulich gezeigt hatte: Anpassungsfähigkeit ersetzt Zertifikate als Ausweis beruflicher Kompetenzentwicklung. An dieser Stelle wäre es nun spannend, wenn die Debatten um offene Bildungsinhalte (#OER) und Bildungsprozesse (#OEP) sowie um die digital bedingte Nachfrage nach mehr Anpassungsoffenheit im Beruf mal zusammengebracht würden.

Kann es überhaupt eine Bereitschaft zur Offenheit und Anpassung beim einzelnen Arbeitnehmer geben, wenn dieser in der Phase der Erstausbildung, beruflichen Bildung oder Fortbildung stets gelernt hat, dass Eigeninitiative nicht Teil des Curriculums ist? Die mangende Bereitschaft zur Kreativität wird doch stattdessen in den Rasterkatalogen der schulischen Bildung und Prüfungen heute schon sehr früh aberzogen. Auch die Verschulung des Studiums und der Zwang zur Effizienz tragen ihren Teil dazu bei, dass am Ende der ersten Bildungsphase der anpassungsbereite und kritiklos Arbeitnehmer steht; "anpassungsbereit" bezieht sich dabei aber allein auf die Fähigkeit, die Regeln des internen Systems, der internen Unternehmenspolitik zu erkennen, um ab dann auf die irgendwo herumstehende Karriereleiter steigen zu können. Am Ende dieses Bildungsprozesses (oder aber später dann mit Mitte 40) steht daher nicht selten die Frage: Wer bin ich eigentlich und für welche Themen stehe ich?

Wenn wir also angesichts der digitalen Zukunft der Arbeit Offenheit und Adaptionsfähigkeiten steigern wollen, müssen wir damit bereits in der Grundschule beginnen. #OEP stellen daher aus meiner Sicht einen spannenden Ansatz dar, um offene Methoden frühzeitig in die Curricula zu implementieren.

Mehr zu dem Thema gibt es in dem von Anja C. Wagner initiierten HangoutOnAir mit Sebastian Horndasch vom Deutschen Stifterverband, Ulf Ehlers von der Dualen Hochschule BaWü und mir.

Freitag, 29. Januar 2016

#Futureofwork: Welchen Wert hat zukünftig Erfahrungswissen?

Die Angst geht um. Seien es Papiermedien, Öffentlich-Rechtliche oder die Retter der abendländischen Kultur wie Professoren, die vor dem erdachten Problem der digitalen Demenz warnen und die ich hier mit Sicherheit nicht verlinken werde; es wird gewarnt vor übermächtigen Robotern, geheimnisumwitterten Algorithmen und vor dem Austausch menschlicher Kreativität durch AI.


Offline Fixierte warnen vor den Mechanismen der AI und des Netzes, ohne selbst in diesem Netz zu agieren oder auch nur zu kommunizieren. Ich stelle mir vor, ich würde als Farbenblinder (der ich bin) anderen Menschen alle Farben erklären wollen. Vielleicht gehört es aber zu den Allmachtsphantasien mancher EntscheiderInnen in Wirtschaft und Politik, Experte/in in wirklich allen Bereichen des Lebens zu sein (besser: sein zu wollen).

Foto: Ole Wintermann
Mich interessiert aber nicht die veröffentlichte Mainstream-Einstellung einer extrem alten und schrumpfenden Gesellschaft über eine Innovation, bei der sie im weltweiten Maßstab in Zukunft vielleicht gar keine Rolle mehr spielen wird, da sie in Agonie versinkt, sondern der Blick nach vorn; wie können wir in Zukunft all diese daten- und technikbasierten Tools und Prozesse dahingehend nutzen, um die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen.

Von daher war es außerordentlich spannend, dem Vortrag von Dominik Osterholt von der Google Digital Academy während des gestrigen Google-Workshops über die Zukunft der Arbeit zu hören (Dank an @wolfibey an dieser Stelle für seine Sammlung der Beispiele für den digitalen Rückstand des analogen Deutschlands).

Im Kern ging es um das Thema Adaptionsfähigkeit. Anhand der Darstellung der stetig kürzer werdenden Adaptionsraten neuer Konsumententechnologien verwies er auf die sich immer schneller ändernden Anforderungen an berufliche Bildung und auch schulische Bildung. Wissen veralte immer schneller (das an sich nichts Neues) und führe (das wird immer offensichtlicher und ist neu) zur digitalen Spaltung der Gesellschaft zwischen den Adaptionsfähigen und den bewusst offline bleibenden Menschen und Arbeitnehmern. Wichtig sei nicht die (technologische) Erfahrung aus der Vergangenheit sondern die eigene Offenheit und Adaptionsfähigkeit gegenüber neuen technischen und sich daraus ergebenden beruflichen Anforderungen. Das Problem, Osterholt, bestehe aus Sicht der Academy zur Zeit darin, dass die am einfachsten zu vermittelnden kognitiven Fähigkeiten diejenigen seien, die am ehesten durch IT zu ersetzen sind. Bestehende Berufsbilder könnten gar nicht so schnell offiziell verabschiedet werden wie sie neu entstünden.

Die meisten Arbeitsschritte bspw. bei der Durchführung einer Marketing-Kampagne seien inzwischen vollständig automatisierbar. Die Strategiefindung einer solchen Kampagne sei aber nach wie vor Kernkompetenz des Menschen im Vergleich zur Maschine. Um auf diesem Feld aber als Menschen gegenüber der Maschine zukünftig wettbewerbsfähig zu sein, müsse sich Ausbildung, schulische Bildung und Weiterbildung stärker auf die Kompetenzen des Lebens von Kreativität, der Fähigkeit zur Kollaboration und empathischen Kommunikation, des kritischen Denkens und der Bereitschaft zu einer beständigen Lernfähigkeit konzentrieren.

Wir können diese Empfehlungen entweder als Teil einer weltweiten Verschwörung der Konzerne aus dem Silicon Valley betrachten oder sie als gut gemeinten Weckruf aus dem analogen Tiefschlaf dieses Landes betrachten. Ich tendiere - und das ist kein Geheimnis - eindeutig zum Letzteren. 


Sonntag, 17. Januar 2016

Studie der Foresight Alliance stellt fest: Das bedingungslose Grundeinkommen kann eine Antwort auf die Zukunft der Arbeit sein

Nach wie vor gibt es widerstreitende Thesen über die Auswirkungen der Digitalisierung von Arbeitsabläufen, der Bildung und der Industrie auf die Zahl und Zusammensetzung der zukünftigen Arbeitsplätze. Mal sind es gering-, mal mittel- und mal hochqualifizierte Arbeitskräfte, die in Zukunft  um ihren Arbeitsplatzes fürchten müssen, den eventuell ein Roboter oder ein Algorithmus sehr viel besser ausführen könnte.

Hier geht es zur Studie


Aktuell ist eine neue Studie der in Washington DC beheimateten Foresight Alliance mit Unterstützung der Rockefeller Foundation (Danke an Claudia Juech für den Hinweis!) veröffentlicht worden, die speziell die bisher schon benachteiligten Gruppen des Arbeitsmarktes als Verlierer der Digitalisierung der Arbeit identifiziert.

Die Studie kommt im Kern zu folgenden Ergebnissen:
  • es wird einen Fachkräftemangel im hochqualifizierten und einen deutlichen Arbeitskräfteüberschuss im geringqualifizierten Arbeitsmarktsegment geben,
  • die Veränderungen des Arbeitsmarktes werden die schon heute benachteiligten Gruppen treffen,
  • große Teile des Segments der Mittelqualifierten werden unter Druck geraten,
  • sowohl für die Arbeitnehmer, deren Qualifikationen weniger nachgefragt werden, als auch die zunehmend in unverbindlichen Arbeitsbeziehungen Arbeitenden gilt die "Friss-oder-stirb"-Maxime,
  • die Flexibilisierung der Arbeitsbeziehungen wird v.a. den Arbeitgebern nutzen, da diese ihre Kosten senken können,
  • die digitale Diskriminierung durch Arbeitsplatzanalytiken wird zunehmen,
  • die Veränderungen werden begleitet von einer neuen Machtbalance zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, neuen Anforderungen an berufliche Weiterbildung, sinkenden Standards des Arbeitsschutzes und der Suche nach neuen Entlohnungssystemen,
  • Weiterbildung wird zur Privatangelegenheit und
  • Arbeitnehmer/Freelancer müssen neue Wege der kollektiven Wahrnehmung ihrer Interessen gehen.
Es gibt allerdings auch im geringqualifizierten Arbeitsmarktsegment und für Arbeitnehmer aller Qualifikationslevel in den sich entwickelnden Ländern neue Perspektiven, die erst durch die Digitalisierung der Arbeit realisiert werden können:
  • Da formale Qualifikationen an Bedeutung verlieren, können Arbeitnehmer besser an Tätigkeiten jenseits ihrer ursprünglichen formalen Ausbildung gelangen 
  • Gleiches gilt für Arbeitnehmer in den sich entwickelnden Ländern im Zuge der Globalisierung der Arbeitsmärkte
  • Softwarebasierte Auswahlmechanismen und Web-Crawling von beruflichen Tätigkeiten verringern die Diskriminierung von Arbeitnehmern in Folge Hautfarbe, Herkunft, Religionszugehörigkeit usw.
Ob die positiven oder negativen Folgen überwiegen, hängt davon ab, welche der beiden denkbaren Szenarien Realität wird; entweder wird die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine die Produktivität steigern, die Kreativität fördern und viele neuen Jobs entstehen lassen ode aber wir erleben den radikalen digitalen Taylorismus.

Als offene Fragen für die Zukunft identifizieren die Autoren die folgenden:
  • Bis auf welches Qualifikationslevel wird die Automatisierung vordringen?
  • Wie werden Menschen auf die Konkurrenz in Form der Maschine reagieren?
  • Wie werden Arbeitnehmer und Freelancer die qualifikatorischen Anforderungen der nächsten Jahre rechtzeitig erkennen?
  • Werden Arbeitnehmer überhaupt eine Chance haben, sich auf neue Anforderungen einzustellen der wird es eher zu einem Wettbewerb zwischen den Generationen kommen?
Für die sich entwickelnden Länder stellen sich diese Frage allerdings etwas anders:
  • Gibt es angesichts der Technisierung der Landwirtschaft zukünftig noch ausreichend Arbeitsplätze in den ländlichen Regionen?
  • Wie kann der qualifikatorische Übergang der ländlichen geringqualifizierten Bevölkerung in die höher qualifizierten Tätigkeiten der wachsenden Städte gestaltet werden?
  • Mit welcher Intensität wird der globalisierte Konkurrenzdruck im Segment der geringqualifizierten Arbeitnehmer in der Massenproduktion erfolgen?
Als Lösung für die Transformationen sowohl in den entwickelten als auch den sich entwickelnden Ländern schlagen die Autoren eine "inklusive Wirtschaftsweise" vor, in der Einkommen und Status entkoppelt werden, ein Basiseinkommen für Alle eingeführt wird (aka BGE) und die staatliche Finanzierungsbasis nicht mehr durch Einkommenssteuern sondern durch Konsum- und Produktionssteuern gestellt wird.

Für die Zeit des Übergangs identifizieren die Autoren einige gesellschaftliche Umbrüche, die die bestehenden Alt-Institutionen (Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände etc.) vor (nicht zu bewältigende) Herausforderungen stellen wird:
  • Die Institution Schule und öffentlich finanzierte Fortbildung verlieren an Bedeutung, da sie nicht schnell genug auf die Taylorisierung der informellen Fortbildung an den konkreten Bedürfnissen entlang reagieren können.
  • Zeit- und kontextbezogene Netzwerke der Interessenwahrnehmung der Arbeitenden ersetzen die hierarchischen alten Verbände.
  • Große Institutionen als Interessenaggregatoren verlieren allgemein an Bedeutung.
Das Spannenden an dem vorliegenden Report ist damit die Einordnung der digital bedingten Entwicklung neuer Arbeitsformen und neuer Arbeitsverhältnisse in einen gesellschaftlichen Gesamtkontext. Wieder wird das Bild, das wir alle von der Zukunft der Arbeit zeichnen wollen, ein Stück sichtbarer.

Montag, 11. Januar 2016

Gerechtfertigte Kritik an Digitalisierung und Quantified Self oder eher Ausdruck einer journalistischen Krise?

Der Meatspace hat inzwischen gleich an mehreren "Fronten" gegen die disruptiv wirkende Digitalisierung vorzugehen. So wurde in den letzten Wochen und Monaten verstärkt die Vermessung der Gesundheit kritisch beleuchtet - mit den uns schon bekannten Plattitüden von den Daten, die wir auf gar keinen Fall und an keiner Stelle für die gesundheitliche Vorsorge einzusetzen scheinen zu sollen. Zuletzt wurde Anke Engelke Sendezeit eingeräumt, um die angebliche Fragwürdigkeit der medizinisch nutzbaren Wearables "untersuchen" zu lassen.

Das Jahr 2015 war zuvor geprägt durch den angeblich (allein) durch die Digitalisierung verstärkten Druck auf die Arbeitnehmer (nicht, dass die Arbeitgeber dieser Republik eine "kleine" Mitschuld an diesem Druck hätten...). Arbeitgeber und Arbeitnehmer, beide nicht in der Breite bekannt für digitales Vorausdenken, haben sich in Stellung gebracht (mehr vs. weniger Regulierung), um mit altbekannten Vokabeln und Verständnissen für analoge Abläufe politische Statements zu platzieren, die am Ende aber wenig für das Zusammendenken von überholter Arbeitskultur und Digitalisierung der Arbeitsumgebungen gebracht haben. Wie es denn aussehen könnte, wenn man versucht, Digitales und die Zukunft der Arbeit zusammen denken, haben wir ja in der Proklamation zur Zukunft der Arbeit ausführlich beschrieben.

Nun hat also die Wirtschaftswoche Ende des Jahres 2015 (mir ist der Beitrag erst jetzt aufgefallen, da ich normaler Weise nur relevanten Texte im Netz lese) zum Schlag gegen die "Priester des Fortschritts" ausgeholt und im Teaser zu diesem Titel geschrieben: "Der Aberglaube an eine moralisch neutrale Technologie zerstört das Projekt der Aufklärung, indem er vorgibt, es zu verwirklichen". Der Untergang des Abendlandes und damit die Vernichtung der abendländischen Aufklärung steht also mal wieder unmittelbar hervor. Deutscher Kulturpessimismus at its best. Darunter machen wir es nicht mehr.

Ich habe mir die 4 Seiten, die wirken, als wenn ein Philosophie-Studienanfänger (ich habe selbst in den Bereich studiert und kann mir das Urteil erlauben; tatsächlich hat der Autor des Wirtschaftswoche-Artikels Philosophie, Geschichte und Germanistik studiert) mit der Nennung möglichst vieler längst verstorbener Philosophen seiner ersten Professorin imponieren wollte, mal angetan. Es ist ganz nebenbei auch skurril, ein digitales Kernthema (Technik und Mensch) auf Papier gedruckt diskutieren zu wollen. Wenn man sich aber das Profil des Autor anschaut, bekommt man auf der Webseite als letzten Artikel einen Beitrag aus dem Jahre 2011 angezeigt. In sämtlichen dort verlinkten Reportagen, die bis in das Jahr 2007 zurückreichen, ist nicht ein einziger (sic!) Beitrag zu finden, der sich mit der Digitalisierung beschäftigt. Auf Twitter versucht der Autor zur Zeit, sein Profil zu entwickeln; er ist "Chefreporter" so ist diesem Profil zu entnehmen. Aha.

Foto: Ole Wintermann
Im gesamten Text sind ca. 15 Philosophen, aber nur 2 Quellen genannt. Eine Quelle (Cisco) sagt aus, dass die digitale Revolution zuerst die Technologiebranche betreffen (linke Marginalspalte, S. 26). Nein, wirklich? Die zweite Quelle heißt allen ernstes "Unternehmen" (!) und beschreibt vollkommen zusammenhangslos die Umsätze von Apple, Google und Facebook. Dass Daten-Journalismus für viele Journalisten eine echte Herausforderung darstellt, ist ja schon länger bekannt. Oder, wie es mal ein exzellenter Datenvisualisierter bei der Social Media Week in HH ausgedrückt hat: "Es sitzen zu viele GermanistInnen in den Redaktionen."

Zu keinem wörtlichen Zitat der kritisierten oder gehypten Philosophen gibt es eine Quellenangabe. Es werden keinerlei Links genannt. So sieht es aus, wenn heutzutage an den eigenen Netzwerken vorbei diskutiert wird. Gehört es nicht zum 1x1 schon des wissenschaftlichen Arbeitens im Studium, dass man sich auf konkrete bestehende Diskussionen bezieht. Wo ist hier ein Bezug zu finden?

Stattdessen ist ein Sammelsurium an Begifflichkeiten zu finden, die man eher in anderen Schriften erwartet hätte und zuletzt bei einem anderen digitalen "Experten" vorgefunden hatte ("Digitale Maoisten"):

  • "Hohepriester des technophilen Fortschrittsglaubens"
  • "der Narziss des 21. Jahrhunderts"
  • "Himmelreich"
  • "Schöpfergötter"
  • "die Valley-Apostel erfüllt die Kraft des digitalisierten Geistes"
  • "religiöser Glutkern"
Ich frage, warum der Autor sich an Marx, Hegel, Schulter und Nietzsche orientiert, wenn er das Digitale verstehen will. Oder will er es gar nicht verstehen, sondern ist dies mehr als Abwehrhaltung gegenüber dem Neuen zu sehen?

Gibt es auch inhaltlich interessante Aussagen? Ja, ich habe drei kurze Erwähnungen finden können. Man kann dem Autor bezüglich dieser vielleicht insgesamt 5 inhaltlichen Sätze nur entgegen halten:
  • die Filter-Bubble ist mitnichten eine Erfindung des Digitalen,
  • die Lektüre der Aktivitäten der Open Government Bewegung zur Verhinderung von Machtkonzentration kann hilfreich sein, um zu verstehen, wie Digitalisierung Machtmissbrauch verhindern kann
  • und die Ignoranz gegenüber den lebensrettenden Möglichkeiten einer datenbasierten Medizin kann sich nur ein Gesunder erlauben.
Zum letzten Punkt habe ich erst vor kurzem auf dem medizinischen Blog von Jochen Deppe lesen können:

"Ethische Bedenken oder den Gefahrennarrativ als Vorwand und Ausrede zu benutzen, um sich den Möglichkeiten zu verweigern, die Healthapps bieten, entspricht nicht den Prinzipien verantwortungsvoller Ausübung des Arztberufs."

Auch Anke Engelke könnte mit Blick auf den obigen Beitrag entgegen halten: Chronisch Kranken die Möglichkeit zu nehmen, sich selbst digital zu überwachen, wäre unethisch. Die Möglichkeit zum eigenen Screening wird aber durch pauschalierte und pauschalierende Datenschutzdebatten genommen oder zumindest in Frage gestellt. Diese Möglichkeit wird mit den genannten Beiträgen sicher nicht in direkter Weise genommen. Es wird jedoch einer Stimmung Vorschub geleistet, die es immer schwerer macht, eine differenzierte Datendebatte zu führen. Und das könnte man ganz sicher verhindern, wenn man sich vorab etwas stärker in das Thema einarbeiten würde. #CheckmaldeinePrivilegien

Die Mehrheit der Bevölkerung in diesem Lande kann sich dem gegenüber inzwischen sogar sehr gut vorstellen, Implantate zur Steigerung der geistigen Fähigkeiten zu nutzen, so der Zukunftsmonitor des BMBF; es scheint so, als wenn die Bevölkerung bei der Digitalisierung den ehemaligen medialen Eliten inzwischen enteilt.

Da scheint es mehr als anachronistisch, wenn endlich auch die ehemalige Elite der VWLer zu dem Schluss kommt, dass die ökonomischen Modelle der Digitalisierung angepasst werden sollten. Wahrscheinlich erkennen sie demnächst auch, dass "Sharing" bisher ökonomisch nicht bewertet werden kann. Der eine "Experte" aus dem Meatspace benötigt dafür halt eine Weltreise (oder zumindest eine Reise ins Silicon Valley), der Nutzer von Netflix, Amazon und Smartphones dürfte diesen sogenannten Experten auch hierbei am Ende weit voraus sein.

Und lieber digitaler "Experte" der WiWo: Quellen angeben war schon in analogen Zeiten en vogue. Ich habe in diesem Beitrag 14 externe Quellen verlinkt, die man selbst nachlesen kann.


Mittwoch, 6. Januar 2016

Spannende Publikation der GIZ zum Internet of Things (#IoT)

Oasen in der digitalen Wüste Deutschland

Dass Deutschland ein digitales Entwicklungsland ist, das es nicht schafft, eine moderne und für einen solchen Wirtschaftsstandort adäquate Breitbandversorgung aufzubauen, flächendeckend WLAN anzubieten und zur Zeit die Umwälzungen in der Auto-Industrie verschläft (wie anachronistisch das Wort "Diesel" inzwischen klingt, wenn man sich entsprechenden Berichte und Videos zu Tesla und Faraday Future anschaut) gehört inzwischen zur netzpolitischen Binsenweisheit.

Die Medien begleiten den rückwärtsgewandten und kulturpessimistischen Blick mit entsprechenden Begrifflichkeiten wie der "Weltregierung" Google und der "Datenkrake" Facebook, während sie anscheinend gleichzeitig nicht die Tragweite der digital bedingten Umwälzungen begreifen. Dass der damit einhergehende pauschalierende Alarmismus über den Verlust der angeblich ehemals existierenden "Datensouveränität" mehr Schaden als Nutzen anzurichten droht, hatte ich schon bei den Netzpiloten geschrieben.

Schaut man in die digitale Wüste Deutschland, so muss man daher jede Technik-Oase zu schätzen wissen, die sich ab und an offenbart und Grund zu einer gewissen Resthoffnung gibt. Solch eine Oase - wenn auch sehr klein - habe ich überraschender Weise in einer gedruckten Broschüre der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) entdeckt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Broschüre mit Unterstützung des großartigen betterplace.lab zustandekommen ist.




Spannende GIZ-Aussagen zum IoT im Gesundheitssystem

Die GIZ hat sich darin mit dem "Internet of Things" (IoT) beschäftigt. Und man fragt sich unweigerlich: Wie kommt eine dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung untergeordnete GmbH zu einem solch spannenden Themenkontext? Wirft man einen Blick in die Broschüre, so reibt man sich schnell verwundert die Augen und stellt erneut die Frage, ob mit den dortigen Aussagen denn nicht gegen irgendwelche Richtlinien oder politischen Leitlinien (Achtung Datenkraken!) verstoßen worden ist.

Die Broschüre schreibt dem IoT drei wichtigen Funktionen in der Entwicklung nachholender Volkswirtschaften zu: IoT kann Defizite der öffentlichen Infrastruktur ausgleichen helfen, es kann Märkte und Dienstleistungen Zielgruppen näherbringen, die bisher zu weit von zentralen Orten in diesen Ländern entfernt gewohnt haben und es kann natürlich auch die wirtschaftliche Produktivität erhöhen.

Die mit den wachsenden Mega-Cities bedingten ökologisch fatalen Begleiterscheinungen könnten durch besseres Ressourcenmanagement reduziert werden. Sensoren könnten - in Menschen implantiert (die Diskussion um die elektronischen Gesundheitskarte nimmt sich dagegen als reine Provinzposse aus) mit Hilfe entsprechender Algorithmen den Gesundheitszustand von Menschen in den sich entwickelnden Ländern, die besonders unter chronischen Krankheiten (HIV, Tuberkulose, Diabetes) leiden, überwachen.

So heißt es in der Broschüre:

"This richer source of data also puts doctors in a far better position to detect emerging problems to allow swifter intervention before the patient´s condition deteriorates, possible avoiding costly hospitalization. IoT enables patients to take an active roll in managing their own health."

Liest man diese Sätze, so möchte man lautstark zustimmen und fragt sich gleichzeitig, welcher Mechanismus politischer Korrektheit diese Aussagen in einer Debatte über die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems bisher verhindert hat?

Wichtige Rolle des IoT bei der Bewältigung der Folgen des Klimawandels

Sensoren können, so die Autoren, helfen, die Kühlketten bei der Bereitstellung von Impfstoffen abzusichern. In der Landwirtschaft können GPS-gestützte Einsätze von Erntefahrzeugen, die Nutzung regionaler Wettervorhersagen oder ertragsgestützte Einsätze von Düngemitteln zu einer Steigerung des Ernteertrags auch kleinerer landwirtschaftliche Betriebe führen. Hier stellen die Autoren sogar einen Zusammenhang zum Klimawandel her und zeigen damit eine Perspektive, wie ich sie in der deutschen politischen Debatte um das IoT bisher nicht vernommen habe (mein Fehler?). Schließlich nennen die Verfasser der Studie Beispiele aus dem Katastrophenmanagement, wie die Nutzung der Sensoren für eine Mikro-Message-Kommunikation, die ausgefallene Mobilfunksysteme ersetzen könnten.

Asien sieht die GIZ dabei in der Entwicklung der IoT klar vor Europa, da die dortigen Regierungen sowie die Programmierer das Potenzial von IoT schon sehr viel deutlicher erkannt hätten.

Die Autoren der Studien empfehlen am Ende die Unterstützung lokaler Innovationscluster, um eine Entwicklung nahe an den Bedürfnissen der Zielgruppe zu gewährleisten. Des weiteren solle man auf PPP zurückgreifen (!) und nur offene Standards nutzen, um die Abhängigkeit von teuren Diensten großer Konzerne zu minimieren.

Nach der Lektüre habe ich mir gedacht: Es gibt Hoffnung!

Montag, 14. Dezember 2015

Was eine Isomatte mit der Digitalisierung zu tun hat

Einkaufs"erlebnis" Isomatte

Trotz aller digitalen Aktivität und Präsenz wird man manchmal dann doch auf die Offline-Realitäten schmerzlich aufmerksam gemacht, fasst sich an den Kopf, kann die Logik nicht verstehen, sieht am Ende aber das immense Potenzial dafür, dass wir unser tägliches Leben noch sehr viel digitaler gestalten als wir dies zur Zeit machen.

Am Samstag bestand meine mir selbst auferlegte Aufgabe darin, recht zeitnah eine Isomatte in den Geschäften der deutschen Durchschnittsstadt, in der ich wohne, zu erwerben. Für Amazon o.ä, war es leider zu spät geworden, hätte ich doch die Isomatte schon sehr früher kaufen sollen (müssen).

So machte ich mich mit dem Auto auf den Weg, um entsprechende Geschäfte aufzusuchen. Dabei tauchte das erste Hindernis auf; in welchen Geschäften - außer einem teuren Sportfachgeschäft - kann man Isomatten eigentlich erwerben? Und: Wie findet man das überhaupt heraus? Wie kann man sich über das Sortiment von Offline-Geschäften informieren, ohne diese vorab alle abfahren zu müssen? Wahrscheinlich hätte ich im Netz auf den Gelben Seiten die Telefonnummer herausfinden, anrufen, mich etliche Male weiterleiten und beraten lassen müssen. Da ich dies versäumt hatte (wieder meine Schuld), fuhr ich nun also frohen Mutes einen dieser Mega-Supermärkte an, in denen es einfach alles zu geben scheint und die in Folge der immensen Lagerfläche die Innenstädte verschandeln. Dort gab es dann allerlei Matten; jedoch keine Isomatte. Stattdessen hätte ich hippe Yoga- und Pilates-Matten oder eine in China produzierte nach Kunstoff stinkende Luftmatratze kaufen können. Während man auf Amazon o.ä. deutliche Hinweise auf stinkenden Kunststoff in Produkten erhält, hätte mir die Verkäuferin dieses Manko wohl kaum vorab verraten.

Der Einkaufswagen als Zeichen der analogen Einkaufskultur des Industriezeitalters
Foto: Ole Wintermann
Nachdem ich also gescheitert war, entschloss ich mich, zu einem stadtbekannten Sporthaus zu fahren. Dazu musste ich mich durch den Samstagnachmittagverkehr dieser durchschnittlichen deutschen Stadt quälen, das Auto in das Parkhaus bugsieren und mich auf den Weg in das recht große Sporthaus begeben. Kaum im Sporthaus angekommen, musste ich einer Tätigkeit nachgehen, der ich schon seit einiger Zeit - bis auf die regelmäßigen Esseneinkäufe - nicht mehr nachgegangen war: Ich musste mein Produkt suchen. Kein Hinweis auf den möglichen Aufenthaltsort der Isomatte half mir auf dem Pfad der Suche. Irgendwann tat ich das, was sich die wenigsten Männer trauen; nach dem Weg/Produkt fragen! Daraufhin wurde mir beschieden, dass aufgrund der Wintersaison keine Matten mehr verfügbar seien. < Dramaturgische Pause > Kurz bevor ich gehen wollte, half mir dann der Verkäufer, das Ausstellungsstück zu ergreifen, um nicht wieder erfolglos umkehren zu müssen. Fragen nach stinkendem Kunststoff schienen mir längst Luxusfragen zu sein. Mit der Matte kehrte ich dann nach Hause zurück, nur um bei Amazon o.ä. schnell zu sehen, dass der Preis der offline erworbenen Matte 50% über dem normalen Preis im Netz lag.

Offline-Shopping ist nicht nachhaltig

Dieser Einkauf hat 2 Stunden gedauert, Nerven gekostet, ca. 2,9 kg CO2-Emissionen verursacht (20 km mal eben mit dem Fahrrad zu fahren, ist dann doch sehr ambitioniert; da ich nicht wusste, in welchen Geschäften ich erfolgreich bin, wäre auch ein Bus keine Alternative gewesen; hinzu kommt eine unbekannte Menge an CO2-Emissionen durch die Produktion und Bereitstellung der Isomatte) und mir ein suboptimales und überteuertes Produkt eingebracht.

Lieber stationärer Einzelhandel; mir gehen langsam inzwischen alle Argumente aus, die dafür sprächen, noch bei euch einkaufen zu gehen. Sorry, aber ich kann kein Einkaufserlebnis darin sehen, mich auf die Suche nach einem Produkt in einer Stadt zu machen, Verkehr zu produzieren, CO2 zu emittieren, Lebenszeit zu opfern und dafür ein viel zu teures Konsumprodukt (aka Auto) zu nutzen, das ich selbst unter Stress durch den Verkehr dirigieren muss. Wieso muss ich 1,5 t Stahl und Elektronikschrott in Bewegung setzen, um eine kleine Isomatte zu erwerben?

Spannend wird es nun aber, wenn man die digitale Infrastruktur, Nachhaltigkeit und die Zukunft der Stadt zusammen denkt. Was für den stationären (welch Wort in digitalen Zeiten!) Einzelhandel gilt, gilt in abgewandelter Form natürlich auch für andere Bereiche, die ehemals als Argument dafür dienten, eine Stadt zu gründen und dort zu wohnen. Die sogenannten Agglomerationsvorteile haben zur Stadtentwicklung der Neuzeit geführt.

Nachteile der Stadt könnten bald überwiegen

Die Wikipedia führt dazu (basierend auf den Aussagen der Regionalwirtschaftstheorie) aus:
Vorteile entstehen durch die räumliche Ballung von Sachkapital, Unternehmen, Konsumenten und Arbeitskräften.
Konkret führt diese Ballung zu
  • Niedrigen Transportkosten
  • Einem großen (lokalen) Markt
  • Einem großen Arbeitskräfteangebot und damit der erhöhten Chance, Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften, insbesondere nach Spezialisten, schnell auszugleichen (Matching, geringere Suchkosten).
  • Die Ballung von Wissen und Humankapital führt zu Wissens-Spillover zwischen Unternehmen.

Schaut man sich nun die durch die Digitalisierung verursachten Disruptionen auf dem Markt für Arbeitskräfte, für Produkte, die veränderten Ströme der Informationen und des Wissens sowie die End-Lokalisierung des Angebots von Arbeitskräften und von Produkten an, so kommen immer mehr die Agglomerationsnachteile zum Tragen, die die Wikipedia wie folgt umreißt:

  • Umweltbelastungen
  • hohe Bodenpreise
  • Engpässe bei öffentlichen Gütern (z.B. schlechte/überlastete Infrastruktur)
  • Korruption
  • hoher Wettbewerbsdruck
  • fehlende Reserveflächen

Angesichts der globalen Tendenz der Menschen weiterhin in Städte zu ziehen und damit Umwelt- und Gesundheitsprobleme weiter zu befördern, kann uns an dieser Stelle die Digitalisierung einen teilweisen Ausweg aus diesem Dilemma bieten.

#SmartCountry statt #SmartCity?

Das oben beschriebene Beispiel könnte auf Arzttermine, Schulbesuche, Behördengänge, den gesamten Einzelhandel (auch und gerade Lebensmitteleinkäufe) oder auch das Versenden von Post und Paketen übertragen werden. Jeder Weg, der nicht in die Stadt gefahren werden muss oder müsste, könnte Zeit sparen und die Umwelt schonen. Wieso gibt es in Schweden bereits therapeutische Behandlung via Internet während hierzulande kein Arzt auf die Idee zu kommen scheint, Online- oder Skype-Sprechstunden einzurichten und damit zeitlichen und finanziellen Aufwand der Patienten einzuschränken hilft? Wieso wird in Schulen Präsenz mit Aufmerksamkeit im Unterricht gleichgesetzt, während in der Debatte um neue Arbeitskulturen längst ein Abschied vom Präsenzfetischismus gefeiert wird? Wieso erfolgt jeden Freitag das gesellschaftlich anscheinend akzeptierte Ritual des gemeinschaftlichen Einkaufens von Lebensmitteln für die nächste Woche obgleich längst ein Lieferdienst standardisierter Produkte möglich wäre (und teils auch ist)? Wieso gibt es überhaupt noch Papierpost? (aber das ist eine gänzlich andere Frage...).

Vom realen zum virtuellen Nachbarn?

All diese Aktivitäten im Lebensmittelpunkt "Stadt" sind Folge des analogen Industriezeitalters und der Massenproduktion. Damit sind aber auch die sozialen Beziehungen innerhalb der städtischen Bevölkerung Folge des Industriezeitalters, wie dies die Wikipedia ja auch in ihrem Beitrag über die industriell bedingten Vorteile des Zusammenlebens in der Stadt beschreibt.

Nun kann aber auch von einer Änderung des Charakters dieser sozialen Beziehungen beim Übergang in das digitale Zeitalter ausgegangen werden. Denn dann ist nicht mehr die Örtlichkeit Basis der sozialen Beziehungen. Welches ist dann aber die soziale Gruppe, die v.a. mein eigenes Leben und mein Wertesystem bestimmt? Die Gruppe vor Ort oder die Gruppe im Netz, mit der ich am Ende mehr Gemeinsamkeiten teile als mit ihrem analogen Pendant? Wieso sollten Menschen in einer die Umwelt und die eigene Gesundheit belastenden Stadt wohnen, wenn im SmartCountry nahezu dieselben Dienstleistungen und Produkte verfügbar wären? Vielleicht liegt es am teilweise schlechten Image, das dieses Landleben in Deutschland hat? Aber daran - und der digitalen Infrastruktur auf dem Lande - können wir ja noch arbeiten.
Dank an Klaus Burmeister für diesen Tweet, der mich zum Post inspiriert hat.

Montag, 30. November 2015

Welche Werte treiben ManagerInnen an?

Wenn ManagerInnenentscheidungen Todesfälle zur Folge haben

Wie muss es sich anfühlen, wenn man in einem Konzern wie British American Tobacco, VW oder Exxon arbeitet, auf der oberen Management-Ebene Entscheider (mein Backförmchen ist das Größte) spielen darf und man in dieser Rolle Entscheidungen trifft, die für einzelne Menschen entweder auf indirektem Wege tödlich sind ("VW emissions cheat estimated to cause 59 premature US deaths") oder aber für die Menschheit als Ganzes den Kampf gegen den Klimawandel um Jahre hinauszögern ("Exxon Learned in 1982 That Climate Change Would Lead to Environmental Catastrophe")?

Welches innere Wertesystem haben diese Menschen, die mit ihren Entscheidungen mit unserer aller Umwelt und unserer Gesundheit spielen, dass sie abends in ihr gemachtes Heim zu Mutter und Kindern zurückkommen können, ohne an ihren Gewissensbissen zugrunde zu gehen?

Identitäten, Selbstwahrnehmung, Selbst-Bewusstsein, die Konsistenz zwischen Denken und Handeln, Authentizität, und Unternehmensdemokratie sind aber nicht nur Themen für die oberste Backförmchen-Ebene sondern betrifft natürlich auch - jedoch natürlich in anderer Weise - zunehmend angestellte Beschäftigte

Das gerade erst vor einem Jahr von @ibo gegründete StartUp Social Trademarks in Köln
hatte am 27.11. zu einem intensiven Austausch zu genau diesen Themen geladen. Viele kreative Vorträge des Tages verband die gemeinsame Sicht auf das Konzept von Arbeiten 4.0 aka #ZukunftderArbeit aka #FutureWork. 

Foto: Ole Wintermann

Denken, Werte, Handeln, Kommunikation müssen zueinander passen

Christoph Wallrafen stellte die Wichtigkeit der eigenen Identität - sowohl eines gesamten Unternehmens wie auch einzelner Arbeitnehmer - in Bezug auf konsistente Kommunikation und Engagement dar. Barbara Strohschein stellte das innere Wertesystem, das zugleich als Kompass wie auch als Anker des eigenen Agierens - gerade auch im Netz - fungiere, in den Mittelpunkt ihres Vortrags. Adele Landauer verwies auf die optische Wirkung des eigenen Auftretens in Situationen, in denen es darum gehe, eigene Positionen zu vertreten. Emitis Pohl nannte uns anhand ihrer eigenen bewegten Biographie Beispiele für die Wichtigkeit von Glaubwürdigkeit, Authentizität und den persönlichen Antrieb in der beruflichen Tätigkeit. Achim Trude schließlich verwies auf die Wichtigkeit demokratischer und teamorientierter agiler Vorgehensweisen in Projektkontexten und reduzierte Vorstände auf die Rolle von Ausführungsgehilfen der Belegschaft - wenn es denn ein Unternehmen ernst meine mit der Wertschätzung der Auffassung und der Kompetenz der eigenen Belegschaft.

Das hört sich das alles banal und nach Marketing-Sprech an? Ist es aber mitnichten. Im Grunde genommen wurden mit der Gesamtheit dieser Vorträge - idealtypisch - der Mensch als selbstdenkendes und verantwortungsvoll handelndes Wesen - ganz entsprechend des (digitalen) Menschenbildes bei der #ZukunftderArbeit - in den Fokus der Entwicklung von Unternehmen in einem zunehmend disruptiven Kontext gestellt. Unternehmen werden damit vom Kopf auf die Füße gestellt; der mündige Bürger wird zum mündigen Arbeitnehmer. Unternehmen müssen sich darüber klar werden, ob sie den Angestellten gegenüber als einzigen Zweck des Unternehmens die Erzielung von Profit kommunizieren wollen - oder ob es vielleicht nicht doch immer mehr um die Sinnhaftigkeit unternehmerischen Handelns geht. "Mach Geld - mach mehr Geld" als inoffizieller Claim großer internationaler Unternehmen ist bereits von einer "Institution" besetzt. Konzerne wären gut beraten, sich von dieser Institution glaubwürdig abzusetzen. Ob dies geschieht, kann nur in Flurgesprächen zwischen den Mitarbeitern herausgefunden werden. Daran lässt sich bemessen, ob auch Konzerne authentisch sind.

Die weit verbreitete Best Practice Logik verhindert Innovationen

Die Einfachheit und Schlichtheit der Aussagen der Vortragenden darf nicht über die Schwierigkeit der Umsetzung und der Komplexität der ganzheitlichen Umsetzung hinwegtäuschen. Nehmen es Unternehmen in einer digitalisierten Arbeitswelt ernst, so gehen damit veränderte HR-Politiken, angepasste IT-Politiken, modifizierte Entscheidungsprozesse, weiterentwickelte Rollenbilder, der Verlust von formalen Verantwortlichkeiten, der Gewinn an Kompetenz und Engagement in der eigenen Belegschaft und die Ablösung der Hierarchie durch das Kompetenznetzwerk einher. Wie Achim Trude es auf den Punkt brachte: Unternehmen, die innovativ sein wollen, begreifen den Entwicklungsprozess als Ziel und orientieren sich gerade nicht an ausgelutschten Best Practice Beispielen.

Sind Logistikunternehmen am Ende digital disruptiver als VW & Co.?

Immer wieder wurden die Referenten gefragt, wie man denn im Digitalen nicht aktive Entscheidungsträger von der Wichtigkeit all dieser strategischen Überlegungen überzeugen könne. Kostenintensive Werbevideos, die nicht bei YT hochgeladen werden sollen, teure Frontends, bei denen aber die Anpassung des internen WorkFlows außer acht gelassen wurde, stehen dabei Positivbeispielen aus der Logistikbranche entgegen, die es geschafft zu haben scheinen, trotz ausschließlicher B2B-Beziehungen über Blogs neue Formen der externen Kommunikation zu entwickeln. Letztere Unternehmen werden die digitale Disruption am ehesten überleben; dass dies nur mit einem neuen Verhältnis zur eigenen Belegschaft gelingen kann, ist für diese Unternehmenslenker selbstredend.

Hätte es solche den Interessen der Menschen widersprechende Entscheidungen wie die der VW-Managerr jemals gegeben, wenn Algorithmen diese überprüft hätten, wenn all die vielen Beschäftigten im Zuge von Unternehmensdemokratie ein Wörtchen mitzureden gehabt hätten, wenn sich die verantwortlichen Manager gefragt hätten, für welche menschlichen Werte sie eigentlich stehen und wie sie diese ihren Kindern mitgeben wollen?

Dienstag, 24. November 2015

Die #ZukunftderArbeit kommt – und das ist auch gut so

Die #ZukunftderArbeit (aka Arbeit/en 4.0) kommt, unaufhaltsam - egal was wir von ihr halten. Sie ist Revolution und Evolution. Sie nimmt keine Rücksicht und kann uns zugleich neue Perspektiven eröffnen, zumindest wenn wir aufhören, nur über sie zu sprechen und beginnen sie aktiv zu gestalten. Unsicher ist: Wie die #ZukunftderArbeit tatsächlich aussieht. Sicher ist: Anders als bisher!

Wir haben es in der Hand die #ZukunftderArbeit mit einem klaren Fokus auf die menschliche Bedürfnisse zu gestalten, wenn wir unsere Haltung und Lebensart aktiv in diese Entwicklung einbringen. Lassen wir die Chancen ungenutzt verstreichen, steigt das Risiko, dass mit Arbeit 4.0 der Mensch gegenüber den reinen Marktkräften und den Algorithmen weiter verliert. In den letzten Monaten haben sich 18 Autoren im Nachgang des BarCamps Arbeiten 4.0 Gedanken darüber gemacht, wie die Arbeit der Zukunft aussehen könnte, unter welchen globalen Rahmenbedingungen wir arbeiten werden und welche ethischen Fragen mit dem Wandel der Arbeitswelt verbunden sind.


 
 
Konservativer Korporatismus verhindert das digitale Deutschland

Um aber die #ZukunftderArbeit im Sinne der einzelnen Menschen gestalten zu können, ist es an der Zeit zu realisieren, dass die technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen unseres globalen Arbeitsumfeldes auch in Deutschland ein Überdenken tradierter Denk- und Sichtweisen in allen Bereichen der Arbeitsmärkte bedingen. Wir sollten uns von den althergebrachten Sichtweisen der Lobbyverbände an den beiden Polen des Arbeitsmarktes verabschieden. In Deutschland misstrauen viele der disruptiven Kreativität. Ihre Möglichkeiten sind weithin unbekannt. So entsteht Angst vor Verlusten und Neuordnungen, die alte Strukturen aus den Angeln zu heben vermag. Als Reaktion darauf bleibt die Mehrheit der Firmen einem konservativen Korporatismus des rheinischen Marktwirtschafmodells treu.

New Digital Deal

Die Digitalisierung lässt zunehmend neue Formen entstehen über die wir unsere Wahrnehmungen und Befindlichkeiten ausdrücken. So bekommt die Zivilgesellschaft eine veränderte Stimme und ein neues Gesicht. Menschliche Digitalisierung der Arbeit verlangt unter anderem Authentizität, Selbstbestimmung sowie Teilhabe. Die #ZukunftderArbeit braucht die Ressource der Intelligenz der Menschen. Dazu gilt es, die gute alte hierarchische Ordnung zu überdenken. Denn wo im Netzwerk gearbeitet wird, stören Freigabeprozesse nur. Zudem wird in Netzwerken eine natürliche Führungsstruktur wirksam, die sich nicht selbstreferentiell verhält und damit weniger verwundbar oder anfällig zeigt. Das hebelt die bisher auf dem Arbeitsmarkt stillschweigend übliche Massenvereinbarung – Gehorsam gegen Entgelt – aus. Die damit sinnvoll verbundene Neuverteilung der Erträge kommt einer Revolution gleich.

Der „Neue Digitale Deal“ ermöglicht den Menschen auch in ihrem Arbeiten endlich die Freiheit, die die Digitalisierung für sie bereit hält und die sie im privaten Umfeld in vielfältiger Weise bereits heute schon intensiv nutz. Er macht das gegen das Interesse der Wahrer und der Bedenkenträger. Um die weitere Öffnung der Schere zwischen "privater- und arbeitsbezogener Freiheit" zu vermeiden, braucht es aus Politik und Wirtschaft eine breit initiierte Agenda “2030”, die den Umgang zwischen uns Menschen, den Organistaions- und Führungsstrukturen in denen wir Arbeiten und der digitalen Technik sinnvoll sowie wertbasiert verrotte.

Digitale Transformation steht nur auf einem kulturellen Fundament stabil

Transformation bedeutet im Zuge dieses Digital Deals, über das Bestehende hinauszukommen, den nächsten logischen Schritt der Freiheit zu gehen, auf eine neue Stufe zu gelangen, den Status Quo hinter sich zu lassen. Mit Reförmchen gibt man die Chancen der Digitalisierung unserer Arbeit von vorne herein verloren. Neues Denken versteht die digitale Technik als Kulturtechnik. Die digitale Transformation beinhaltet immense Auswirkungen wie auch Potenziale – gerade für Deutschland.

Bei den schlagkräftigen, etablierten Akteuren stehen weiterhin wohlfeile Sonntagsreden und Lippenbekenntnisse im Vordergrund vor echtem Innovieren, womit diese die globalen Treiber der Entwicklung negieren und Deutschland in Richtung eines digital-sozialen Entwicklungslandes vor sich hindümpeln lassen. Die #ZukunftderArbeit verlangt von uns – neben den technischen Aspekten der Digitalisierung – vielfältige ethische Herausforderungen zu lösen. Wir fordern von Unternehmen, hier glaubwürdige Antworten anzubieten. Nur so können sie, wenn überhaupt, im globalen War for Talents bestehen.

Vorurteile gegenüber digitalen Möglichkeiten abbauen

Wir brauchen den Mut, evolutionär und transformativ zu denken und Neues zu wagen. Das Bildungssystem ist derzeit Teil des Problems und nicht der Lösung. Hier bedarf es grundlegender Änderungen, damit sie substanzielle Beiträge zur Entfaltung der digitalen Potenziale leisten können und so große Teile der Bevölkerung erst an digitalen Chancen und Mehrwerten teilhaben lassen können. Die jüngeren Generationen wachsen bereits mit dieser neuen Kulturtechnik auf. Gleichzeitig halten sie auch weiterhin in Europa an diesen überholten Modellen fest, weil sie beständig mit den Vorbehalten konfrontiert werden. Jüngere Menschen in anderen Gesellschaften werden innovativer mit den Potenzialen verfahren können.

Soziale Sicherungs- und Steuersysteme neu denken

Der veränderte Umgang mit sozialen Systemen und die Entstehung neuer Steuerlogiken folgen zwangsläufig aus dem grundlegenden Wandel des Faktors “Arbeit” in der Wertschöpfung. Etliche Studien zeigen, dass die Digitalisierung jede Einkommenshöhe und jedes Qualifikationsniveau treffen kann. Wird der Algorithmus und der Roboter der verlängerte Arm des Beschäftigten, fallen große Teile des Arbeitsmarktes durch die digitale Disruption weg und verlieren nationale Steuergrenzen in einem komplett globalisierten Wirtschaftssystem ihre Wirkung. Es macht demnach Sinn, über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens und eines supranationalen Steuersystems nachzudenken. Gleichwohl wird auch ein Grundeinkommen nicht die Fliehkräfte einer ungerechten Einkommensverteilung auffangen können. Hier bedarf es fundamental neuer sozialer Gesellschaftsdiskurse.

Gegen German Googlephobia in der Politik

Ein nationalstaatlicher Protektionismus im Politikfeld der Digitalisierung – Stichwort German Googlephobia – ist keine wirksame Handhabe gegen digital induzierte und disruptive Innovationen. Gesetze verhindern keine Ideen, deren Zeit gekommen ist. Die Welt um uns herum bewegt sich bereits in der Transformation der Arbeit. Mit oder ohne uns. Stillhalten heißt, dass Deutschland sich abhängen lässt. Verschlafen wir die #ZukunftderArbeit einfach weiter, übernehmen andere die Verantwortung dafür. Wir verkommen dann zu einer Randerscheinung globalen Fortschritts. Den Weg von einer führenden Wirtschaftsnation zum Dritt-(Arbeits-)Welt-Land verkürzt die global dynamische Komplexitätssteigerung ebenso wie die stattfindende weltweite Digitale Transformation rapide. Oder aber weiter gedacht: Inwiefern ein nationalstaatlicher Wettbewerb heute überhaupt noch zeitgemäß erscheint, sollte in den politischen Kreisen des föderal zersplitterten Landes umfänglich diskutiert werden.

Megatrends verlangen nach einer Politik 2.0 und nach digitalen Bürgern

Wir stehen zum ersten Mal in der Geschichte an der Schwelle, dass künstliche Intelligenz unsere Arbeit in allen Lebensbereichen übernehmen kann. Damit stehen wir mehr als je zuvor am Scheideweg menschlichen Wirtschaftens. Wir können auf 100% Technisierung setzen und uns (soziale abgefedert) aus dem Produktions- und vielen Serviceprozessen zurückziehen oder die Maschinen und Computer weiter nutzen, um in den humanen Nischen noch besser zu werden: Kreativität und zwischenmenschliche Interaktion. Oder wir können weiter den Kopf in den Sand stecken. Dann entscheiden eben andere über unsere Zukunft.

Wir plädieren für einen offenen Umgang mit der digitalisierten Arbeit. Die nächste Generation fragt uns dann mit Recht: Warum ward ihr die erste Generation, die den Schritt in die Zukunft verweigerte – aus reiner Angst vor der Wirksamkeit der Vielen? Die rein menschliche, analoge Arbeitskraft führte uns zur ungehemmten Ausbeutung von uns selbst und unseren natürlichen Ressourcen. Was ist dagegen einzuwenden, wenn uns künftig Algorithmen vor diesen selbstzerstörerischen Handlungen warnen? Wenn wir auf digitalem Weg, mit der Kreativität der Vielen, unabhängig von überkommenen nationalstaatlichen Grenzen und Denkräumen die globalisierten Herausforderungen der Menschheit anpacken?

– "Imagine … It’s easy if you try” by John Lennon –

Wir danken allen Autoren der Proklamation für ihre Beiträge und damit ihren engagierten Einsatz über das ursprüngliche BarCamp-Format hinaus. Wir konnten damit nicht nur über die Prinzipien der Zukunft der Arbeit - Transparenz, Kollaboration, Hierarchiefreiheit Partizipation - sprechen sondern diese während der Erstellung des Papers auch anwenden: Jörn Hendrik Ast, Gebhard Borck, Guido Bosbach, Lars M. Heitmüller, Sabine Jank, Sarah Kebbedies, Anke Knopp, Roland Panter, Nicola Peschke, Medje Prohm, Andre Schleiter, Gunnar Sohn, Sarah Staffen, Anja C. Wagner, Jan Westerbarkey, Birgit Wintermann, Ole Wintermann und Annette Wittke. Darüber hinaus gilt unser Dank auch der Lektorin Esther Debus-Gregor für ihre Unterstützung beim Zustandekommen der Publikation.

Der Beitrag ist zuerst auf dem Arbeiten 4.0-Blog erschienen und stellt eine gemeinsame Autorschaft der hier genannten Autoren dar.

Donnerstag, 12. November 2015

Das eBook zum #Arbeiten40-BarCamp ist fertig!

Seit dem BarCamp am 3. Juni des Jahres ist das Thema Arbeiten 4.0 in der öffentlichen Debatte sowohl in den Print- wie auch Online-Medien nahezu explodiert. In etlichen Publikationen wurde über das Pro und Contra der Zukunft der Arbeit gesprochen: Ist Digitalisierung eher eine Chance oder ein Risiko?

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Sonntag, 8. November 2015

Digitalisierung am Arbeitsplatz: Holt euch die kreativen Querdenker ins Haus!

Die deutsche potemkinsche Unternehmensrealität

Dass es um den Grad der Digitalisierung in deutschen Unternehmen und Amtsstuben sowie mit der digitalen Infrastruktur insgesamt nicht zum Besten bestellt ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Sowohl Meta-Studien als auch Einzelstudien weisen auf den digitalen Notstand hin. Dass die aktuelle Telekom-Studie für deutsche Verhältnisse extrem oft via Twitter geteilt worden ist, spricht Bände. So geht es anscheinend darum, dass zwar einerseits viele Anwender und Experten um den Missstand und die mögliche Auswege aus der Misere wissen, sich aber andererseits gar nicht in etablierten, verkrusteten und hierarchischen Strukturen der überholten Industriegesellschaft wiederfinden oder durchsetzen können.

Holt euch - im eigenen Interesse - die Querdenker ins Haus und lasst sie nicht vor den Türen sitzen.
Foto: Ole Wintermann

Das Ergebnis dieser Verkrustung können wir – zugespitzt – wie folgt umschreiben:
  • Der Grad der Digitalisierung (Nutzung, Infrastruktur, Geschäftsmodell) ist nicht nur nicht hoch; er ist im internationalen Vergleich beängstigend gering.
  • Wenn in Unternehmen Initiativen zu Änderungen ergriffen werden, müssen sie stets von „oben“ kommen, um Aussicht auf Erfolg zu haben. Das Prinzip des „oben“ ergibt aber im digitalen Raum eigentlich keinen Sinn.
  • Es gibt nur eine Minderheit von Arbeitnehmern (deutlich weniger als 50%), die eine Digitalisierung am Arbeitsplatz begrüßt, willkommen heißt oder sogar schon lebt.
  • Dieser sowieso schon beängstigend kleinen Minderheit werden im Unternehmen auch noch Hürden bezüglich der Nutzung von Technik des Vorlebens einer analogen Unternehmenskultur in den Weg gestellt.
Statt eines digitalen Aufbruchs erleben wir einen umfangreichen Aufbau unternehmensinterner potemkinscher IT-Dörfer mit zentralen IT-Richtlinien, zentralisierter IT-Infrastruktur und der Anwendung von Managementsoftware namhafter Hersteller. Was als vermeintliche eierlegende Wollmichsau daherkommt, nutzt dem Nutzer und dem Arbeitnehmer aber in keiner Weise, kreativ und digital seine Tätigkeit zu verrichten.

Potemkinsche Dörfer deshalb, weil die digital affinen Menschen in den Unternehmen längst unter der Überschrift des BYOD eine eigene private Infrastruktur aufbauen, mit der sie dann auch fähig sind, der gestiegenen Geschwindigkeit von Arbeits- und Entscheidungsfindungsprozessen außerhalb der gefühlten Mauern ihrer eigenen Unternehmen gerecht zu werden. Im Fokus der Ursachen für diese Politik der zwei Unternehmensrealitäten steht das immer wiederkehrende Missverständnis, dass Technisierung mit Digitalisierung gleichzusetzen wäre.

Dies ist leider ein tragischer Fehler, da er Kultur- und Haltungsfragen, die Wertschätzung von Menschen, das Teilen von Wissen und die Erfahrung gemeinsamen Arbeitens jenseits institutioneller politischer Logiken vollkommen außer acht lässt.

Szenario 2030: Kampf um Arbeitsgelegenheiten?

Gleicht man diesen deutschen Ist-Zustand mit Eckpunkten globaler Szenarien ab, so muss man sich um den „digitalen Standort“ – welch semantischer Widerspruch – große Sorgen machen:
  • Die Arbeitslosigkeit wird global ab 2030 stark ansteigen, da immer mehr Arbeitskräfte durch Roboter und Algorithmen ersetzt werden.
  • Menschen werden arbeitstechnisch auch auf der Ebene des einzelnen Individuums mit Robotern und Algorithmen verschmelzen und so die Produktivität des Arbeitnehmers erhöhen.
  • Software wird zum Arbeitgeber und entscheidet – wie heute schon bei Uber – über Einsatzmöglichkeiten und Gehaltsoptionen.
  • Die Menschen werden sich zunehmend nach digitalen Kompetenzen unterscheiden. In Folge der alles durchdringenden Digitalisierung bedeutet bewusste und dauerhafte Online-Abstinenz zukünftig, nicht mehr umfassend am sozialen Leben sowie am Arbeitsmarkt teilnehmen zu können.
  • Zusammen mit dem erwarteten Anstieg der durch Roboter verursachten Arbeitslosigkeit und der für ca. 2030 erwarteten technischen Singularität – Maschinen entwickeln sich schneller und komplexer als der Mensch es verstehen oder vorhersehen kann – wird eine Debatte um die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens erneut und dann auch substanziell an Bedeutung gewinnen.

Wie entwickelt man nicht zu ersetzende Kreativität?

Eigentlich wäre es angesichts dieses Szenarios sinnvoll, wenn sich alle am Arbeitsmarkt und am Bildungssystem beteiligten Akteure Gedanken dazu machen würden, wie sie denn mit den Herausforderungen umzugehen gedenken. Für den Einzelnen bedeutet dies, sich Gedanken über die Selbstbeschäftigungsfähigkeit zu machen. In welcher Weise könnte man nicht zu ersetzende Kreativität entwickeln? Es sollte sich weniger auf das Erlangen formaler Zertifikate fokussiert werden und vielmehr gefragt werden, wofür man selbst steht und in welcher Weise die Arbeit im Netz sichtbar werden könnte.

Für die HR-Abteilungen der Unternehmen bringt dies auf der anderen Seite des Arbeitsmarktes einen angepassten Auswahlmechanismus mit sich, der zukünftig ebenfalls zunehmend vom Algorithmus bestimmt werden könnte, wenn nicht sogar sollte. Welche Eigenschaften der Arbeitnehmer werden zukünftig gewünscht? Suche ich als Arbeitgeber weiterhin die formal Zertifizierten, bei denen ich als Arbeitgeber aber nicht weiß, wie authentisch die Arbeitskraft in ihrer Arbeit letztlich sein wird? Gerade Authentizität wird aber immer wichtiger werden.

Wieso weichen Tech-Firmen und Start-ups schon heute substanziell von tradierten Auswahlverfahren ab? Weil sie inzwischen die Erfahrung gemacht haben, dass Laufbahnkarrieristen wenig sinnvoll für diese Unternehmen sind und dass Persönlichkeit eine wichtige Voraussetzung für starkes Engagement ist. Heute können im Gegensatz zu vergangenen Zeiten zudem bereits 20-Jährige große Netzwerke mit in die Arbeit einbringen, während dies ehemals ein herausragendes Merkmal älterer Führungskräfte war.

Empfehlung für die HR-Abteilungen dieser Republik

Wenn ihr, liebe HR-Abteilungen und KMUs, die digitale Herausforderung meistern wollt, holt euch die kreativen Querdenker ins Haus!

Querdenker ist man nicht, weil man sich selbst so nennt und weil es zur Zeit opportun ist, sich so zu nennen oder weil einem eine der üblichen Oxbridge-Unis ein Zertifikat ausgestellt hat. Schaut im Netz nach den bisherigen Projekten der Querdenker. Gebt ihnen intern Rückendeckung durch den Vorstand, die Geschäftsführung oder den Inhaber und versorgt sie mit einem Experimentierbudget sowie einer selbstgewählten IT-Infrastruktur. Lasst sie einfach mal machen. Der positive digitale Virus wird sich dann von ganz allein im Unternehmen breit machen und auch jene anstecken, die sich bisher ihren Teil immer nur gedacht, angesichts der verkrusteten Strukturen aber nicht gewagt haben, das auch auszusprechen.

Dieser Beitrag ist zuerst drüben auf dem Network-Blog von @ibo erschienen.
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